Beim Bau der Bagdad-Bahn

Kino Wie viel wissen wir über den Völkermord an den Armeniern? Fatih Akins neuer Film „The Cut“ zeigt die historischen Hintergründe
Tigran Petrosyan | Ausgabe 42/2014 38

Fatih Akin ist Optimist. Nein, The Cut, sein Film über den Völkermord an den Armeniern im Osmanischen Reich, werde in der türkischen Gemeinde in Deutschland nicht zu einem Wutausbruch führen, davon ist er überzeugt. In dieser Absicht sei die Geschichte des armenischen Schmieds Nazaret Manoogian nicht gedreht worden. Akins Anspruch ist es, zum Chronisten des Verbrechens zu werden. Die Geschichte Manoogians ist die der Armenier.

„Ich habe versucht, so viel wie möglich über den Völkermord in den Film einzubauen. Deswegen habe ich lange überlegt, wie die deutsche Verwicklung in ihn am besten erzählt werden kann“, sagt er. Diese Verwicklung ist im kollektiven Gedächtnis der Deutschen kaum verankert. Wer weiß schon noch etwas über die Bagdad-Bahn?

Lange war die Eisenbahnverbindung von Berlin nach Bagdad in Planung. Bis zum persischen Golf sollten die Züge am Ende über sie rollen. Nicht nur aus wirtschaftlichem Interesse, sondern auch aus militärstrategischem Kalkül von Deutschem und Osmanischem Reich. Die Finanzierung lag bei der Deutschen Bank, für den Bau brauchte es Massen von Arbeitskräften, und so wurden die Armenier zwangsweise herangezogen.

„Armenier, öffnet die Tür!“, ruft es eines Nachts vor dem Haus der Familie von Nazaret Manoogian. Türkische Gendarmen nehmen Bruder, Schwager und den Schmied selbst mit. Die Männer müssen mit anderen Armeniern auf den Baustellen der Bagdad-Bahn schuften. Wer sich widersetzt, wird erschossen.

Tatsächlich starben Zehntausende Armenier schon bei diesen Arbeiten. Wer überlebte, wurde nach getanem Werk von türkischen Soldaten ermordet. Weil Munition gespart werden sollte, kam der Tod oft durch einen Stich mit dem Bajonett oder dem Messer. Später, ab 1915, diente die von Armeniern in Zwangsarbeit errichtete Bahnstrecke dazu, die verbliebene armenische Bevölkerung in systematischen Deportationen aus ihren Siedlungsgebieten in die Wüsten zu bringen, wo sie jämmerlich zugrunde gingen.

Leben in der Diaspora

Manoogian, der Held von Akins Film, überlebt die Bauarbeiten. Zwar verliert er durch eine Verletzung am Hals seine Stimme, doch verhilft ihm der Türke, der ihn eigentlich töten soll, zur Flucht. Der Schmied erfährt, dass alle Frauen und Kinder seiner Heimat mit dem Ziel Ras al-Ain geflohen sind. Neben Deir Zor war Ras al-Ain, das heute an der syrisch-türkischen Grenze liegt, der Standort eines Konzentrationslagers. Nach erschöpfenden Todesmärschen wurden in diesen Lagern die Überlebenden von türkischen Soldaten getötet. Die Männer lebten zu diesem Zeitpunkt meist schon nicht mehr.

Auch Akins Held läuft diesen Weg. Es treibt ihn bald nur noch eine Mission: seine Kinder wiederzufinden. Manoogian flüchtet nach Aleppo, erfährt dort von einem ehemaligen Lehrling, dass seine Zwillinge leben. Wieder macht er sich auf die Suche. Die Liste der Waisenhäuser in aller Welt, in denen er nach seinen Kindern forscht, wird immer länger. Seine Suche endet schließlich in den USA.

Tigran Petrosyan ist freier Journalist aus Armenien und promoviert am Fachbereich Geschichte und Kulturwissenschaften an der FU Berlin

Auf diese Weise erzählt Fatih Akin die Geschichte der armenischen Diaspora. Verfolgung und Morde trieben Armenier bis nach Amerika und Australien. Die heutige Republik Armenien im Kaukasus, die ungefähr die Größe des Bundeslands Brandenburg hat, zählt etwa 2,5 Millionen Einwohner. Vor allem in Frankreich, Nord- und Südamerika, in Russland und dem Nahen Osten leben zehn Millionen Armenier.

„Als Türkeistämmiger, der mit seiner künstlerischen Arbeit viele Menschen erreichen kann, habe ich es als meine Pflicht empfunden, diese Geschichte zu erzählen“, sagt Fatih Akin. Die Gestaltung des Titels ist eine Typisierung der armenischen Schrift. Haj Dat, der Titel des Films auf Armenisch, kann unterschiedlich übersetzt werden: mit „Die armenische Frage“ oder „Das armenische Gericht“. Ob die Ambivalenz ein Zufall ist? Fatih Akin lächelt: „Ich glaube nicht an Zufälle. Sondern daran, dass es eine höhere Kraft gibt, die Ordnung schafft.“

Die armenische Frage war historisch ein unlösbarer Konflikt. 1894 begann Sultan Abdul Hamid eine Kampagne, mit dem Völkermord zwischen 1915 und 1923 suchte die türkische Regierung eine gewalttätige Lösung. Wenn es keine Armenier mehr gäbe, gäbe es auch keine armenische Frage mehr, war das menschenverachtende Kalkül.

2015 wird der Genozid genau 100 Jahre zurückliegen, ein wichtiges Jubiläum für beide Seiten. Ein Film wie The Cut kann zur gegenseitigen Verständigung beitragen. Allerdings hält die Türkei weiterhin an einer offiziellen Leugnung des Verbrechens fest. Warum eine Korrektur dieser politischen Linie so schwerfällt? Fatih Akin: „Selbst wenn die Türkei anerkennen sollte, dass das ein Völkermord war und sich entschuldigt, ist die Sache damit nicht erledigt. Ein Völkermord ist eine Straftat. Auf die Anerkennung würde unweigerlich der Ruf nach Strafe folgen. Geht es dann um Geld? Wenn ja, um wie viel? Geht es dann um territoriale Ansprüche? Die türkische Regierung will das alles vermeiden.“

Fatih Akin will mit The Cut ein Bewusstsein für das Verbrechen schaffen, das politischem Handeln vorausgeht. Aber Akin ist kein naiver Optimist: „Dafür braucht es noch eine Menge Filme.“

The Cut Fatih Akin Deutschland, Frankreich, Kanada, Türkei u. a. 2014, 138 Minute

10:54 15.10.2014

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