Berge gesprengt

Afghanistan Wie der Anschlag auf einen Militärkonvoi in Kabul zeigt, war der Abwurf der US-Superbombe GBU-43 strategisch ohne Sinn. Die Aufständischen sind unbeeindruckt
Volker Urban | Ausgabe 17/2017 13
Berge gesprengt
Sicherheitspersonal nahe des umkämpften Dehdadi Distrikts in der afghanischen Provinz Balch

Foto: Farshad Usyan/AFP/Getty Images

Erneut haben Aufständische – die Taliban oder Kombattanten des IS – in Afghanistan bewiesen, dass sie militärische Operationen auf die Hauptstadt ausdehnen können, wie das in den vergangenen Monaten des öfteren der Fall war. Am frühen Morgen wurde in der Nähe der US-Botschaft ein Militärkonvoi attackiert. Es soll mindestens vier Todesopfer geben, aber die Statements des US-Korps und der NATO-Mission Resolute Support stehen noch aus. Zuletzt waren am 8. März beim Angriff einer bewaffneten Gruppe auf ein großes Militärkrankenhaus im Zentrum von Kabul mehr als 49 Menschen getötet und fast 80 verletzt worden.

Die Lage scheint bedrohlich zu sein, bedrohlicher vielleicht als zu Zeiten der Operation Enduring Freedom und des ISAF-Einsatzes bis Ende 2014.

Da es allerdings Zeitgenossen gibt wie Donald Trump, die nur sich glauben und notfalls die Fakten dran glauben lassen, damit sie weiter an sich glauben können, wird auf diesen schwelenden, nie erloschenen Krieg mit dem Abwurf der Superbombe GBU-43 auf mutmaßliche Stellungen der Aufständischen reagiert. Als das jüngst passiert war, lobte der Präsident: Die Army habe „einen fantastischen Job“ gemacht und den Terroristen einen schweren Schlag versetzt.

Wer dafür aufkommt

Wie schwer? Wie kriegsentscheidend? Donald Trump konnte dazu nur mit der Auskunft dienen, es seien bis zu 40 dschihadistische Führer getötet worden. Tatsächlich war die genüssliche Offenbarung von Overkill-Mentalität nichts weiter als eine Preisgabe minimaler zivilisatorischer Gebote ans Barbarische. Und ein grandioser Selbstbetrug, weil der Abwurf einer Megabombe letztlich jeder strategischen Rationalität entbehrt.

Die Taliban lassen sich davon nicht einschüchtern, wie am 22. April ihrem Angriff auf die Militärbasis Camp Shaheen in der Nordprovinz Balch zu entnehmen war. Es gab mehr als 300 Tote und Verwundete und damit ein Massaker, wie es eine afghanische Armeeeinheit noch nie getroffen hat in diesem nunmehr 16 Jahre dauernden Krieg. Der sollte doch ein Faktum längst zu Bewusstsein gebracht haben: Was ihnen auch an Opfern abverlangt wird – Guerilla-Formationen müssen nur überleben, um ungeschlagen zu sein. Den Taliban ist das gelungen. Sie haben zu ISAF-Zeiten einer NATO-Streitmacht von zeitweise über 100.000 Mann widerstanden, die Ende 2014 bis auf ein Restkorps den Rückzug antrat, was dem Eingeständnis einer Niederlage gleichkam. Als hätte es diese Geschichte nie gegeben, findet Präsident Trump Gefallen am monströsen Bombardement, das Berge sprengt, aber eben nicht versetzt. Wer für diese Verstiegenheit aufkommen muss, zeigt das Blutbad im Camp Shaheen.

Ein Drittel verloren

Die NATO war in Afghanistan mit ihren Soldaten und ihrem Equipment weder den taktischen Techniken noch dem Opfermut eines skrupellosen Gegners gewachsen. Die afghanischen Streitkräfte sind es erst recht nicht. Worauf zurückzuführen ist, dass die Regierung von Präsident Aschraf Ghani bestenfalls noch zwei Drittel des Staatsgebietes kontrolliert, den Rest definitiv verloren hat. Ist das kein Grund, nach einem Verhandlungsfrieden zu suchen, auch wenn den USA die Superbomben so schnell nicht ausgehen werden?

Der Artikel wurde am 3. Mai 2017 aktualisiert. Redaktionelle Mitarbeit: Lutz Herden
10:15 03.05.2017

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