Bei Adiletten ist 42 die Antwort auf alles

Mode Schuhgrößen sind ein Mysterium – unsere Kolumnistin weiß es zu enträtseln
Bei Adiletten ist 42 die Antwort auf alles
Ganz klar 42

Foto: Imago Images/Mary Evans

Schuhgrößen sind eine tolle Sache: Man multipliziert sie einfach mit 0,667 (Pariser Stich), zieht noch 1,5 bis 2 Zentimeter ab – und schon weiß man, wie lang zum Beispiel der eigene Fuß ist. Auch beim Schuhkauf sind sie nützlich. Vor Weihnachten etwa hole ich im Adidas Flagship Store Adiletten für meine Nichte, Größe 42. Ein Typ mit Wollmütze gibt mir einen winzigen Schuhkarton. „So klein?“, frage ich unqualifiziert: „Sind die wirklich 42?“ Spontane Verachtung schlägt mir entgegen, kommentarlos wird der Karton umgedreht, sodass ich es selbst lesen kann. 42! Mann! Als ich zu Hause den Karton auspacke, kommt er mir noch kleiner vor, und drinnen finde ich ein Paar winzigster Adiletten, die nicht mal mir passen. 42? Absurd. Fluchend haste ich zurück: „Diese Schuhe sind nicht Größe 42.“ Der Mützenmann zieht die Augenbrauen hoch.

„Hören Sie“, sage ich, „die passen nicht mal jemand mit Schuhgröße 40.“ – „Es sind 42.“ Ich soll jetzt sagen, was ich will: 42 oder 43? Als ich kurz ergoogeln will, wie lang die Füße von jemand sind, der normalerweise 42 trägt, weil ich den Multiplikationstrick mit dem Pariser Stich noch nicht kenne, platzt der Mütze der Kragen: Wollen Sie die jetzt oder wollen Sie googeln? Ähm, sage ich, ich hätte gerne ein paar Schuhe, die jemand passen, der normalerweise 42 trägt. Er wieder – Voll-Rückfall: Es handle sich bei den Schuhen um Größe 42. Hilfesuchend spreche ich den Verkäufer neben ihm an: „Bin ich jetzt total bescheuert? Diese Schuhe passen niemals einer Person mit Schuhgröße 42.“ Er sagt: Ja, die Adiletten, das sei bekannt, dass die etwas klein ausfallen. Er rät zu 43. Ich zögere, denn nach meinen Berechnungen müsste ich sie ja in 44 nehmen, mindestens. Für wen die seien? Für ein Mädchen? Dann wären 43, 44 zu weit.

Ich überlege, ob der Nichtenfuß in den Adiletten in die Breite gehen und dadurch kürzer werden kann. Ich werde es erleben, denn ich nehme sie. Bevor ich die Schlappen zu Hause einpacke, frage ich das Internet: Die Mehrheit dort rät zu einer Größe mehr, einige behaupten aber – genau wie die Adidas-Website –, sie trügen die Schlappen in ihrer normalen Schuhgröße und die Dinger passten perfekt. Wie kann das denn sein?

Die Tage bis Weihnachten schwanke ich zwischen zwei Theorien: Die Schuhgrößen werden zufällig vergeben. Oder: Die Schlappen werden durch feuchte Füße, die man vielleicht darin bekommt, immer länger und länger. Sie sind eigentlich „one size“. Unentschieden schlafe ich ein, Richtung Weihnachtsfest ruckelnd. Laut Ticket kommen wir in sieben Stunden an. Aber: Wie lang fallen diese Stunden aus? Ich finde keine Erfahrungswerte dazu, W-Lan fällt dünn aus – wie kein W-Lan.

Als ich im Bordbistro statt 4,50 nur 2,50 Euro rausbekomme, weil das Rückgeld der Bahn bekanntermaßen teuer ausfällt, wache ich gerädert auf. Aber nun wird alles besser. Der Heiligabend naht und damit mein Triumph: Die Adiletten passen nicht! Sie sind zu klein! Die Gesetze der Addition gelten eben doch! Selig verbringe ich die Weihnachtstage. Natürlich werde ich die Nichte nach Weihnachten zum Umtausch begleiten. Ich kann es kaum erwarten. Freudig nähern wir uns dem Adilettenladen mit dem Mützenmann drin. Als er mich sieht, flüchtet er. Man bringt der Nichte Adiletten in Größe 44. Sie passen perfekt. Erst in der Tram sehen wir, dass sie sogar Größe 44,5 sind. Genau passend für jemand, der 42 trägt. Hat sich „historisch so entwickelt“ und ist natürlich eigentlich bekannt.

Susanne Berkenheger verteilt als Die Ratgeberin regelmäßig für den Freitag gute Ratschläge

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06:00 01.07.2020

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