Augenzeugenbericht aus Kiew: „Die Angst übertüncht die wilde Müdigkeit“

Ukraine Die Bewohner:innen von Kiew schwanken nach einer Woche Krieg zwischen Angst und Mut, Stolz und Erschöpfung
Eine Anwohnerin überquert im Zentrum von Kiew eine zum Teil verbarrikadierte Straße.
Eine Anwohnerin überquert im Zentrum von Kiew eine zum Teil verbarrikadierte Straße.

Foto: Sergei Supinsky/AFP/Getty Images

Kiew, am 4. März 2022. Es ist der 9. Tag des Krieges.

Die Welt wird nie wieder dieselbe sein. Der Schmerz des Verlustes liegt in der Luft, der Geruch von Feuer und Blut. Die Angst übertüncht die wilde Müdigkeit. Die Augen schmerzen wegen Schlafmangels. Der Morgen beginnt mit „Wie geht es dir?" und der Angst, etwas zu sehen. Oder nein, der Angst, nichts zu sehen... Die Worte „Wir sind alle am Leben“ sind auf einmal so wichtig wie noch nie.

Jeden Tag gibt es Benachrichtigungen von den „Hilf deinem Nachbarn“-Gruppen, in denen du jenen helfen kannst, denen es schlechter geht als dir, die kein Essen oder Wasser haben. Jeder von uns sollte einen Plan haben, was wir für den Sieg tun, wie wir uns nach dem Krieg und in den Jahren danach, nach dem Sieg, sehen. Es besteht kein Zweifel, dass es einen geben wird, die Frage ist nur, zu welchem Preis.

Luftangriffe zerstören jeden Tag Wohngebäude, Schulen und Krankenhäuser. Überall gibt es Fotos, Videos und Berichte über sterbende Menschen und zusammenbrechende Städte. Man sagt, jeder Krieg hat seine Regeln. In dem Krieg zwischen Russland und Weißrussland gegen die Ukraine gibt es keine. Es ist ein Völkermord am ukrainischen Volk, an der Zivilbevölkerung. In Cherson gingen die Menschen mit Molotowcocktails gegen Panzer vor. Und alle starben. Aber sie starben mit Würde. Zu welchem Zweck sind Tausende von russischen Soldaten gekommen, um das ukrainische Volk so brutal zu vernichten? Was war das Ziel des Ganzen? Um die Größe des Reiches zu beweisen? Ich hoffe, dass dieses Reich und seine Herrscher bald der Vergangenheit angehören und von der gesamten Welt isoliert sind.

Kurze Stille. Die Stille in Kiew erweckt den trügerischen Eindruck, dass die Feindseligkeiten beendet sind. Manchmal ertappe ich mich bei dem Gedanken: „Vielleicht war das nur ein Albtraum?“ Das Heulen einer Sirene holt mich in die Realität zurück.

Die ganze Welt hat ihre Aufmerksamkeit auf uns gerichtet. Die Ukraine wird nicht länger ein „Wo ist es auf der Karte? - Land“ sein. Es wird ein Land sein, das die Welt durch seinen Mut und sein Heldentum in Erstaunen versetzt hat und das weiterhin mit furchtlosem Blick für sein Land kämpft. Wir haben eine in der Geschichte noch nie dagewesene weltweite Unterstützung. Ein noch nie dagewesenes Maß an Erwartung, an Hoffnung, an Verantwortung, an Aufmerksamkeit. Aber die Erwartung ist kein Vertrauen, sondern nur die Hoffnung, dass wir diesem Vertrauen gerecht werden können. Wir haben kein Recht, uns im Stich zu lassen, feige zu sein, zu stolpern. Wir müssen diese Gelegenheit nutzen, um uns selbst zum Besseren zu verändern, uns von unseren Unzulänglichkeiten zu befreien und der Welt einen bescheidenen und zugleich selbstbewussten Stolz zu zeigen. Stolz auf uns selbst, auf die Ukraine, auf die Ukrainer, auf unsere Helden!

Unsere Autorin lebt in Kiew, wo sie vom Krieg überrascht wurde.

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