„Bei uns ist nach oben noch viel Spielraum“

Interview Cesy Leonard, Patrick Dahlemann, Kristin Möckel und Du’A Zeitun haben 2014 demonstriert, dass man sich sehr wohl wehren kann. Wir wollten wissen, woher sie den Mut nehmen
„Bei uns ist nach oben noch viel Spielraum“
Die Kunstaktivistin Leonard spart sich die Haftstrafe für ein großes Ding auf, der Politiker Dahlemann genießt den Schutz der Öffentlichkeit
Fotos: Kevin Mertens für der Freitag

Der Freitag: Herr Dahlemann, Sie wurden Anfang des Jahres durch ein Youtube-Video bekannt. Es zeigt, wie Sie sich bei einer NPD-Kundgebung in Torgelow auf die Bühne stellen und den Rechten die Stirn bieten. War das der mutigste Tag in Ihrem Leben?

Patrick Dahlemann: Nein, das ist nur der Moment, über den alle reden, weil die Kameras an waren. Gerade braut sich bei uns in Mecklenburg-Vorpommern wieder etwas zusammen. Die NPD versucht einen zweiten Anlauf beim Thema Asyl und plakatiert: „Wir sind nicht das Sozialamt der Welt“. Da bedarf es viel Mut der Sozialdemokraten, um gegenzuhalten. Gerade weil bald Wahlen sind und die Rechten wissen, dass die andere große Volkspartei sich bewusst sehr ruhig verhält. Machen wir uns nix vor: Wenn Sie um Verständnis für Zuwanderer werben, gewinnen Sie keinen Blumenpott.

Wo lernt man Mut? Gibt es so etwas wie einen Muskel, den man trainieren kann?

Patrick Dahlemann: Nein, wenn man von einer Sache überzeugt ist, dann zieht man dafür in den Sturm. Auch wenn man auf viel Widerstand stößt. Ob das jetzt ein Streik ist, oder die Idee, in der Politik müsste es mehr Schönheit geben, oder das Engagement gegen Rechtsextremismus.

Cesy Leonard: Ich glaube ja, dass Mut trainiert werden muss. Es ist eine Sache, sich darauf zu verlassen, dass wir im richtigen Moment mutig sind, und eine andere, bestimmten Situationen bewusst entgegenzutreten und dadurch Mut zu „üben“. Die meisten glauben ja, dass sie im Dritten Reich im Widerstand gewesen wären oder einen Juden bei sich versteckt hätten. Das bezweifele ich sehr. Wenn so etwas wie das Dritte Reich noch einmal passiert, sind nicht plötzlich ganz viele ganz mutig, die das zuvor noch nie gewesen sind.

Herr Dahlemann, Sie werden als Politiker zumindest für Ihren Mut bezahlt.

Patrick Dahlemann: Ja, ich werde dafür bezahlt und genieße den Schutz der Öffentlichkeit. Wie oft kriegen Jugendliche ein paar auf die Fresse, weil Sie sich gegen Nazis stellen? Ich finde, diese kleinen Formen der Alltagszivilcourage zeugen von viel mehr Mut.

Patrick Dahlemann

Foto: Kevin Mertens für der Freitag

Aufgewachsen in Torgelow, Mecklenburg-Vorpommern, trat er mit 16 Jahren in die SPD ein. Bundesweite Aufmerksamkeit bekam Dahlemann, als er Anfang 2014 ein Youtube-Video postete, in dem er bei einer NPD-Veranstaltung der ausländerfeindlichen Hetze der Rechtsextremen widersprach. Für sein Engagement gegen rechts wurde der 26-Jährige mit dem Gustav-Heinemann-Bürgerpreis ausgezeichnet. Im April rückte er als Abgeordneter für einen zurückgetretenen SPD-Parlamentarier in den Mecklenburger Landtag nach.

Cesy Leonard: Ich würde Ihre Leistung aber nicht klein reden. Es gibt wenige Politiker, die mutig sind. Christian Schwarz-Schilling beispielsweise war der Einzige, der während des Bosnien-Kriegs aus Protest an der Politik seiner Partei von seinem Amt zurückgetreten ist. Es gibt diesen Mut in der Politik viel zu selten. Dabei brauchen wir gerade diese Charaktere – Politiker, die für ihre Ideale bereit sind, notfalls die Karriere zu riskieren.

Wo haben Sie Mut gelernt, Frau Möckel?

Kristin Möckel: Einfach durch den Umgang mit Menschen in der Bahn. Ich bin seit 1992 Kundenbetreuerin im Nahverkehr Berlin-Brandenburg. Ich gerate im Zug häufig in heikle Situationen, in denen ich mich behaupten muss.

Sie kontrollieren in den Zügen die Fahrscheine?

Patrick Dahlemann: Im RE3?

Kristin Möckel: Ja, genau. Der beginnt in meiner Heimatstadt Elsterwerda und fährt bis Stralsund.

Patrick Dahlemann: Mit dem RE3 fuhr ich früher täglich zur Uni. Der ist als Katastrophenlinie bekannt.

Kristin Möckel: Einmal hat mir einer, der seine Fahrkarte nicht zeigen wollte, K.-o.-Gas ins Gesicht gesprüht. Ich war ganz benebelt, die Augen tränten, und ich war nicht mehr fähig, irgendwas zu machen.

Patrick Dahlemann: Warum rufen Sie in so einer Situation nicht die Polizei?

Kristin Möckel: Die kann man rufen, aber entweder kommt keiner, weil die nötigen Kapazitäten fehlen, oder es dauert einfach zu lang. Man ist auf der Strecke völlig allein. Man hat ohnehin keinen Handyempfang, also kann man wählen: Entweder bleibt der Zug stehen und die Situation eskaliert noch mehr, oder man fährt einfach so weit wie möglich an Berlin heran, in der Hoffnung, dass irgendwann doch mal ein Polizist auf dem Bahnsteig steht.

Kristin Möckel

Foto: Kevin Mertens für der Freitag

Noch zu DDR-Zeiten lernte sie bei der Deutschen Reichsbahn Facharbeiterin für Eisenbahnbetrieb. Seit 1992 ist die 43-Jährige aus Elsterwerda, Brandenburg, als Kundenbetreuerin im Nahverkehr (KiN) in den Zügen der Deutschen Bahn unterwegs. 2002 ist sie der Lokführergewerkschaft GDL beigetreten. Im vergangenen Jahr hat Kristin Möckel als zweite Frau und zweite Zugbe-gleiterin überhaupt die Leitung einer Ortsgruppe der Gewerkschaft übernommen. In ihrer Heimatstadt Elsterwerda hat sie nun 94 Mann unter sich.

Ihr Gewerkschaftschef Claus Weselsky wurde während des Streiks in den Abendnachrichten als der „meistgehasste Mann Deutschlands“ begrüßt. Wie haben Sie diese Tage erlebt?

Kristin Möckel: Wir haben da in Elsterwerda gestanden und alle Züge sind ausgefallen. Als Streikleiterin habe ich dann Rede und Antwort gestanden und den Menschen unsere Ziele und Forderungen erklärt. Der erste Tag war ein Sonntagmorgen, das war nicht so schlimm. Ich habe zu den Leuten gesagt, da hinten ist ein Bäcker, der hat geöffnet, da kann man sich für zwei Stunden reinsetzen, bis der nächste Zug kommt. Und ich wusste immer, wann der nächste Zug kommt. Die Fahrgäste sind zufrieden gewesen. Die haben gesagt, schön, dass Sie vor Ort sind.

Patrick Dahlemann: Aber das war der erste Tag. Später wurde der Streik ja ausgedehnt.

Kristin Möckel: Ich habe auch Drohungen bekommen: „Lokführer gehören aufs Gleis“, so Zeug. Mein Briefkasten wurde eingetreten. Nächstes Jahr machen wir weiter, da wird es wohl noch etwas heftiger. Da müssen wir auch Mut aufbringen, um durchzuhalten.

Cesy Leonard: Wofür streiken Sie persönlich eigentlich?

Kristin Möckel: Wir möchten einfach mehr Wertschätzung für unseren Berufsstand. Außerdem fordern wir, dass unsere Wochenarbeitszeit um zwei Stunden runtergesetzt wird, von 39 auf 37 Stunden. Und wir fordern fünf Prozent mehr Lohn.

Was verdient ein Lokführer in Deutschland?

Kristin Möckel: Im Schnitt ungefähr 3.000 Euro brutto.

Cesy Leonard: Das heißt, nach 30 Jahren schafft man es gerade so in eine Rente, die knapp über dem Hartz-IV-Satz liegt?

Kristin Möckel: Genau.

Patrick Dahlemann: Man muss aber auch sagen: Für die Bundesländer, in denen wir wohnen – Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern –, ist das im Vergleich schon ein ganz guter Lohn.

Kristin Möckel: Wohl kaum. Das ist für eine qualifizierte Arbeit und 30 Jahre Berufsleben zu wenig.

Patrick Dahlemann: Die Masse der Menschen liegt darunter.

Sprechen wir noch mal darüber, woher Ihr Mut kommt. Wie ist das bei Ihnen, Frau Leonard?

Cesy Leonard: Wir setzen uns für Menschenrechtsthemen ein. Unsere Vorbilder sind Leute wie Varian Fry, der mit einem Rettungsnetzwerk in Frankreich zu Zeiten des Vichy-Regimes mehr als 2.000 Menschen die Ausreise ins neutrale Portugal ermöglicht hat. Er war bereit, sein Leben für das Leben anderer aufs Spiel zu setzen. Dieser Mut ist enorm inspirierend für uns und unsere Arbeit. Das Handeln solcher Menschen setzt Maßstäbe, an die wir annähernd heranreichen möchten. Wir müssen mutig sein, wenn wir etwas verändern wollen. „Mutig“ natürlich in Anführungsstrichen, denn wenn ich mir die Aktionen der Widerstandskämpfer im Dritten Reich anschaue, dann sehe ich bei uns nach oben noch viel Spielraum.

Cesy Leonard

Foto: Kevin Mertins für der Freitag

Die gelernte Schauspielerin, geboren 1982 in Stuttgart, ist Teil des Zentrums für Politische Schönheit. Das Künstlerkollektiv führte zum 25. Jahrestag des Mauerfalls die umstrittene Aktion „Erster Europäischer Mauerfall“ durch, um auf das Schicksal der Flüchtlinge an den EU-Außengrenzenhinzuweisen. Zwei Busse mit Freiwilligen fuhren nach Bul-garien, um mit dem Abbau der Grenze zu beginnen. Ähnlich utopischen Charakter hatte im Frühjahr „Kindertransporthilfe des Bundes“, die Kampagne des Kollektivs für Syrien.

Die Situation heute ist eine völlig andere.

Cesy Leonard: Nein, das ist ja genau der Punkt. In Deutschland vielleicht, aber wenn wir in all die Kriegs- und Krisengebiete schauen, dann ist die Situation dort durchaus zu vergleichen. Ein Menschenleben ist ein Menschenleben – und wir haben die Möglichkeit, zu helfen, weil wir im sicheren Deutschland leben. So wie Varian Fry damals den Vorteil seiner amerikanischen Staatsbürgerschaft benutzt hat, um Menschen zu retten.

Dafür sind Sie bereit, auch Gesetze zu brechen?

Cesy Leonard: Natürlich! Jedes Thema, mit dem wir uns beschäftigen, erfordert, dass neue Grenzen überschritten werden. Wir haben Anwälte, mit denen wir vorher abklären, wie weit man gehen kann und wie lang man sich noch im grauen Bereich aufhält. Wir wollen ja nicht wegen einer kleinen Sache ins Gefängnis gehen, sondern uns lieber die Haft für eine wirklich wichtige Sache aufsparen.

Frau Zeitun, wann mussten Sie in diesem Jahr besonders mutig sein?

Du’A Zeitun (via Skype aus Osnabrück): Salafismus war ein riesiges Thema, deshalb haben Zeitungen auch über meine Arbeit geschrieben, ich habe ich Hass- und Drohbriefe bekommen und wurde in Facebook-Gruppen mit salafistischer Prägung auseinandergenommen.

Du’A Zeitun

Ihre Eltern kamen in den 70er Jahren aus Syrien nach Deutschland. Zeitun, geboren 1979 in Aachen und aufgewachsen in Rothenfelde bei Osnabrück, studiert im fünften Semester Islamische Theologie. Zudem arbeitet sie seit zwei Jahren bei einem katholischen Träger als pädagogische Mitarbeiterin für interreligösen Dialog und ist Gründerin eines unabhängigen muslimischen Jugendvereins, der Jugendliche in ihrem Alltag begleitet. Weil sie sich auch gegen deren Radikalisierung engagiert, wird sie im Internet bedroht.

Sie sprechen Jugendliche an, wenn Sie fürchten, diese könnten sich radikalisieren?

Du’A Zeitun: Nein, mir geht es erst einmal darum, zu verstehen, warum junge Menschen radikalisiert werden. Da gibt es viele kleine Probleme, die zunächst uninteressant scheinen. Ich kenne eine junge Frau, die seit drei Jahren eine Ausbildung sucht und wegen ihres Kopftuchs nur Absagen bekommt. Das muss nicht der einzige Grund sein. Das Problem ist aber, dass man sich schnell in diese Rolle vertieft und denkt, man habe aufgrund des Kopftuchs ein Problem hier in Deutschland. Diese Perspektivlosigkeit kann sich dann dahin entwickeln, dass man ins Netz der radikalen Gruppen gelangt.

Was sagen Sie diesem Mädchen?

Du’A Zeitun: Das ist schwer. Ich kann ja nicht sagen: „Nein, es liegt nicht an deinem Kopftuch.“ Ich rate eher dazu, nicht aufzugeben, sich nicht als Opfer zu fühlen. „Zeig einfach, dass du die Beste für diese Ausbildung bist“, sage ich. Und nun hat das Mädchen auch etwas gefunden, Gott sei Dank. Aber sie war sehr frustriert, deprimiert und wusste nicht weiter. Ich musste sie auffangen. Das war eine Art Präventionsmaßnahme. Ich habe da eine ganz andere Definition von Prävention als Politiker, die Sorgentelefone einrichten und sagen: „Wenn dein Sohn radikal wird, ruf uns an.“ Es geht darum, vorzubeugen. Und das ist, glaube ich, das Schwerste an meiner Arbeit.

Was macht den Salafismus so attraktiv?

Du’A Zeitun: Die Salafisten sprechen die Sprache der Jugendlichen. In den Gemeinden wird Türkisch oder Arabisch gesprochen. Die salafistischen Plattformen sind in deutscher Sprache, sie haben klare Aussagen, klare Antworten. Sie gehen auf das ein, was die Jugendlichen bewegt. Es ist kein Ort, wo um den heißen Brei geredet wird.

Sie selbst sind gläubige Muslima und tragen Kopftuch.

Du’a Zeitun: Ich gehöre zur zweiten Generation und bin auf einem Dorf groß geworden, wo ich sehr viel Diskriminierung erlebt habe. Es wurde mit dem Finger auf uns gezeigt, wir waren eine der wenigen muslimischen Familien im Ort. Meine Mutter war die Einzige, die ein Kopftuch trug. Die Sprache war ein Problem für meine Eltern. Ich kenne also alle Probleme und habe da Empathie. Ein weiteres Problem ist, dass die Jugendlichen zwischen zwei Kulturen pendeln: der ihrer Eltern und der Kultur der Mehrheitsgesellschaft. Da irgendwie seinen Platz zu finden ist nicht einfach. Ich versuche ihnen mitzugeben: Ihr könnt euch als Deutsche fühlen, auch wenn ihr anders ausseht.

Herr Dahlemann, wir stellen uns die Situation bei Ihnen in Torgelow jetzt so vor: Wenn man dort einen „Tatort“ drehen würde, dann kämen Sie in den Gasthof rein, bestellen ein Schnitzel und niemand setzt sich zu Ihnen an den Tisch. Ist das so?

Patrick Dahlemann: Nein, der Preis ist, dass viele die Anonymität des Internets nutzen, um mich anzugreifen. Ich habe nach diesem Auftritt vor den Rechten einen riesigen Shitstorm erlebt – auf Facebook, per Mail, per Telefon im Bürgerbüro, dort wurden auch die Scheiben eingeworfen. Aber eigentlich hat mich das nur sehr viel stärker gemacht.

Wachen Sie nie nachts auf und haben Angst?

Patrick Dahlemann: Nein. Als der junge, sympathische Landtagsabgeordnete, der in seinem Wahlkreis Ergebnisse einfährt, von denen alle anderen nur träumen, brauche ich die nicht zu haben. Jeder Nazi würde bestimmt gern mal 40 Prozent bei Wahlen holen. Ich bekomme auch viel Zustimmung. Wenn man mich nachts verprügeln würde, wäre das ein großes Eigentor. Die Neonazis wollen sich ja ein sauberes Image geben, der Wolf im Schafspelz sein, die guten Kümmerer, die im Ort nur das Gute wollen.

Cesy Leonard: Vielleicht wäre es sogar ganz gut, wenn Sie ab und zu was abbekommen würden.

Patrick Dahlemann: Ich sag immer: Wenn die mir aufs Maul hauen, gebe ich noch ein Interview direkt aus dem Krankenbett.

Frau Zeitun, Sie haben diesen Schutz der Öffentlichkeit nicht. Auf Facebook agieren auch Sie ganz offen unter Ihrem Namen.

Du’A Zeitun: Meine Kinder wurden verflucht, ihnen wurde mit der Hölle gedroht. Ich habe oft darüber nachgedacht, ob ich weitermache oder nicht. Ich werde zum Glück von meinem Chef unterstützt, aber der war auch schon kurz davor, zu sagen: „Jetzt gibst du keine Interviews mehr!“ Ich habe Kontakt mit Experten und könnte Personenschutz bekommen. Ich kann mir aber nicht vorstellen, den Mund zu halten. Das ist ja genau das, was die wollen. Ich muss weitermachen und gegen diese radikalen Gruppen agieren.

Wie reagieren Sie auf Hassnachrichten auf Facebook?

Du’A Zeitun: Ich ignoriere sie. Ich würde manchmal gerne ein Smiley zurückschicken, aber Experten haben mir geraten, diese Menschen besser direkt zu blockieren, weil es keinen Sinn macht, mit ihnen zu diskutieren.

Patrick Dahlemann: Das mache ich genau andersherum. Ich lasse jeden Eintrag in jedem Forum stehen und lese ihn mit. Jede Pöbel-Mail beantworte ich. Jeden Brief, jeden Facebook-Kommentar, jeden Post auf meiner Pinnwand. Das kostet unwahrscheinlich viel Zeit.

Du’A Zeitun: Kritikern antworte ich, aber bei Dschihadisten bin ich vorsichtig. Da hört für mich dann Mut auch auf.

Frau Leonard, werden Sie als Künstlerin attackiert?

Cesy Leonard: Ja, aber ich glaube, wenn man eine starke Meinung vertritt, muss man das hinnehmen. Am Anfang war ich schockiert, als unsere Internetseite angegriffen wurde und wir auch Todesdrohungen bekamen. Aber inzwischen glaube ich, wir müssen das in Kauf nehmen. Ich will das in Kauf nehmen. Bis jetzt wurde es auch nicht lebensbedrohlich. Das ist ja das Gute an Deutschland, dass wir in einem Rechtsstaat leben. In Russland könnte ich nicht tun, was ich tue.

Frau Zeitun, erfahren Sie Unterstützung von Politikern? Oder müssen Sie alles selbst machen?

Du’A Zeitun: Ich war heute Morgen mit einem neunjährigen Mädchen in einer Schule. Sie stammt aus einer Flüchtlingsfamilie und konnte in den vergangenen drei Jahren nicht zur Schule gehen, weil sie von Land zu Land geflüchtet sind. Jetzt ist sie seit einem halben Jahr hier in Deutschland, und überall sagt man ihr, die Schulen sind voll, es gäbe keinen Platz für sie. Ich bin zu einer Grundschule gegangen, habe nachgefragt und richtig Stunk gemacht. Das kann doch nicht sein! Das Mädchen sitzt mit ihrem 14-jährigen Bruder hier nur rum, den ganzen Tag vor dem Computer. Ich muss das kurz erklären: Diese Familien sind traumatisiert, die gehen mit ihren Kindern nicht einfach raus, nicht auf den Spielplatz oder in irgendeinen Verein. Die sitzen zu Hause, mehr nicht, monatelang. Da würde ich von Politikern erwarten, dass sie etwas tun!

Wer hat denn Ihnen beigebracht, so zu denken, wie Sie denken?

Du’A Zeitun: Mein Papa! Er ist in den 70er Jahren aus Syrien zum Studium nach Deutschland gekommen und geblieben. Er ist Imam und war immer sehr engagiert. Das interkulturelle Gespräch war ihm immer sehr wichtig. Ich bin ein bisschen in seine Fußstapfen getreten.

Gibt es Leute, die Sie politisch inspirieren, Herr Dahlemann?

Patrick Dahlemann: Als Sozialdemokrat ist das in den heutigen Zeiten nicht leicht. Aber ich glaube, das Voranbringen der Agenda 2010 gegen gesellschaftliche Widerstände war ein politischer Stil von Gerhard Schröder, der unserer Partei heute an manchen Stellen fehlt.

Schröder hat Sie beeindruckt?

Patrick Dahlemann: Mich hat beeindruckt, wie er sich auf Montagsdemonstrationen hinstellte und erklärte, warum wir diesen Schritt machen müssen. Er konnte die politischen Lorbeeren damals nicht ernten. Aber alle, die bis heute davon profitieren und noch immer im Amt sind, haben diesen Bonus unheimlich gerne mitgenommen.

Und bei Ihnen, Frau Möckel, haben Sie ein Vorbild?

Kristin Möckel: Eigentlich nicht, ich hatte keine einfache Kindheit und habe mir immer gesagt, mir und meinem Kind soll es einmal besser gehen. Ich wollte es nicht so machen wie meine Eltern, und deshalb kämpfe ich gegen alles, was mir zuwider ist.

Cesy Leonard: Wir haben uns ja gerade gefragt, wie hoch der Preis für Mut eigentlich ist. Ich finde es viel wichtiger, zu fragen, wie viel Feigheit kostet! Gerade wir, als Deutsche mit unserer Vergangenheit, wissen doch, was für Folgen Feigheit haben kann. Der Preis, den wir für unsere Feigheit bezahlen, wiegt weit mehr als die Kosten des Mutes.

Können Sie von Ihrem Mut eigentlich leben?

Cesy Leonard: Das Zentrum für Politische Schönheit hat private Spender, die unsere Aktionen möglich machen, aber Gehälter können wir uns noch nicht zahlen. Unsere Aktionen werden oft sehr kontrovers diskutiert. „Wie weit darf Kunst gehen?“, war eine Frage, die nach unserer letzten Aktion debattiert wurde, die zum 25sten Mauerfall-Jubiläum an unsere neuen Mauern, die EU-Außengrenze, erinnert hat. Die Gedenkkreuze am Reichstagsufer waren verschwunden und ein Aufschrei ging durch die Medien. Am selben Tag sank ein Flüchtlingsboot vor Istanbul. 25 Menschen starben, aber über sie wurde kaum berichtet. Ob ich von meinem Mut leben kann, wird auch davon abhängig sein, ob Geldgeber mutig genug sein werden, unsere Aktionen auch zu fördern, wenn ihnen ein starker Gegenwind ins Gesicht bläst.

Frau Möckel, haben Sie Existenzängste, die Sie hindern könnten, mutig zu sein?

Kristin Möckel: Ich habe Existenzängste, klar, wer hat die nicht? Aber andererseits bin ich persönlich nie zufrieden, ich möchte immer mehr erreichen, noch einen zweiten, dritten, vierten Menschen mitnehmen, die dann wiederum andere Leute ermutigen können, für ihre Rechte einzutreten. Was ich bis jetzt erreicht habe, ist schön. Aber ich ruhe mich darauf nicht aus. Ich will kein Nutznießer und kein Schmarotzer sein.

Leben wir in mutigen Zeiten?

Patrick Dahlemann: Viele Menschen sind mutig in diesem Land. Aber ob wir in mutigen Zeiten leben? Ich glaube, es gab Zeiten, in denen Menschen mutiger sein mussten als heute.

Cesy Leonard: Ich finde nicht, dass wir mutig genug sind. Die Fälle häufen sich, in denen Menschen in Gefahr geraten und andere wegschauen. Tuğçe Albayrak war da eine absolute Ausnahme. Ich finde es interessant, Herr Dahlemann, wenn Sie sagen, es gebe bei Ihnen in Mecklenburg-Vorpommern, dort, wo es viele Nazis gibt, auch viele, die Lust haben, dem entgegenzutreten. Vielleicht weil die Menschen das Gefühl haben, es geht sie etwas an. Vielleicht haben zu viele Menschen sonst das Gefühl, dass sie nichts mehr angeht. Aber unsere Gesellschaft und die Welt müssen uns etwas angehen!

Vorhut Das Zentrum für Politische Schönheit rief zum Abbau der EU-Außengrenzen auf, ein SPD-Mann bot den Rechten Paroli, die GDL lehrte Deutschland den Arbeitskampf, und eine Muslima macht vor, wie Prävention gegen Salafismus funktionieren kann

Das Gespräch führten Jana Hensel, Christine Käppeler und Jan Pfaff in der Freitag-Redaktion

06:00 07.02.2015

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