Begehbare Utopien

Reihenweise Taschenbücher Bei Reclam scheint man finster entschlossen, jeder Jahreszeit ein Bändchen zu widmen. So gibt es jetzt das Sommerbuch. Eher ein Büchlein, aber ein ...

Bei Reclam scheint man finster entschlossen, jeder Jahreszeit ein Bändchen zu widmen. So gibt es jetzt das Sommerbuch. Eher ein Büchlein, aber ein bisschen Reklämchen muss wohl sein. Nützlich am Büchlein indes ist: Man kann es jederzeit auch dorthin mitführen, wo man ansonsten kaum mehr als für die Scheckkarte Platz hat - also selbst am nackten Leib zu tragen. Kurz, es ist unterhaltsam. In der Zusammenstellung der Namen geht es auf Numero Sicher: Goethe bis Gernhardt, Polgar und Tucholsky, Maupassant bis Nooteboom. In der Auswahl der Texte hingegen durchaus kühn: Erstaunlich, was alles zum Sommer gehören kann! Gewöhnlich fällt einem nur ein: Sommer und Garten. Selbst da kann man seinen Horizont über den Maschendrahtzaun hinaus erweitern: Die Geschichte der Gärten und Parks ist aus einer Rundfunkreihe hervorgegangen, daher in (fast) allen Teilen auch angenehm lesbar geworden. Wer lesend und dabei die Bildlein betrachtend durch die vielen, doch je überschaubaren Strecken spaziert ist, wird alles kennen gelernt haben, was zwischen Garten Eden und Schrebergarten, Klostergarten und Disneyland, Versailles und Wörlitz je eingehegt und ausgestaltet wurde. Manchmal, denkt man dann, fällt der Menschheit ja doch Besseres ein, als einander den Besitz oder das Leben abzujagen. Gärten sind begehbare Utopien der Gesellschaft. Und von einer solchen handelt ein Roman, der ein literarischer Glücksfall ist, Michael Kleebergs Ein Garten im Norden. Das ist die imaginäre Verlagerung eines philanthropischen Gartens aus Paris nach Berlin, als zivilisierende Utopie, urbane Erheiterung des finsteren Nordens, dabei ein weitgespanntes Panorama aus Geschichte und Gegen-Geschichte. Ein großer deutscher Roman, also dick und großartig, zwar manchmal auch ein bisschen teutonisch: Weltläufigkeit als Appell und Geschichte als Erläuterung. Insgesamt eins der wenigen Werke des letzten Jahrzehnts, die man später wird wiederlesen wollen.

Ob das für Florian Illies Generation Golf gilt, mag man bezweifeln. Oder vielleicht doch nicht? Und sei es nur, weil man sich späterhin darüber amüsieren will, wie niedlich es war, die Jugend der Achtziger so putzig gefunden zu haben. Indes Obacht! Das Buch ist hinterhältiger und abgründiger als es auf den ersten Blick erscheint. Wer´s nicht glaubt, lese es noch einmal. Zumal, da im Herbst das Sequel, vulgo: die Fortsetzung kommt, Titel: Anleitung zum Unschuldigsein. Außerdem kommt Illies nun auch schon vor, nämlich in einer Geschichte der Popliteratur von Thomas Ernst, in der ihm ein »konservativer Entwurf« bescheinigt wird. Auch dies ein nützlich Bändchen, die fixe Grundausstattung, um beim Einstieg ins Mitreden nicht daneben zu liegen. Besser freilich ist sein Bruder von Marcel Feige über Science Fiction. Aber das ist auch einfacher, denn hier existiert reichlich Vorarbeit. Das gibt Gelegenheit mit großem Nachdruck die Aufmerksamkeit auf die Reihe »Rotbuch 3000«, der sie angehören, zu legen: Angelehnt offenbar an die in Frankreich zurecht so populären »Découvertes Gallimard«, also Basisinformationen aus - nach und nach - allen Wissensgebieten zwischen Börse und Doping, knapp und prägnant, sehr gut illustriert, ansprechend gestaltet. Für Neugierige, Ästheten und Sparsame gleichermaßen. Wo bleibt da das Herz? Tilman Spreckelsen weiß Abhilfe: Herz erklärt uns den Umgang mit unserem liebsten Symbol. Und weil das Herz meist weniger beherzt ist als der Kopf, ist das eher zartbesaitet als herzhaft, mit ruhigem Puls Bedenk- wie Unterhaltsames zwischen Hartmann von Aue, Wilhelm Hauff, Hans Christian Andersen und der Tageszeitung ausbreitend. Das ist, da Flattern und Rasen sich nicht einstellt, unbedenklich verschenklich. Ohnehin sollen wir uns ja der Sucht enthalten. Außer - vielleicht ein wenig Sehn- und Lesesucht. Nicht gestillt, doch mit Wissen tröstlich gefüttert, wiederum ohne Gefahr anschließender Freßsucht, informiert Sucht und Sehnsucht über die Rauschrisiken der Erlebnisgesellschaft. Und gibt unter anderem dabei zu bedenken, dass die Langeweile durch ihre unaufhörliche Bekämpfung bloß vermehrt wird. Das wollen wir uns merken und flugs schließen. Stoff genug für das bisschen Lesesommer ist das nun ohnehin.

Reclams Sommerbuch (Reclam Stuttgart 18127; 7,- DM)

Die Geschichte der Gärten und Parks (Insel it 2723; 21, 90 DM)

Michael Kleeberg: Ein Garten im Norden. Roman (dtv 12890; 24, 50 DM)

Florian Illies: Generation Golf. Eine Inspektion (Fischer Tb. 15065; 18,- DM)

Thomas Ernst: Popliteratur (Rotbuch 3000, Tb 3015; 16, 90 DM)

Marcel Feige: Science Fiction (Rotbuch 3000, Tb 3014; 16,90 DM)

Tilman Spreckelsen: Herz. Vom Ungang mit unserem liebsten Symbol (Aufbau, 20,- DM)

Sucht und Sehnsucht. Rauschrisiken in der Erlebnisgesellschaft, hg. v. Peter Kemper u. Ulrich Sonnenschein (Reclam Stuttgart 18087; 16.- DM)

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00:00 10.08.2001

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