Berlin Blues

Berlin? Kopfschütteln, Daumen unten. Treibt ihm die Langeweile Tränen in den Blick? Schreiben Sie doch mal was über Bagdad! ruft die Redakteurin ins ...

Berlin? Kopfschütteln, Daumen unten. Treibt ihm die Langeweile Tränen in den Blick? Schreiben Sie doch mal was über Bagdad! ruft die Redakteurin ins Telefon. Ich lege grußlos auf. Über Bagdad schreiben und sterben. Was tut man nicht, um die Leser zu retten, die vor Überdruss umkommen könnten, sollten noch mehr Geschichten über die Metropole der Langeweile gedruckt werden. Berlinmüdigkeit greift mit epidemischer Kraft um sich. Saddam City ist uns über. Aber auch Iserlohn, wie ich einer Postkarte meines Freundes R. entnehme, der dort für ein halbes Jahr das Amt des Stadtschreibers übernimmt. Die Eingeborenen feiern ein endloses Schützenfest, schreibt er, und ich sitze mitten in der Pauke. Der Himmel über Berlin hingegen ist ruhig, im nahen Schönefeld startet ein schwach besetztes Flugzeug, London, einfache Strecke 19,99 Euro, auch New York-Flüge sind günstig. Wer will da schon hin? Meine Freundin S. beispielsweise: zwei Monate poet in residence, Central Manhattan, Ground-Zero-Tour inclusive. Eine Stadt, sagt sie, über die man schreiben muss. Schmaler Kondenzstreifen auf hellblauem Grund. Out of Berlin. Berlin is out. So auch mein Nachbar T., der nach mehrjähriger Wartefrist endlich sein Schriftstellerstipendium in Rom wahrnehmen kann. Immerhin hat die Renovierung der Villa Massimo genauso lange gedauert wie die Instandsetzung des gesamten Berliner Ostens, wo ich die Luxusmiete für den sanierten Wohnungsbau bezahlen muss, während meine Freunde in Türmen, Schlössern und Gehöften zwischen Otterndorf und L.A. die Vorteile deutscher Literaturförderung kennen lernen. Und die Nachteile. Endet doch mancher Arbeitsaufenthalt in einem Künstlerhaus, in dem mehrere Stipendiaten logieren, mit Leberschaden und Scheidungsklage. Möglich auch, dass die römische Sonne ein Karzinom in T.s stubenblasse Haut brennt. S. krepiert vielleicht bald an Milzbrand, während ein Tinitus R. in den Wahnsinn treibt. Ich schicke ihm ein Päckchen Ohropax, unverbrauchter Rest eines Andenkens an mein Stipendium im historischen Bahnwärterhaus der Stadt Esslingen am Neckar, das Tag und Nacht von Güterzügen, Interregios und ICEs erschüttert wird. Und besteige die S-Bahn, um nach Wannsee zu fahren, dem Berliner Parnass, Zwischenstation der alten Massimo-Fraktion mit Brinkmann und Born an der Spitze. Heute lädt das Literarische Colloquium ein zur Sonderveranstaltung "Sponsor gesucht!" Anwesend sind Vertreter verschiedener Fördergremien, anwesend sind die daheimgebliebenen Autoren. Wir denken nicht daran, erregt sich mein Kollege F., für ein Jahr in die Pampa zu ziehen oder in irgendein Krisengebiet! Ohne Kinderbetreuung, ohne Mietfortzahlung in Berlin! Kreuzberger Außenklo statt Brandenburgisches Schlosshotel? kontern die Gremien. Wie Sie wollen, denn die meisten Literaturstipendien sind kommunale Arbeitsstipendien! Schweigen im Raum, Statistiken kreisen, insgeheim die Kalkulation: Wie viele Erstwohnsitze brauche ich im Bundesgebiet, um auf eine ausreichende Werkförderung pro Jahr zu kommen? Bewerben sich doch allein in Berlin jährlich mehr als 400 Autoren um 15 Arbeitsstipendien, die zusammen knapp das Bruttojahresgehalt einer Redakteurin ausmachen. Indessen fordert der Kollege F., einen "Goethe-Pool" einzurichten, ein Auffangbecken für Fördermittel jeder Art, anteilig auszahlbar an alle deutschen Schriftsteller. Unbeeindruckt von dieser progressiven Idee verteilt man Adressen von Sponsoren, Ausschreibebedingungen für Literaturpreise, Anträge auf Reisekostenerstattung. Damit Sie mal sehen, wie es Ihren Kollegen anderenorts geht. Schlechter nämlich. Gute Nacht! In der S-Bahn gehe ich die Liste geförderter Reiseziele durch. Bagdad ist nicht dabei, aber Eckernförde und Edenkoben. Die Musiker steigen in Charlottenburg ein, Saxophon, Klarinette, Kontrabass. Einer singt. Schwarze Stimme. Berlin Blues.

00:00 18.07.2003

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