„Beim Klimawandel sind wir Täter und Opfer“

Interview Sven Plöger ist Wettermoderator und sorgt sich um die Umwelt. Von Inlandsflugverboten hält er allerdings wenig

Egal ob man ihn am Bildschirm sieht oder am Telefon hört: Sven Plöger gibt sich viel Mühe, seine Lieblingsthemen Wetter und Klima zu erläutern. Im Gespräch vergewissert er sich mehrmals, ob alles verstanden wurde.

der Freitag: Herr Plöger, Ihr Buch „Zieht euch warm an, es wird heiß“, stand auf Platz eins der „Spiegel“-Bestsellerliste. Haben Sie ein schlechtes Gewissen?

Sven Plöger: Sie meinen, weil man mir unterstellen könnte, ich sei jetzt eine Art Krisengewinnler beim Thema Klimawandel?

Eher aufgrund der verbrauchten Ressourcen für die gedruckten Buchseiten.

Da habe ich kein schlechtes Gewissen. Sicher wird dafür eine Ressource verwendet und die sauberste Lösung wäre, dass man gar nichts veröffentlicht. Dann haben Sie aber auch keinen Menschen über ein wichtiges Thema informiert. Und Sie kommen in einen Konflikt, was am Ende besser ist: Wenn man davon ausgeht, dass Menschen aufgrund der Lektüre vielleicht ihr eigenes Verhalten ändern, könnte das am Ende mehr CO2 einsparen, als wenn ich auf den Druck verzichte.

E-Book wäre keine Alternative?

Würde ich es nur online veröffentlichen, habe ich die gleiche Problematik, dann hätte ich das Buch auf einem Server stehen, es müsste immer wieder zu den Menschen gelangen, muss dafür gespeichert und immer wieder runtergeladen werden. Bei diesem ständigen Datentransfer kommt dann der Stromverbrauch ins Spiel.

Wäre das in Bezug auf CO2 eine ähnliche Größenordnung?

Für ein einzelnes E-Book habe ich das noch nicht ausgerechnet, allerdings für Videodateien. Und das Streamen hat sich zu einem großen Stromschlucker und gewichtigen Klimafaktor entwickelt.

Gucken Sie noch Katzenvideos?

Habe ich noch nie. Ich streame sehr wenig. Am Rechner schreibe ich und bereite Vorträge vor. Mein Austausch mit Menschen findet in den meisten Fällen vis-à-vis statt, da bin ich noch sehr oldschool.

Wann haben Sie angefangen, selbst Ihren Alltag zu ändern?

Das war ein längerer Prozess. Am Anfang stand für mich der Orkan Lothar, 1999. Damals war ich in einem Wetterstudio auf 1.100 Meter Höhe in der Schweiz und vor unserer Tür hat es ein Drittel des Waldes umgefegt. Das war zwar ein Wettergeschehen, aber es hat bei mir eine intensive Beschäftigung mit dem Klimawandel – also dem langfristigen Trend des Wettergeschehens – ausgelöst und mich zu dem Gedanken gebracht: Wir sind Täter und Opfer zugleich.

Und seit dem Tag leben Sie klimabewusster?

Ich habe von Berufs wegen und weil ich viel in der Natur unterwegs bin, immer schon auf die Umwelt geachtet und versucht, einigermaßen vernünftig zu leben. Aber auch nach Lothar hat es noch Jahre gedauert, bis ich die meisten Autofahrten durch Zugfahrten ersetzt habe. In die Stadt fahre ich heute eigentlich nur noch mit Fahrrad oder Straßenbahn und ich gehe auch mehr zu Fuß. Mittlerweile mache ich auch keine Inlandsflüge mehr, der Zug ist fast genauso schnell.

Was machen Sie sonst noch?

2013 habe ich die energetische Versorgung meines Hauses komplett umgestellt, sprich Solarzellen, Wärmepumpe und eine Infrarotheizung, die die Wärmesteuerung vornimmt. Aber auch wenn ich mein Verhalten verändert habe, komme ich mit Abstand noch nicht auf die zwei Tonnen CO2, die jeder maximal ausstoßen kann, wenn wir das Zwei-Grad-Ziel bis zum Jahr 2100 erreichen wollen.

Nicht mal durch Ihr Energie-Sparhaus?

Jein. Mit den Solarzellen auf dem Dach habe ich seit 2013 etwa 36 Megawattstunden Strom produziert. Wenn ich mir die anrechne, liege ich schon nah bei den zwei Tonnen. Aber dennoch, es ist ein langer Prozess, bis wir alle – und das schließt mich ein – die eigenen Einsichten ins alltägliche Handeln umsetzen.

Was halten Sie von einem Verbot von Inlandsflügen?

Ich bin kein Freund von Verboten, bin aber sehr dafür, dass man sich genau überlegt, wie oft man noch wohin fliegen muss. Vor allem: Warum kostet eine Taxifahrt vom Zentrum Münchens zum Flughafen mitunter mehr als ein Flugticket nach Hamburg? So eine falsche Preisbildung muss korrigiert werden. Dafür braucht es einen politischen Willen, und wenn man den hat, könnte ein 600-km-Flug mal 1,50 Euro pro km, also 900 Euro kosten. Dann würde es definitiv weniger Inlandsflüge geben und die Preispolitik wäre dem Klimaschutz angemessen. Gleichzeitig müssen wir technisch innovativ denken: Es wird derzeit zum Beispiel an Elektroantrieb für die Kurzstrecke gedacht – das Flugzeug also mit grünem Wasserstoff betanken und dann mit einer Brennstoffzelle Strom erzeugen. Gelingt das, wären Inlandsflüge nicht nur CO2-, sondern auch noch lärmfrei.

Warum eigentlich nicht Inlandsflüge verbieten, bis man sie mit grünem Wasserstoff antreiben kann?

Die Ramschpreise verbieten, das könnte man sofort, aber ein Verbot aller Inlandsflüge wäre ein sehr tiefer Einschnitt, der auf einen Schlag viele Arbeitsplätze und Fluggesellschaften zerstört.

Niemals pessimistisch

Er kann Wetterlagen und Strömungen beschreiben: Im März 1999 hat Sven Plöger zum ersten Mal in der ARD das Wetter moderiert. 2010 wurde er beim Extremwetterkongress in Bremerhaven gar als „Bester Wettermoderator im Deutschen Fernsehen“ ausgezeichnet.

Sven Plöger kann aber nicht nur Hoch- und Tiefdruckgebiete anschaulich erklären. Seit Anfang der 2000er bringt er sowohl Fach- als auch Laienpublikum das Thema Klimawandel näher, zunächst in Vorträgen und seit 2013 in mehreren Büchern, zuletzt erschien von ihm Zieht euch warm an, es wird heiß (Westend, 2020). Hinzu kommt eine große TV-Doku-Serie in der ARD, in der Sven Plöger erklärt, Wo unser Wetter entsteht. Geboren wurde Sven Plöger 1967 in Bonn. Schon als Dreijähriger habe ihn „Wind, Sonnenschein und Regen, überhaupt alles, was am Himmel passiert“, in seinen Bann gezogen. Von 1989 bis 1996 studierte er in Köln Meteorologie und ging kurz nach dem Diplom zu Jörg Kachelmanns Schweizer Wetterdienst Meteomedia, für den er 15 Jahre lang tätig war. Als mal ein Moderator ausgefallen war, sprang Plöger ein.

Seine Faszination für Windgeschwindigkeiten lebt er heute auch als Segel- und Gleitschirmflieger aus. Auch wenn er in seinen Büchern immer wieder bedrohliche Klimaszenarien beschreibt, verfällt der Rheinländer nie in einen pessimistischen Ton. „Wir brauchen einen begründeten Optimismus, um die große Herausforderung überhaupt bestehen zu können“, schreibt er und motiviert seine Leser: „Bleiben Sie interessiert! Sprechen Sie miteinander über die Zukunft! Denken Sie die verschiedenen Möglichkeiten zu Ende! Alle gemeinsam können wir gute Antworten finden. Für uns selbst und unsere Kinder.“

Sven Plöger lebt seit vielen Jahren in Ulm.

Wie ginge es besser?

Parteien, die den Klimaschutz nach vorne stellen, die gewinnen erstmals Wählerstimmen, weil das Bewusstsein gerade durch die Dürren und das Waldsterben der letzten Jahre deutlich gewachsen ist. Wir müssen uns Regeln auferlegen, nach denen wir klimafreundlicher verfahren und diese dann ernsthaft umsetzen und durchhalten. Zusätzlich muss man über den Preis gehen, man muss uns überlisten, indem man finanzielle Anreize schafft.

Geld kann etwas Gutes bewirken?

Ja, wenn man es in die richtige Richtung lenkt. Es muss nicht immer derjenige der Reichste werden, der die Umwelt am meisten verschmutzt. Wir sind gierige Wesen, werden es leider auch bleiben. Wenn wir es schaffen, unsere Gier und die Ströme der Finanzwelt für den Klimaschutz zu nutzen, können wir viel erreichen. Wir müssen die Erkenntnisse, die uns die Klimaforschung seit 30, 40 Jahren liefert, endlich ernst nehmen und politischen Mut entwickeln. Noch wird herumlaviert, nur um Lobbygruppen gewisse Freiheiten zu geben.

Können Sie Leute verstehen, die keine Geduld mehr haben, die, wie Extinction Rebellion, Straßen blockieren?

Ja. Auf der anderen Seite muss man berücksichtigen, dass eine Gesellschaft unterschiedliche Interessen hat. Wenn jeder protestiert und sagt „meins muss ich durchsetzen“, kommen wir auch nicht weiter. Wir sollten besser intelligent und offen diskutieren und weiter Druck machen auf die Politik. Ein Land wie Deutschland, das bei Emissionen von 194 Ländern auf Platz sechs liegt, muss Vorreiter sein. Das geht viel zu langsam.

Das sagen auch Aktivisten.

Ja, aber sich auf die Straße zu stellen, genügt dauerhaft nicht. Natürlich ist Fridays for Future wichtig, zu ER kann man stehen, wie man will ... Der Gedanke ist bisher: „Ich gehe auf die Straße, weil ich möchte, dass es andere für mich richten.“ Also die Politik. Nachhaltiger ist in einer Demokratie aber der Gang in die Institutionen. Sprich, Aktivisten, wenn sie nicht gerade erst zwölf sind, müssten eigentlich selbst in die Politik gehen, dort ihren politischen Willen äußern und andere überstimmen. Gut informierte Leute sollten intelligent handeln.

Haben wir noch Zeit, um den Klimawandel aufzuhalten?

Wenn wir, rein physikalisch, die Menge an CO2 betrachten, die wir noch in die Atmosphäre pusten können, um unsere gesetzten Ziele nicht zu reißen, haben wir, je nach Schätzung, noch zwischen acht und 15 Jahren Zeit. Dann können wir Kipppunkte, die zu einem für Fauna, Flora und uns Menschen selbst kaum noch handle-baren Zustand führen, vermeiden. Tun wir das nicht, ist das nicht das Ende der Welt, aber die Schäden an Leib und Leben nehmen dann drastisch zu und verursachen Kosten, die wir irgendwann nicht mehr tragen können.

15 Jahre ist wenig.

Ja. Und wenn man jetzt einen Kohleausstieg für 2038 beschließt, ist das auch viel zu spät.

Was sagen Sie zum Parteiprogramm der AfD, nach dem sämtliche Vorhaben und Gesetze zum Klimaschutz zurückgerollt werden sollen?

Ich denke, die haben ihre Kinder nicht lieb. Die Mehrheit der Bevölkerung hat es längst eingesehen, dass wir ein Klimaproblem haben. Warum andere das ignorieren? Das hat etwas mit kognitiver Dissonanz zu tun. Manche wollen das nicht wahrhaben, es passt nicht in ihr Konzept. Wenn man sich mit Physik schlecht oder gar nicht auskennt, baut man sich ziemlich leicht ein wildes Fantasie-Konstrukt, mit dem man Wissenschaftler ins Abseits stellt.

Sind Politiker, die sich so was ausdenken, Opfer von Verschwörungstheorien?

Das weiß ich nicht. Ich vermute, bei der AfD gibt es parteipolitische Zielsetzungen, die besser erreicht werden können, wenn man das Thema Klimawandel einfach ignoriert. Aber dadurch wird’s nicht richtiger. Natürlich versuchen sie damit auch Wähler zu gewinnen. Ich kann nur raten, dass man sich physikalisch weiterbildet. Wenn man die Physik versteht, lassen sich die Erkenntnisse nicht negieren.

Wollen Sie Leute einfangen, die Sie als „Leugner“ bezeichnen?

Erfreulicherweise gibt es relativ wenige Leugner des Klimawandels, allerdings sind sie lautstark und werden auch gehört. Die sagen dann, sie sind „gegen den Mainstream“. Beim Klimawandel folgt der Mainstream aber sinnvollerweise der physikalischen Erkenntnis. Ich bin gerne bereit, mit Leuten, die diese Erkenntnisse negieren, zu sprechen. Ich habe aber auch gemerkt, dass das bei den wirklich eingefleischten Leugnern nicht funktioniert. Die sind resistent gegen jeden wissenschaftlichen Beitrag.

Wie zukunftssicher ist der Beruf Wettermoderator?

Wenn wir unseren Job gut machen, gibt es ihn vielleicht noch eine Weile. (lacht) Natürlich werden die Handy-Apps immer besser und immer mehr Leute nutzen sie. Die App liefert einem alle möglichen Werte, oft fehlt jedoch die Einordnung. Und die kann ich als Wettermoderator liefern.

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