Berechnen, was sinnvoll gesagt werden kann

Eine Kette von Missverständnissen Der Philosoph Ludwig Wittgenstein als Ingenieur

Als Ludwig Wittgenstein in den Jahren 1926 bis 1928 den Bau des Hauses für seine Schwester Margarete in der Wiener Kundmanngasse überwachte, sprachen ihn die Handwerker gewöhnlich mit "Herr Ingenieur" an. Der intellektuell und moralisch so rigorose Mann ließ sich das erstaunlicherweise gefallen - wohl zu unrecht, denn soweit bisher bekannt ist, war er im strengen Sinne nämlich kein Ingenieur, aber er sah offenbar kein Problem darin, sich als solcher bezeichnen zu lassen.

Wittgenstein hatte die Pläne seines Freundes Paul Engelmann - eines Schülers von Adolf Loos - überarbeitet und trat offiziell auch als "Architekt" des berühmten Hauses auf. Kurz zuvor war er noch Volksschullehrer auf dem Lande gewesen, dann kurzzeitig Gärtner, und auch als Bildhauer hatte er sich versucht. Zu Beginn des Ersten Weltkriegs zog er freiwillig die österreichische Uniform an, im Zweiten Weltkrieg stellte er sich als Hilfskraft einem englischen Hospital zur Verfügung, und auch zum Mediziner oder Psychiater hatte er sich noch ausbilden wollen. Von all diesen Lebensentwürfen und Rollen stand der "Ingenieur" auf einem Symposium im Vordergrund, das die TU Berlin anlässlich des 50. Todestags des Philosophen veranstaltete.

Explosionen und Flüche

Der Beginn seiner abgebrochenen, geistig aber doch weiter verfolgten Ingenieurskarriere ist noch im Archiv der Technischen Hochschule Berlin - der heutigen TU - greifbar, an der sich der 17-Jährige am 23. Oktober 1906 für das Maschinenbaustudium eingeschrieben hatte. Es war auf vier Jahre angelegt, Wittgenstein blieb aber nur anderthalb Jahre und muss vor allem mit Konstruktionsübungen befasst gewesen sein, die in den beiden ersten Studienjahren dominierten und auf die zu erwartende Praxis vorbereiten sollten. Die meisten damaligen Absolventen konnten, da das heroische Zeitalter der Ingenieure bereits vorbei war, nur noch auf Routinearbeiten in Zeichensälen von Großbetrieben hoffen.

Nach dieser vermutlich enttäuschenden Erfahrung schien der rasche Wechsel von der renommierten Berliner Hochschule nach Manchester in die weniger ausgebaute englische Ingenieurausbildung die "Kette von Missverständnissen" fortzusetzen, die, wie es auf dem Symposium hieß, Wittgensteins frühe Jahre durchzog. Denn nun vertiefte sich der Student in die Entwicklung eines Propellers, der - wie ein Rasensprenger - nach dem Rückstoßprinzip funktionieren sollte, technisch aber noch nicht realisierbar war. Wie man aus der biografischen Literatur von Brian McGuinnes und Ray Monk weiß, gingen Wittgensteins Experimente in Explosionen und Serien von Flüchen unter.

Philosophische Ambitionen hatte Wittgenstein schon damals entwickelt und sie nach einem fulminanten Auftritt bei Bertrand Russell in Cambridge auch gewürdigt gesehen. Diese Anerkennung des Philosophen habe ihn gerettet, gestand Wittgenstein kurz darauf einem Freund und bekannte, dass ihn die Ingenieurlaufbahn nicht mehr interessiere und er auch nicht glaube, dafür begabt zu sein. Sein angeblich technisches Talent war dem kleinen "Luki" in Wien eher eingeimpft worden, nachdem er bereits im Alter von zehn Jahren eine Nähmaschine gebastelt hatte. Daraufhin richtete man ihm sogar eine Werkstatt ein; dort drechselte der jüngste Spross des Ingenieurs Karl Wittgenstein und bemühte sich, den Erwartungen der Familie zu entsprechen.

Er sollte dem Vater folgen, der in der Donaumonarchie mit Eisen und Stahl binnen kurzer Zeit ein großes Vermögen gemacht hatte und einen neuen Typus verkörperte: den Ingenieur, einen "Emporkömmling im Völkerleben", der - wie die damalige Technik-Philosophie fabulierte - das Schöpfungswerk Gottes fortführte und mit Formel und Zeichnung neue Maßstäbe für Präzision und Klarheit setzte. Dieses Programm flankierte den Kampf gegen die Phrase und gegen das Ornament in Wittgensteins Wien, so der Titel einer Studie von Allan Janik und Stephen Toulmin, und regte auch Schriftsteller an. Thomas Mann machte im Zauberberg einen "Durchschnittsingenieur" zum Helden, der Ingenieur Robert Musil, der zur gleichen Zeit wie Wittgenstein in Berlin studierte, führte die Genauigkeit schon als Prinzip in die Literatur ein; und schließlich sind sogar Visionen von "Ingenieuren der Seele" gehegt worden.

Drehen am großen Rad

Solche Utopien hatten Wittgenstein nach Berlin und Manchester geführt; nach Cambridge, wo er von 1911 bis 1914 Philosophie studierte, brachte er zwar wieder keinen akademischen Abschluss mit, aber doch den Impetus des Ingenieurs, alle Probleme aus dem Stand beheben zu können. Russell war begeistert - "im Vergleich mit seinen Lawinen wirken meine wie Schneebälle" - und erklärte seinen neuen Studenten zum Genie, merkte aber bald, dass dieser auch auf die Nerven gehen konnte. Wittgenstein kam ständig mit neuen Einfällen, stellte jedoch nur Behauptungen auf, so dass Russell ihm riet, er solle sich einen Sklaven halten, der für ihn argumentiere. Sein "Ingenieur" wusste außerdem, so Russell, "nur einen Bruchteil von dem, was er eigentlich wissen müsste". Er las nicht, war "nicht neugierig genug", und Russell fürchtete schon, er werde ewig "ein Spezialist bleiben".

Während des Ersten Weltkriegs stellte Wittgenstein - zeitweilig in einer Artilleriewerkstatt - aus seinen Notizen den legendären Tractatus logico-philosophicus zusammen. Darin präsentiert er, so Matthias Kroß, einer der Herausgeber des Tagungsbandes, eine "Technik zur Prüfung philosophischer Sätze" mit dem Anspruch, die Probleme der Philosophie "endgültig gelöst zu haben". Dem Philosophen Paul Wijdeveld zufolge kann man sich den Tractatus gar als "Mechanismus vorstellen, der berechnet, was sinnvoll gesagt werden kann" - über den Rest sei zu schweigen. Mit diesem vertrackten, in Dezimalklassifikation durchorganisierten Werk, das sich zugleich als seine eigene Bedienungsanleitung fingiert, wollte Wittgenstein offenbar das ganz große Rad drehen. Er hatte sich, hielt er fest, "von den Grundlagen der Logik zum Wesen der Welt" vorgearbeitet, "alle guten Sätze" hineingepackt, aber das, worauf es ihm eigentlich ankam, gar nicht erst geschrieben - und so den kurzen Text mit höchsten Ansprüchen und Rätseln überladen. Sein Erstling sollte "streng philosophisch und literarisch" sein. Der Sinn war angeblich "ein ethischer".

Wittgenstein fand das Ganze "kristallklar", Russell "orakelhaft dunkel wie ein Ukas des Zaren". Der Philosoph Gottlob Frege, mit dem Wittgenstein als Maschinenbau-Student schon in Verbindung getreten war, hatte bereits nach den ersten Sätzen kapituliert, und auch Verlegern war das schmale Werk nicht zu vermitteln, dem an exzentrischen Zügen nur noch die Kleinschreibung fehlt. Wittgenstein wollte es aber auf keinen Fall selbst herausbringen, denn er fürchtete, unter die "ganz hoffnungslosen Schmierer" eingereiht zu werden, die ihre Pamphlete auf diese Weise publizierten. Mit Russells Hilfe ist der Tractatus 1921 aber schließlich doch noch erschienen und hat Wittgensteins Rückkehr nach England und seine akademische Karriere als Philosoph ermöglicht. Dort gab er die konstruktive Haltung auf - "I destroy, I destroy, I destroy" - und interessierte sich auch nur wenig für die "Universalmaschine" - den Computer - von Alan Turing, der eine Zeitlang seine Vorlesungen besuchte. Aus Kalkülen wurden nun Sprachspiele, aus Gleichungen Gleichnisse, die aber, so Kroß, oft noch "aus den Bereichen des Ingenieurwesens" importiert sind.

Philosophen zu Mechanikern

Auch der in den späten Sprachanalysen zentrale Begriff der "Familienähnlichkeit" ist von einer Technik - der Kompositphotographie von Francis Galton - inspiriert; und sogar sich selbst verstand Wittgenstein als Menschen, der all seine Tätigkeiten als "Maschine" konzipierte, "um anständig zu werden". Auch dieser therapeutische Zug paarte sich noch mit technischer Intelligenz, wenngleich Janik und Toulmin zufolge der Impuls für diese Haltung im privilegierten Wiener Milieu um 1900 gesucht werden muss, in dem es nur eine Verpflichtung zu geben schien: Genie zu sein oder Selbstmord zu begehen. Als Ausweg galt allenfalls ein vermeintlich einfaches Lebens, zu dem Wittgenstein mehrmals ansetzte. Auch seine Studenten drängte er in diese Richtung - sie sollten keinesfalls Philosophen werden, sondern eher Mechaniker. Der immens reiche Graf Schönborn-Buchheim, ein Freund des Hauses, arbeitete eine Zeitlang sogar als Dachdecker.

Für solch ein schnörkellos einfaches Leben sollte das Haus in der Kundmanngasse ein Korsett bieten - allerdings auf höchstem Niveau. Es zeigt avancierte Technik und Modernität mit einer Bescheidenheit, die, so der Kunsthistoriker Bernhard Leitner, "kaum zu bezahlen ist". Das streng kubische Haus mit viel Sinn für Nuancen und Proportion - und vier Dienerzimmern - folgt laut Wijdeveld einem "bühnenhaften Architekturansatz", der für den halbaristokratischen Lebensstil der Familie eine als zeitgemäß empfundene Form und "eine gewisse Kühle" bereitstellte. Das war Wittgenstein Ideal: "ein Tempel, der den Leidenschaften als Umgebung dient, ohne in sie hineinzureden", und den er wohl auch am Ende seines Lebens noch fand, als es ihm Freude machte, in einem Museum alte Dampfmaschinen zu betrachten.

In dem perfekten Haus bemerkte Wittgenstein im Rückblick allerdings einen Fehler. Er vermisste das "ursprüngliche Leben" und erkannte, dem "Strom der europäischen Zivilisation" letztlich doch "fremd" gegenüber zu stehen.

Die Beiträge des Symposiums sind in dem von Günter Abel, Matthias Kroß und Michael Nedo herausgegebenen Sammelband Ludwig Wittgenstein - Ingenieur, Philosoph, Künstler (Parenga-Verlag) nachzulesen.

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

Kommentare