Bernau und Dachau, Knut und Wir

Perspektive deutsches Kino Man ist gewohnt, nicht nett behandelt zu werden - ein kleiner Gang durch die einheimische Talentpflege

Zum zweiten Mal geht nun auf einer Berlinale die »Perspektive deutsches Kino« in den Ring. Festivalchef Dieter Kosslick war in seinem früheren Leben Geschäftsführer der Filmstiftung Nordrhein-Westfalen und hat erst vergangenes Jahr diese Funktion übernommen - mit dem ausgesprochenen Anspruch, die deutsche Filmszene stärker in den Kinomarathon am Potsdamer Platz einzubinden. 2002, im Start-Jahr der »Perspektive«, riefen diese Promotions-Ambitionen vor allem bei der heimischen Presse zwiespältige Reaktionen hervor. Vor allem die deutschen Wettbewerbs-Beiträge Der Felsen und Baader galten als zu schwach, um mit der internationalen Konkurrenz mithalten zu können. Doch Kosslick gab sich gelassen: »Dass alle nett behandelt werden würden, das habe ich nicht erwartet.« So sind auch in diesem Jahr wieder viele Filme made in Germany vertreten - rechnet man alle Sektionen zusammen, sind es knapp sechzig an der Zahl, was ungefähr ein Fünftel des Gesamtspektrums ausmacht.

Auch diesmal war für die Auswahl der »Reihe, die angetreten ist, Filme und ihre Macher vorzustellen, die das Zeug haben, die Zukunft der deutschsprachigen Kinos mit zu gestalten«, Alfred Holighaus verantwortlich. Und er bezog noch klarer Position gegen jede Festlegung. Im Gegensatz zu 2002 fanden nun auch zwei kürzere Arbeiten Aufnahme, und aus inhaltlicher Sicht bleibt sowieso alles beim Alten, Offenen. Die insgesamt elf Produktionen reichen vom Dokumentar- zum Spielfilm, vom Kurz- zum Langfilm und vom Hochschuldebut- zum Experimentalfilm. Dabei lassen sich jedoch durchaus Gemeinsamkeiten finden.

In Bernau liegt am Meer versucht die aus Stuttgart stammende Martina Döcker sich der brandenburgischen Kleinstadt an der Grenze zu Berlin anzunähern, die mit der Metropole so wenig gemein hat. Zu Beginn fährt sie durch die schmalen, zwischen pittoresk und Platte schwankenden Straßen, wie um dem Zuschauer ein Gefühl von der nichts sagenden, abweisenden Haltung der Häuser und ihrer Bewohner zu vermitteln. In Kontrast dazu gesetzt verlaufen die teilweise sehr intimen Gespräche mit ihren drei Interviewpartnern, die einen personalen Kreis der Bernauer Gegensätze bilden. Da ist der 21-jährige Ex-Skinhead Daniel, der früher prügelnd durch die Gegend zog und sich nun als »nicht mehr gewaltbereit« einstuft. Hinzu kommt der in Westberlin aufgewachsene Jugendrichter Andreas - eine interessante Persönlichkeit, weil sich in ihr die vielen Clichés und Ratlosigkeiten des 68er-geprägten Westens gegenüber dem verbitterten, rechtsradikalen Osten widerspiegeln. Wenn er in einer Diskussionsveranstaltung in leicht aufgeblasener Pädagogenmanier etwa Toleranz für Andersdenkende und Ausländer einfordert, ist er sichtlich um Worte verlegen, als Skinheads daraufhin aggressiv auch für sich Gedanken- und Handlungsfreiheit beanspruchen. Einen Ausgleich zwischen beiden Positionen bildet die Streetworkerin Rosemarie als dritte Gesprächspartnerin. Mit ihrem schlichten aber zielstrebigen Wesen überzeugt sie sowohl den manchmal verbitterten Richter vom Sinn ihrer Tätigkeit, als auch den sich auf Walhalla und Deutschtum berufenden Schläger vom Ausstieg aus der Gewalt. Und obwohl Döckers Dokumentation manchmal ins Betuliche abzurutschen droht, gelingen der Regisseurin doch beeindruckende Szenen - wie etwa der psychologisch feinfühlige Moment, in dem der sich ständig als »normal« bezeichnende Daniel plötzlich von seiner kaputten Kindheit und Selbstmordversuchen zu erzählen anfängt.

Grüße aus Dachau bildet in vielerlei Hinsicht das West-Pendant zu Bernau. Thema von Bernd Fischers Film ist ebenfalls das mit dem Nationalsozialismus verkettete Lebensgefühl in der Kleinstadt, wobei er ein ganzes Arsenal an Gesprächspartnern auffährt, das von einem KZ-Überlebenden und einer Klosterschwester über eine Stadtführerin und einen Vertreter der Republikaner bis zum launigen Laubenpieper und zum Oberbürgermeister reicht. Für die einen ist Dachau eine ganz »normale« Stadt wie jede andere auch, die nichts - oder nur sehr wenig - für ihre Vergangenheit kann. Für die anderen ist sie auf fatale Weise bemüht, Zeitgeschichte vergessen machen zu wollen. Dem Dokumentarist gelingt ein gut inszenierter Blick auf die inneren Kämpfe der Kommune, in dem sich Weißbier, Trachtenhüte und putzige Altstadthäuschen mit von Überlebenden organisierten Führungen durch die KZ-Gedenkstätte durchmischen. Fröhliche Blasmusik und ein ukrainischer Überlebender, der während seiner Erzählung in Tränen ausbricht, sind überzeugende Dachauer Alltags-Gegensätze. Leider verzichtet Fischer aber nicht darauf, sich selber als hier Aufgewachsener in die Geschichte einzubringen und manchen seiner gelungenen filmischen Aussagen noch ein unnötiges i-Tüpfelchen durch eigene, aus dem Off gesprochene erzählerische Bonmots aufzusetzen.

Im Bereich Fiction ist das wichtigste Thema der »Perspektive« die Quarterlife-Crisis. Der Eröffnungsfilm Sie haben Knut hat daneben aber auch mit einem Stück deutscher Vergangenheit zu tun, denn er spielt in den frühen achtziger Jahren. Seine Figuren rekrutieren sich auf der einen Seite aus den Teilnehmern von Protestmärschen und Friedensdemos, die - wie zu Filmbeginn Knut - manchmal grundlos eingesperrt werden. Auf der anderen Seite stehen die Hedonisten, denen Politik »egal« ist und die - wie damals Markus in seinem Hit - bloß Spaß haben und Gas geben wollen. Als die Sportgruppe des Verhafteten in Winterurlaubsstimmung auf ein Pärchen trifft, das es sich in der von ihnen okkupierten Skiferien-Almhütte zweisamkeitsmäßig gemütlich machen wollte, treffen Welten aufeinander und brechen auseinander. Stefan Krohmer schlägt aus dem Aneinandergeraten der vielen verschiedenen Temperamente seiner Figuren nicht nur humorige Funken, sondern liefert auch tief gehende Psychogramme etwa des gefühlslauen Intellektuellen, des aufreißenden Skilehrers und des komplexbeladenen Besserwissers. Und alle stehen dabei vor einem neuen Lebensabschnitt, was auf den Pisten der schneebedeckten Berge immer deutlicher wird. Ein eigentlich immerfroher Hotzenplotz-Mann muss erkennen, dass er im Grunde überhaupt keine Lust auf das bevorstehende Grundschullehrer-Refendariat hat. Eine träumerische Nullbock-Frau merkt, dass sie in ihrer langjährigen Beziehung nicht wirklich glücklich ist. Selbst Knut stellt fest, dass er die Leute, von denen er Engagement und Umdenken fordert, nur nervt. Krohmers Spielfilm überzeugt durch Genauigkeit und Subtilität, wenn man sich auch gelegentlich fragt, warum er nicht in einer Zeit spielt, in der die »Tristesse Royale« deutscher Jungautoren über ihre teuren Markenklamotten sinniert, während sich die Globalisierungsgegner in Genua Schlachten mit der Polizei liefern.

Der in Bonn geborene Martin Gypkens hat mit seinem Wir vor kurzem auf dem Saarbrücker Max-Ophüls-Festival den »Förderpreis Langfilm« gewonnen. Auch hierin kriselt es heftig an der Schwelle zum Erwachsensein - allerdings zur finalen Katastrophe hochgeschraubt. Sein hauptsächlich aus Aachen nach Berlin gezogenes Neunziger-Jahre-Figurenensemble feiert sich immer hektischer durch die Szenenächte und merkt dabei nur langsam, wie die großen Jugendträume von einem besonderen Leben den Bach runtergehen. Da gibt es den mehr Lebens- als Ernsthaft-Künstler, der die ganze Zeit von seinen Filmprojekten spricht und in Wahrheit doch nur Computer spielt. Wir treffen die trinkfeste Ewig-Studentin, die von Soziologie über Psychologie zur Theaterwissenschaft wechselt, um mal was »Handfestes« zu machen. Schließlich endet sie in einer Lehre - in Kassel. Regisseur Gypkens hat sichtlichen Gefallen an den verschiedenen Prototypen des Neujungberliners, verleiht einigen Figuren aber doch besondere Konturen. Am besten gelingt ihm dies vielleicht bei dem schüchternsten Typ von allen, der schließlich am heftigsten durchdreht. Der zerbricht innerlich an einem Missverständnis: Er glaubt, dass allen anderen um ihn herum der Umgang und das Sichabfinden mit den eigenen Unzulänglichkeiten leicht fällt, weil an der Oberfläche alles da ist: Party, Koks, Affären. In einem Mischgefühl aus Hass auf diese scheinbare Leichtigkeit des Seins und der Wut darüber, dass in dem großen Freundeskreis nichts Intaktes mehr bleibt, beginnt er eine Autobahnraserei, die für eine Frau tödlich endet. Am Ende kauft sich deren heimlicher Liebhaber einen großen Hund - zum Trost? Manche psychische Kaputtheiten in Wir wirken etwas an den Haaren herbeigezogen, andere nehmen einen mächtig mit.

Bei einer Reihe, die neue Talente vorstellt, soll es auch nicht anders sein. Das ist jedenfalls Kosslicks Meinung, der in diesem Zusammenhang gerne auf seine Vergangenheit in der Filmförderung verweist. »Wir können hier nicht eines der größten Festivals der Welt veranstalten, und dann wird der deutsche Film nicht prominent promotet.« In anderen Ländern verhalte man sich auch nicht anders. Einer möglichen Kritik an der Qualität der Auswahl entzieht er dadurch den Boden. Diese polternde Haltung befremdet, doch kommt ihr in diesem wie im letzten Jahr nur wenig Bedeutung zu - jedenfalls, was die »Perspektive deutsches Kino« betrifft. Denn ihr Leiter Holighaus brachte in der überwiegenden Mehrzahl Produktionen junger Filmschaffender zur Aufführung, die einiges für die Zukunft versprechen. Die sogar einige Versprechen mit ihren Filmen bereits jetzt eingelöst haben.

Obwohl sie ausschließlich aus Deutschland kommen.

00:00 07.02.2003

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