Ben Kader

Kehrseite I Später einmal werden wir auf einen schwarzen Bildschirm starren, und alle paar Sekunden wird ein Bild aufblitzen, und wir werden einen Streifen ...

Später einmal werden wir auf einen schwarzen Bildschirm starren, und alle paar Sekunden wird ein Bild aufblitzen, und wir werden einen Streifen blauen Himmel erhaschen und einen Wolkenkratzer und noch etwas, das wir nicht deutlich erkennen können, weil es zu schnell geht oder unser Auge zu träge ist, und dazu werden wir einem Getöse lauschen, diffusem Straßenlärm, aus dem manchmal ein Ausruf herauszuhören ist, mein Gott, oh mein Gott, auf Englisch, eine gepresste Stimme wie aus dem Radio oder einem Telefon, jedenfalls sehr authentisch, und nach einer Weile werden wir einen dumpfen Schlag vernehmen, eine Faust, die auf eine Daunendecke niedersaust, oder ein Zementsack, der zu Boden plumpst, oder der Aufprall eines Körpers, und das wird sich ständig wiederholen, dieses verstörende Geräusch, während wir in den Fernseher hineinstarren, wo die meiste Zeit gar kein Bild ist, nur Schwärze, flimmerndes Nichts, und wir selbst der Tonspur ausgeliefert, unser Auge, unser liebster Sinn, ohnmächtig, ganz dem Hörsinn überlassen, den Schwingungen eines Schlags und des Ausrufs, mein Gott, oh mein Gott, darüber die wilden Lärmbewegungen, weißes Rauschen, und trotzdem werden wir vor dem schwarzen Bildschirm ausharren wie vor einem Totem, denn er wird uns immer wieder ein Zeichen geben, das flüchtige Aufblitzen, der blaue Himmel, der Wolkenkratzer und dieses Etwas, das unkenntlich bleibt, jedes Mal unserem Verstand entwischt, unser Auge verhöhnt, unsere Fantasie dazu verführt, es anschaulich zu machen, ein Bild zu entwerfen, Sinn herzustellen, wo weder Bild noch Sinn ist, nur ein blinder Fleck, ein mattes Quadrat, auf dem im nächsten Moment wieder das grelle Bild zuckt, ein Blitzlicht auf den blauen Himmel, den Wolkenkratzer und dieses Etwas, das wir nie ganz erfassen werden, was mit der Zeit ein Gefühl von Vergeblichkeit weckt, aber auch Beklemmung, unsere Fantasie schäumt über, der Verstand stottert, und schließlich möchten wir nur noch wegsehen, weghören, das Ganze ausschalten, aber dazu fehlt uns die Fernbedienung.

Daniel Goetsch wurde 1968 in Zürich geboren, nach Aspartam (1999) und X (2004) ist Ben Kader sein dritter Roman. Auszug aus dem gleichnamigen Roman, der im August im Bilgerverlag Zürich erschienen ist.


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00:00 29.09.2006

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