Beleuchtung

A–Z Das Lichterspektakel in diesen Wochen ist hübsch anzusehen, schade nur, dass hier kaum Ziegen aus Stroh angezündet werden. Alles weitere beleuchten wir im Wochenlexikon

A

Anflugbefeuerung Wenn Sie bei einem Lichtermeer immer nur an den Weihnachtsbaum auf dem Marktplatz denken, fehlen Sie weit. Denn es gibt ein von der Jahreszeit unabhängiges Lichterspektakel, das ist die Anflugbefeuerung eines jeden Verkehrsflughafens. Diese Leithilfe zur sicheren Erreichung der Landebahn (Bar) kennt jeder von atmosphärischen Flughafenbildern – ausgenommen den BER, natürlich, da bleibt das Licht, erst mal, aus.

Diese Anflugbefeuerung ist also auch ein Ausweis von wirtschaftlicher Prosperität, denn wenn sie nachts aus ist, gibt es ein Nachtflugverbot. Das schmerzt den Kapitalismus sehr und sorgt für Cargo-Kurzstrecken von Frankfurt nach Köln/Bonn. Übrigens haben diese Befeuerungen einen Dimmschalter – je nach Wetterlage. Damit der Tower das beurteilen kann, gibt es eine Referenzlampe, die Richtung Tower zeigt. Wenn Sie also das nächste Mal abends das Licht dimmen, trimmen Sie Ihre Anflugbefeuerung in den Schlafmodus. Jan C. Behmann

B

Bar WÄRME! Woran mangelt es dem modernen Großstädter mehr? Erinnern Sie sich an die Zeiten, als Lounges und Bars in kühlem Blau ausgeleuchtet wurden, um die eiswürfelhafte Coolness der Besucher zu unterstreichen und, ja, um auch jede kleinste Hautunreinheit ins schlechteste Licht zu rücken? Heute glänzen Bars mit Hautschmeichellicht: Goldtöne lassen auch übernächtigte Barbesucher zauberhaft aussehen. Dafür sorgen kupferfarbene Lampenschirme oder schirmlose Vintageglühbirnen mit sichtbaren Fake-Glühfäden. Köln, Kopenhagen, Krakau: Cozy Industrial Chic, warmweiß ausgeleuchtet, garantiert hier wie da optimale Instagram-Snapshot-Bedingungen (Kunst). 3000 Kelvin für wohlige Wärme on spot und gegen Pickel.

Selbst Avocado-Toast leuchtet hier mit frisch gepresstem Orangensaft um die Wette. Marlen Hobrack

G

Gott war der erste Beleuchter, er ist gewissermaßen der Urvater aller Beleuchtung. „Es werde Licht“, sprach ER, und das wurde es denn auch endlich. Die Bibelstellen, in denen Gott und später sein Sohn als das Licht selbst gelten oder andere zum Licht erklären, sind Legion. Verwiesen werden muss unbedingt auf die Finsternis, ohne die das mit dem Licht nicht funktioniert. Der Gegenspieler Gottes, der Teufel, wird mal „Fürst der Finsternis“ und mal paradoxerweise „Träger des Lichts“, „Luzifer“, genannt. Es ist ein ewiges Hin und Her. Am Ende muss der Kampf zwischen Gott und dem Satan als Konkurrenz zwischen zwei „Leuchten“ oder gar Beleuchtern gedeutet werden.

Lange Zeit ging das so, bis dem blinden Glauben (Nebelkerze, Milchkaffee, Schwibbogen, Kunst) an Lichtgestalten energisch entgegengetreten wurde, weil er als finster galt. Der Zweifel, die Vernunft sollten düstere Unmündigkeit ersetzen, Gott und Hölle weichen. Auch diese Bewegung aber wollte nicht ohne Licht fahren: „Enlightenment“ (Erleuchtung) ist einer der Begriffe, der für Aufklärung steht. Magda Geisler

I

iPhone Eine der buchstäblich erhellenden Nebenerscheinungen der gewitzten portablen Telefonie sind die zu nächtlichen Stunden fahlblau illuminierten Gesichter bei ihrer Anwendung. Im Nachtbus oder auf den Heimwegen durch die Straßen werfen die Geräte einen bläulichen Schimmer auf die über sie gebeugten Antlitze. Erst dadurch wird sichtbar, in welchen fast schon channelartigen Zustand die Leute von diesen Geräten versetzt werden. Entrückt, hypnotisiert, ganz in die Imperative von Benutzeroberflächen vertieft – oder von ihnen beherrscht. Diese Aufhellungen sind auch schön. Im Film kommen sie sehr gut rüber. Sinnbild für den ständig auf Trab gehaltenen Homophonicus. Marc Ottiker

K

Kunst Schwer am Leuchten ist seit ein paar Jahren die „Lichtkunst“. Sie feiert Transzendenz und Augenblick – die LEDs (Neonröhre) laufen auf Hochtouren. Und die Leute wollen sie sehen, die Klassiker von James Turrell, Dan Flavin und Otto Piene – oder auch die Nachfolger wie Olafur Eliasson oder Christina Kubisch.

Warum Lichtkunst so gut ankommt? Sie verlangt wenig, ist einfach da. Die Menschen berauschen sich gerne an der physischen Faktizität des Lichts. Das schönste Werk der Lichtkunst hat Mario Merz schon 1968 geschaffen. In blauer Leuchtschrift fragte er schlicht „Che fare?“ – und machte aus einem Fragezeichen Kunst. Marc Peschke

L

Lampenladen Der Palast der Republik ist lange weg. Aber die Leuchtmittel aus Erichs Lampenladen sind noch nicht aus dem Gedächtnis erloschen.

In der Weimarer Mensa am Park ist jenes spezielle Lampensystem noch im Einsatz. Die damalige lichttechnische Neuentwicklung wurde neben dem Volkskammer- und Kulturhaus auf der Spreeinsel nur in der Uni-Mensa verbaut, die im November 1982 eröffnete. Im dortigen großen Saal ist das Beleuchtungssystem aus Stabgitter mit Kugelleuchten installiert. Nach der Wende sollte das Gebäude wie der Volkspalast in Berlin abgerissen werden. Sozialistische Spätmoderne passte nicht mehr zum Nimbus von Bauhaus und Klassik. Doch die Kampagne „Mensadebatte“ stellte sich den Plänen entgegen und schaffte das nur schwer Mögliche: die Öffentlichkeit für das unbequeme Denkmal zu gewinnen. Seit 2011 steht die Mensa unter Denkmalschutz. Tobias Prüwer

M

Milchkaffee „Mehr Licht“ sollen, so schreibt es sein behandelnder Arzt, die letzten Worte Johann Wolfgang von Goethes gewesen sein, „dem Finsternis in jeder Beziehung stets verhasst war“. Das war von Beginn an bloßes Hörensagen; Goethes Leibarzt Vogel hatte ja, wie er selbst berichtete, „das Sterbezimmer auf einen Moment verlassen“ (iPhone), als die letzten Worte fielen. Und selbst wenn sie so gelautet haben sollten, so blieben sie doch lange rätselhaft. Ist das Frankfurterisch und meint „Mer liecht hier so unbequem“?

Erst 1908 lieferten Egon Friedell und Alfred Polgar in ihrem Sketch „Goethe – Groteske in 2 Bildern“, laut Selbstauskunft eines der „meistgespielten Werke der dramatischen Weltliteratur“, die letztgültige Deutung: „Professor (scharf): Was waren Goethes letzte Worte?“ „Goethe: No, Milch hat er gewollt.“ „W-a-as? Ich verstehe immer Milch.“ „No ja, Milch in sein Kaffee, weil er ihm zu dunkel war. Und da hat er gesacht: mehr Licht!“ Pepe Egger

N

Nebelkerze Nebelkerzen werfen, nennt man rhetorische Ablenkungsmanöver. Man wechselt mehr oder weniger elegant das Thema. In letzter Zeit konnte man das besonders gut immer wieder bei der AfD beobachten. Als Nebelkerze in Person agierte Horst Seehofer, der ein Jahr lang als Innenminister nur tat, was er für die Bayernwahl als nützlich erachtete. Doch wo Schatten liegt, ist auch Licht (Gott). So finden sich in der Rhetorik viele Lichtbeispiele. „Es ist unser Licht, nicht unsere Dunkelheit, das wir am meisten fürchten“, meinte etwa Nelson Mandela. Immer wieder beschwören Politiker, „Licht in die Sache!“ zu bringen, oder gleich „brutalst mögliche Aufklärung“ (Zwielicht). Gegen die Vernebelung des Verstandes gab sich eine philosophische Bewegung einen leuchtend programmatischen Namen: die Aufklärung, englisch: Enlightenment. Tobias Prüwer

Neonröhre Was für Schauwerbegestalter ein unersetzbarer Teil ihrer Beleuchtungsarbeit, ist für manchen Mieter ein scheinbar zweckdienlicher Kauf. Sie lässt große Flächen schattenfrei erstrahlen (Kunst), sie blinkt bei Bedarf rhythmisch, nur flackern, das sollte die Neonröhre nicht. Was aber in einer Schauwerbung nötig ist, muss in heimischen Gefilden noch lange nicht schön sein. Und so stellt sich die Frage, warum sich einer um Himmels willen kreisrunde Neonröhren in die Küche hängt. Pragmatismus der reinen Sorte? Vernunft wider jedwede Ästhetik? Oder aber der Wunsch, in dunklen Zeiten einfach ein leuchtendes Mittel per Knopfdruck einschalten zu können?

In Mercedes Lauensteins Debüt Nachts (Aufbau, 2015) besucht die Protagonistin in der Dunkelheit wildfremde Menschen. Vielleicht hätte sie mal nach der Entscheidungsgrundlage für kreisrunde Neonröhren fragen sollen. Jan C. Behmann

P

Palast Ceausescus unverschämter Parlamentspalast in Bukarest ist das zweitgrößte Gebäude nach dem Pentagon. Der größenwahnsinnige Arbeiterführerdiktator, Bauernsohn und gelernter Schuhmacher wollte sich ein adäquates Denkmal (Lampenladen) setzen lassen. Dafür musste eine Wohnsiedlung mit 40.000 Menschen weichen, die zuvor ein schweres Erdbeben weitgehend unbeschadet überstanden hatte. Die geologische Sicherheit des Ortes war bewiesen.

In mehr als dreitausend Räumen hängen 480 Kronleuchter, wurden 150.000 Glühlampen verschraubt. Die Stromrechnung betrug 2008 rund 1,7 Mio. Euro. Alles vom rumänischen Steuerzahler finanziert, versteht sich. Elke Allenstein

S

Schwibbogen Eine Serviceleistung unseres A – Z ist, dass wir ab und an skurrile Wörter aus anderen Ländern vorstellen. Diese Woche muss ich passen: Ich habe keine Ahnung, wie das schwedische Wort für die Lichterbögen lautet, die man dort in der Adventszeit in alle Fenster stellt (dafür ein Funfact: Hardcore-Dekorateur*innen holen dazu außerdem die Weihnachtsgardinen aus der Truhe). Gelernt habe ich in Schweden, wie das deutsche Pendant aus dem Erzgebirge heißt: Schwibbogen. Meine schwedischen Freundinnen fanden das Wort so toll, dass sie es auch benutzten. Einmal schwebte mir ein Exemplar nachts auf einer Straße entgegen: Ein Autofahrer hatte es auf sein Armaturenbrett gestellt. Überhaupt geben die Schweden im Winter alles für mehr Licht (➝ Milchkaffee): In Gävle wird alljährlich der Julbock aufgestellt, eine riesige Ziege aus Stroh, und alle warten nur darauf (wetten kann man illegal auch), ob jemand es schafft, sie vor Weihnachten in Flammen aufgehen zu lassen. Christine Käppeler

Z

Zwielicht Ostberliner Erdgeschosswohnung, 1982 / innen / Nacht. Das Kind kann nicht schlafen, es steht am Fenster und schaut in den Schneeregen hinaus. Alles Weinen hat nichts genützt. Das Kind darf heute nicht bei Mama im Bett schlafen. Die vierspurige Ausfallstraße heißt „Allee“, aber hier wächst weder Busch noch Baum. Gegenüber schippt ein Mann einen Kohleberg in den Keller eines der grauen Häuser. Ein Auto fährt langsam durch den Schneematsch. Das Licht der Peitschenmasten durchleuchtet gelblich den Nebel. Ein einsamer Passant mit Schiebermütze und Lederjacke trotzt dem Wetter. Es ist der Mann, der nicht will, dass das Kind ihn Papa nennt. Dann klopft es leise an der Wohnungstür.

Morgens kommt das Kind zu spät zur Schule. Mama hat den Wecker nicht gehört. Papa ist wieder fort. Das Zwielicht ist geblieben. Ruth Herzberg

06:00 16.12.2018
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