Berlin Montmartre

Alltag Wie meine Freundin Tamara aus Armenien in den Prenzlauer Berg zog

Alle wollen in den Prenzlauer Berg. Die, die es geschafft haben, sich hier einzunisten, strahlen Wohlwollen und Gelassenheit aus. Kindermangel? Bei schönem Wetter ist der Kinderwagenverkehr auf der Kollwitzstraße vierspurig. Hartz IV? Der Kiez besitzt das höchste Sozialprestige in der Hauptstadt. Gastronomieflaute? Aus ganz Deutschland, ja der ganzen Welt strömen durstige Touristen hierher, um in brechend vollen Cafés des Berliner Montmartre einen Latte Macchiato zu trinken.

Der Ruhm dieses Bezirks reicht bis nach Paris, Texas und Eriwan. Zur Orientierung: Eriwan liegt im Kaukasus, und dieser liegt etwa zwischen Berlin und Kunduz.

Als meine Freundin Tamara aus Eriwan anrief, um mitzuteilen, dass sie zu Forschungszwecken nach Berlin kommen würde, bat sie mich, für sie eine Wohnung im Prenzlauer Berg zu finden, sie habe sich schon erkundigt, wo es in Berlin am besten sei. Ich gab mir Mühe und fand eine nette Einzimmerwohnung für sie, teilmöbliert, für vier Monate, tief hinten im Prenzlauer Berg.

Es war keine richtige Altbauwohnung, aber auch kein Neubau: freundlich, schlicht, funktional: eine Antwort der Weimarer Demokratie der zwanziger Jahre auf die kaiserlichen Mietskasernen. Das langgestreckte Haus umschloss ein ganzes Straßenviereck, im Innenhof eine grüne Oase mit Fliederbüschen und saftigem Rasen - ich war stolz auf meinen Fund. Am ersten Abend saßen wir in der Küche und feierten den Einzug. Durch das offene Fenster strömte das Fliederaroma, die Platanenblätter rauschten, auf einem Zweig kuschelten und gurrten zwei dicke Wildtauben mit weißem Schmuck an den Hälsen. "Sie sind süß, wie ein Gruß von Zuhause", freute sich Tamara. "Und so groß, sicher vom guten Leben! Auf das gute Leben!". Sie hob die Bierflasche.

"Auf das gute Leben", sagte ich leise.

"Ich muss morgen ins Zeitungsarchiv, wie komme ich am besten dorthin?", fragte Tamara noch leiser.

"Westend, S-Bahn", flüsterte ich, denn ein unsichtbares Fluidum aus dem paradiesischen Hof zwang uns, immer leiser zu sprechen. Auf der Türschwelle verständigten wir uns mit den Händen. Ich legte die Hände zusammen und drückte den Kopf auf ein imaginäres Kissen, was hieß: "dafür kannst du hier gut schlafen, wenn es auch für Partys nicht der richtige Ort ist". Als ich das Haus verließ und auf die Straße trat, sah ich keine Scharen von "Künstlern, Journalisten und Studenten", die laut Reiseführer für die "lebenssprudelnde Atmosphäre" des Prenzlauer Berges sorgen. Es war kurz nach neun. Um das Haus herum herrschte gewaltige Ruhe.

Tamara schlief an diesem Abend tatsächlich gut in ihrer neuen Bleibe - allerdings nicht lang. Genau um sechs Uhr wurde sie wach. Es klirrte an ihrem Ohr, und zwar so nah, dass sie sofort wusste, was es war: ein Teelöffel, der an eine Tasse stieß. Jemand schob einen Frühstücksteller auf einen Tisch, und nun pupste dieser Jemand, ganz leise. Es war keine Halluzination: An den inneren Ecken des Hauses trafen je zwei Fenster aufeinander. Tamaras Schlafzimmerfenster war eines von ihnen. Sein Rahmen und der des Küchenfensters nebenan berührten sich beinahe. Der Mensch nebenan hustete. Es war offenbar eine Frau. Eine schmale Hand zupfte an der weißen Spitzengardine. Auf Zehenspitzen schlich Tamara in ihre eigene Küche, wo die nächste Überraschung sie erwartete: Mitten auf dem Brett des geöffneten Fensters lag ein malerisches Häuflein. Tamara griff eilig nach ihrer Brille. Vogelscheiße - aber in gewaltiger Menge. Der Haufen war etwa so groß wie eine Säuglingsfaust. Auf einem Ast vor dem Fenster knutschten die übergewichtigen Wildtauben und schickten der neuen Mieterin von Zeit zu Zeit kokette Blicke.

Als Tamara gegen Mittag das Haus verließ, bemerkte sie im Hausflur folgende Mitteilungen: "Laufen, Haustiere ausführen, auf dem Rasen sitzen, grillen, laut sprechen, Ballspielen, Fahrradfahren ist auf dem Hofgelände nicht gestattet", lautete Aushang 1. Aushang 2 regelte das Leben auf dem Balkon: "Grillen und Telefonieren auf der Terrasse ist verboten".

Als ich Tamara am folgenden Abend besuchte, beschwerte sie sich bitterlich. Die kleingedruckten Bekanntmachungen hätte man ja noch übersehen können - aber wie hatten mir nur die Emailleschilder "In diesem Haus herrscht Ordnung" entgehen können? Das alles roch überhaupt nicht nach Montmartre. Das Flair des Prenzlauer Berges machte um Tamaras Haus offenbar einen weiten Bogen. Mein Stolz war dahin.

"Aber", versuchte ich, sie zu beschwichtigen, "bis zur Kastanienallee, wo das Nachtleben tobt, sind es doch keine fünf Katzensprünge." Und zum Schlafen sei die Wohnung doch wohl das Beste, was man finden könne. Wir sahen hinaus. Die meisten Fenster waren dunkel, nur wenige schimmerten unheilvoll von flackernden Fernsehschirmen.

Die folgenden Tage verliefen ohne Zwischenfälle. Bis nach einer Woche Frau Erich von rechts nebenan schellte, um ohne große Umschweife ihr Anliegen vorzutragen: Tamara solle, wenn möglich, nicht mehr um 20 Uhr staubsaugen. "Wir hören den Fernseher nicht". Die Bitte klang an sich harmlos. Doch als Frau Erich sich schon zum Gehen wandte, sagte sie noch: "Sie arbeiten ja sowieso nicht, da können sie schließlich auch morgens staubsaugen."

Bald darauf wandte sich eine andere Mieterin an Tamara, mit der Frage, ob diese ihre Schuhe gesehen habe, Nike, Größe 39. Nein, habe sie nicht, erwiderte Tamara verblüfft. Sie selbst habe Größe 37 und könne mit Schuhen der Größe 39 gar nichts anfangen. "Aber nein, denken Sie bloß nicht, ich meinte Sie", beschwichtigte die Nachbarin. "Ich frage ja nur - vielleicht haben Sie etwas gesehen? Ich bin in Hundescheiße getreten und habe sie vor die Tür im Treppenhaus zum Lüften gestellt. Und nun sind sie weg!"

Tamara säuselte mit verstellter Stimme ins Telefon. "Und das ging ja alles noch", fügte sie trocken hinzu. "Wenigstens kann ich bei solchen Debatten mein verkalktes Deutsch aufpolieren. Aber irgendwann ist Schluss", fuhr sie fort. "Heute wurde ich gefragt, ob ich wüsste, wer in den Kinderwagen im Hausflur Bier geschüttet hat."


Nach einer Krisensitzung beschlossen wir, dass Tamara, allem zum Trotz, bleiben musste: Zwei Monate waren vergangen, und der nächste schon im Voraus bezahlt. Wir rätselten über die seltsamen Sitten dieses vorbildlichen Hauses. Den Nachbarn Fremdenfeindlichkeit vorzuwerfen - nein, das wäre sicher übertrieben. Seit vorsintflutlichen Zeiten war dies ein anständiges Haus, und eben diese Anständigkeit schien suspekte Eindringlinge einfach in Frage zu stellen. Selbst die Tauben fühlten sich offenbar in ihrem etwas ungesunden Wohlstand bedroht. Und wohl nicht ohne Grund: Eine Frau mit dickem schwarzem Haarzopf, die leicht hinkt, bunte Röcke trägt und das Haus immer erst gegen Mittag verlässt, wenn nicht noch später - womöglich trachtet sie nach Hartz IV? Und was besagt dieser unübersichtliche Besucherstrom? Wie soll man einen großen jungen Mann einordnen, der eine Jacke aus zottigem Tigerkunstfell trägt, dazu Jeans mit roter Borte und Gummilatschen ohne Strümpfe? Natürlich dürfte er ein gesteigertes Interesse an Nikeschuhen haben.

"Ich weiß, was sie denken", brauste Tamara auf. "Aber ich habe gar keine Gelegenheit zu erklären, dass er kein Penner ist, sondern ein sehr begabter Regisseur, er kennt Kusturica, er ist ein aufsteigender Star. Er ist Bohème und das ist seine Uniform."

Vor allem hatte Tamara das Gefühl, der Hausmeisterin Erklärungen schuldig zu sein. Sie hieß Frau Held und war eine ernste Dame über 50, mit Dauerwelle und Besen. Sie war allgegenwärtig und hellwach. Frau Held trug einen blauen Arbeitskittel ohne Ärmel, drunter ein rosa T-Shirt, Gartenschuhe mit stumpfer Nase und rosa Söckchen mit glitzernden Herzen am Gummirand. Sie war es, die sich bei Tamara nach der Schändung des Kinderwagens erkundigt hatte. Ihre nächste Frage überraschte sie nicht weniger: "Kommen Sie nicht zur Party?", fragte sie meine Freundin harsch, indem sie sich ihr im Treppenaufgang in den Weg stellte. "Ich habe doch allen eine Einladung in den Briefkasten geworfen!"

"Ich?"

"Ja Sie, haben Sie denn die Einladung nicht bekommen?" rief sie noch lauter und malte mit dem Zeigefinger energisch ein Viereck: "Ein-la-dung."

"Bekommen", flüsterte Tamara.

"Na, dann kommen Sie mal am Samstag auf den Hof, wir werden grillen und tanzen, es gibt auch Bier", sagte Frau Held. Und plötzlich, aus heiterem Himmel, zwinkerte sie lustig.

Tamara stürzte in die Wohnung und fischte die Einladung aus dem Abfalleimer. Ich wurde zu einer eiligen Sitzung bestellt. Das Schriftstück sah folgendermaßen aus: Auf der Vorderseite tanzte ein betrunken wirkender Hase mit einer sprudelten Sektflasche in der Pfote und pustete in die Sprechblase: "Wir feiern das 80-jährige Bestehen unseres Hauses!"

Innen wirkte die Karte, ganz im Gegensatz zu dem überdrehten Hasen, besonnen und sachlich: "Kreuzen sie bitte an, welchen Beitrag zur Festlichkeit Sie leisten wollen:

- Zelte aufbauen

- Tische und Bänke aufstellen

- Kuchen backen (Ingredienzen angeben)

- Salat machen ( Ingredienzen angeben)

Und so weiter, bis zum Feuerwerk und dann alles wieder zurück: Zeltabbau; Tische abbauen und so fort.

Das Gespräch mit der Respekt einflößenden Frau Held empfand Tamara als bindend, und so traf sie eine mutige und zugleich die einzig mögliche Entscheidung. Sie kreuzte an: Ich komme. In die Spalte "Hier können Sie Ihre Gäste eintragen" schrieben wir meinen Namen.

Es kam der Samstag. Wir machten einen aufwändigen Kuchen. Wir trugen Bänke und Tische. Dabei plauderten wir mit der Frau ohne Niketurnschuhe und fühlten uns immer besser. Der Hof wurde prachtvoll geschmückt. Die bunten kleinen Flaggen und Zelte ließen an ein Ritterturnier denken. Die Waffen ruhten allerdings. Stattdessen: Reden und Ansprachen in ein knarrendes Mikrophon, Salsa von Amateurgrazien mit blaugefrorenen Beinen - es war schon ziemlich frisch draußen - und Bier gab es auch. Die Eheleute Erich waren da und teilten mit, dass Nachbarschaftsfeste viel besser seien als fernsehen. Wir wurden weich. Frau Held auch. Aus unbekanntem Grunde war sie sehr froh zu erfahren, dass Tamara aus Armenien kam. "Nein, nein", lachte sie. "So weit sind wir nicht gekommen" - sie grabschte ihrem phlegmatischen, plattgebügelten Ehemann an die Schulter. "Nach Bulgarien, wir fahren immer nach Bulgarien". Im Gegenzug lobte Tamara den armen krebskranken Dackel von Frau Held. Diese würdigte Tamaras Sinn für Gemeinschaft und verriet, dass es hier im Haus welche gebe, denen dieser Sinn fehle. Das seien allerdings nicht die schlimmsten: Eine sechsköpfige Familie sei in das Haus gezogen, frag mich nicht, woher, wo der Pfeffer wächst. "Ich habe sie wegen Lärm mehrmals verwarnt, nun aber habe ich ihre Jungs erwischt, wie sie den Briefkasten in meinem Treppeneingang demolierten! Sie kommen auf den Hof, und von da können sie in jeden Hauseingang rein. Jetzt wissen wir, wer die Schuhe klaut und wer die Kinderwagen kaputt macht! Das wird Folgen haben!"

Nun hocken die Egoisten und Übeltäter hinter ihren Gardinen und trauen sich nicht raus. Und die Überläuferin Tamara sitzt hier im Zelt bei den Guten und freut sich, dass der Pfeffer nun weit hinter Armenien wächst. Die beige-grauen Rentner bereiten das Feuerwerk vor, ihre Wangen sind rot vor Aufregung. Schon zum dritten Mal dröhnt "Sex Bomb", Frau Held hüpft auf ihrer Bank. Bei Boney M schlagen unsere Herzen noch schneller.


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00:00 20.10.2006

Ausgabe 41/2021

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