Bellt und beißt

Streaming Die Serie „Liebe und Anarchie“ erzählt von einer lauten Heldin im leicht frivolen Lebensstrudel

Stell dir vor, spottet Sofie beim Abendbrot mit ihrem Mann Johan und den beiden Kindern, dieser Verlag, den ich gerade beraten muss, der hat seine Verträge noch auf Papier! Denn Lund & Lagerstedt ist zwar ein renommiertes Literaturhaus – aber dabei ein analoges Fossil. Dessen Chef, der hilflos-euphorische Ronny, hat darum die Beraterin und Geschäftsentwicklerin Sofie eingestellt – sie soll dem strampelnden Laden endlich beim Sprung ins „digitale Zeitalter“ helfen.

Das ist der Rahmen, den die Serienmacherin und Autorin Lisa Langseth sich für ihre Heldin ausgedacht hat: eine erfolgreiche Frau Mitte 30 gegen einen verschnarchten Literaturbetrieb. Der auch schon mal, als ob #Metoo nicht gerade in Schweden Monsterwellen geschlagen hätte, einen Autor im Verlagsprogramm behält, obwohl er einer anderen Klientin Dickpics geschickt hat: „Wir müssen an unsere PR denken“, lautet Sofies lakonischer Kommentar.

Aber es geht Langseth nur am Rande um den Ärger mit Digital Immigrants, die „Ich brauche keine Apps!“ murmeln. Der Kern der Erzählung, das macht Sofies exzessives Masturbationsverhalten klar – sie reagiert auf Stress oder Langeweile mit heimlichen, schnellen Selbstliebenummern zu Handy-Porn –, dreht sich um Triebe: Es ist die alte Frage, was einen Menschen antreibt. Denn Sofie ist, trotz beruflichen Erfolgs und privater Erfüllung, trotz des großen, schnieken Hauses, das sie mit ihrer Familie bewohnt, in vielerlei Hinsicht unzufrieden. Das stellt sie fest, als der junge, schlaksige Max, der IT-Techniker der Firma, sie eines Abends beim Onanieren beobachtet, ein Handyfoto davon macht – und ihr anbietet, das Bild gegen ein gemeinsames Essen zu löschen. Aus dem eh bereits leicht frivolen Erpressungsversuch entsteht ein ebensolches Spiel: Sofie und Max weisen sich gegenseitig Aufgaben zu, die sie erfüllen müssen. Mal soll Sofie sich zur Arbeit anziehen wie Cindy Lauper, mal soll Max sich einen Tag verhalten wie der Geschäftsführer: Wie in einer schmerzfreien und zunächst völlig unkörperlichen SM-Beziehung genießen beide Beteiligten den akzeptierten Zwang und die damit verbundene Aufmerksamkeit des anderen. Dass sowohl persönlich als auch professionell aus einem solchen Verhalten schnell Katastrophen erwachsen können, ist klar ...

Love & Anarchy, benannt nach einem Roman, den die einst noch ganz anders ambitionierte Sofie vor Jahren begann, lässt viele der Offensichtlichkeiten – den Altersunterschied, die unterschiedliche finanzielle und familiäre Situation – angenehm unausgesprochen. Es ist quasi reiner Zufall, dass gerade diese beiden Menschen entdecken, was ihnen fehlt: der Ausbruch aus einer für das Publikum zunächst nur schwer greifbaren Enge. Denn geht es der erfolgreichen, energetischen Sofie nicht eigentlich wunderbar? Und ist Max, mit seiner Kumpel-WG und seinen leichterhand abgefertigten Frauengeschichten, nicht ein absolut hedonistischer junger Mann?

Die Tochter mag kein TikTok

Langseths Dilemma schwelt daher sehr leise, peu à peu sickert es in die Geschichte ein. Auch das zuweilen angespannte Verhältnis zwischen Sofie und ihrem Vater Lars gehört dazu – seine kapitalismus- und systemkritischen Ideen stoßen vor allem bei Sofies zwölfjähriger Tochter Isabell auf offene Ohren. In einer kurzen Szene fragt die moderne Sofie die vom Opa angestachelte Leseratte Isabell, wieso sie nicht Tiktok auf ihr Handy laden will. Isabell reagiert mit einem genervten Blick zu zwei Schulkameradinnen, die gerade eine typische Teenie-Tanz-Choreo für Tiktok einüben und dabei gackern wie die Hühner.

Beiläufig gewinnt die achtteilige Serie zunehmend an Dramatik, bleibt dabei aber immer mit einem Bein in der Komik – auch dank der (manchmal grenzwertig) lauten Hauptdarstellerin Ida Engvoll, die Sofie zu einer schillernden, bewusst oberflächlichen Person macht: Im Gegensatz zum langjährigen Lektor Friedrich mit seiner sympathisch stramm-altlinken Weltanschauung wechselt Sofie ihre moralischen und beruflichen Werte wie ihre Pullover. Damit stellt die Serie lässig diesbezügliche Fragen zur Debatte: Darf man den Gewinn über die Tradition stellen? Muss man das sogar, um die künstlerische Freiheit zu erhalten? Darf man als verheiratete Frau mit einem Kollegen flirten, darf man gar mit ihm ins Bett? Oder muss man auch einem Ehemann die Treue halten, der einen nicht wirklich – im symbolischen Sinne – erkennt?

Es wird viel und authentisch durcheinandergeredet in Love & Anarchy – echte „Anarchie“ herrscht dennoch nie. Doch die Lust an der Lust, am Sichvergessen, am Unerwarteten, und die Langeweile einer privilegierten Gruppe von Mittelklasse-Schwed*innen führen irgendwann zu quasi-anarchistischen Zuständen: An einem Punkt werden unwissentlich Drogen konsumiert und man blamiert sich kollektiv im öffentlichen Zusammenhang (Buchmesse!!!). Dass das alles beileibe keine neuen Ideen sind, dass Langseths im Alleingang geschriebene und inszenierte Serie zudem manchmal zu viel auf die Dialog-ebene packt, nicht klischeefrei ist und einige Nebenfiguren (etwa eine lesbische Autorin, die mit feministischen Lehrbuchsprüchen um sich wirft) zu einseitig malt, beeinträchtigt das Vergnügen wenig. In all ihrer ausgestellten Großmäuligkeit steckt in der Serie erstaunlich viel Subtilität. Man könnte auch sagen: Sie bellt – und beißt trotzdem.

Info

Liebe und Anarchie Lisa Langseth Schweden 2020, 8 Folgen, Netflix

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06:00 02.01.2021

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