Berg abwärts

Kehrseite 1 Gott fährt in einem Auto mit Schweizer Kenntafel über die Alpenpässe. Wenn er Kinder sieht, wirft er Bonbons aus dem Fenster. Die Kinder freuen sich. ...

Gott fährt in einem Auto mit Schweizer Kenntafel über die Alpenpässe. Wenn er Kinder sieht, wirft er Bonbons aus dem Fenster. Die Kinder freuen sich.

Ein Gomagoier Mann sitzt im Gomagoier Gasthaus und trinkt Kaffee. Der Lehrjunge sitzt ihm gegenüber. Beide reden nicht.

Nachdem Klaus seine Mutter begraben hatte, fuhr er südwärts. Er ließ die Alpenpässe hinter sich, den Comer See und den Lago Maggiore. Der Café macchiato hatte geschmeckt, der Motor lief ruhig, der Abend war warm. Und wäre der Sturm noch so heftig gewesen, noch so kalt, noch so lebendig, nur weg, hatte er gedacht. Der Kaffee hatte geschmeckt.

Weit war die Sonne hinter den Bergen schon untergegangen, seine Hand war abgerutscht, wenn er die sonnenwarme Hand des Bachsteins berührte, war ihm Gott entgegengefallen.

Die Alpenpässe tragen Schnee, wenn der alte Mann mit den weißen Haaren und der Silberspange die Alpenkinder besucht.

Der Mailänder Kaufmann Gottardo Ruffoni fährt in die Alpen. Er steigt dort (im Hotel Tre Lune in Chiavenna) ab. Er trägt sein kleines Köfferchen (für die Nacht) mit aufs Zimmer.

Was über die Lippen fegte, war vertrocknet, die aufgeblitzten Bilder (in der Bar am Lungotevere).

Als Gott wieder über die Alpenpässe fuhr, sah er seine Jungen. Am Malojapass lag Schnee. Die Straße über den Passo Gavia ist nicht asphaltiert.

Ein Junge saß am Straßenrand. Der vordere Teil seiner Lackschuhe war staubbedeckt. Die Augen des Jungen waren gelb. Die Blumen im Haar des Jungen waren gelb. Der Gesang der gelben Blume. Der Gesang des Steinbocks. Der heilige Moment.

Cecily spielt Klavier. Cecily hatte auf der Payerhütte Grieg gespielt und hatte Chopin gespielt. Cecily hatte die gebrochenen Akkorde geübt. Cecily liebt Georg. Der sterbende Bergführer hatte auf dem Bivacco della Città di Cantù ein Tagebuch angefertigt.

Ich habe gestern den Gomagoier Mann gesehen. Ich habe ihm meine Hand gereicht. Er hat meine Hand lange Zeit gedrückt gehalten. Die glasigen Geschichten, die kreisenden Bühnen, die mächtige Schwärze, die kurzen Stege, das Ausgestelltsein beim Hinundhergehen auf engem Raum.

Cecilys Piano auf der Payerhütte bleibt im Winter allein. Ende Oktober schließt der Hüttenwirt mit dem Schlüssel die Payerhütte ab und steigt (mit seiner Frau) ins Tal.

Nein, bei diesem Wetter nicht mehr. Sonst schon. Nächste Woche wahrscheinlich. Eben, bei diesem Wetter.

Das Hüttenbuch unterm Arm, steigt die Hüttenwirtin ins Tal. Dieses Jahr zweitausendundetwas Besucher. Zwei Tote, einer oberhalb der Hütte vor der Eisgurgel, einer unterhalb. Die Flugrettung ist gut ausgebaut. Bei gutem Wetter ist der Abtransport einfach. Keine Leichen über die Materialseilbahn mehr. Keine Leichenstücke in Rucksäcken. Die Totenkapelle im Tal nimmt die Leichen hygienisch auf. Kaum jemand wird mehr im Tal begraben. Abtransport in alle Kontinente. In speziellen Hygienecontainern. Keine Kinder mehr, die durch die Fenster der Leichenkapelle schauen. Alles normal. Alles gewohnt. Die Statistik leicht rückläufig.

Wenn die Alpenpässe geschlossen sind, kehrt Ruhe ein. Im November wird der lange schöne Herbst vergessen.

Adam Adler wird bei Schneegestöber begraben. Josef Weißkogel hat für die Wintersaison noch keine Arbeit. Elisabeth Schwaigner strickt für ihren verwitweten Schwager Wollsocken. Noch fallen die bunten Läden nicht auf. Die Busverbindung ins Tal ist noch nicht auf Wintersaisonsbetrieb umgestellt. Später gehen die ersten Lawinen zu Tal.

Cecily wird ihren Winterurlaub in Rojen verbringen. Georg wird vergessen sein. Der Pfarrer wird noch nicht das violette Messkleid tragen.

Der Bergführer legt Holz nach. Die erschlossene Bergwelt wirkt freundlich.

Über Nacht war Schnee gefallen. Der Bürgermeister hatte den Schneepflug gerufen. Die roten und die blauen und die gelben Blinklichter. Das verstummende Rasseln des Streusandes auf der Neuschneestraße. Der Pflug schwenkt auf die andere Seite. Der Schnee glitzert im weißen Frontlicht. Das Rauschen im Schneepflugfunk. Die Außentemperatur hinter der Scheibe. Der Wagen vorne ist im Schneetreiben kaum erkennbar. Die fahlen roten Lichter. Der graue Wald.

Die drei Särge werden aus der Kirche getragen. Die undeutliche Aussprache des Priesters. Der Ausklang der Kirchenglocken. Die Läutefirma. Beim Festessen.

Hast du Feuer? Der Mann stößt gegen den Unterarm des Touristen. Das Zufallen der Flügeltür. Der angehaltene Atem. Das (leise) Tippen der Laufschuhe des Pfarrherren. Der zweischneidige Pflug. Die gefrorene Scholle. Die gefrorene Scholle unter dem Neuschnee.

Toni Bernhart, geb. 1971 in Meran, Germanist und Theaterautor, lebt in Berlin. Stücke u.a.: Martinisommer; Monolog eines Reiseführers zu Lasten des Busfahrers; Langes afn Zirblhouf.


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00:00 27.08.2004

Ausgabe 39/2020

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