Beim Impfplan vergessen

Pandemie Menschen mit Behinderungen, die zuhause leben, warten vergebens auf einen frühen Termin. Das ist für viele lebensgefährlich

Endlich. Es waren seit langem die ersten guten Nachrichten, als sich im November abzeichnete, dass es bald einen Impfstoff gegen Covid-19 geben würde. Die Geschwister Vanessa und Marcel Glab schöpften Hoffnung. Und machten sich im Dezember auf die Suche, wie, wann und wo sie sich denn impfen lassen könnten. Doch das klappte nicht so, wie erwartet. „Wir waren zunehmend irritiert“, sagt Vanessa Glab. „Irgendwann kam ich mir vor wie im falschen Film“, sagt ihr Bruder. Sie telefonierten sich durch Corona-Hotlines, Gesundheitsämter und Pressestellen. Sie wurden nur weiterverwiesen oder landeten in Warteschleifen. Niemand schien weiterhelfen zu können oder zu wissen, wo die beiden eine Impfung bekommen könnten. Bis heute.

Vanessa und Marcel Glab leben beide mit spinaler Muskelatrophie des Typs 2. Bei einem Videoanruf von Berlin-Mitte nach Berlin-Mariendorf sitzt die Studentin in ihrem türkisfarbenen Zimmer. Zu ihrer Linken erscheint ihr Bruder abgeschnitten im Bild. Vanessa, 19 Jahre alt, ist auf einen elektrischen Rollstuhl angewiesen; ihr Bruder, 25, ebenso.

Spätestens, als Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) am 18. Dezember seine Impfverordnung vorstellt, wird den beiden bewusst, dass sie in keine der Gruppen mit prioritärem Impfschutz fallen. Obwohl ihre Lungenfunktionen eingeschränkt ist. Sollten sie sich mit Covid-19 infizieren und erkranken, wäre das Virus höchstwahrscheinlich tödlich für sie. Dass eine Impfung für die beiden dringend erforderlich ist, haben die beiden von ihren Ärzten mittlerweile schriftlich. Mit einer gerechten Verteilung für den Impfstoff hätte sich Minister Spahn eigentlich in der breiten Öffentlichkeit beliebt machen können. Doch seit die erste Patientin die allererste Corona-Impfung erhalten hat, hagelt es Kritik. Es sei zu spät und zu wenig Impfstoff bestellt worden, es herrsche Chaos bei der Terminvergabe, in Bayern wurden sogar Impfdosen falsch gekühlt und mussten weggeschmissen werden.

Ein Besuch wie im Knast

„Diese größte Impfaktion unserer Geschichte ist eine Gemeinschaftsaufgabe“, sagt Spahn Mitte Januar im Bundestag und verweist auf die existierende Skepsis gegenüber dem Impfstoff. Diese Gemeinschaftsaufgabe könne nur dann gelingen, so Spahn, wenn die Mehrheit auch dazu bereit sei, sich impfen zu lassen. Die Geschwister Glab würden sich sofort impfen lassen. Sie leben seit März vergangenen Jahres isoliert. Jeder Mensch von außerhalb ist für sie eine Bedrohung. Es gibt drei Pfleger, die täglich in ihre Wohnung kommen und wechselnde Physiotherapeuten, mehrmals im Monat. Alle arbeiten zwar mit Maske, desinfizieren sich mehrmals die Hände und ziehen sich einmal komplett um, bevor sie die Wohnung betreten. Doch das Risiko sich bei ihnen anzustecken bleibt. „Das Problem ist, wir können uns nicht komplett abkapseln“, sagt Marcel Glab.

Ihre Freunde und Verwandte sehen sie nur mehr auf ihrem Handybildschirm oder hören ihre Stimmen am Telefon. Nur einmal, kurz vor Weihnachten, besuchte sie ihr Cousin. Er blieb auf der Terrasse. „Wir haben aber die Tür geschlossen gehalten. Mein Cousin war draußen und wir waren drinnen,“ sie unterhielten sich dann am Telefon. „Ich kam mir vor wie in einem Gefängnis, nur luxuriöser“, sagt Marcel, beide lachen. Die absurden Momente dieser Pandemie sind das einzig Erheiternde daran.

Denn auf unbestimmte Zeit so weiter leben zu müssen, ist für sie eine Horrorvorstellung. Als im Dezember die Infektionszahlen nach oben schießen, hat eine Pflegerin die Befürchtung, sich bei einer Bekannten angesteckt zu haben. Sie wurde zum Schluss negativ getestet. Doch die ständige Angst bleibt. „Nur ein Fehler, und alles geht den Bach runter,“ sagt Marcel Glab. Je mehr Zeit vergeht, desto höher steigt seiner Ansicht nach das Risiko, dass auch er und seine Schwester sich anstecken. Trotz Isolation.

Christian Homburg ist 24 und lebt mit der Vorerkrankung Duchenne-Muskeldystrophie. Ähnlich wie bei den Geschwistern Glab ist auch dies eine neuromuskuläre Erkrankung, die die Funktionen der Lunge begrenzt. Nur 20 Prozent des Lungenvolumens hat Christian Homburg noch. Nachts braucht er ein Beatmungsgerät, und auch tagsüber muss er seine Lunge mit dem Gerät mehrmals entlasten. Homburg war fest davon überzeugt, dass er mit zu den ersten gehören würde, die geimpft werden.

Schließlich wird er 24 Stunden am Tag von Pflegern im Alltag unterstützt. „Spahn sagte ja anfangs, die Schwächsten sollen zuerst drankommen“, erinnert sich Homburg in seinem sonnigen Homeoffice in Warendorf in der Nähe von Münster. Einige sind in der Verordnung auch gelistet: Neben den über 80-Jährigen sind es Menschen mit Trisomie 21 oder einer geistigen Behinderungen, Menschen, die eine Organtransplantation hinter sich haben oder an Krebs erkrankt sind. Doch viele andere suchte er in der Impfverordnung vergeblich: „Ich war völlig fassungslos.“

Seit Beginn der Corona-Krise wurde auf die schwierige Lage verschiedener Gruppen aufmerksam gemacht: Obdachlose, die kein schützendes Zuhause haben. Eltern mit der Doppelbelastung von Kinderbetreuung und Arbeit. Einsame, Arbeitslose, Unternehmer, Kulturschaffende.

Die Gruppe von Menschen wie Christian Homburg wurde einfach übersehen. Vielleicht, weil sie vergleichsweise klein ist, obwohl die ihr Angehörenden stark gefährdet sind. 650.000 Menschen in Deutschland sind jünger als 60 und auf Pflege angewiesen. Fast alle der 650.000 jüngeren Pflegebedürftigen wohnen zu Hause und nicht in einer Einrichtung. Deshalb werden sie in Spahns Verordnung nicht gelistet. Christian Homburg sagt: Wir wurden vergessen. Schon wieder. Während über den Schutz von Seniorenheimen diskutiert wurde, bekamen seine Pflegerinnen und Pfleger weder Schutzkleidung noch Masken zur Verfügung gestellt. Selbst den Pflegebonus hätten sie nicht bekommen, sagt Christian Homburg. Dabei leisteten sie die gleiche Arbeit wie in Einrichtungen.

Christian Homburg arbeitet eigentlich als technischer Produktdesigner bei Thyssenkrupp. Doch in der Corona-Krise wurde er zum Aktivisten. Anfang Januar startete er eine Online-Petition. „Da war ich am Tiefpunkt angelangt“, sagt Homburg heute. Die Vorstellung, auf unbestimmte Zeit isoliert zu sein, aber trotzdem mit der Angst zu leben, sich bei seinen Pflegern anzustecken, war für ihn unerträglich. Also startete er eine Unterschriftenliste mit der Forderung an das Gesundheitsministerium und Jens Spahn, schwerbehinderte Menschen unabhängig davon, ob sie zu Hause oder in einer Pflegeeinrichtung leben, in die erste oder zweite Impfgruppe aufzunehmen.

Spahn, resistent gegen Kritik

Am 17. Dezember, einen Tag bevor Jens Spahn (CDU) seine Impfverordnung vorstellte, debattiert der Bundestag die Frage, wer eigentlich entscheiden soll, wer zuerst geimpft wird. Das Gesundheitsministerium unter Jens Spahn oder die Volksvertreterinnen im Bundestag? Für die Oppositionsparteien FDP und Die Linke lautet die Antwort ganz klar: Wir, die Volksvertreter. Ein Gesetzesverfahren hätte viel zu lange gedauert, argumentieren die Koalitionsparteien an diesem Sitzungstag; mit der Verordnung von Spahn könne man viel schneller mit dem Impfen starten. Die FDP sagt, dann hätte man sich eben früher um ein Gesetz bemühen sollen und legt gleich einen entsprechenden Entwurf vor. Darin priorisieren die Liberalen Alte und Menschen mit Behinderungen, geistigen und körperlichen, egal wo sie Pflege erhalten.

Wäre der FDP-Entwurf Gesetz, hätten Christian Homburg und die Geschwister Glab ihren Impftermin schon längst. Doch die Koalition ist mit ihrer Verordnung zufrieden und will sie nicht verändern. Die Forderungen und Bitten an Spahn, seine Strategie anzupassen, prallen an ihm ab.

Offensichtlich hält sich das Ministerium an die Ergebnisse von Statistiken und darin tauchen viele Krankheitsbilder nicht auf. Sie sind zu selten. Unter Muskeldystrophie Duchenne leiden in Deutschland bis zu 2.000 Menschen, 1.500 leben mit der spinalen Muskelatrophie. Und weil die Fallzahl so klein ist, konnte wissenschaftlich noch nicht nachgewiesen werden, dass diese Krankheiten einen Covid-19-Verlauf verschlimmern. Obwohl das offensichtlich ist, denn neuromuskulare Erkrankungen wirken sich auf die Lungen aus, das Organ, das auch das Sars-Cov-2-Virus befällt. Nicht nur Christian Homburg hat ein Beatmungsgerät, auch Vanessa Glab hat eins, das sie 24 Stunden am Tag trägt. „Wir fordern, dass die Gruppe der Menschen mit geistig oder mehrfacher Behinderung mit höchster Priorität eine Schutzimpfung erhalten,“ sagt Jeanne Nicklas-Faust, die Geschäftsführerin der Lebenshilfe. Zusammen mit vier weiteren Verbänden für Menschen mit Behinderung wandte sich Nicklas-Faust direkt an Jens Spahn. Auch Christian Homburg hat nach seiner Petition mit mittlerweile über 53.000 Unterschriften einen Brief an den Minister geschickt: „Herr Spahn, wir können nicht mehr“, steht darin.

Christian Homburg sowie Vanessa und Marcel Glab bereiten auch die jüngst bekannt gewordenen Virusmutationen große Sorgen. Wenn diese deutlich ansteckender als der Wildtyp sind, steigt das Risiko, dass sie sich bei einem ihrer Pfleger anstecken. Auch die Gefahr, dass die Krankenhäuser überlastet sind, würde dann wachsen. Und wenn Beatmungsgeräte irgendwann nicht mehr für alle Härtefälle ausreichend vorhanden sind, entscheiden Ärztinnen und Ärzte, wer vorrangig behandelt wird. Wie würde so eine Entscheidung in Bezug auf die Geschwister Glab oder Christian Homburg ausgehen?

Auch wenn das nach viel „wenn“ und „dann“ klingt, für die drei sind derartige Szenarien real. Und lebensbedrohend. Sie fragen sich, warum sie in dieser Krise, in der so viel von Solidarität gesprochen wird, immer wieder übergangen werden. „Wir werden weder geimpft und im schlimmsten Fall auch nicht behandelt“, sagt Christian Homburg und schluckt.

Sofie Czilwik, freie Journalistin, schrieb im Freitag zuletzt über Berlins Mietenkrise (Ausg. 51/2020) und Naturkosmetik (52/2020)

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06:00 08.02.2021

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