Begrenztes Repertoire

Medientagebuch Propheten des Auf und Ab: Von Börsenfröschen und Wetterfeen

Es knallt. Und zischt und ploppt. Dax, Nemax, Euro, Dollar, Dow Jones, Nasdaq. Frank Lehmann rattert »wie ein Maschinengewehr«, aber der Sprechterrorist mit dem bohrenden Blick in die Kamera scheint sich eigentlich um die Gesundheit zu sorgen. Wie auf einer Fieberkurve geht es ständig »rauf« und »runter«, da »krankt« jemand, »bricht ab«, »stürzt ein«. Ein anderer »knickte weg« oder »kriegte den Hintern nicht richtig hoch«. Tja, »der große Bruder sackte weg«, denn »er hat keinen Mumm«. Kann auch vorkommen, dass jemand »zugelegt« hat - im Moment sieht es aber eher allgemein nach »Schwindsucht« aus. Herr Lehmann ist aber nicht Dr. Schiwago, sondern ein Dramatiker der besonderen Art. Wenn er zur abendlichen Prime Time »von der Galerie der Frankfurter Börse« grüßt, weiß das gemeine Fernsehvolk: jetzt spielt die ARD Börse im Ersten.

Erster Akt. In der einen Hand das Mikrofon, beschwörend, mit der anderen ständig vor sich ausgreifend, als wollte er die auf dem Laufband unten im Bild vorbeirasenden Aktienkurse erwischen, stechender Blick, gelbes Sakko, bunte Krawatte, graue Haare, sonore Stimme und die niederschmetternde Diagnose: »Der deutsche Aktienmarkt schwächelt«! Irgendein humorloser Mensch in der ARD muss den wahren Unterhaltungswert dieses Börsenpredigers von amerikanischem Seifenopernformat verkannt haben, denn seit einiger Zeit bremst sich Herr Lehmann sichtlich bemüht ab, gibt nicht mehr mit ganzer Körperkraft seiner Überzeugung Ausdruck, ist nicht mehr ganz so zackig und schmissig wie zu Anfang der Börsennachrichten. Aber immer noch wispernd, dynamisch, donnernd, drohend, enthusiastisch, rein stimmlich, versteht sich.

Zweiter Akt. Dramaturgische Auflockerung mit einem echten »Börsianer«. Er wird befragt, und weil time money ist, rattert auch er wie ein Lauffeuerwerk. Egal, man behält sowieso nichts. Übrigens kann der Befragte auch eine Börsianerin sein, was aber in diesem androgynen Gewerbe keine weitere Rolle spielt. Nur in den Witzchen (»Geld muss mann wie Frauen behandeln, mann muss sie ständig beachten.«) wird das Geschlecht bedeutsam. Dritter Akt wieder »live«. Wow. Immer noch am Krankenbett mit dem Börsenthermometer. Wieder die Fieberkurve rauf und runter - die T-Aktie! Ein einziges Tief! Absturz! Jammertal! Skandal! Der arme »Herr Sommer«! Muss sich von einem Vertreter des Werpapierschutzvereins die Frage nach seinen Management-Qualitäten stellen lassen. Ins Off, sozusagen virtuell, also nicht direkt. Wie überhaupt nichts richtig gemeint sein kann, so dass sich einem unter den Duschen des Zahlengewitters und einer jonglierenden Sprechakrobatik, dem immer wieder optisch ablenkenden Krawatten-Outfit und dem durchrauschenden Laufband von Kreti bis Pleti die Frage nach dem Nutzwert solcher bits und bites stellt. Herr Lehmann ist ja nicht der einzige, und die anderen Börsenfrösche verfügen auch nur über ein begrenztes Repertoire. Cui bono?

Jeder fünfte Deutsche besitzt angeblich inzwischen Aktien, und überhaupt: sollten wir nicht ein Aktien-Volk wie die Amerikaner werden, bedroht vom Kursverfall, angefeuert von markigen TV-Moderatoren? Es gibt Schlimmeres. Das ZDF hat »Anlage-Tipps für Kfz-Lehrling Stefan«, und n-tv lässt außer in seinen Sponsor-Sendungen den ganzen schrecklichen Kommerzsender lang das Aktien-Kurs-Band durchlaufen, egal, ob im Bild darüber die Bombe in Jerusalem explodiert oder die Panzer in Mazedonien rollen. Dabei war Herr Lehmann in der ARD der erste, der die Marktlücke erkannte und das Börsen-»Format« präsentierte.

Im wirklichen Leben ist Frank Lehmann nämlich Wirtschaftsredakteur beim hr, und eigentlich hat er eine angenehme Bauch-Stimme und eine umgängliche Sprechweise. Herr Lehmann ist also ein Verwandlungskünstler. Else Buschheuer ist das nicht. Sie bleibt ihrer Masche treu. Mimt auf kess und schlüpfrig. Große Schnauze, viel heiße Luft. Beklatscht darob aus allen Medienecken. Die Pornoschriftstellerin hat´s geschafft. Nie mehr schlappe Schauer, schwüle Tage, nasse Sommer und das »garantiert mückenfreie Wetter, das Ihnen Paral präsentierte«. Das schien die selbst ernannte »Wetterfee« bei n-tv und Pro Sieben zu prädestinieren für die Moderation des einstmals »renommierten Kulturweltspiegels«, mit der sie jetzt dasselbe macht wie mit dem Wetter: Sprüche klopfen. Dilettantismus im krassen Outfit ist angesagt.

Auch das Wetter in der ARD ist längst nicht mehr das, was es mal war. Nicht mehr »förmlich und amtlich« möchte man es. »Flapsig« soll es sein, »populär«, mit einem Wort: »Kachelmann-Wetter«. Sinnigerweise direkt vor der »Börse« im Rahmen des Werbeblocks vor der Tagesschau. Da kann es schon mal »arschkalt« sein oder einfach »spannend in Deutschland«. Passend zu Else. Die Sponsoren »Mazda« und »Fulda-Reifen« machen aus der privatisierten Wetteransage noch mehr. »Morgen wird wieder geheiratet!« heißt eine Rubrik, und eine andere, »wir eröffnen eine neue Wetterstation«. Der outgesourcte Jung-Unternehmer Kachelmann baut sich nämlich selber ein Wetternetz auf, weil er, behauptet die ARD, vom Deutschen Wetterdienst in Offenbach boykottiert wird.

Da sitzt Herr Wesp, als Pressesprecher. Diese berufliche Mésalliance sei ihm verziehen. Bekannt ist Herr Wesp nämlich als Diplom-Meteorologe vor der Wetterkarte im ZDF-heute-journal. Nie würde man auf die Idee kommen, vom »Wesp-Wetter« zu reden. Kaum vorstellbar, dass er mit einem Pudel-Mikrofon irgendwo in der Pampa steht und über »schlappe Schauer« schwadroniert oder beim Hoch »Hilde« die Augen verdreht. Wahrscheinlich hat er auch nie Waschkörbe voller anstößiger Anträge erhalten wie »Susi«, die deshalb beim Südwestrundfunk Baden-Baden nicht mehr das Wetter vorhersagen durfte. Bei ihr war es die sexy Kieksstimme. Sowas wird Herrn Wesp nicht passieren. Seit 26 Jahren tritt er unverwechselbar gleichbleibend mit Fliege, randloser Rundbrille, lichtem Haar und gedecktem Anzug auf und verteidigt mit spröden Worten Sonne, Wolken und Temperaturen. Der verkappte Lobbyist.

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00:00 17.08.2001

Ausgabe 42/2021

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