Befreite Zone

Sportplatz Kolumne

Ein zehnter Platz nach drei Spieltagen ist für Energie Cottbus schon ein Erfolg. Nicht abzusteigen ist für den Bundesliga-Aufsteiger sowieso das einzig realistische Saisonziel. Auch die drei ostdeutschen Clubs in der 2. Bundesliga, Hansa Rostock, Carl Zeiss Jena und Erzgebirge Aue, starteten passabel und liegen im blassen Mittelfeld der Tabelle zwischen Platz vier und elf. Was durch diese Zahlen hindurchscheint: Im Fußball steht die deutsche Wiedervereinigung noch aus. Nur vier von 36 Profi-Mannschaften der 1. und 2. Bundesliga kommen aus dem östlichen Teil der Republik.

Die strukturelle Benachteiligung des Ostens zeigte sich auch während der WM, dem Fußballfest für ganz Deutschland, bei dem die Ukraine als einziges der 32 WM-Teams ein Quartier im Osten Deutschlands bezog und sich mit Leipzig nur eine Stadt aus den neuen Bundesländern unter den zwölf Spielorten befand. In den Sonderbeilagen der Zeitungen ergab diese Verteilung vielsagende Grafiken, bei denen im Westen Deutschlands unzählige grelle Punkte leuchteten, von denen sich das Auge im grauen Nichts östlich der Elbe erholen konnte.

Fragt man nach den Gründen für die ostdeutsche Fußballmisere, könnte man von den schwierigen Nachwendejahren erzählen. Von einem schnell bankrotten Bauspekulanten bei Dynamo Dresden zum Beispiel, oder von einer gefälschten Bankbürgschaft bei Union Berlin. Andersherum könnte man aber auch von den Machtstrukturen im deutschen Fußball berichten: Als 1991/92 erstmals wieder eine gesamtdeutsche Meisterschaft ausgespielt wurde, durften nur zwei (!) ostdeutsche Mannschaften unter den 20 Eliteteams des Landes mitspielen. Die Mehrheit der ehemaligen Vereine der DDR-Oberliga wurde in die dritte Liga, die nach Regionen geordnete Regionalliga, eingestuft. Dass diese Mannschaften jemals wieder aufsteigen würden, verhinderte eine Aufstiegsregelung, die westdeutsche Vereine begünstigte. Dies gipfelte in den 90er Jahren in dem grotesken Szenario, dass die Meister der drei westdeutschen Regionalligen direkt in die 2. Bundesliga aufstiegen, der Meister der ostdeutschen Regionalliga dagegen nicht. Regelungen wie diese sind einer der Hauptgründe, warum die 1. und 2. Bundesliga heute eine weitgehend vom Osten befreite Zone ist.

Auf dem Bundestag des Deutschen Fußball Bundes (DFB) am 8. September soll nun über eine der folgenreichsten Neustrukturierungen des deutschen Profifußballs der letzten Jahrzehnte entschieden werden. Geplant ist, die Regionalligen zu einer neuen eingleisigen Profiliga, der 3. Bundesliga, zusammen zu fassen. Was so unspektakulär klingt, ist von existentieller Bedeutung für beinahe alle ostdeutschen Profivereine. Denn Clubs wie Dynamo Dresden, Sachsen Leipzig, der 1. FC Magdeburg oder Union Berlin können unter den bisherigen Bedingungen in den halbprofessionellen Regional- und Oberligen trotz hoher Zuschauerzahlen langfristig nicht profitabel wirtschaften. Letztlich spielen sie dort gegen die Reservemannschaften von Bundesliga-Vereinen wie Bayer Leverkusen oder Werder Bremen, zu deren Heimspielen sich häufig nur 100 Zuschauer verirren. Genau diese Reservemannschaften, in denen mal 17-jährige Schüler, mal eine Garde von Nationalspielern im Aufbautraining auflaufen, sollen aus der neuen 3. Bundesliga ausgeschlossen werden.

Doch viele Bundesligavereine, allen voran Bayern München, der VfB Stuttgart, Werder Bremen und Hertha BSC Berlin, wehren sich gegen diese Pläne. Deren Nachwuchs soll sich gefälligst auch weiterhin in Spielen vor 15.000 Zuschauern gegen Vereine wie Dynamo Dresden an die Profiluft gewöhnen können. Im Gegenzug bietet man an, auf die wenigen Tausend Euro, die den Reservemannschaften an Fernsehgeldern zustehen, verzichten zu wollen. DFB-Chef Zwanziger hat bereits angedeutet, keine Neuregelung gegen die Bundesligisten durchzusetzen. Es spricht also einiges dafür, dass der Osten Deutschlands auch weiterhin eine vom Spitzenfußball befreite Zone bleiben soll.


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00:00 08.09.2006

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