Beobachterin der Gewalt

Biografie Benjamin Moser hat Susan Sontag ausgelotet. In der Ära Trump fehlt sie mehr denn je
Martin Treml | Ausgabe 46/2019 2
Beobachterin der Gewalt
Rechts, das ist Echnaton

Foto: Leemage/Imago Images

Die Religion ist nach dem Sexuellen vermutlich das zweitälteste Mittel zur Erzeugung der Ekstase“ – das schrieb 1967 die damals 34-jährige Susan Sontag aus New York. Drei Jahre vorher hatte sie im Essay Gegen Interpretation erklärt: „Statt einer Hermeneutik brauchen wir eine Erotik der Kunst.“ Es ist ihr berühmtestes und schillerndstes Zitat. Statt einer Methode des Verstehens der Welt und ihrer Zeichen und Texte forderte sie eine Liebeskunst. Was ist darunter zu verstehen? Sagen wir so: ein auf Befriedigung zielendes Wahr-Reden und vor allem Wahr-Leben (wie immer das zu erreichen sei).

Ist Susan Sontag selbst diesem Anspruch nahegekommen? In ihren Arbeiten, in ihrem Leben? Ihr Leben: Heute wissen viele nicht, wer Susan Sontag war. Aber zu sagen, wer sie war, das ist bei dieser Autorin, die einen Band mit Erzählungen, betitelt I, etcetera,veröffentlichte, nicht leicht – obwohl sie viel von sich erzählt hat. Dass besagter Band schon ein Jahr später, 1979, auf Deutsch erschien, war für damalige Verhältnisse ungewöhnlich und ist dem Einsatz ihres Verlegers, Michael Krüger vom Hanser Verlag, geschuldet. Er muss von ihr begeistert gewesen sein. Auch er.

Kein Wunder, sie war cool, brachte Verschiedenes lässig zusammen: USA/Europa, Jüdin/allgemeine Intellektuelle, Frau/Mann, Hochkultur/Pop. Ihre Wirkung als Ikone kann man auf vielen Fotos erkennen. Das nach ihrer frühen Krebserkrankung erbleichte Haar ließ sie bis auf eine Strähne schwarz färben. Sie wurde zum brand, Kritikerin, Schriftstellerin, Aktivistin, heiß geliebt, auch wenn sie ihre Freundinnen und Anhänger immer wieder bloßstellte und zurückstieß. Von dieser Seite handelt Benjamin Mosers gerade erschienene Biografie. Sie ist auf Englisch geschrieben und vertritt auch den englischen Ansatz einer Biografie; hierzulande traut sich kaum einer, so direkt über die Person, die Freunde und Feinde zu schreiben.

Vieles über Sontag ist schon seit der ersten Biografie von Daniel Schreiber (2007) bekannt. Außer der Fülle (832 statt 342 Seiten) ist auch manche Interpretation neu, etwa dass sie das Buch Freud: The Mind of the Moralist geschrieben haben soll, das 1959 doch allein unter dem Namen ihres Mannes Philip Rieff, eines antimodernen Soziologen, erschienen war. Sie habe acht Jahre lang immer wieder daran gearbeitet. Danach trennte sie sich von ihm. Neu ist auch Mosers Betonung, wie schwer sie sich damit tat, dazu zu stehen, dass sie Sex mit Frauen leidenschaftlich liebte.

Zugleich ist diese Biografie nicht nur ein Schreiben über Sontag, sondern auch eines mit ihr. Das zeigt der Gebrauch der Fotos. Sie werden nicht einfach als Illustrationen verwendet, sondern stellen das Leitmotiv der einzelnen Abschnitte dar – am besten gelungen gleich am Anfang des Buchs. Dort ist ein Foto von Mutter und Großmutter zu sehen. Es sind nicht nur Bilder von mittlerweile längst Toten (Sontags Theorie der Fotografie als Totenbeschwörung), sondern auch die beiden Frauen stellen selbst bald Tote dar: Die Aufnahme wurde im Januar 1919 am Set eines Films über den Völkermord an den Armeniern gemacht, in dem sie als Komparsen Armenierinnen spielten.

Und noch ein Drittes: Wir erfahren, dass die Großmutter nur ein Jahr später starb, erst Anfang 30, so wie später Susans Vater, Jack Rosenblatt (Sontag hieß sie nach dem zweiten Mann der Mutter und weil es weniger jüdisch klang).

Vom Vater sagt die Tochter, sie kenne ihn nur als einen „Satz Fotos“. Die Großmutter hingegen kehrt – wie Moser zeigt – im Namen der Enkelin wieder: Sarah Leah hatte sich in Susan Lee verwandelt, ein „amerikanisches Echo“ der polnischen Großmutter. Europa wurde Amerika, aber die wilden Ursprünge leben doch weiter. Und werden quasi verarbeitet. „Krieg ist ein Lebensstil“, schrieb sie einmal, „kriegerisches Verhalten macht süchtig, die Niederlage kann für eine Gemeinschaft, die sich als das ewige Opfer der Geschichte sieht, ebenso berauschend sein wie der Sieg.“ Das war im April 1999 angesichts der Bombardierung Serbiens, für die sie unbedingt eintrat. Die Verbrechen an den Muslimen im Bosnienkrieg hatte sie als dritten Genozid des 20. Jahrhunderts wahrgenommen, nach dem anden Armeniern und dem an den Juden. Wir müssen den damaligen NATO-Einsatz nicht gutheißen, aber ihre Feststellung ist brillant. Dass es einen Rausch auch des Opfers gibt, wissen wir – durch Sontag.

In kluger, eleganter Weise hat sie eine Theorie der Kultur mit politischen Interventionen zusammengebracht. Dieses gesellschaftliche Engagement scheint – in der Typologie des von ihr so geschätzten Friedrich Nietzsche – dem griechischen Gott Apollo zu entsprechen. Aber sie folgte auch seinem Konterpart Dionysos, der für Selbstverlust, Leiden, Gewalt steht.

Welche Bücher von ihr sollte man gelesen haben? Entgegen ihrer eigenen Meinung nicht die Romane. Sicherlich Über Fotografie (dt. 1980), ein Klassiker, der sie schließlich auch in Deutschland bekannt gemacht hat und vom selben Rang ist wie Die helle Kammer von Roland Barthes, den sie verehrt und über den sie einen ihrer genauesten Texte geschrieben hat. Er ist in der Essaysammlung Im Zeichen des Saturn (dt. 1981) enthalten, auch das eine gute Lektüre. Doch unbedingt sind es ihr erstes und ihr letztes Buch, Against Interpretation (dt. Kunst und Antikunst, 1968) und Das Leiden anderer betrachten (dt. 2003).

Das erste, im Original 1966 erschienen und Essays der Jahre davor aufnehmend, richtet sich nicht so sehr gegen Karl Marx und Sigmund Freud wie gegen die damalige Mode, alles mit ihnen zu erklären. Das zweite reagiert auf die europäische Gleichgültigkeit bei gleichzeitiger Rechthaberei, eine bekannte Haltung, hier ausgelöst von den Balkankriegen, aber vieles erinnert auch an heute, an das Sterben von Flüchtlingen und daran, wie damit (nicht) umgegangen wird.

Radikaler Mystizismus

In beiden Büchern geht es viel um Gewalt, auch in den USA. Das eine ist in der Kennedy-Johnson-Ära verfasst worden, das andere, als das Land vom zweiten Bush in einen Krieg gezogen wurde. Im ersten Fall ist es eine Gewalt, die sich gegen die USA selbst richtet, dabei aber auch Befreiungsbewegungen und Emanzipation auszulösen vermag: von Schwarzen, Frauen, Schwulen.

Davon ist im zweiten Fall nichts mehr geblieben. Alles geht nach außen, und was immer schon eine kolonialistische Intervention war, wird nun zur blinden Wut gegen den Feind, der vernichtet werden muss, ohne dass es eine Idee zum Wiederaufbau des Landes oder zum Weiterleben seiner Bewohner gäbe. Dass beide Formen der Gewalt unter dem jetzigen Präsidenten zusammenlaufen, dass sich derselbe Hass nun gegen den inneren Feind richtet und keinerlei Befreiung mehr schafft, sondern in das Land schneidet – dazu hätte Sontag viel zu sagen gewusst.

Ihre intellektuelle Radikalität fußt auch auf ihrer Nähe zu Jacob Taubes, dem späteren Gründungsprofessor für Judaistik und Direktor des Instituts für Hermeneutik an der FU Berlin. Für das Schreiben wichtiger war jedoch dessen erste Frau, die ebenfalls Susan hieß. Beide Susans teilten eine Zeit lang nicht nur, dass sie Professoren als Gatten hatten, sondern auch eine große literarische Begabung. Institutionell war aber Jacob stärker. Er gab gemeinsam mit Susan Sontag Anfang der 1960er Seminare im Religious Department der Columbia University in Uptown Manhattan.

Studenten sprachen davon, dass sie die Aura eines „radikalen Mystizismus“ umgeben hätte. Protokolle der Sitzungen sind in Mosers Biografie abgedruckt; sie geben einen genauen Eindruck davon, warum Religion nicht erledigt, sondern das Unbewusste unserer Kultur ist. Selbst Nichtgläubige, Atheisten, Indifferente entnehmen ihre Verhaltensweisen und Symbole den Religionskulturen. Das sind die Bahnen, denen wir immer noch folgen – aller Säkularisierung zum Trotz.

Info

Sontag. Her Life and Work Benjamin Moser Harper Collins 2019, 832 S., 26,99 €

Martin Treml ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum für Literatur- und Kulturforschung in Berlin, wo er bis vor Kurzem das Editionsprojekt „Briefe von und an Jacob Taubes“ leitete

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06:00 26.12.2019

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