Begegnungen und Kreuzwege

Beziehungsnetzwerk In Kathrin Schmidts neuem Roman "Koenigs Kinder" wandelt sich das Bild der Familie

Für die Geschichte der Gunnar-Lennefsen-Expedition, ihren ersten Roman aus dem Jahre 1998, wurde Kathrin Schmidt viel gelobt. Die Reise, die Therese mit ihrer Urenkelin Josepha Schlupfburg in die Vergangenheit unternimmt, und die sie aus dem "VEB Kalender und Büroartikel" in das alte Ostpreußen führt, offenbarte eine verzweigte Familiengeschichte, die mit so viel Freude am Detail, reichhaltigem Personal und in weitgespannter Zeit erzählt wurde, dass das Genre der Familiengenealogie zugleich rehabilitiert und widerlegt wurde. Es gab zwar den großen Zusammenhang der Generationen, aber die Geschichte war arg unordentlich, die jeweiligen Kinder unehelich und die Generationenfolge demzufolge unübersichtlich, ohne die klaren Zuordnungen, die das Genre in seiner bürgerlichen Fassung auszeichnete.

Der Titel von Kathrin Schmidts neuem Roman Koenigs Kinder weist in eine ähnliche Richtung, aber auf dem Weg dorthin stehen viele Zufälle und sorgsam gehütete Geheimnisse. Bereits zu Anfang wird klar, dass, wie in der Gunnar-Lennefsen-Expedition, die Familie alten Stils in unterschiedlichste Beziehungen aufgelöst wird, und der Zusammenhang, die Art und Weise, wie diese sich überkreuzen und verknoten, bleibt der Ahnung und Spekulation überlassen.

Gesucht wird eine "Antwort auf die alles entscheidende Frage, was denn ein Kind eigentlich sei." Das schwule Paar Marl und Frieling, dieser ein Typ, der seine Qualitäten am heimischen Herd ausspielt, jener ein erfolgreicher Rechtsanwalt, gerät in Verwirrung, als der Kinderwunsch des Anwalts die Beziehung auf die Probe stellt. Was beide mit der Lehrerin Lioba und der Familie von Ida Bergner, die mit ihrer Familie aus Kasachstan nach Deutschland übersiedelte, verbindet, wird sukzessive aufgedeckt. Allmählich entfalten sich die Beziehungen und die Belastungsproben, denen sie ausgesetzt sind. Einige wenige Bruchstücke aus der Vergangenheit konturieren die Figuren, die Blauhemden der FDJ tauchen kurz auf, der Kulturbund aus lang vergangenen Zeiten, und die Nachkriegszeit, als die Rote Armee in Berlin stand und Ida Bergner bereits einmal in Deutschland war. Bei ihnen allen spielt irgendwann und in unterschiedlicher Weise ein Kind eine Rolle. Es bezeichnet bei dem einen das, was fehlt, bei einer anderen das, was zuviel war und bei einer Dritten eine Wunde, die sich Zeit des Lebens nicht schließt.

Variationen über das Kind eignen sich prächtig, Beziehungsfragen zu stellen und sich Reflexionen über das Gedeihen des eigenen Lebens hinzugeben. Von dem aus der Werbung und der Kleinbürgerphantasie bekannten Klischee einer heimischen Idylle ist hier nun nicht die Rede. Allenfalls der schwule Anwalt wird davon umgetrieben, was ihm Wunderbares entgehen könnte, und selbst bei ihm ist der Kinderwunsch narzisstisch motiviert, denn er möchte eine Kindheit, und damit zuerst die eigene, noch einmal erleben. Ida Bergners Tochter Daghira stirbt, ohne dass ihre Mutter darüber in Gram versinken würde, und Lioba lebt verlassen von der Familie.

Geschickt und vor allem geduldig rollt Kathrin Schmidt den biographischen Kontext der Figuren auf. Sie gibt keine Hinweise, wie sich die Handlung entwickeln könnte, und wenn etwas Überraschendes passiert, nützt sie das nicht, um den Rhythmus der Erzählung zu beschleunigen. Sie umkreist ihre Figuren und deckt ihre Geheimnisse auf. Die Spiegelfunktion des Kind-Motivs sorgt dafür, dass Marl, Lioba und Ida dem, was sie verdrängt hatten, ins Auge sehen müssen. Zum Schluss erfahren alle, was sie verbindet - das Denunziantentum eines Mitbewohners, die homoerotische Beziehung im Knast, eine überraschende Vaterschaft. Wie in einer Boulevardkomödie erfahren die Figuren auf einmal, dass sie einstmals in einem Haus gewohnt haben und ein seltsamer Herr Koenig, der bislang am Rand des Geschehens herumwuselte, wird auf einmal zur zentralen Gestalt und verknüpft die Lebensgeschichten der Figuren. Allerdings fallen diese sich nun nicht erkenntnis- und erinnerungsselig um den Hals. Sich-Erinnern ist in diesem Roman etwas, das nur ungern und widerwillig gemacht wird, denn das Ergebnis ist je nach Biographie unerfreulich bis desaströs.

Kathrin Schmidt versteht es klug, den Figuren immer näher zu kommen, politische Ereignisse einzuflechten und ein Wechselspiel der Begegnungen und Kreuzwege zu betreiben. Die Welt der Aussiedler aus Kasachstan wird mit der eingeborener Deutscher verbunden und ihr kontrastiert, ebenso wie die heruntergekommene Wohngegend Ost-Berlins mit der sanierten, die Zeit nach 1945 oder in der DDR mit der nach dem Fall der Mauer. Aber die Zeiten und ihre Orte bleiben im Hintergrund, kaum einmal fallen konkrete Angaben, was wann passierte. Das Warum allerdings ist wichtig, und es hat mit Familien und mit Zahlen zu tun. In Nick Hornbys Roman About a boy erfährt der Leser, dass zwei eine gefährliche Zahl ist. Ob in der Form der klassischen Zweierbeziehung oder alleinerziehend mit Kind, unweigerlich türmen sich in diesem Fall die Probleme auf, wohingegen ein Beziehungsnetzwerk in flexibler Stärke die soziale Zufriedenheit fördert. Familiensoziologen etwa erklären, dass sich ab drei die Anzahl möglicher Konflikte vermehrt und diese dadurch erst so richtig interessant werden. In Kathrin Schmidts Roman Koenigs Kinder wird nun klar, dass jede Zahl gefährlich sein kann. Es gibt den Single, das schwule Paar und das Mitglied einer größeren Familie. Welche Sozialform erstrebenswerter ist, ist nicht auszumachen. Allen fehlt etwas, das hier "Kind" genannt wird und als das Symbol einer Leerstelle figuriert.

Da allerorten heute über die Vorzüge der Patchwork-Familie diskutiert wird, ist dieser Roman eine überzeugende Erzählung darüber, dass es nicht auf das Was, sondern das Wie ankommt, vorausgesetzt, die persönlichen Verhältnisse sind hinreichend verworren, damit niemand auf die Idee kommt, eine überschaubare, intakte und ordentliche Beziehungswelt könnte ein praktikabler Ausweg sein.

Kathrin Schmidt: Koenigs Kinder. Roman. Verlag Kiepenheuer, Köln 2002, 352 S., 22,90 EUR

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00:00 11.10.2002

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