Benes und Milosevic

Deutschland/Tschechien Eine Debatte zwischen Václav Havel und Antje Vollmer zeigt, wie Brücken der Verständigung verloren gehen können

Die Geschichte den Historikern überlassen. Diese Selbstbeschränkung war 1997 das ebenso weise wie illusorische Credo der deutsch-tschechischen Erklärung. Illusorisch, weil Geschichte Grundlage des Selbstverständnisses der Gegenwart und Geschichtspolitik mithin Zukunftspolitik ist. Und wer könnte darauf verzichten. Prompt steht denn auch der deutsch-tschechische Konsens der Selbstbeschränkung wieder zur Disposition. Wer daran Schuld sei, darüber wird heftig gestritten. Unzweifelhaft aber ist, dass die Debatte über die sogenannten Benes-Dekrete eine gespenstische Schließung der nationalen Reihen verursacht hat. Gespenstisch und beunruhigend nicht so sehr deshalb, weil die sich jeweils "radikal" schimpfenden politischen Kräfte das rhetorische Sperrfeuer intensiviert haben. Auf tschechischer Seite hat das Parlament im April - erstmals seit 1989 unter Einschluss der KP Böhmens und Mährens (KSCM) - einstimmig eine Erklärung verabschiedet, in der "Versuche, Fragen wieder aufzugreifen, die mit dem Ende und den Ergebnissen des Zweiten Weltkriegs zusammenhängen" zurückgewiesen werden. Die Abgeordneten der beiden großen Parteien, der sozialdemokratischen CSSD und der nationalliberalen ODS, hatten sich während der Sitzung mit T-Shirts geschmückt, die eine Linde, das tschechische Nationalsymbol, sowie eine Karte der Republik zierten, in der die 1938 als Reichsgau Sudetenland von Hitler annektierten Gebiete rot markiert und die 1945 offiziell getilgten deutschen Städtenamen symbolisch durchgestrichen waren.

Tatsächlich gespenstisch aber ist, wenn zwei Politiker, die sich seit 1990 große Verdienste um die tschechisch-deutsche Verständigung erworben haben - Tschechiens Präsident Václav Havel und die Vizepräsidentin des Bundestags Antje Vollmer -, heute wieder vor einem nahezu unüberbrückbaren Graben zu stehen scheinen. Artikel von Havel und Vollmer über die Figur des ehemaligen tschechoslowakischen Staatspräsidenten Edvard Benes in der Neuen Zürcher Zeitung (*) - also einem Forum, das weit mehr Differenzierung zulässt als das übliche Fernsehinterview - zeigen nicht nur diese Gräben auf, sie lassen auch den Schluss zu, welche Seite hinter einen tatsächlichen oder eben nur vermeintlichen Konsens zurückgefallen ist. Die Antwort fällt eindeutig zuungunsten Vollmers aus.

Havel benennt tschechische Schuld und Schuldige für die administrative Aussiedelung nahezu aller Deutschen aus der Tschechoslowakei, so wie er es seit 1989 des öfteren getan hat - wenn er auch diesmal etwas einseitig die aktive Rolle "den Kommunisten" und Benes eher die passive des Zurückweichenden zuweist. Zu Recht aber rückt Havel die offen benannte "Kapitulation vor dem Bösen" in den historischen Kontext des Münchener Abkommens, ohne sie damit zu entschuldigen. Edvard Benes und mit ihm die ganze Tschechoslowakei werden vor dem Hintergrund der gesamteuropäischen Zustände seit Mitte der dreißiger Jahre gesehen. Ein Jahrzehnt, in dem die Tschechoslowakei als einzig demokratischer Staat in Mittel- und Osteuropa Schritt für Schritt zunächst in seinem politischen System, sodann in seiner territorialen Integrität, schließlich in seiner Existenz von außen zerstört wurde. Havel bleibt frei von fruchtloser Schuldzuweisung, die - indem sie zeitliche und kausale Zusammenhänge herstellt - Schuld verlagert.

Vollmer hingegen antwortet Havel in kontextloser und fataler Zweideutigkeit. So spricht sie davon, Benes sei "seit seinem Leben im Exil" von der "Idee eines ethnisch homogenen Nationalstaats getrieben gewesen". Von welchem Exil ist hier die Rede? Dem zwischen 1915 und 1918 in Paris, als Benes das tschechische Auslandskomitee leitete? Oder dem zwischen 1939 und 1945 in London, als er die tschechoslowakische Exilregierung führte. Dies ist ein Unterschied ums Ganze. Im ersten Fall wird impliziert, Benes, dem Havel zu Recht zuschreibt, "die besten Traditionen unseres Kontinents" zu verkörpern, habe in seiner Zeit als Außenminister von 1918-1935 und anschließend bis zu seinem zweiten Exil als Staatspräsident auf die Zerstörung der multinationalen Tschechoslowakei und die Unterdrückung der Deutschen hingearbeitet. Dies entspricht genau der damaligen Propaganda der NSDAP wie der Sudetendeutschen Heimatfront. Das kann Frau Vollmer, die sich bis heute für ein Verständnis der tschechischen Position einsetzt, nicht gemeint haben. Problematisch bleibt diese Geschichtsvergessenheit dennoch. Leider kommt es im Verlaufe des Artikels noch schlimmer. Wenn sie die Tschechoslowakei nach dem Ersten Weltkrieg mit dem von Benedict Anderson entwickelten Konzept der "imaginierten Gemeinschaft" beschreibt, dieses Konzept aber als Ursache für die abschätzig als "Zerfall Europas in zahlreiche Einzel- und Zwergstaaten" bezeichneten Staatsgründungen sieht, dann stellt sie die Legitimität der Tschechoslowakei ebenso wie die aller im 20. Jahrhundert entstandenen und in Zukunft neu entstehenden Staaten in Frage. Dies wäre eine Wende im Denken der grünen links-liberalen Politikerin, für die das Attribut ultrakonservativ zu harmlos und die Bezeichnung revisionistisch eher angebracht erschiene. Sie bewegt sich auf dem Terrain von Friedrich Naumann, dessen Liberalismus 1917 mit der Vorstellung von einem "Mitteleuropa" unter deutscher Vorherrschaft vereinbar war. Edvard Benes` Denken und Handeln sei geprägt gewesen von einem "politischen Phantasma" - ein Begriff, den Vollmer später in wörtlicher Gleichsetzung auf den Zerfall Jugoslawiens anwendet und damit verklausuliert das tut, was andere offen aussprechen: Benes mit Slobodan Milosevic gleichsetzen und obendrauf beide mit Woodrow Wilson. Das tatsächliche Phantasma der imperialen Beherrschung unter kaum verschleiertem, nationalem großdeutschem Vorzeichen aber erwähnt sie nicht.

(*) Ausgaben vom 19.4.2002 und 12.5.2002

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00:00 05.07.2002

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