Bengalische Lichter blitzten in der Abenddämmerung

Mexiko Ein neues Memorial erinnert an das Blutbad von Tlatelolco vor fast 40 Jahren

Leuchtend grünes Gras wächst zwischen den graubraunen Ruinen, die Grundrisse der aztekischen Tempelanlage erahnen lassen und jedes Jahr ein paar Zentimeter weiter in den weichen Boden sinken. Daneben erstreckt sich ein weitläufiges Betonquadrat, flankiert von graugelben Wohnsilos der Siebzigerjahre-Moderne. An der anderen Seite steht die malerische Barockkirche, erbaut aus genau demselben Stein wie die Tempelreste im Gras.

Tlatelolco, wie der Platz der drei Kulturen auf altmexikanisch heißt, ist kein Platz für Flaneure, er liegt abseits aller städtischen Routen. Nur Anwohner nutzen die freie Fläche: Ein Jogger dreht seine Runden, Kinder üben Fahrradfahren. Besucher von außerhalb verirren sich selten auf die karge Plaza nördlich der Altstadt, die so manche Katastrophe der mexikanischen Geschichte sah: die Niederlage des Aztekenkriegers Cuauhtémoc, der hier die letzte Schlacht gegen die Spanier verlor. Oder das verheerende Erdbeben von 1985, das ein ganzes Hochhaus einstürzen ließ und Tausende unter sich begrub. Vor allem aber ist der Name Tlatelolco mit einem Massenmord verbunden, begangen an einem Oktoberabend des Jahres 1968, als Soldaten eine friedliche Kundgebung zusammenschossen.

Für die Toten haben 68er-Veteranen schon vor Jahren auf der Plaza einen Gedenkstein errichten lassen - darin eingraviert 22 Namen von "Gefallenen". Fast immer liegen ein paar frische Blumen oder welke Blüten an seinem Sockel. Doch die Gedenktafel ist toter Stein, kein Ort, der Wärme oder Bilder entstehen lässt. Um Bilder der Erinnerung geht es nun an einem neuen Ort, der Ende Oktober im Erdgeschoss des ehemaligen Außenministeriums eröffnet wurde - im Memorial für 68. Aber lässt sich einer Revolte "gedenken"? Eine Bewegung ins Museum verfrachten?

Warum denn nicht, entgegnet der Leiter des Memorials, der Ethnologe Sergio Raúl Arroyo. Dabei wolle man weg von "den nekrologischen Konnotationen" eines Mahnmals und hin zu einem "aktiven Erinnern". Im mexikanischen Gedächtnisspeicher schnurre die Chiffre "68" meist auf jenen 2. Oktober zusammen, als einem Protest ein jähes und brutales Ende gesetzt wurde. Hier aber gehe es einmal nicht um die Chronik einer Niederlage, sondern um den "enormen libertären Geist" jener Zeit, der auch in Mexiko die Lebenswelten in Politik und Alltag revolutioniert habe. 1968, das sei mehr als nur linke Geschichte, eher so etwas wie patrimonio cultural, nationales Kulturerbe.

Was eigentlich ist geschehen, damals vor fast 40 Jahren? Mexikos Wirtschaft boomte, die Gesellschaft kam Ende der sechziger Jahre allerorten in Bewegung, Pop- und Subkulturen schwappten in die Städte. Politisch aber blieb die seit 1917 "Institutionalisierte Revolution" wie versteinert. Eine zunehmend autistische Regierung glaubte das Land von kommunistischen Verschwörern bedroht - und schlug entsprechend um sich. Die Olympischen Spiele standen vor der Tür, jede Unruhe auf den Straßen galt als Störfaktor, also wurden die Demonstrierenden mit bis dahin nie gesehener Härte attackiert. Es war ein kurzer, heftiger Sommer der Rebellion, kleine studentische Cliquen schwollen angesichts der blindwütigen Repression binnen weniger Wochen zu einer Massenbewegung an.

"Die Leute sind aus ihren Büros gekommen und haben applaudiert", erinnert sich Arroyo, der damals gerade elf Jahre war, an den riesigen Schweigemarsch, bei dem fast eine halbe Million Menschen mit Fackeln durch das Stadtzentrum zogen. Professoren und Eltern unterstützten ihre Schützlinge, Arbeiter solidarisierten sich trotz der Staatsgewerkschaften. Zwar war der Campus das Epizentrum der Revolte, sämtliche Universitäten wurden bestreikt, genau 123 Tage lang. Die streikenden Studierenden aber, so schrieb später Octavio Paz, beileibe kein Dichter der Linken, wurden "zu Sprechern des Volkes: nicht der einen oder anderen Klasse, sondern des allgemeinen Bewusstseins". Der Krimiautor Paco Ignacio Taibo II beschreibt jene "magischen vier Monate" noch heute mit Staunen: "Wir waren eine Studentenbewegung, die keine einzige studentische Forderung erhob." Dabei war von einem gewaltsamen Umsturz so gut wie nie die Rede, man verlangte die Freilassung der politischen Gefangenen und einen "öffentlichen Dialog" mit dem Staatschef. Der autoritäre Konsens geriet ins Wanken, die Zeichen standen auf Sturm.

Drei bengalische Lichter blitzten in der Abenddämmerung - damit beginnt noch jede Erzählung über das Massaker von Tlatelolco und bezieht sich auf die von Helikoptern abgeworfenen Leuchtpetarden. An die 150.000 Studenten hatten sich an jenem 2. Oktober neben dem Ruinenteppich zusammengefunden, soeben hatte man beschlossen, die Versammlung aufzulösen, um "Provokationen zu vermeiden". Doch dann kamen die grünen Lichtblitze und mit ihnen die Schüsse. Zwei Stunden lang wurde in die panische Menge hineingeschossen, mal als endlosen Rattern, mal vereinzelt, von überall her. Alles rannte, suchte Zuflucht in Hauseingängen, klopfte an die Kirchenpforte - vergeblich. "Schlimmer als jedes Bombardement, das ich in Vietnam gesehen habe", schrieb die Journalistin Oriana Fallaci, die selber angeschossen wurde, später. "Dort hat es wenigstens immer irgendeinen Unterschlupf gegeben."

Noch bis in die Nachtstunden durchkämmten Militärs jedes Stockwerk der umliegenden Wohnblocks auf der Suche nach den Studentenführern. An die 2.000 wurden in jeder Nacht festgenommen, viele von ihnen misshandelt, einige hundert verschwanden für Jahre im Gefängnis. Unzählige wurden bei der Flucht verletzt, mit Schusswunden im Rücken, im Nacken oder im Gesäß. Die genaue Zahl der Toten ist bis heute ein Rätsel. Anfangs war von bis zu 1.000 die Rede, bis vor kurzem noch von 250. Doch bislang konnten nur 39 Ermordete namentlich ermittelt werden - mehr als auf der Gedenktafel, doch weniger als lange geglaubt. Für den Schiessbefehl von Tlatelolco ist bis heute kein einziger - kein Politiker und kein General - hinter Gittern gelandet.

Doch ´68 in Mexiko ist mehr als Mord und Totschlag. Dass es ein Vorher und auch ein Nachher gab, wird in dem Rundgang durch das Memorial deutlich. Eine psychodelisch anmutende Animation zu Beginn nimmt die mexikanischen Sixties als Kreuzungspunkt grenzüberschreitender Kulturbewegungen in den Blick - eine für Mexiko ungewöhnlich "globale" Perspektive. Fidel Castro und Janis Joplin, Angela Davis, Andy Warhol, Mao und die mexikanische Schamanin Maria Sabina - die Bilder wirbeln durcheinander, dazwischen sieht man toupierte Mexikanerinnen im Minirock, ein Transparent Prohibido prohibir (Verbieten verboten), über allem schwebt "Lucy in the sky".

Eine minimalistische Museographie aus Fotografien und Bildschirmen, die ohne alle naturalistische Nachbildung auskommt, zeichnet nach, wie die Funken aus aller Welt auch in Mexiko Brände legten. Den Rahmen steckt eine Chronologie jener Monate ab, die von den ersten Zusammenstößen mit der Polizei Ende Juli bis zur Auflösung des Streikrats Anfang Dezember 1968 reicht. Doch was zu sehen und zu hören ist, geht über historische oder nostalgische Rückblicke hinaus - und auch über Mexiko. Das Herzstück des Memorials bilden Fragmente aus fast 60 Gesprächen mit ehemaligen Protagonisten der Revolte, gefilmt und präzise editiert von dem Regisseur Nicolas Echeverria. Deren Lebenswege sind hier nicht minder verschlungen verlaufen als anderswo: Sie sind heute Filmemacher, Funktionäre oder Literaten, arbeiten in den Medien oder den Universitäten, politisch beheimatet im Establishment, in linken Parteien oder unabhängigen Gruppen, etwa im hochaktiven "68er-Komitee". Zu Wort kommen wie meistens mehrheitlich graumelierte Männer, wenig weibliche Stimmen, darunter einige Witwen und Töchter, noch weniger Feministinnen, wie die Autorin und Publizistin Marta Lamas. Und das, obwohl auch in Mexiko zweifellos das Miteinander der Geschlechter als tiefgreifende kulturelle "Revolution" empfunden wird.

Aber es ist eben kein linearer, sondern ein verzweigter, widersprüchlicher Diskurs, der aus den immer wieder gegeneinander montierten Filmfragmenten spricht. Etwa zur Frage, ob ´68 der Startschuss für eine Demokratisierung gewesen sei - oder ein letztes Aufbäumen der Utopie, mehr anarchistisch als reformdemokratisch geprägt. "Ein revolutionärer Schwanengesang", wie der ehemalige Aktivist Marcelino Perelló glaubt. Für Sergio Raúl Arroyo ist der Aufstand "gegen die Mentalität des Autoritarismus" hingegen durchaus erfolgreich gewesen. Gesiegt habe die "Pluralität über die Homogenität", davon zeugen heute Gay-Gruppen wie unabhängige Gewerkschaften, Bauern- wie Bürgerbewegungen, eine Kunstszene, die ohne "nationalkulturelles" Pathos auskommt. All das sei zu verteidigen gegen jene neuen Konservativen, die - in Mexiko ebenso wie im restaurativ gewendeten Frankreich - 68 als politische Erblast und "Zeit der Ressentiments" entsorgen wollten.

Was genau das Museum mobilisiert, bleibt abzuwarten. Die Eröffnungszeremonie geriet zum Treffen der aufgeklärten Kultur- und Politelite der Hauptstadt. Es sprach Elena Poniatowska, die wohl bekannteste 68er Autorin (Die Nacht von Tlatelolco), es gab ein paar gereckte Fäuste, Tränen der Rührung, eine Schweigeminute. Zu den Klängen von Imagine schritten die Würdenträger - darunter Bürgermeister Marcelo Ebrard und der Schirmherr des Projekts, der UNAM-Rektor Juan Ramón de la Fuente - den Rundgang ab. Dieser offiziöse Tenor wurde noch in der gleichen Nacht von einem bemerkenswert radikalen Statement unterlaufen. Der Konzeptkünstler Santiago Sierra, von der Universitätsverwaltung mit einer Performance zum Thema beauftragt, ließ die Namen aller offiziell dokumentierten Todesopfer der Staatsgewalt seit jenem 2. Oktober 1968 recherchieren - und zwar bis heute. Herausgekommen ist eine Liste von 1.548 Opfern politisch motivierter Morde, die in einer Marathonperformance verlesen wurden. Sierra, der in Spanien geboren aber seit mehr als 20 Jahren in Mexiko zuhause ist, sagte, das Land erinnere ihn zuweilen an den Film Poltergeist: In einem Haus sei angeblich alles in Ordnung, und dann geschehen auf einmal diese viele schrecklichen Dinge - schließlich stellt sich heraus, dass das Haus auf einem indigenen Friedhof errichtet wurde. Ob man nun die einst massakrierten Azteken, die pervertierte Revolution oder den globalen Kick der Revolte für den Aufruhr vor fast 40 Jahren verantwortlich macht: Die Geister von 1968 sind in Tlatelolco zu neuem Leben erweckt. Und nicht nur die der Toten.

2 cellpadding=10 cellspacing=2> Massaker vor Olympia

Mexiko 1968
Präsident: Gustavo Díaz (PRI)
Innenminister: Luis Echeverría
(PRI/Präsident 1970 - 1976)

Am 12. Oktober sollen die Olympischen Sommerspiele eröffnet werden, doch seit Anfang September haben Ausläufer der 68er-Revolte in Westeuropa auch Mexiko erreicht. Es geht um die Allmacht der regierenden PRI, Korruption und Paternalismus. Universitäten werden besetzt. Am 2. Oktober kommen etwa 150.000 Menschen im Stadtteil Tlatelolco zusammen.

Offizielle Version
Die Regierung erklärte nach dem Massaker vom 2. Oktober: Sie trage keine Schuld. Studenten hätten aus einem Gebäude in Tlatelolco, in dem sich der damalige Streikrat befand, das Feuer auf die Armee und die Menge eröffnet. Daraufhin habe das Militär eingegriffen, um die öffentliche Ordnung wiederherzustellen.

Die Opfer
Der britische Guardian spricht am 4. Oktober 1968 von 325 Toten, die US-Botschaft von 150 bis 200, unabhängige Historiker nennen 800 bis 1.000 Tote. Die genaue Zahl wird nie ermittelt. Tatsache ist: Über 10.000 Militärs hatten einen Ring um den Ort des Geschehens gezogen, sogar Artillerie in Stellung gebracht. Es kam niemand mehr heraus.

Batallón Olimpia
Paramilitärs, die direkt dem Innenminister unterstanden. Sie hatten für den Olympischen Frieden zu sorgen und trugen stets einen weißen Handschuh. Bei den Razzien des Bataillons nach dem 2. Oktober 1968 wurde Hunderte von Studentenführer verhaftet und blieben teilweise für immer verschwanden. Das Batallón Olimpia war für seinen Befehl berüchtigt: "Sofort auf den Boden! Wer den Kopf hebt, den holt der Teufel!"

00:00 07.12.2007

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