Berlin fühlt den Bern

Demokraten Der US-Wahlkampf findet nicht nur in den USA statt. Ein Besuch bei Leuten, die von hier aus alles für Bernie geben

Sie wollen für ihren Kandidaten kämpfen, auch wenn sie weit weg von Zuhause sind. Germany for Bernie nennen sie sich und gehören zu den aktivsten ausländischen Außenposten ihres Kandidaten. Dabei sind sie nicht offiziell Teil der Kampagne von Bernie Sanders, sondern davon unabhängig von amerikanischen Aktivistinnen in Berlin gegründet worden. Denn auch die 9 Millionen Amerikaner, die im Ausland leben, dürfen an den Vorwahlen der Parteien teilnehmen. Bei den Demokraten gelten die Auslandsamerikaner zusammen als 51. Bundesstaat und schicken 13 Delegierte an die Parteiversammlung, die im Juli den Präsidentschaftskandidaten kürt. In Deutschland leben über 300.000 Amerikaner, in Berlin allein 30.000 – und die will Germany for Bernie davon überzeugen, im März bei den Vorwahlen der deutschen Demokraten Sanders zu wählen.

An einem Dienstagabend hat Germany for Bernie zu einem Podiumsgespräch geladen, um über Sanders und seine Bewegung zu informieren, Wähler zu gewinnen, und neue Aktivisten zu rekrutieren. Über 100 Leute drängen sich in ein kleines Vereinslokal in Kreuzberg, sie sitzen am Boden, stehen an Wände gelehnt. In einem Regal türmt sich marxistische Literatur, daneben hängt ein wandfüllendes Schwarz-Weiß-Foto vermummter 68er. Darunter sitzt das Idol der hiesigen, jungen amerikanischen Linken, ein älterer jüdischer Sozialist aus den USA. Nicht Bernie Sanders, sondern Victor Grossmann. In den USA geboren, lief er 1952 in die DDR über. An diesem Abend erzählt er von der Geschichte des Sozialismus in den USA. Der Vortrag ist ein wenig zäh, doch das junge Publikum hört gebannt zu.

An der Tür des Lokals steht Jia Lim. Sie drückt den Besuchern Bernie-Sticker in die Hand und erinnert sie daran, sich für die Wahl zu registrieren. Die 37-jährige Musikerin war vergangenen Frühling eine der Initiatorinnen von Germany for Bernie. Lim kommt ursprünglich aus Singapur, hat jedoch in Michigan studiert, wo sie auch ihren amerikanischen Ehemann kennenlernte. Gemeinsam zogen sie 2006 nach Berlin – hier konnten sie sich das Studium leisten.

Bier vom Corner Shop

Die niedrigen Studiengebühren sind für viele junge Amerikaner ein starkes Argument, nach Europa zu kommen. Immer mehr flüchten vor den Studienkosten an amerikanischen Universitäten nach Deutschland, wo man heute auch Master auf Englisch machen kann. Um die vielen amerikanischen Studenten hat sich eine rege englischsprachige linke Szene gebildet, die eigene Podcasts betreibt, in denen deutsche und internationale Politik besprochen wird. Auch das sozialistische Magazin Jacobin veranstaltet in Berlin Lesezirkel auf Englisch, die vor allem von Amerikanern besucht werden.

Immer öfter tauchen nun auch bei Treffen von Stadtteilinitiativen junge Amerikaner auf, die mitmachen wollen. Wie zum Beispiel im Kampf gegen die geplante Berliner Niederlassung von Amazon. Auch hier spricht eine amerikanische Aktivistin von der Kampagne und von Sanders Einsatz gegen Großkonzerne. Denn neben dem älteren Sozialisten Grossmann ist heute Abend ein Sinnbild der Sanders-Koalition versammelt.

Ein Afroamerikaner Ende Zwanzig spricht über die Instrumentalisierung der Identitätspolitik durch den rechten Flügel der Demokratischen Partei. Als schwarzen, schwulen Mann entsetze es ihn, wie zynisch sich andere Kandidaten der Belange von Minderheiten bemächtigten, um Unterstützung für wirtschaftsliberale Politik zu gewinnen. Dann seziert ein ehemaliger Evangelikaler die Geschichte dieser Bewegung und liefert Argumente, wie man fundamentalistische Christen mit religiösen Argumenten überzeugt, links zu wählen. Bevor die Besucher verschwinden, ruft ihnen Organisatorin Jia Lim noch nach: „Kommt ihr am Sonntag auch zum Phone Banking?“

Damit meint sie die in den USA gängige Wahlkampfstrategie, potenzielle Wähler am Telefon von einem Kandidaten zu überzeugen. In Berlin treffen sich die Aktivisten jeden Sonntagabend, um genau das zu tun, diese Woche in einem Gemeindezentrum in Schöneberg. Während in Restdeutschland Tatort geschaut wird, haben sich hier fast 40 Freiwillige versammelt. Zwischen ihren Computern liegen Chipstüten, jemand hat ein Blech selbstgemachte Chocolate-Chip-Cookies mitgebracht. Weißwein steht auf dem Tisch, immer wieder holt einer Bier vom Corner Shop, wie sie den Späti nennen. Auf einem Tisch liegen Bernie-T-Shirts, Buttons und Flyer aus.

Eine kurze Umfrage zeigt: Die meisten Freiwilligen sind zum Studieren in Berlin. Wenn man sie fragt, warum sie Sanders unterstützen, sagen sie: Die Gesundheitsversorgung, sie wollen die staatliche Krankenversicherung für alle. Unter den Freiwilligen sind auch mehrere Nicht-Amerikaner. Ein heikles Thema. Zwar dürfen nur amerikanische Staatsbürger Geld an Kampagnen spenden, aber gesetzlich ist es auch Ausländern erlaubt, sich freiwillig für einen Kandidaten einzusetzen.

Trotzdem erstaunt es: Wie kommen diese Menschen dazu, sich am Wahlkampf eines Landes zu beteiligen, in dem sie weder leben noch wählen dürfen? Den Ausländern ist ein anderes Thema wichtig als den Amerikanern: Das Klima. Die Wahlen in den USA hätten globale Auswirkungen, darum wolle er etwas beitragen, sagt Oli Völckers. Die anderen nennen den 57-jährigen IG-Metall-Betriebsrat „our resident German“, er ist jeden Sonntag hier. Unter seiner schwarzen Mammut-Jacke blitzt rot der Bernie-Sanders-Schriftzug hervor. Völckers findet, die deutsche Linke könne einiges von Sanders lernen. „Ich hab noch Willy Brandt erlebt. Bernie hat denselben Stil“, sagt er. Die Reaktionen am Telefon seien bisher durchwegs positiv gewesen, noch niemand habe nachgefragt, woher der nicht-amerikanische Akzent komme.

Datenschutz? Typisch deutsch

Organisatorin Jia Lim gibt eine kurze Einführung für diejenigen, die zum ersten Mal da sind: Die Sanders-Kampagne stellt ein Computerprogramm zur Verfügung, das Freiwilligen ein Skript vorgibt, wie sie am besten mit Wählerinnen sprechen. Es beginnt so: „Bernie is running for president to make our economy and our government work for all of us, not just the wealthy few. Are you in for Bernie?“ Die Telefonnummern stammen aus dem Register der Demokratischen Partei, die Daten potenzieller Wählerinnen sammelt. Ist es nicht problematisch, so freizügig mit Daten umzugehen? Ach, winkt einer der Aktivisten ab, das sei doch bloß diese Obsession der Deutschen mit dem Datenschutz.

Rachel Gutierrez ist zum ersten Mal dabei. Die Mittdreißigerin ist vor 18 Monaten aus Washington, DC nach Berlin gezogen, um ihren Master in Politikwissenschaften zu machen. In Washington sei es einfach gewesen, sich politisch einzubringen. Nachdem „er“ gewählt wurde, wie sie Trump bloß nennt, besucht sie Demos oder politische Fundraiser bei Freunden, wo man Bier trinkt, über Politik diskutiert und Geld sammelt. In Deutschland habe sie nicht gewusst, wohin mit ihrer politischen Energie – bis sie von Germany for Bernie gehört habe. Und natürlich sei es auch schön, mal wieder unter Amerikanern zu sein, so weit weg von der Heimat.

Stört es Rachel Gutierrez nicht, dass Sanders ein alter weißer Mann ist? Nein, was sie an ihm bewundere, sei seine Fähigkeit, Grenzen von Geschlecht und Rasse zu überwinden. „Es geht mir um seine Positionen.“ Auch für sie am Wichtigsten: Sanders Gesundheitspolitik. Ihre Eltern hätten so viel dafür geben müssen, ihr und ihren Geschwistern eine anständige Versicherung zu ermöglichen, sie wolle nicht, dass andere diese Opfer erbringen müssten. Natürlich sei auch das deutsche System nicht perfekt, aber zu sehen, dass Krankenversicherung kein Luxus sei, habe sie in ihrer Einstellung noch einmal bestärkt.

Gegen Ende des Abends verkündet einer der Organisatoren, Germany for Bernie suche Wahlbeobachter für den „Primary“ im März, denn: „Nach dem Chaos der Vorwahl in Iowa wissen wir ja, dass die Wahl nicht ganz fair ablaufen wird.“ Die Aktivistinnen trauen der Partei nicht, einige befürchten sogar Wahlbetrug. Ihre Logik scheint zu sein: Wer Bernie nicht mag, muss böse sein. Vielleicht lässt sich so erklären, dass einige von ihnen selbst Trump lieber als Präsidenten sähen als einen von Sanders Gegenkandidaten auf demokratischer Seite. Falls Sanders die Vorwahl verliert, würden etwa Rachel Gutierrez ihre Stimme Elisabeth Warren geben, tritt aber Michael Bloomberg oder Joe Biden gegen Trump an, dann bleibt sie lieber zu Hause.

Caspar Shaller ist Journalist. Zuletzt erschien Margaret Atwood. Aus dem Wald hinausfinden: Ein Gespräch mit Caspar Shaller bei Kampa Salon

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