Bergsteiger, Talwanderer

Nachruf Heiner Geißlers Leben gilt vielen als Geschichte einer Wandlung. Doch das ist nur ein Teil der Wahrheit
Bergsteiger, Talwanderer
Vor 50 Jahren wurde Heiner Geißler Sozialminister in Rheinland-Pfalz. Schon damals leitete ihn eher die katholische Soziallehre als das Handbuch des Polemikers

Foto: Metodi Popow/Imago

Wer war Heiner Geißler? Nie waren sich die Nachrufer so einig: „ein streitbarer Geist“ (Martin Schulz, SPD); „ein streitbarer Konservativer“ (Thorsten Schäfer-Gümbel, auch SPD); „streitbar und klug“ (Julia Klöckner, CDU); „ein streitbarer Gefolgsmann“ (FAZ). Und so weiter.

Es ist ja auch etwas dran. Heiner Geißler, der am Dienstag dieser Woche im Alter von 87 Jahren starb, verfügte über eine ausgeprägte Unfähigkeit zur vorauseilenden Vorsicht in der politischen Debatte. Und doch trifft das Wort „streitbar“ die Sache nicht ganz. So aggressiv der Rheinland-Pfälzer mit schwäbischen Wurzeln auch auftreten konnte, so wenig dürfte der Streit als solcher ihm ein Motiv gewesen sein.

Sicher war das politische Tun des ehemaligen CDU-Generalsekretärs an Provokationen nicht arm. Noch im April sagte er dem Jugendmagazin jetzt: „Jesus hatte auch immer Streit. Darin war er immer ein Ideal für mich.“ Aber die Attribute, die er seinem Idol Jesus zuschrieb, deuten noch auf etwas anderes hin: „unabhängig, freimütig, selbstbewusst und furchtlos“ sei der Gottessohn der Christen gewesen, und so dürfte sich auch der Jesuitenschüler aus Tuttlingen gesehen haben, wenn auch nicht ganz so ideal wie den Gekreuzigten.

Vom Linkenhasser zum Globalisierungskritiker?

Die „streitbaren“ Äußerungen dienten immer vor allem dem Ziel, eigene Positionen in der politischen Debatte zu markieren. Streiten um des Streitens willen, das war Geißlers Sache nicht. Dazu waren ihm die Reaktionen der anderen viel zu egal. Die Vita des Juristen wurde in den vergangenen Tagen immer wieder als Geschichte einer Wandlung beschrieben: vom konservativen „General“ im Dienste Helmut Kohls zum Kämpfer gegen den ausufernden Kapitalismus, vom Linkenhasser zum Globalisierungskritiker. Aber auch diese Geschichte ist nur ein Teil der Wahrheit.

Als Heiner Geißler 1977 Generalsekretär wurde, hatte der damals 47-Jährige schon ein gutes Stück Politikerkarriere hinter sich. Schon seit 1967 war er Sozialminister in Mainz gewesen, und dort war es eher die katholische Soziallehre als das Handbuch des Polemikers, was ihn leitete. Er führte Sozialstationen ein und verbesserte die Kindergarten-Versorgung, und wenn ein Schlagwort von ihm in allgemeiner Erinnerung blieb, dann hieß es „Neue Soziale Frage“.

Was Geißler dann als Generalsekretär dazu trieb, seine politischen Gegner mit allen Mitteln zu reizen, wird nie ganz zu klären sein. Linke und Linksliberale wie Heinrich Albertz und Herbert Marcuse beschimpfte er als „Sympathisanten des Terrors“ und die SPD als „fünfte Kolonne der anderen Seite“, also der Sowjetunion. Bis heute berüchtigt ist die Antwort des CDU-Manns an die grünen Gegner der „Nachrüstung“ mit Atomraketen, die ihrerseits einen möglichen Atomkrieg mit der Vernichtung der europäischen Juden verglichen hatten: Der Pazifismus der 30er Jahre, verkündete Geißler 1983, habe „Auschwitz erst möglich gemacht“. Was Willy Brandt später einmal mit ähnlichen Kaliber konterte: „Ein Hetzer ist er, seit Goebbels der schlimmste Hetzer in diesem Land.“

Weltbild und Opportunismus

Was Geißler trieb? Ein geschlossenes rechtskonservatives Weltbild war es offensichtlich nicht. Vielleicht spielte eine Eigenschaft mit, die man ihm eigentlich gar nicht zutraut: Opportunismus. Opportunismus gegenüber der Jobbeschreibung eines Generalsekretärs, zu der aggressives Einsteigen schon immer gehört, und womöglich auch gegenüber dem rechten Flügel der Union, der vielen Ideen des „Generals“ misstraute. Das könnte die Pointe sein, die in all den Erzählungen von der Wandlung des rechten Hardliners zum „Linken“ zu kurz kommt: Heiner Geißler hatte, seinen Ausfällen gegen links zum Trotz, nie aufgehört, innerhalb der CDU ein „Modernisierer“ zu sein. Er war ganz rechts so wenig zu verorten wie links.

Der Hetzer Geißler rief auch zur Akzeptanz der „multikulturellen Gesellschaft“ auf; er setzte sich für Frauen- und Minderheitenrechte ein; er stellte sich den geschichtsrevisionistischen Fantasien mancher Parteifreunde entgegen. So lange, bis Helmut Kohl seinen Generalsekretär 1989 fallen ließ, weil ihm der Modernisierungskurs zu weit ging.

Heiner Geißler aber fand eine Rolle, die zu seinem Image und seiner Vergangenheit als Provokateur so gar nicht zu passen schien: Es begann das Kapitel „Geißler, der Schlichter“. Lange bevor er im Konflikt um Stuttgart 21 zu vermitteln versuchte – souverän, aber mit begrenztem Erfolg –, trug Geißler bei einer Reihe von Tarifkonflikten zur Lösung bei. Und wer ihn dann als Moderator im Bahnhofsstreit sah, konnte staunen: Ruhig, aber bestimmt, offen nach allen Seiten, aber nach allen Seiten auch ironisch bis belehrend präsentierte sich Geißler, und vom knallharten Kämpfer gegen echte oder eingebildete Gegner war endgültig nichts mehr zu sehen.

Nein, die Sache mit der Wandlung beschreibt den passionierten Bergsteiger nicht. Heiner Geißler war schon als Konservativer immer ein bisschen links, jedenfalls für CDU-Verhältnisse, und er war auch als Attac-Mitglied noch konservativ. Zum Beispiel, als er 2016 in Baden-Württemberg für Schwarz-Grün plädierte, nicht ohne – ganz Geißler – hinzuzufügen: „Alle, die etwas anderes vorschlagen, sind politische Dünnbrettbohrer.“

Vielleicht ist es auch dem Schlichter Geißler nicht gelungen, den Streit der Positionen in sich selbst zu schlichten. Das wäre dann eine Konstante seines Lebens. Und es macht weder seine rechten Ausfälle verzeihlicher, noch mindert es den Wert seiner fortschrittlichen Interventionen.

09:47 13.09.2017

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