Benzinraub und Inferno

Mexiko Die Pipeline-Katastrophe wird zur ersten Bewährungsprobe für den neuen Präsidenten López Obrador
Benzinraub und Inferno
85 Menschen starben nahe Tlahuelilpan

Foto: Hector Vivas/Getty Images

Es ist eines der vielen endemischen „Sprachgewächse“ in Mexiko – „Huachicol“ oder auch „Huachacol“. Ursprünglich war damit gepanschter Tequila oder einfach etwas „Falsches“ oder „Verbotenes“ gemeint. Seit längerem bezeichnet dieses Wort das „Anzapfen“ oder „Melken“ von Treibstoff-Pipelines. Im Moment überflutet es die mexikanischen Medien, erst recht nach dem Inferno in der Nähe der Kleinstadt Tlahuelilpan, gut 100 Kilometer nördlich von Mexiko-Stadt. Dort hatten vor Tagen Hunderte versucht, sich mit Kanistern und Eimern an einer angezapften Benzinleitung illegal mit Treibstoff zu versorgen. Als es zu einer Explosion kam und die Pipeline in Brand geriet, starben 85 Menschen, wie Gesundheitsminister Jorge Alcocer zu Wochenbeginn bekanntgab.

Am 13. Januar hatte es in der Zeitung La Jornada die Schlagzeile „Operation Anti-Huachicol in Hidalgo“ gegeben: „Ein Toter, drei Soldaten entführt“. Was war geschehen? In Santa Ana, einem Dorf im Bundesstaat Hidalgo, war Militär einmarschiert. Die Aktion gehörte zu einer landesweiten Offensive gegen den Huachicol und diente der Suche nach „Huachicoleros“, die sich dem Treibstoffraub verschrieben haben. Während noch mit den Bewohnern verhandelt wurde, soll ein Kleintransporter mit Huachicoleros eine Straßensperre durchbrochen haben und dabei ein junger Mann durch Schüsse der Soldaten getötet worden sein. Ein anderer entkam schwer verletzt. Daraufhin rotteten sich etwa 200 Bewohner zusammen und nahmen drei Soldaten mit der Ankündigung gefangen, sie bei lebendigem Leibe verbrennen zu wollen. Als Militär in massiver Weise aufmarschierte, wurden die Soldaten nach drei Stunden wieder freigegeben. Kein Bewohner erhob Anspruch auf die Leiche des Getöteten.

Milliarden Dollar Verlust

Bereits im August des vergangenen Jahres waren im gleichen Dorf ein Tortilla-Verkäufer und seine Frau von der Bevölkerung gelyncht worden, weil sie sich mit Huachicoleros angelegt hatten. Das Gebiet – ein Streifen zwischen den Bundesstaaten Hidalgo und Puebla, durch den die Pipelines verlaufen, die Mexiko-Stadt und den Westen des Landes mit Treibstoff versorgen – ist als Hochburg des Huachicol bekannt.

Kurz nach seinem Amtsantritt im Dezember hatte Präsident Andrés Manuel López Obrador verkündet – er war bei der Wahl als Kandidat der linken Bewegung Morena angetreten –, dem Huachicol mit allen Mitteln ein Ende setzen zu wollen. Das sollte eine erste Maßnahme gegen die epidemische Kriminalität im Lande sein, zum andern dazu dienen, massiven volkswirtschaftlichen Schäden zu begegnen: Dem mexikanischen Staat gehen wegen des Huachicol jährlich fast drei Milliarden Dollar Einnahmen verloren, ein seit Jahrzehnten andauernder und von den vorherigen Präsidenten tolerierter Aderlass der Staatskasse.

Wandel und Wende

Reformen Mit einem ehrgeizigen Programm hat López Obrador am 1. Dezember 2018 die Präsidentschaft übernommen. Er sagte der organisierten Kriminalität den Kampf an und versprach, keine mafiotischen Strukturen bei den Sicherheits-kräften mehr zu dulden, vor allem aber sozialer Gerechtigkeit dienen zu wollen. Sein Haushaltsentwurf 2019 sieht mehr Mittel für das „Wohlergehen der Senioren“ und das Projekt „Jugendliche bauen die Zukunft“ vor – junge Mexikaner können demnach ein Stipendium von 3.600 Pesos (etwa 160 Euro) im Monat erhalten. Finanziell absichern will López Obrador sein Reformwerk vorrangig durch Ein-sparungen im Staatsapparat, etwa bei Diäten und Gehältern für Regierungsmitglieder und Beamte. Umstritten ist die Überlegung, die armen Bundesstaaten Chiapas, Guerrero und Oaxaca zu wirtschaftlichen Sonderzonen zu deklarieren, um Firmenansiedlungen zu erleichtern.

Erster Schritt der neuen mexikanischen Regierung: Sie ordnete die Sperrung von sechs Pipelines an und die Verlagerung des Treibstofftransports auf Tanklastwagen. Eine gigantische Herausforderung an Logistik und Material, der die Regierung nicht gewachsen ist. Seitdem gibt es kilometerlange Staus vor den noch offenen Tankstellen, während eine erzürnte Bevölkerung die Lage durch Panikkäufe verschärft. Und das alles in einem der größten Ölförderländer der Welt. Es war zudem von Anfang an klar, dass es nicht damit getan sein würde, einigen Huachicoleros in Dörfern wie Santa Ana das Handwerk zu legen, sondern dass das Augenmerk auf die Konfrontation mit einer mächtigen Mafia im Land zu richten ist, angeführt vom staatlichen Unternehmen Petróleos Mexicanos – Pemex.

Dieser Monopolist ist seit Jahrzehnten bis in die höheren Ebenen in den Treibstoffklau verwickelt (nach Aussagen von Insidern schulen Ingenieure und Techniker von Pemex gegen Bezahlung die Huachicoleros für das Anbohren von Trassen). Mitarbeiter des Unternehmens sollen nach Regierungsangaben an bis zu vier Fünfteln der Abzapfungen organisatorisch beteiligt sein. Außerdem ist Pemex über den Umfang des Huachicol bestens informiert: Täglich verschwindet der Inhalt von bis zu 1.000 Tanklastwagen. Nach offiziellen Angaben beläuft sich der geraubte Treibstoff inzwischen auf fast ein Fünftel des nationalen Verbrauchs. Diese Tendenz fällt zusammen mit einer sinkenden Auslastung der sechs Raffinerien des Landes.

Wie die Zeitung Excélsior berichtet, soll deren Produktion inzwischen auf 30 Prozent der vorhandenen Kapazität geschrumpft sein. Schuld daran seien auch die schlechte technische Wartung der Anlagen sowie fehlende Investitionen in modernere Technologien. Der Huachicol beschleunigt diesen Prozess noch, fließen dem Unternehmen doch buchstäblich die Einnahmen davon. Die absurde Folge ist, dass Mexiko inzwischen trotz überreichlicher Ölförderung 50 Prozent seines Treibstoffs importieren muss. Der Unterschied zu anderen Zweigen der organisierten Kriminalität in diesem Land: Es gibt keine berühmten Figuren an der Spitze, wie Chapo Guzmán, Ignacio Coronel oder El Mencho bei den Drogenkartellen, stattdessen viele gesichtslose „Zapfer“ wie die anfangs erwähnten in Santa Ana, die ihre Arbeit in aller Öffentlichkeit und bei vollem Tageslicht verrichten. In bestimmten Gegenden wird der gestohlene Treibstoff von Straßenhändlern verkauft, neben Tomaten und Ananas. Präsident López Obrador sprach jüngst in einer Rede von einem drei Kilometer langen und gut sichtbaren Schlauch, mit dem der Treibstoff aus einer Raffinerie in Salamanca (Staat Guanajuato) abgezweigt worden sei.

Gezapft ist billiger

Es kommt selten zu Auseinandersetzungen um das Diebesgut, denn dieses strömt im Überfluss aus den Pipelines. Es zu erbeuten, ist so einfach, wie ein Loch in ein Rohr zu bohren. Da es ein großes Netz von Huachicoleros und Nutznießern des preiswerteren Treibstoffs gibt, besteht in der Bevölkerung bisher – im Unterschied zum Drogenhandel – eine recht breite Akzeptanz. Wer sich allerdings gegen den Huachicol stellt, den kann es das Leben kosten. In den oberen Etagen der Huachicol-Hierarchie wird schließlich viel Geld bewegt. Ein ehemaliger Polizist berichtet: „Früher habe ich 270 Dollar im Monat verdient, jetzt, mit dem Treibstoff, können es bis zu 50.000 sein.“

Und die Huachicoleros reden freimütig über ihr Treiben. Ein ehemaliger Gebrauchtwagenhändler gibt einem Journalisten ein Interview und sagt: Er habe sich zunächst von Freunden als „Verteiler“ anheuern lassen. Anfangs sei es um 1.000 Liter gegangen, die er für acht Pesos pro Liter, weniger als die Hälfte des damaligen legalen Preises, kaufte und für zehn Pesos weiterverkaufte. Später wurden es 4.000 und zu guter Letzt 20.000 Liter, die er in Tanks auf seinem Grundstück versteckte. Am Ende erwarb der Händler einen Lastwagen mit Tanks für 12.000 Liter und holte den Treibstoff selbst an den Zapfstellen ab, den Liter für 3,5 Pesos, ein Fünftel des legalen Preises – ein einträgliches Geschäft.

Ganz anders stellte sich die Situation am gleichen Ort für einen Tankstellenbesitzer als Geschädigten dar, der sich dem Huachicol verweigert hatte und dessen Tankstelle wegen der höheren Preise kurz vor der Pleite stand. Denn der größte Teil des gestohlenen Treibstoffs wird direkt an Tankstellen verkauft. Wie der Tankstelleninhaber berichtet, wurde die Konkurrenz im gleichen Ort direkt mit Tanklastwagen von Pemex beliefert – mit dem „gezapften“ und billigeren Treibstoff.

Da Pemex alle Lieferungen an Tankstellen mit seinem Computersystem kontrolliert, ist das Unternehmen bestens über den Umfang des Huachicol informiert. Man weiß wegen des Druckabfalls in den Pipelines ebenfalls, dass im vergangenen Jahr die Zahl der Abzapfungen landesweit um 2.000 auf mehr als 12.500 gestiegen ist. Aus der gleichen Datenerhebung folgt ebenso, dass der Klau von Treibstoff seit Mitte Dezember, dem Beginn der Kampagne „Anti-Huachicol“, rückläufig ist. Der zitierte Tankstellenbesitzer kann erleichtert sein: Es kommen wieder mehr Kunden.

Aber die Kraftprobe, auf die sich die Regierung eingelassen hat, ist noch nicht ausgestanden. Unter dem Trommelfeuer der Medien und der Oppositionsparteien musste eine Pipeline bereits wieder „entsperrt“ werden. Und selbst in mit der Regierung sympathisierenden Medien wie der Zeitung La Jornada wird gefragt, ob sich der Hoffnungsträger López Obrador nicht einen Nebenkriegsschauplatz für einen möglicherweise aussichtslosen Kampf gesucht hat, den er eigentlich führen wollte: den gegen die Drogenkartelle, die im Übrigen nach und nach auch in das Huachicol-Geschäft einsteigen.

Jedenfalls schwindet nach dem spektakulären Wahlsieg von López Obrador am 1. Juli 2018 sein Rückhalt in der Bevölkerung. Und schon ist die Rede davon, dass seine linksdemokratische Regierung durch Massenproteste ins Wanken geraten könnte. Der Präsident versucht, durch tägliche Appelle dagegenzuhalten.

Eckart Leiser arbeitet als Hochschullehrer sowie Psychotherapeut und lebt in Spanien

06:00 24.01.2019

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