Begegnungen danach

Berliner Abende Es kam mir so vor, als hätte ich eine Ewigkeit keinen Menschen mehr mit einem einfachen, leicht dahingesagten "Hallo, wie geht´s" begrüßt. Ungefähr ...

Es kam mir so vor, als hätte ich eine Ewigkeit keinen Menschen mehr mit einem einfachen, leicht dahingesagten "Hallo, wie geht´s" begrüßt. Ungefähr dreißig Stunden waren seit den Terroranschlägen vergangen, ich hatte mit vielen Menschen geredet, und stets lautete der erste Satz: "Sitzt du auch gerade vor dem Fernseher?" oder es kam ein atemloses, vieldeutiges "und ...?". Keiner von denen, die ich in einem fast unersättlichen Bedürfnis nach Kontakt in den Stunden, die auf das Ereignis folgten, angerufen hatte, war noch nicht informiert über das, was passiert war. Und ich war darüber froh, denn so hatte sich zwischen mir und meinen Gesprächspartnern nie eine Kluft aufgetan von Wissen gegenüber Unwissen, von ungläubigem Erschrecken und Beharren auf dem Unglaublichen. Jedesmal hatte man direkt hineinspringen können in das Fahrwasser der Gemeinsamkeit, in den Trost des kollektiven Erlebnisses und die besondere Situation hatte selbst denen, die sich sonst gern weltfremd gaben, wasserfallartige Ausbrüche über persönliche Eindrücke und Ansichten entlockt. Seltsam intensive Momente des Zusammenseins am Telefon.

Am Mittwoch Abend hatte ich eine Verabredung, die noch aus alten Zeiten stammte. Gemeinsam hatten wir überlegt, ob der Besuch eines der vielen hauptstädtischen Diskussionszirkel noch ein angemessenes Unternehmen für den Tag nach "der Katastrophe" sei. Am Dokumentarfilm Die Meute, der in dieser Woche das Thema der "Filmgespräche" in der Akademie der Künste war, konnten wir nichts Unziemliches finden. Aber zu diesem Schluss waren wohl nicht alle gekommen: Als wir die Tickets kauften, wurde uns mitgeteilt, dass die anschließende Diskussion entfalle. Die eingeladenen Teilnehmer hatten aus ein und demselben Grund mit unterschiedlicher Begründung abgesagt. Ein namhafter Moderator des Privatfernsehens ließ zum Beispiel ausrichten, es käme ihm irgendwie eitel vor, an einem Tag wie diesem über die Probleme des Journalismus, - die der Film behandelt - zu reden. Wir fanden das bemerkenswert, gehört doch viel Eitelkeit dazu, um sich vor ihr zu fürchten. Trotzdem leuchtete uns zunächst ein, dass man heute davor zurückschreckte, sozusagen beim Gespräch über die falschen Dinge erwischt zu werden. Kurz fühlten wir uns selbst ein wenig ertappt und dachten an Brechts Spruch von den finsteren Zeiten, in denen jedes Gespräch über, ich glaube es waren Bäume, fast ein Verbrechen darstellt, weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt. Und wie war das noch gleich: "Der Lachende hat die furchtbare Nachricht nur noch nicht empfangen."

Nach dem Film dachten wir anders. Journalisten reden über ihren Beruf, das hatte an diesem Abend überhaupt nichts Frivoles, sondern im Gegenteil, ob über das Fernsehen, aus dem Radio oder den Zeitungen, alles, was wir wussten über die Geschehnisse, hatten wir durch Journalisten erfahren. Wann wäre ein Gespräch darüber also angebrachter gewesen? Aber niemand war aufs Podium gekommen, und so fanden wir uns in der Weltvermittlung auf uns selbst zurückgeworfen.

Wir kehrten beim Italiener ein und holten das Versäumte nach, erzählten uns gegenseitig, wer was gedacht hatte, als er es erfuhr, eine rituelle Beschwörung des Augenblicks, der so unwiderruflich das Vorher vom Nachher trennte. Die einen hatten mit Blick auf die Vergangenheit gedacht: Wenn das vor zwölf Jahren passiert wäre, der dritte Weltkrieg wäre ausgebrochen, die Missiles nach Moskau unterwegs und wir in Berlin mittendrin. Die anderen, nicht weniger retrospektiv, aber mit dem Kopf in anderen Hemisphären, hatten sich den Moment ins Bewusstsein zurückgerufen, als sie selbst auf dem World Trade Center standen, was unversehens zu einer kostbaren Erinnerung geworden war. Und wieder anderen war wehmütig durch den Kopf gegangen, dass sie es nun nie mehr so weit bringen würden. In allen Fällen waren wir noch einmal davongekommen.

Später sprachen wir von anderen Dingen, doch als seien wir von unsichtbaren Wänden umgeben, sprang der Ball des Gesprächs immer wieder zurück zu dem einen Thema, kaum dass wir uns davon entfernen wollten. Einer von uns war jüngst in einen Streit geraten mit einem Araber. Gedemütigt habe der sich gefühlt, weil einst seien sie so angesehen gewesen, führend in den Wissenschaften und den Künsten, in Astronomie und Lyrik, und wie schlecht behandle man sie jetzt. Was er darauf sagen sollte, hatte ihm unser Freund geantwortet, er sei Grieche. Für eine Bewegung zur Wiederherstellung des Respekts vor alten Kulturvölkern war er nicht zu gewinnen.

Wir blieben lange. Es war, als wollte keiner zurück zu den Fernsehbildern. Und doch werden wir alle noch einmal schnell eingeschaltet haben, bevor dieser Tag 1 der behaupteten neuen Zeitrechnung ganz zu Ende ging.

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00:00 21.09.2001

Ausgabe 42/2021

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