Begraben wie ein Prinz

MAGIE UND REALISMUS In Nabil Ayouchs "Ali Zaoua - Auf den Straßen von Casablanca" trotzen drei Straßenkinder der rauen Wirklichkeit einen Traum ab

Das Motiv des elternlosen, vagabundierenden Kindes zieht sich wie ein roter Faden durch die marokkanische Literatur. In Europa vielleicht am bekanntesten ist Das nackte Brot, die Erinnerungen des Analphabeten Muhammad Chouikh, die nur durch die akribischen Aufzeichnungen des Tanger-Touristen und Beatniks Paul Bowles an die Öffentlichkeit gelangten. Chouikh erzählt darin von der Ermordung seines Bruders durch den Vater, vom Leben im Hurenhaus, von seiner Existenz als Stricher, Tagelöhner und -Dieb. Seine Lebensgeschichte kündet von einer uns inzwischen unbekannten Härte und Grausamkeit, und ist doch von einem unbändigen Lebenswillen und frischem Wind erfüllt, von einer Lust an der Freiheit der Strasse. Auch andere erfolgreiche Vertreter der maghrebinischen Literatur, Muhammed Mrabet etwa oder Driss bin Hamed Charhadi, haben es kraft ihrer Phantasie und Fabulierlust - und dank der Vermittlung Bowles´ - aus den Elendsvierteln nach oben geschafft.
Nabil Ayouch überführt diese Inhalte in den Film, geht unter die Straßenkinder im Hafenviertel Casablancas und erzählt die Geschichte von Ali Zaoua, der sterben musste, weil er rebellierte - gegen die Gang von Dhib, der ein despotisches Regime über eine ganze Schar von lost boys führt. Seine drei Freunde, Kwita, Omar und Boubkar, wollen diesem Aufrechten nun ein ehrenvolles Begräbnis zukommen lassen, statt ihn wie üblich irgendwo zu verscharren. Und während sie sich auf die Suche machen nach einem Rezitator, einer Uniform und vor allem nach Geld, tritt noch einmal die ganze Härte ihrer Lebenswelt zu Tage: physisch sind das ständige Erpressung, Schlägereien, Vergewaltigung und generelle Verrohung, psychisch eine große Einsamkeit, die aus dem Gruppen-Zwang zum ständigen Angeben, Lügen, Großtun resultiert, aus dem Verdrängen kindlicher Gefühle und Sehnsüchte.
Ein winziges Stück Geborgenheit finden sie zwischendurch bei der Mutter von Ali Zaoua, die sie aufsuchen, um ihr die Unglücksbotschaft zu bringen. Aber auch die ist kein Engel, sondern eine geächtete Straßenhure, und so bleibt jeder mit seiner Biographie und seinem Stigma allein.
Ein Fluchtweg aus dem Elend ist für die Jungs das Schnüffeln von Klebstoff: Plötzlich wird dann das Mädchen auf dem Werbeplakat lebendig, und ab geht ein wilder Traum. Während der Ethanol-Dunst derart mit den bösen Erinnerungen auch die Hirnzellen abtötet, liegt darin doch auch Rettung, tauchen sie ein in jene zweite Welt der Geheimnisse, die diese Sozialstudie zu einer märchenhaften Fabel macht ... Denn der Mensch überlebt durch Träume, und auch im tristesten Alltag wuchern Geschichten: erzählt wird von dem nichtexistenten Super-Onkel und seinem Gespons, der Riesenhexe, von dem Haus, das nur aus Kreidestrichen besteht, und doch ein richtiges Heim darstellt, und von der großen Liebe zur hübschen Bürgerstochter, die man gerade bestohlen hat.
Bei solchem Fabulieren wird Ali Zaoua zum überlebensgroßen Helden stilisiert, wird zum Prinzen. Seine stärkste Energie bezieht dieses Filmmärchen wohl daraus, dass die drei Freunde Alis Traum fortträumen: Wie dieser wollen sie schließlich abhauen zu der geheimnisvollen Insel mit den zwei Sonnen, wo eine Fee wartet.
In dem phantastischen Bild verbirgt sich letztlich der Traum von der heilen Familie. In der Realität der Kinder nämlich gibt es keine Väter; der narbenzerfurchte Dhib, ein stummes Monster, älter und größer als die anderen Jungen, ist ein unheimliches Zerrbild. Und doch taucht irgendwann, hart aber herzlich, ein Kapitän auf, der behauptet, mit Ali Zaoua die Fahrt zur Insel geplant zu haben - da berühren sich einen Moment die zwei Welten. Das Wunder des Films Ali Zaoua liegt in dieser Balance von Realismus und Magie, die das Herz des Zuschauers zwischen Mitleidskino und Kitschfilm genau erwischt.
Von der ersten Einstellung an überzeugt der Film durch die Kraft seiner Bilder, die die harte Welt am Hafen in den Zauber mediterranen Lichtes tauchen, und so eine Spielart des "Neorealismus" schaffen - nichts als das Leben zeigen, und doch dessen Transzendenz zulassen. Lange, ruhige Einstellungen arbeiten dem zu, mal fährt die Kamera nahe an einer Mauer entlang und liest dort in den abstrakten Mustern verschiedenfarbiger Risse, Linien, Maserungen, dann schwingt sie sich auf Flügel, folgt aus großer Ferne von oben dem Verlauf des weißen Piers im blauen Meer. Irgendwann erreicht sie sein Ende, dann ist Schluss.
Weltentrücktheit ist also - trotz aller materiellen Nöte - der erzählerische Modus (das ist übrigens, jenseits aller Inhalte, auch aufgrund der banalen Tatsache interessant, dass der "Orient" hier ein Zustand ist, der auch abseits aktueller politischer Debatten stattfindet). Derart stilisierte Authentizität mag der Kritikaster geschmäcklerisch nennen, an französisches arthouse-Kino angelehnten "Orientalismus". Den Darsteller des Dhib, Said Taghmaoui, sah man immerhin als identitätslosen Kriminellen in Kassovitz´ Banlieu-Studie Hass, als exotischen Gaukler in der Selbstfindungs-Phantasie Marrakesh mit Kate Winslet oder auch als Saddams Folterknecht in der Golfkriegs-Farce Three Kings. Na und? Damit sind sämtliche aktuellen Orientbilder des Westens durchdekliniert. Jetzt, bei Ayouch, ist der ehemalige Preisboxer ganz an seinem Platz.
Die Dichte und Intensität von Ali Zaoua verwundern umso mehr, als der erste Film von Nabil Ayouch, Mektoub, zwar an der Kinokasse ziemlich erfolgreich war, in seiner Machart jedoch eher ein Beispiel für das typische Mittelmaß des marokkanischen Kinos darstellte. Mit einer Handvoll guter Schauspieler hatte er sich einem aktuellen Justizskandal angenähert und dabei brenzlige Themen wie Korruption, Polizeigewalt, Pornographie aufgearbeitet, trotz drohender Zensur. Das Ganze war, mit einem Schuss action, als kriminalistisches Roadmovie quer durchs Land erzählt. Und dennoch blieb es hölzern, thesenhaft und letztlich blutarm.
Ali Zaoua hingegen hat, wie gesagt, Adern und Nerven: Zeitloses und Aktuelles, Engagiertes und Ästhetisches, Traum und Tag halten sich die Waage. Auch das ist im übrigen Neorealismus, dass die wahren Geschichten oft hinter der Kamera stattfinden: Ayouch wollte unbedingt mit Laien arbeiten, informierte sich bei einer Sozialarbeiterin, zog dann mit der Kamera los, um die Hafen-Kids zu filmen, doch die rochen den Braten, und nahmen ihn erst mal mit. Er aß und schlief bei ihnen, ließ sich ausnutzen und abzocken. Dann erst wurde gedreht, das Filmteam war ebenso Ersatzfamilie wie Geldautomat; einer verliebte sich in eine Bürgerstochter. Inzwischen haben die meisten von ihnen Arbeit gefunden, einer geht wieder zur Schule; wer weiß, vielleicht wird er mal Schriftsteller - oder Preisboxer.
Muhammed Chouikh übrigens, der Erzähler von Das nackte Brot, lernte schreiben und lesen (heute ist er ein sehr kultivierter Herr) und erhob später Paul Bowles gegenüber den Vorwurf, sich in kolonialistischer Manier an ihm bereichert und in die eigene Tasche gewirtschaftet zu haben. Ayouch wird hoffentlich nicht in diesen Verdacht geraten - heute noch soll er wöchentlich mit den Jungs telefonieren.

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00:00 15.03.2002

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