Behinderte queren

Zwischen Exotik und Vermeidung Warum Behinderung (auch) ein gesellschaftliches Versprechen ist

Im Freitag vom 13. Juli 2001 hat sich Carsten Ungewitter mit neueren Ansätzen der »Disability Studies« auseinandergesetzt und darauf verwiesen, wie Behinderung gesellschaftlich »konstruiert« wird. Der folgende Beitrag befasst sich mit der Diskrepanz zwischen der medialen Wahrnehmung von Behinderung und ihrer medizinischen Vermeidung.

Mit dem völlig zutreffenden Hinweis, dass nicht einmal drei Prozent aller Behinderungen rein genetisch bedingt und die übrigen das Ergebnis des ganz normalen Lebensrisikos sind, wird man, so befürchte ich, nicht verhindern können, dass die gesellschaftliche Akzeptanz des Lebens von und mit Behinderten mehr und mehr schwinden wird.

Das hat (eher schlechte) Gründe: Lange habe ich geglaubt, es sei ein Widerspruch, wenn einerseits Behinderte zunehmend als Teil gesellschaftlicher Pluralität anerkannt werden, sie zumindest als exotischer Part gesellschaftlicher »Vielfalt« massenmedial vermarktet werden, sie in der Gesetzgebung oder der Wissenschaft (»Disability Studies«) angemessene Berücksichtigung finden und doch gleichzeitig die vermeintlichen »Fortschritte« der Gentechnologie auf immer breitere gesellschaftliche Akzeptanz stoßen, so dass mit der scheinbar realen Möglichkeit auch der allgemeine Wunsch wächst, Behinderung unter allen Umständen zu vermeiden

Und doch bilden beide Entwicklungen, wenn man sie aus der Perspektive der Gesamtgesellschaft betrachtet, keineswegs einen so scharfen Gegensatz, wie es auf den ersten Blick den Anschein hat. Die Frage nach dem Verhältnis von Gentechnologie und Behinderung verbindet sich mit der nach dem Charakter eines modernen Gemeinwesens. Und es geht dann vor allem um die Frage, welche behinderten Menschen welcher Art von Gesellschaft förderlich sind.

Die Biomedizin fördert in der Gesellschaft ganz bewusst eine Erwartungshaltung für gesunde Kinder und suggeriert damit zugleich, man könne Behinderungen überhaupt abschaffen. Die Präimpantationsdiagnostik (PID) bildet da lediglich einen Anfang.

Doch wie einst das Angebot exklusiver Schulen oder heute das Angebot exklusiver Wohnsiedlungen, so verheißen morgen die Angebote der Genforschung und Humanprothetik nicht bloß das vermeintlich gute Leben, sondern vor allem auch gesellschaftliche Distinktion. Zu diesem »Club der genetisch Vollkommenen« werden nur verhältnismäßig wenige Zutritt haben. Man kann davon ausgehen, schreibt der Soziologe Zygmunt Bauman, dass die enormen Kosten der Mitgliedschaft in diesem Zirkel keine Kinderkrankheit einer neuen Technologie darstellen, sondern ihr ständiges Merkmal bleiben werden.

Es wird immer wieder neue, unvermutet auftauchende Leiden zu kurieren geben, immer wieder neue Gene, denen die Gunst entzogen wird und die ersetzt werden müssen. Man kann sich dieses Privilegs also sicher sein - während die meisten traditionellen Privilegien von Tag zu Tag wackliger und zweifelhafter werden.

Das neue Privileg scheint lohnender zu sein als jedes andere. Die Distinktion wird nämlich nicht mehr so fragwürdige und umstrittene Begriffe wie mindere Intelligenz, geringeren Schneid, oder Fleiß der rangniederen Sterblichen bemühen müssen. Gegen Statusüberlegenheit der Höhergestellten lässt sich nur Protest anmelden, wenn ihr sozialer Rang eine Klassenfrage, glücklicher Zufall oder einfach nur Skrupellosigkeit ist. Aber wer will schon gegen die Gene protestieren, fragt Zygmunt Bauman.

Die Vorfahren dieser Privilegierten, die die wunderbaren Erfindungen der Gentechnologie und der Humanprothetik demnächst für sich nutzen werden, wähnten einst die Götter auf ihrer Seite. Sie lassen sich noch heute im Fries des Pergamon-Altars bewundern: In seinen Roman Die Ästhetik des Widerstands interpretiert Peter Weiss den Sinn des dort in Stein gehauenen Reigens, in dem die gesamte, von Zeus geführte Götterschar zum Sieg schritt über ein Geschlecht von Riesen und Fabelwesen.

Die Giganten, die Söhne der klagenden Göttin Ge, hatten sich frevelnd gegen die Götter erhoben, andre Kämpfe aber, die über Pergamons Reich hingegangen waren, lagen unter dieser Darstellung verborgen. Die Regenten aus der Dynastie der Attaliden ließen sich von ihren Bildhauermeistern das schnell Vergehende, von Tausenden mit ihrem Leben Bezahlte, auf eine Ebene des zeitlos Bestehenden übertragen und damit ein Denkmal ihrer eignen Größe und Unsterblichkeit errichten.

Aus der Unterwerfung der vom Norden eindringenden gallischen Völker war ein Triumph adeliger Reinheit über wüste und niedrige Kräfte geworden, und die Meißel und Hämmer der Steinmetzen und ihrer Gesellen hatten das Bild einer unumstößlichen Ordnung den Untertanen zur Beugung in Ehrfurcht vorgeführt.

Die gleichen Reichen und Mächtigen, die die »Segnungen« der Gentechnologie alsbald dazu nutzen werden, um ihre genetische und damit auch ihre soziale Fehllosigkeit zu demonstrieren, vermögen schon heute ihre Interessen allein über »die Macht des Faktischen« rigoros durchzusetzen. Ihre neuen Gesetzestafeln feiern die Idee des aggressiven Wettbewerbs zwischen allen territorialen Gemeinschaften, allen Gesellschaftsgruppen, allen Individuen. Und überall wird der Eindruck vermittelt, als ginge es ums Überleben: »Ihr müsst die Besten, die Stärksten, die Gewinner sein; seid ihr es nicht, werden andere es sein«, lautet die Botschaft an jedes Land, jede Region, an jeden Einzelnen.

Flankiert wird das durch die von allen Medien kaum noch kaschiert lancierte Botschaft, nur schön und jung - und koste es was es wolle - durchsetzungsfähig zu sein, sei die einzig lohnende Lebensform. Dass in dieser Perspektive jede Möglichkeit, menschliches Leben zu manipulieren, dankbar aufgegriffen wird, ist eine Selbstverständlichkeit. Rassismus? Mega out! Es lebe der Kult des Stärkeren!

Ein sozialdarwinistischer Kult des Stärksten, und eine auf diesem basierende Gesellschaft produziert nämlich nicht nur systematisch behinderte Menschen, sie benötigt sie geradezu: In Sport und Politik, Unterhaltung und Alltag dürfen sie sich als besonders motivierte Verfechter des »survival of the fittest« präsentieren. In der festen Erwartung, dass dies von den (Noch-)Jungen, (Noch-)Starken und (Noch-)Gesunden im rechten Sinne re-interpretiert wird.

Insbesondere schwer- und mehrfachbehinderte Menschen aber, sind das genaue Gegenteil von isolierten Einzelkämpfern. Um ihre Qualitäten auch nur ansatzweise entfalten zu können, benötigen sie - wie grundsätzlich alle anderen Menschen auch! - Unterstützung. »Ein Mensch soll des anderen Helfer sein«, könnte ihre (ebenso Brechtsche wie christliche) Lebensmaxime lauten. Und so bringen gerade auch geistig behinderte Menschen, allein durch ihre pure Existenz, das unbewusste Bedürfnis nach Gemeinsamkeit, Humanität und Solidarität in die Welt, das in jedem von uns steckt: »Ich bin glücklich, wenn ich verstanden werde!«.

Behinderte sind per se ein Kristallisationskern, um den herum sich (bewusst oder unbewusst) der potentielle Widerpart zum Sozialdarwinismus bildet. Sie mindern, allein dadurch, dass man sie gesellschaftlich trägt und/oder erträgt, den Normierungs- und Selbstanpassungsdruck, der auf der ganzen Gesellschaft lastet. Und zwar sowohl im direkt anschaulichen als auch im abstrakt-normativen Sinne: Jede moderne, rationale Konkurrenzgesellschaft bringt - weil sie die »Normalität« als allgemeinen Maßstab benötigt - ganz automatisch auch das Nicht-Normale, das Nicht Angepasste, das Behinderte hervor. Würde dies (z.B. durch die aktuell avisierten »Fortschritte« der Humangenetik) beseitigt, so würden zukünftig ganz neue, heute noch völlig »normale« Menschen an ihre Stelle treten, die nunmehr als »unnormal« gelten.

Behinderte Menschen sind, wenn man so will, der personifizierte Ausdruck all derjenigen Probleme und Lebensrisiken, die beispielsweise die moderne Medizin und die Ernährungsindustrie, das Moblilitätsdenken und das Militär zu lösen vorgeben. Deshalb tragen sie, allein durch ihre gesellschaftliche Anwesenheit, dazu bei, dass soziale Problemlagen und Konflikte als solche identifiziert und nicht biologisiert werden können.

Walter Grode, ursprünglich Vermessungsingenieur und Bundeswehroffizier, erkrankte an Multipler Sklerose und ist seit 20 Jahren auf den Rollstuhl angewiesen. Seit 1986 beschäftigt er sich wissenschaftlich mit Euthanasie in NS-Konzentrationslagern und den Wehrmachtsverbrechen und veröffentlichte zahlreiche Beiträge zum Thema.

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00:00 27.07.2001

Ausgabe 43/2021

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