Berater

A–Z Das waren noch Zeiten, als der Consultant ein schlauer Hofnarr oder Hohepriester war. Heute berät Karl-Theodor zu Guttenberg die Lufthansa. Unser Wochenlexikon
Redaktion | Ausgabe 34/2015

A

Angebot Als ich jung und ehrgeizig war, stellte ich mir meine Karriere so vor: Mitarbeiter, Redakteur, Ressortleiter, Chefredakteur, Berater. Letzteres gern mit Handy am Strand. Nun, bei der Netzeitung habe ich es fast so weit gebracht. Als diese aber 2007 an den Berliner Verlag verkauft wurde, der wiederum von einer britischen Heuschrecke gefressen worden war, schien es so weit. Ich und mein Partner waren zwar unsere Jobs als Chefredakteure los, aber ... Die Meldung steht sogar noch im Netz: „Die Trennung erfolgte ‚im gegenseitigen Einvernehmen‘. Es werde jedoch verhandelt, ob die beiden weiter als externe Berater zur Verfügung stünden.“ Ich weiß gar nicht mehr, woran die Verhandlungen gescheitert sind, vermutlich verkläre ich die Lage, wenn ich sage: Weil ich kein Windhund sein wollte.

Jedenfalls war ich ganz zufrieden mit der Abfindung – sie ist ja die schöne Schwester des Beraters –, verprasste sie an der Côte d’Azur und nahm erst mal einen kleinen Job an der Uni an. Ist schon okay so. Michael Angele

D

Dauergast Wie er da so sitzt, bei Jauch, Illner oder Lanz, könnte man ihn auch für einen spanischen Clubbesitzer halten. Braun gebranntes Gesicht, weißes Hemd, bonbonfarbene Krawatte, halbseidene Aura (➝ Zwielichtig). Man sieht ihn oft, den Politikberater Michael Spreng. Wenn es um Pegida geht, um Spionage, Merkel oder Alzheimer. Oder die Zehn Gebote, mit Margot Käßmann debattierte er zum Thema „Du sollst nicht lügen – aber wie viel Wahrheit verträgt die Welt?“. Solche Grauzonen dürften dem ehemaligen Chefredakteur der „Bild am Sonntag“ und einstigen Berater des Kanzlerkandidaten Edmund Stoiber (2002) nicht fremd sein. Stoiber hat damals verloren. Spreng fing an, sich selbst zu beraten. Er bloggt auf sprengsatz.de übers politische Geschehen und erklärt, wie man seine eigene Marke werden kann. Maxi Leinkauf

E

Einfluss Offenbar sind Entscheidungen leichter zu treffen, wenn man sich vorher darüber austauschen kann – gerade für Politiker. Bei Entscheidungen, die viel Fachwissen erfordern, sind sie auf Beratung geradezu angewiesen. Da Konsultationen aber so gut wie nie öffentlich stattfinden, stehen die Konsulenten (➝ Konsulent) stets im Verdacht, politische Entscheidungen in ihrem Sinne zu beeinflussen. Während einzelne Berater in repräsentativen Demokratien nur bedingt Einfluss nehmen können, weil die Regierung aus vielen Menschen besteht, sieht es bei Monarchien ganz anders aus: Wenn der Berater eines Königs oder einer Fürstin sich geschickt anstellte, konnte er die Politik des Landes maßgeblich mitbestimmen. Berühmte historische Beispiele hierfür sind etwa Kardinal Richelieu, der die Politik Ludwigs des XIII. gegen die Habsburger quasi allein zu verantworten hatte. Spannend ist auch der Fall des bürgerlich geborenen Johann Friedrich Struensee, der als Leibarzt des psychisch kranken dänischen Königs Christian VII. so viel Einfluss erlangte, dass er von 1770 bis 1772 de facto Alleinregent war. Sophie Elmenthaler

F

Food Köche sind heute auch oft Berater, sogenannte Food Consultants. Großküchen und Kantinen nehmen diese Dienste gern in Anspruch. Meist soll so die Verköstigung der Mitarbeiter ausgewogener, fleischärmer oder mit vegetarischen Komponenten aufgewertet werden. Ein guter Plan im Sinne der Entwicklung einer gesünderen Gesamtbevölkerung, der es auch noch schmeckt.

Doch dann gibt es noch jene Köche, die heruntergekommene Landgasthöfe vor laufenden Fernsehkameras beraten. Manchmal werden sie unangenehm laut. Und meist haben sie seltsamen Bartwuchs und T-Shirts mit Totenkopfprints. Mit Food Consulting hat das so wenig gemeinsam wie Fritten mit Pommes à la dauphine. Sophia Hoffmann

G

George Lucas Er ist Star-Wars-Erfinder, Schöpfer des Jäger des verlorenen Schatzes und hat fast drei Generationen ihre Kindheitsträume geschenkt. Mittlerweile scheint die Macht in George Lucas allerdings nicht mehr so stark zu sein. Zwar setzte ihn Disney nach der Übernahme seines Konzernes Lucasfilms als Creative Consultant für die neuen Star-Wars-Filme ein. Von Lucas’ Scripts zum Weltraumepos wollte das Studio mit der Maus aber nichts wissen. „Das, was ich ihnen verkauft habe, wollten sie nicht machen. Es ist nicht das, was ich ursprünglich geschrieben habe“, polterte der Regisseur Anfang des Jahres. Kreativberater Lucas war so pikiert, dass er sich sogar weigerte, den Trailer zur siebten Episode zu gucken – bis er plötzlich nicht mehr umhin kam. Denn der Clip lief in der Vorschau der Premiere seines Films Strange Magic. Wider Erwarten fand Lucas den Ausschnitt jedoch auch ohne seine eigenen Ideen „faszinierend“ und hat dem Film schließlich doch noch seinen Segen gegeben. Als Regisseur – und als Berater. Simon Schaffhöfer

Guttenberg Als Luftnummer erwies sich Freiherr Karl-Theodor allerspätestens, als öffentlich wurde, dass seine Doktorarbeit über weite Strecken keine akademische Eigenleistung enthielt. Viel Selbstinszenierung, kaum Gestaltungsanspruch, mächtige Unterstützer – so hat er in der Politik Karriere gemacht. In der Disziplin des Impression Managements, also eines gezielten Steuerns der Außenwirkung, sucht er hierzulande nach seinesgleichen. Nach seinem Rücktritt als Verteidigungsminister zog es ihn, klar, in die USA, nach Connecticut. Und nun der nächste logische Schritt: Guttenberg geht up in the air. Er berät nun als Teil des „Innovation Hub“ die Lufthansa. Was er dort genau tun soll, bleibt vage. Hauptsache, der öffentliche Auftritt stimmt. Dann findet sich schon ein Job – auf beiden Seiten des Atlantiks. Tobias Maier

K

Konsulent Es ist ein altes Wort für Berater – und das Unternehmensconsulting ist tatsächlich älter als gemeinhin angenommen. Die Ursprünge reichen bis ins 19. Jahrhundert. Als Ahnen der zu einer Branche gewordenen Berater gelten Hohepriester und Hofnarren, Mediziner und die Gremien der absolutistischen Kabinettssysteme (➝ Einfluss). Im Industriezeitalter entwickelte sich die Unternehmensberatung im eigentlichen Sinne dann zuerst in den USA, seit der Eröffnung der ersten Institution dieser Art 1886 durch Arthur D. Little. Andere – wie McKinsey – ploppten in den Folgejahren auf. Das Geschäft boomte erst nach 1933 anständig, und zwar als die US-Regierung den Investmentbanken das Beratungsgeschäft untersagte. In Europa entwickelte sich dieses Feld seit den 1960er Jahren. Sogeti etwa ist eines der ältesten europäischen Beratungsunternehmen. Tobias Prüwer

M

McKinsey Seit 1964 ist McKinsey in Deutschland tätig, 1967 gründete Roland Berger seine Unternehmensberatung. Und doch rückte der Typus des Unternehmensberaters erst Ende der 90er Jahre stärker ins Licht der Öffentlichkeit. Immer öfter liefen junge Menschen in dunklen Anzügen durch Firmen, schrieben ein paar Empfehlungen auf – und am Ende wurden Menschen entlassen. Der Unternehmensberater verdankt seinen Aufstieg dem gesamtgesellschaftlichen Trend, Verantwortung auszusourcen. „Die sagen mir nicht nur, wie viele Leute erschossen werden müssen, sie schreiben auch die Namen auf die Kugeln“, fasste der SPD-Politiker Peter Strieder diese Arbeit einmal zusammen.

In seinem Buch Unser effizientes Leben beschrieb Dirk Kurbjuweit 2003, wie das von McKinsey und Kollegen verbreitete Effizienzdenken in jeden Bereich unserer Gesellschaft vordringt – in Krankenhäuser, Kirchen, Kulturbetriebe, politische Parteien und Wohnzimmer. „Auch wer nicht von McKinsey beraten wurde, denkt und handelt, als wäre er von McKinsey beraten worden.“ Deshalb sei McKinsey eine Metapher für den überbordenden Kapitalismus, der sich längst nicht mehr damit begnüge, nur die Welt der Wirtschaft nach seinen Prinzipien zu formen. Jan Pfaff

S

Schwarm Seit das Internet ein Massenmedium geworden ist, hat auch die Beratertätigkeit an Exklusivität verloren. Irgendeiner im Schwarm wird schon Bescheid wissen, vor allem in Alltagsfragen. Was tun, wenn mein Kind die Zahnpasta gegessen hat? Welches Smartphone ist das beste? Wo kann ich Quinoa kaufen?

Auf solche und ähnliche Fragen gibt nicht nur die Facebook-Gefolgschaft Antwort, sondern auch eine Masse von Forennutzern. Das Forum ist gewissermaßen der natürliche Lebensraum des Hobbyberaters, und je nach Qualifikation kann er oder sie sich entweder auf unspezialisiertem Terrain wie bei wer-weiss-was.de oder gutefrage.net umtun. Viele Berater stellen ihr Wissen zwar kostenlos zur Verfügung, aber wer schlau ist, der verlangt bares Geld.

Ob Rechtsberatung, Seelsorge oder Kartenlegen: Bei unkritischer Inanspruchnahme, etwa mittels einer 0900- Nummer, kann der Schwarm ganz schön teuer werden. Sogar Allwissenheit kann man kaufen: Für 1,99 pro SMS beantwortet ein Dienst nach eigener Aussage jede Frage in wenigen Minuten in 160 Zeichen. Da ist Google auf jeden Fall die günstigere Alternative. Sophie Elmenthaler

Stil Hat die denn keinen Stilberater, fragt man fassungslos bei so manchem Hollywoodstar. Ein einschlägiges Klatschmagazin widmet den modischen Fehltritten der Reichen und Schönen gar eine eigene, wöchentliche Rubrik unter dem semi-charmanten Titel Manchmal geht’s daneben. Dort wird die Alliterationskeule geschwungen: Ob „Flausch-Fauxpas“, „Präsent-Panne“ oder „Kombi-Katastrophe“: Wer danebengreift, bekommt hier sein Fett weg. Natürlich haben fast alle Berühmtheiten einen persönlichen Stylisten, mit dem sie meist über Jahre hinweg zusammenarbeiten. Manche werden daraufhin selbst zu Stars, so wie Rachel Zoe, Nicola Formichetti oder Mel Ottenberg. Letzterer zieht Bad Girl Rihanna erfolgreich an oder aus. Auffällige Looks sollen Aufmerksamkeit erzeugen. Und selbst wenn die Sängerin in Internet für ihr Outfit gescholten wird (zuletzt gesehen bei der Met-Gala in kanariengelber Pelzschleppenrobe, die doch sehr einer Pfanne mit Spiegelei ähnelte) – mit jedem Klick steigen auch die Albumverkäufe.

Ein schlauer Mann hat einmal gesagt: „Stil kannst du schon kaufen, den guten, den eigenen, nicht.“ Nun könnte man mutmaßen, dass die besten Stylisten einfach solche Profis ihres Fachs sind, dass sie sich genug in ihre Klienten einfühlen können, um ihnen einen eigenen, auf den Typ abgestimmten Stil zu erfinden. Und Fashion-Fauxpas sind doch längst Teil des Geschäfts. Hauptsache, es gibt Schlagzeilen. Sophia Hoffmann

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Zwielichtig Beratern, deren Job es doch ist, den Ratlosen weiterzuhelfen, eilt oft ein zwielichtiger Ruf voraus. Woher kommt dieses schlechte Bild? Es liegt im Wesen der Sache. Schließlich ist der Kern jeder Beratertätigkeit, im Hintergrund zu agieren und unauffällig denjenigen zu einem gelungenen Auftritt zu verhelfen, die nach außen strahlen: den Politikern, den Konzernchefs, den Sportlern, den üblichen Verdächtigen.

Die Honorare fürs Consulting schwanken extrem, vor allem Spielerberater im Fußball haben inzwischen das Ansehen von Unterweltbossen. Wer weiß schon, wie die Deals zwischen ihnen und den Clubs zustande kommen? Man weiß nur, dass Berater durchschnittlich acht bis zehn Prozent der Ablösesummen kassieren. Consultant von Real Madrids Gareth Bale müsste man sein. Benjamin Knödler

06:00 02.09.2015

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