„Die sozialen Netzwerke beuten unsere Seelen aus“

Kapitalismus Der Schauspieler Gael García Bernal und der Philosoph Srećko Horvat sind Freunde. Hier sprechen sie über die sozialistischen Bande ihrer Heimatländer, ihre Vorstellung von der Apokalypse – und warum sie gerne widerlegt werden
García Bernal, Philosoph Günther Anders, Horvat (von links) und das Unfassbare, das „Überschwellige“
García Bernal, Philosoph Günther Anders, Horvat (von links) und das Unfassbare, das „Überschwellige“

Collage: der Freitag, Material: dpa, Getty Images, Imago Images

Was können wir von einem Schauspieler, der an seiner Rolle verzweifelt, für den Kampf gegen den Klimawandel lernen? Und welche Hilfe kann dabei das Konzept des „Überschwelligen“ leisten, das der deutsche Philosoph Günther Anders vor über 70 Jahren nach dem Abwurf der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki entwickelt hat? Gael García Bernal und Srećko Horvat sprachen darüber auf der wichtigsten Buchmesse Lateinamerikas in García Bernals Geburtsstadt Guadalajara. Sie stellten dort Horvats neues Buch After the Apocalypse (Polity) vor, das bislang auf Deutsch noch nicht erschienen ist.

Gael García Bernal: Es hat etwas von einem surrealen Traum, dass wir beide hier in Mexiko unsere Ansichten austauschen können. Srećko und ich kennen uns schon lange. Ich hörte durch einen Freund von ihm, und dann stieß ich plötzlich in einer Buchhandlung auf sein Buch „Die Radikalität der Liebe“. Auf Seite 80 erwähnt Srećko mich, er schreibt dort über den Film „The Motorcycle Diaries“, darüber, wie ich den jungen Che Guevara verkörpere. Ich hatte sofort das Gefühl, ihn treffen zu müssen. So kamen wir über Twitter ins Gespräch, und daraus entwickelte sich eine Freundschaft, die bis heute dazu führt, dass wir gemeinsam an den verschiedensten Dingen arbeiten. Vielleicht kannst du für alle, die dich noch nicht so gut kennen, ein wenig aus deinem Leben erzählen?

Srećko Horvat: Ich bin in Kroatien geboren, damals noch Teil des sozialistischen Jugoslawiens, das eine enge Verbindung zu Mexiko unterhielt. Als Josip Broz Tito 1948 „Nein“ zu Stalin sagte, weil er seine eigene Version des Sozialismus verwirklichen wollte, wurde Mexiko für Jugoslawien sehr inspirierend. Weshalb? Vor 1948 wurden viele sowjetische Filme in Jugoslawien gezeigt, das natürlich gegen die USA und Hollywood war. Und Mexiko war ein Land, das eine große Revolution erlebt hatte, die Ähnlichkeiten mit der Revolution in Jugoslawien aufwies. So kam es, dass in den 50er und 60er Jahren mexikanische Filme und Musik sehr populär wurden. Es gibt wunderschöne Lieder von jugoslawischen Sängern, die mexikanische Musik in unserer Sprache interpretieren. Da war also diese besondere Beziehung. Heute ist das alles anders, das sozialistische Jugoslawien gibt es nicht mehr, wir haben jetzt sieben Nationalstaaten, der Nationalismus ist zurück, die EU auf der einen Seite, Russland und China auf der anderen ... jetzt habe ich nicht viel über mein Leben erzählt, oder?

Gael García Bernal: In der Tat. Du selbst hast inzwischen eine Bewegung namens DiEM25 gegründet?

Srećko Horvat: Das ist eine antinationalistische und antikapitalistische europaweite Bewegung, die ich mit Yanis Varoufakis und vielen anderen Genossen gegründet habe. DiEM25 ist eine Basisorganisation, hat aber auch einen Parteiflügel und ist Teil der Progressiven Internationalen. Ich schreibe also nicht nur Bücher, sondern bin auch in verschiedenen Bewegungen aktiv.

Gael García Bernal: Und du kombinierst auch ein bisschen Rollerblade-Punk und Theater ...

Srećko Horvat: Mein Interesse an Philosophie und Politik wurde durch Hardcore Punk geweckt, als ich in den 1990er Jahren aus Deutschland nach Kroatien zurückkehrte, während das sozialistische Jugoslawien zusammenbrach und ein blutiger Krieg begann. Für uns Kids waren Musik und Filme damals ein Ausweg, und gerade durch Punk, Hardcore und Hip-Hop fand eine Art von politischer Subjektwerdung statt. Hardcore Punk war der Anfang, später kam das Theater ...

Gael García Bernal: Und die Rollerblades willst du nicht weiter erwähnen?

Srećko Horvat: Rollerblades? Woher weißt du das!?

Gael García Bernal: Na ja, wenn ich dich so anschaue, dann weiß ich, dass du ein Rollerblader bist.

Srećko Horvat: Weißt du, in Ex-Jugoslawien hatten wir immer diese Kämpfe zwischen Rollerbladern und Skatern. Die Rollerblader waren ursprünglich die uncoolen Kids, die Skater waren cooler. Du warst also ein Skater, richtig?

Gael García Bernal: Natürlich. Wo wir das geklärt hätten, möchte ich mit einem der wichtigsten Konzepte beginnen, über die du in deinem Buch „After the Apocalypse“ nachdenkst: das Konzept des „Überschwelligen“, das von dem deutschen Philosophen Günther Anders geprägt wurde. Was ist das „Überschwellige“ und wie kam er zu diesem Begriff?

Srećko Horvat: Der große, aber immer noch zu wenig beachtete Philosoph Günther Anders gehörte zu den Ersten, die den Einschnitt durch Hiroshima und Nagasaki und das neue Atomzeitalter verstanden haben. An diesem Punkt führt er den Begriff des „Überschwelligen“ ein. Am besten lässt es sich im Gegensatz zum „Unterschwelligen“ verstehen. Wenn wir Werbung sehen, beeinflusst sie die Ebene unterhalb der Schwelle unserer bewussten Aufmerksamkeit – also kaufen wir Mist und fühlen uns glücklich damit. So funktioniert die Konsumgesellschaft. Günther Anders führte den Begriff des „Überschwelligen“ als Gegensatz zum „Unterschwelligen“ ein. Es ist nicht unterhalb, sondern jenseits der Schwelle unseres Bewusstseins, und die Atombombe ist für ihn das beste Beispiel dafür: etwas, das so groß ist, dass wir es nicht verstehen können; etwas, das Konsequenzen hat, die sich unserem Verständnis entziehen.

Zu den Personen

Foto: Christophe Simon/AFP/Getty Images

Gael García Bernal wurde 1978 in Guadalajara geboren. Als Schauspieler wurde er 2000 durch den Film Amores Perros bekannt. Es folgten u.a. La mala educació , Science of Sleep, Babel und No!. Er gehört zu den Gründern der Progressiven Internationalen

Foto: IPON/IMAGO

Srećko Horvat wurde 1983 in Osijek geboren. Zu den zahlreichen Publikationen des kroatischen Philosophen zählen der Interviewband Nach dem Ende der Geschichte und Poetry from the Future. Why a Global Liberation Movement Is Our Civilisation’s Last Chance

Für die Recherchen zu diesem Buch habe ich Tschernobyl besucht, dort sieht man, dass die Katastrophe noch Auswirkungen hat, nicht nur in Tschernobyl, sondern auch in Bayern, wo es noch immer verseuchte Böden gibt. Man sieht, dass sich das Überschwellige nicht um Grenzen schert, ebenso wenig wie ein Virus sich um Politiker schert, die in Wirklichkeit zu der Katastrophe beitragen, die das Atomzeitalter noch übertrifft. Das Atomzeitalter, die Klimakrise, die Pandemie, es ist die Kombination aus all diesen Bedrohungen, die so groß sind, dass die Menschen die Orientierung verlieren, depressiv werden. Sie denken, es gibt keinen Ausweg, verstehen nicht wirklich, welche Konsequenzen das System, in dem wir leben – der Kapitalismus nämlich –, in 5.000 oder 10.000 Jahren haben wird und heute in Regionen wie Lateinamerika bereits hat. Das „Ende der Welt“ ist für die Maya bereits eingetreten, für die Kurden, für indigene Völker auf der ganzen Welt – sie wurden bereits damit konfrontiert, was es bedeutet, wenn Kulturen, Sprachen, Lebensräume und so weiter verschwinden. Aber ich behaupte, die Situation ist sogar noch gefährlicher. Wir haben es nicht mit vielen Weltuntergängen oder einem bestimmten Weltuntergang zu tun, uns steht die Auslöschung bevor.

Gael García Bernal: Das ist der Schlüssel dazu, wie dein Buch die Perspektive verändert. Es geht bei dieser Ausdeutung der Apokalypse zunächst einmal um eine Art Akzeptanz im Sinne ihrer Etymologie: die Apokalypse als „Offenbarung“, eine Art Moment von „jetzt sind wir sehend“. Wir haben darüber während der Pandemie oft gesprochen. Erinnerst du dich, wie wir versuchten, zu kapieren, was mit uns geschieht, was sich ändern wird und was bleibt? In dieser merkwürdigen Situation war die einzige Möglichkeit, uns auf den Moment zu konzentrieren, um zu verstehen, was danach kommen wird. In einem solchen Moment entfaltet das Überschwellige seine Wirkung.

Ich habe von dem Konzept des Überschwelligen zuerst durch einen Artikel der brasilianischen Journalistin Eliane Brum gehört. Für sie ist es die Ursache unserer Angst, eine Blockade, die uns daran hindert, zu begreifen und Fortschritte zu machen. Sie schreibt, es sei gut, sich schlecht zu fühlen, denn dann höre man die Stimmen, nehme die Sinneseindrücke wahr, nehme das Überschwellige wahr, das man nicht verstehen und erfassen kann, weil es zu groß ist. Und ich habe mich sofort gefragt: Wann habe ich das Überschwellige erlebt? Oder wie kann man es erklären? Mein Beispiel wäre der Tsunami in Japan. Ich kann mich an die großen Tsunamis auf den Philippinen oder in Thailand erinnern, aber bis zu diesem Zeitpunkt verstand ich nicht wirklich, was es bedeutet, wenn so eine große Welle auf ein Land trifft. Erst als ich die Videos aus Japan sah, verstand ich etwas, das ich in meinem Körper nicht hatte nachempfinden können. An Eliane Brums Artikel ist interessant, dass sie das Überschwellige nicht nur als eine Kraft versteht, die Erkentnis verhindert, sondern auch als einen Aufruf zum Handeln, als einen Ruf aus dem Dschungel, eine leise Stimme, auf die zu hören eine hohe Kunst ist. Empfindest du es auch so, dass das Überschwellige nicht nur eine Kraft ist, die Erkenntnis verhindert, sondern gleichzeitig eine Handlungsaufforderung?

Srećko Horvat: Absolut. Es ist immer nützlich, historische Katastrophen daraufhin zu untersuchen, wie sie zu großen gesellschaftlichen Veränderungen geführt haben. Zum Beispiel der Ausbruch des Vulkans Laki auf Island ein paar Jahre vor der Französischen Revolution. Wenn man sich anschaut, was nach dem Ausbruch geschah, erkennt man nicht nur die ursprüngliche Bedeutung der Apokalypse als „Offenbarung“, im Sinne einer Enthüllung. Sie diente auch, ähnlich wie das Virus heute, als Katalysator. Ein Katalysator, der zeigte, wie arrogant, korrupt und inkompetent die Eliten waren – man denke nur an Marie Antoinette, die sagte: „Dann sollen sie doch Kuchen essen“, während die Menschen verhungerten. Und es hat sich gezeigt, dass diese Eliten nicht wirklich einen Plan haben, schon gar nicht für Katastrophen. So kam es zu Hunger, zu sozialen Unruhen in ganz Europa, weil sich das Klima veränderte.

Mich interessiert also, wie die heutigen Ereignisse, von der Pandemie bis zu Vulkanausbrüchen und der Klimakrise, den gesellschaftlichen Wandel beeinflussen oder andere Folgen haben. Nimm den Vulkan auf La Palma, der fast drei Monate lang ausbrach, das war eine Katastrophe. Aber natürlich haben wir es hier auch mit dem zu tun, was ich „die Kommerzialisierung der Apokalypse“ nenne. Noch während des Ausbruchs fuhren die Leute dorthin, um Fotos für Instagram zu machen. Was ich heute für gefährlich halte, ist einerseits dieser Fetischismus der Apokalypse. Wir reisen nach Tschernobyl, weil es eine Fernsehserie darüber gab, und plötzlich machen wir ein Produkt daraus, so wie wir in den sozialen Netzwerken aus uns selbst Produkte machen.

Aber auf der anderen Seite denke ich, dass sie als Katalysator dienen, die Pandemie hat bereits entlarvt wie durch und durch korrupt unsere führenden Politiker sind. Viele von ihnen glauben immer noch nicht an die Pandemie, weil sie Machos sind und keine Maske tragen wollen. Viele von ihnen glauben nicht an die Klimakrise, aber die Menschen begreifen es und vernetzen sich. Meine Hoffnung ist, dass Megakatastrophen den Menschen die Grundlagen unserer Gesellschaft verständlich machen können, dass sie verstehen, was mit dem Kapitalismus falsch läuft, mit diesem System, das auf der Ausbeutung natürlicher Ressourcen – ob fossile Brennstoffe oder Lithium – basiert und der grenzenlosen Expansion. Zuerst war es die Expansion auf deinen Kontinent, mit der Völkermord einherging, jetzt ist es die Expansion zum Mars, in unsere Gehirne, unsere Seelen. Was die sozialen Netzwerke tun, ist die Ausbeutung unserer Seelen.

Gael García Bernal: Ich schätze an unserer Freundschaft, dass wir die Vorstellung teilen, dass jeden Moment ein Vulkan ausbrechen kann – oder bereits ausgebrochen ist, auf den Kontinenten, von denen wir stammen. Diese Tragödie, die wir teilen, stellt eine Verbindung her. Das geht Mexikanern und Jugoslawen so, das betrifft Menschen aus allen Teilen der Welt. Wenn wir über das Überschwellige sprechen, ist es wichtig, dass wir die Rolle des Clowns erwähnen. Du beginnst dein Buch mit einem Kierkegaard-Zitat: „In einem Theater brach hinter der Bühne ein Feuer aus. Der Clown kam heraus, um das Publikum zu warnen; sie hielten es für einen Scherz und applaudierten. Er wiederholte es und der Beifall war noch größer. Ich glaube, genau so wird die Welt untergehen: unter allgemeinem Beifall von Leuten, die glauben, es sei ein Scherz.“ Das ist eine sehr starke Art, ein Buch zu beginnen.

Srećko Horvat: Aber das sind wir, nicht wahr?

Gael García Bernal: Ja, das sind wir. Weißt du, als ich jünger war, hatte ich das Gefühl, wenn ich Filme drehte, dass sie eine starke soziale oder politische Wirkung entfalten werden, vor allem, weil damals in Mexiko nur sechs Filme in einem Jahr gedreht wurden. Und sie hatten einen Effekt, sie waren nicht unbedingt die Grundlage von etwas, eher ein Katalysator für das, was bereits vor sich ging. Heutzutage gibt es so viele Filme und Serien, aber es fühlt sich an wie der Witz mit dem Publikum, das nicht glaubt, dass es kein Witz ist. Und jetzt stehen wir vor dem Problem, dass Politiker angefangen haben, diese Witze, diese Sprechweisen zu übernehmen, ohne dass sie Angst davor hätten, sich lächerlich zu machen. Sie haben auch keine Angst vor den Konsequenzen dessen, was sie sagen. Ein Grund, warum ich Schauspieler werden wollte, ist: Ich liebe es, die Freiheit zu haben, meine Worte rückgängig machen zu können. Ich kann sagen: „Ich habe mich geirrt.“ Als Schauspieler darf ich die Bedeutung dessen, was ich sage, ständig ändern. Es wird sogar von mir erwartet. Ich kann ernst sein, ich kann scherzen ... das Problem ist, dass die Politik den Witz übernommen hat, aber ohne selbstkritisch zu sagen: „Ich lag falsch.“ Wir sehen das heute bei vielen politischen Persönlichkeiten, nicht nur in Lateinamerika, sondern vor allem in den USA und auch in Europa. Ist eine andere Politik nicht mehr möglich?

Collage: der Freitag, Material: Getty Images

Srećko Horvat: Ich würde noch einmal von der Rolle des Clowns bei Kierkegaard ausgehen. Wir beide – und viele auf dieser Welt – sind Apokalyptiker, um widerlegt zu werden. Ich wäre der glücklichste Mensch, wenn am Tag danach jemand zu mir käme und sagen würde: „Du warst ein Idiot, du bist ein Clown, und alles, was du gesagt hast, ist falsch.“ Ich würde auf meine Insel fahren, schwimmen gehen und eine tolle Zeit mit meinen Freunden verbringen. Aber leider brauchen wir heute diese Haltung, die dem nahekommt, was Jean-Pierre Dupuy als „aufgeklärte Unheilsprophezeihung“ bezeichnet. Er hat übrigens ein wunderschönes Buch über Tsunamis geschrieben, A Short Treatise on the Metaphysics of Tsunamis.

Ein anderer großer „Clown“ ist natürlich Noah. Günther Anders hat eine großartige Parabel über Noah geschrieben, und vielleicht ist das auch die Position des Schauspielers. Noah führt eine Art apokalyptisches Schauspiel auf, eine apokalyptische Performance, er kommt in Sack und Asche, was zu seiner Zeit den Trauernden vorbehalten war. Er kommt also auf den Platz und die Leute schauen ihn an, als wäre er ein Clown, und sie fragen ihn: „Wer ist gestorben?“ Er sagt: „Ihr seid gestorben, ihr alle hier, und alle eure Kinder sind bereits tot.“ Und sie sind verblüfft. Das ist der Moment, in dem Noah sie packt. Und das ist es, was Schauspieler tun können, was Kunst kann, was große Filme können, wenn sie einfach in dein Herz treten und du plötzlich eine Realität siehst, die du vorher nicht gesehen hast. Ich sehe das als unsere Verantwortung heute. Auch wenn wir verrückt wirken, müssen wir Noahs Beispiel jeden Tag folgen. Das Problem ist natürlich, wie du sagtest, dass die politischen Entscheider die wahren Clowns sind und die Konsequenzen nicht tragen. Erinnerst du dich noch daran, als Donald Trump vorschlug, einen Hurrikan mit einer Atombombe zu bekämpfen? Kürzlich hat ein Politiker dasselbe für den Vulkan auf La Palma vorgeschlagen ...

Gael García Bernal: Lass uns vielleicht über Poesie sprechen und darüber, wie man ein Gefühl für Sprache und Semiotik zurückgewinnen kann. Ich weiß nicht, ob es dir ähnlich geht, aber du weißt, Englisch ist meine Zweitsprache und ich verfalle manchmal auf einfach Floskeln wie „jesus“, „crazy“, „oh man“ oder „awesome“. Ich sah dann ein Problem darin, wie Donald Trump sprach. Er sprach, als wäre Englisch seine Zweit- oder Drittsprache, er benutzte diese Adjektive ständig und ohne Unterlass, „beautiful“, „huge“, „amazing“. Ich hatte das Gefühl, er kapert die Adjektive. Ich konnte „beautiful“ nicht mehr verwenden, weil es nach Trump klang. Es gibt also einen Kampf darum, die Sprache zurückzuerlangen, den Sinn der Sprache, auch darüber schreibst du in deinen Buch. Denn als die Pandemie begann, bekamen all diese Begriffe, angefangen bei „Covid“ bis hin zu Floskeln wie „die Rückkehr zur Normalität“ eine Bedeutung.

„Normalität“ schien der Glaube daran zu sein, dass wir zu dem zurückkehren, „wie es war“, zum „business as usual“, eine Rückkehr zu etwas. Aber es gab es kein wirkliches Verständnis davon oder eine Diskussion darüber, welche Dinge sich ändern müssen, damit wir nicht an den Punkt kommen, an dem die „Normalität“ zerbricht. Jetzt gibt es diese „neue Normalität“, und zu ihr gehören vielleicht Verhaltensweisen wie Social Distancing und Ähnliches, aber nicht, dass wir aufhören müssen, fossile Brennstoffe zu verbrauchen, den Planeten zu zerstören, Ökosysteme zu zerstören. Was fehlt, ist eine Art von neuer Mythologie, um ein stärkeres gesellschaftliches Miteinander zu schaffen. Wie also können wir den Worten wieder Sinn geben?

Srećko Horvat: Der Kampf um den Sinn ist heute der wichtigste Kampf. Wir haben es nicht mehr nur mit einer Finanzialisierung zu tun, sondern mit etwas, das der zeitgenössische italienische Philosoph Franco „Bifo“ Berardi als „Semiokapitalismus“ bezeichnet. Es handelt sich um die Form des heutigen Kapitalismus, die hauptsächlich auf der Schaffung, Reproduktion und Manipulation von Zeichen beruht.

Das beste Beispiel ist Elon Musk: Er twittert über eine Kryptowährung und danach gewinnt sie an Wert. Wir sehen also, dass Worte nicht nur eine Bedeutung haben, sondern auch Auswirkungen auf das reale Leben, und heute ist die Situation gerade wegen der Beschleunigung der Technologien noch gefährlicher. Ein Atomkrieg kann über Twitter ausgelöst werden. Aber gleichzeitig liegt die Hoffnung gerade in dieser neuen Phase des Kapitalismus in den Rissen, die bereits existieren und die wir noch größer machen können. Indem wir Zeichen und Sprache nutzen und ihnen eine neue Bedeutung geben, können wir eine bessere Welt schaffen.

Es gibt diesen berühmten Satz aus Alice im Wunderland, als Alice Humpty Dumpty fragt, wie Worte so viele verschiedene Dinge bedeuten können, und Humpty Dumpty antwortet: „Die Frage ist, wer die Macht hat – das ist alles.“ Das ist Semiokapitalismus. Die Frage ist nicht nur, wie können wir die Bedeutung untergraben, die Frage ist, wie können wir eine neue Bedeutung, eine neue Erzählung, eine neue Kosmologie schaffen? Und hier halte ich das indigene Wissen für so wichtig, das Wissen revolutionärer Bewegungen wie der Zapatisten, die neue Narrative und auch parallele Institutionen erschaffen haben. Mich interessiert, wo du heute die neuen Narrative siehst, welche Macht und Verantwortung die Kunst bei der Schaffung dieser neuen Narrative hat und wie soziale Bewegungen zusammen mit der Kunst neue Narrative schaffen können, die nicht nur lokal wirksam sind, sondern weltweit, und nicht nur zwischenmenschlich, sondern transhuman?

Gael García Bernal: Vielleicht führt der Weg zu neuen Kosmologien über das kollektive Ritual. Wir sind soziale Wesen, das wurde während der Pandemie besonders offensichtlich, als wir uns nicht treffen konnten und unser spirituelles Leben, unser soziales Leben und sogar unsere Körper und Gesundheit darunter litten. Wir sitzen hier in einem Raum vor Menschen, und selbst wenn sie Masken tragen, können wir sie sehen. Eigentlich können wir uns mit den Masken sogar besser in die Augen sehen als vorher. Die Zapatisten haben bereits darüber gesprochen. Eine Möglichkeit, wie wir vielleicht verschiedene Apokalypsen erschaffen können, ist durch die fragmentierten und manchmal sehr verdichteten Erfahrungen von Ritualen, die von etwas so Leichtem wie dem Karneval bis hin zum anderen Extrem, dem sehr ernsthaften experimentellen Theater, reichen können. Damit könnten wir etwas erzeugen, das Konsequenzen hat – und hoffentlich auch künstlerische.

Wann immer wir als Schauspieler auf der Bühne stehen, gibt es diesen seltsamen Moment von: „Ich habe keine Ahnung, was ich mache“, und der Regisseur fragt: „Was meinst du?“ Du kommst an diesen Punkt, weil du müde bist, wegen der Wiederholungen, vor allem aber, weil du versuchst, so viel Komplexität in deine Rolle zu legen und dem, was du tust, so viel Bedeutung beizumessen, um auf die Bühne zu bringen, was auf dem Spiel steht – in gewisser Weise Leben und Tod – und in diesem Moment entsteht ein Riss in deinem Körper, der dir sagt: „Moment mal, wir wissen nicht mehr weiter.“

Aber das ist das Nirwana der Schauspielerei. Das ist der Punkt, an dem du dich an ganz konkrete Dinge halten musst und sagen musst: Ich weiß nicht, was ich mache – lass uns zurückgehen, was macht diese Figur, schau nach links, schau nach rechts, hier ist eine Tasse Kaffee, sonst ist da nichts. Man konzentriert sich auf einfache, konkrete Dinge. Und dann spürst du plötzlich, was du tust. Um auf das Überschwellige zurückzukommen: Wir sollten uns auch auf Konkretes konzentrieren und zum Beispiel fragen, warum wir von der „neuen Normalität“ sprechen, wenn wir nicht aufhören, fossile Brennstoffe zu fördern. Ich denke, dass künstlerische Prozesse und Rituale eine Gemeinschaft, eine Bewegung und Wissen erzeugen, das in den Körper übergeht, und danach kann man ein Gleichnis schaffen, das sich auf den allgemeineren politischen Kontext erstreckt. Ich muss diesen Gedanken noch weiter ausarbeiten, weil ich denke, dass wir von der Schauspielerei und dieser körperlichen Erfahrung etwas lernen können. Darüber möchte ich schreiben.

Übersetzung aus dem Englischen: Christine Käppeler

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