Berühmte Skelette

A–Z Viele finden sie zum Gruseln: Skelette erinnern an unsere Sterblichkeit. Selbst wenn sie von Dinosauriern stammen. Oder von Touristen fotografiert werden. Unser Lexikon
Ausgabe 04/2015
Berühmte Skelette

Foto: Edward Tracey/Bips/Getty Images

A

Abgehalftert Die Rubrik „Buntes aus aller Welt“ ist nicht zu unterschätzen. Wer aufgeschlossen gegenüber Absurditäten ist, kann dort viel Material für mittelgute bis grottenschlechte Witze finden, vielleicht auch für den großen, den ganz großen Roman. In der englischen Kleinstadt Newmarket stießen Bauarbeiter jetzt auf das Skelett eines Rennpferdes, das 1838 starb. Aha, dachte ich beim Lesen. Das Tier soll eines der schnellsten Pferde der Welt und „schlau wie ein Habicht“ gewesen sein. So, so. Das Interessante ist indes sein Name: Doctor Syntax. Ist das toll! Oder was? Das klingt doch wie ein ausnahmsweise mal begabter Deutsch-Rapper, wie eine Figur aus einem Fritz-Lang-Film, das klingt nach dem härtesten Logopäden Mitteleuropas! Daraus müsste man jetzt was machen. Katja Kullmann

B

Bones Als TV-Serienjunkie mit einem Hang zum Morbiden kommt man an Bones – Die Knochenjägerin einfach nicht vorbei. Bones (wie die englischen Knochen) ist der Spitzname einer forensischen Anthropologin, die im fiktiven Jeffersonian Institute in Washington menschliche Überreste auf die jeweilige Todesursache und die Identität hin untersucht. Ein FBI-Agent und ein Stab von Wissenschaftlern stehen ihr zur Seite. Eine Folge stellt das Team vor eine fast unmögliche Aufgabe: Für eine nicht näher genannte Regierungsorganisation soll nur die Todesursache, nicht aber die Identität einer mumifizierten Leiche festgestellt werden. Stammt das Skelett womöglich von John F. Kennedy? Gab es damals doch einen zweiten Schützen? Die Wissenschaft und der Glaube ans System stehen sich hier gegenüber – in der einzigen Folge, in der Bones nicht zu 100 Prozent klar sieht. Es ist eben Unterhaltung. Jutta Zeise

F

Fantasy Knochenmänner sind im Fantasy-Genre keine Seltenheit. Oft treten sie massenhaft, als Armee, auf, durch die sich die jeweiligen Helden hauen und stechen müssen. Hauptfiguren sind sie selten, Sympathieträger so gut wie nie. Terry Pratchetts Roman Gevatter Tod (1987) macht da eine Ausnahme. In jüngster Zeit ist es der Skelettdetektiv „Skulduggery Pleasant“, der die Fahne der Knochenmenschen hochhält. In acht Bänden, die alle Bestseller sind, lässt der irische Autor Derek Landy den knochigen Ermittler auftreten. An dessen Seite entfaltet sich die anfangs zwölfährige Stephanie allmählich zur magischen Kriegerin. Anfangs ist ihr noch mulmig, doch schon bald erliegt sie dem schwarzhumorigen Charme des Gerippes mit Herz. Die Verfilmung kommt sicher bald. Tobias Prüwer

I

Industrieruinen Es ist ein Irrtum, zu glauben, dass nur Lebewesen ein Skelett haben. Im Gegenteil: Die reizvollsten Skelette sind Industrierelikte, denn in sie kann man sogar hineinklettern. Schiffsrümpfe, von denen nur noch das Gerippe übrig ist; Fabrikreste, aus denen Stahlträger ragen; Berge entkernter Autowracks: Ohne jene Skelette wären Städte, Häfen und Industriegebiete nur halb so stimmungsvoll, die Überreste verleihen ihnen Profil, machen sie auf eine raue Art anziehend. Das mag kitschig klingen. Doch diese Zeichen des Verfalls sind auf eine ganz eigene Weise faszinierend. Schon wegen ihrer schieren Größe sorgen sie für Ehrfurcht. Man nähert sich ihnen mit Vorsicht und Spannung und fühlt sich dabei auf eine ganz spezielle Weise an die Vergänglichkeit erinnert. Oft werden solche Ruinen für Blogs und Bildbände fotografiert, das nennt man in den USA Ruinenporno. Benjamin Knödler

K

Killing Fields Mehr als 300 Orte zählen zu den Killing Fields („Tötungsfeldern“) in Kambodscha. Es sind die Stätten, an denen die maoistischen Roten Khmer Massenmorde begangen haben. Zwischen 1975 und 1979 metzelten sie mehr als 200.000 Menschen nieder. Die Opfer wurden aus ihren Städten vertrieben, weil die Khmer einen Agrarkommunismus als Gesellschaftsform anstrebten. Gebildete Schichten wurden als nichtintegrierbar „füsiliert“, also exekutiert. Choeung Ek ist heute das bekannteste Killing Field. Die dort aufbewahrten Totenschädel dokumentieren die Mordlust der selbst ernannten Gesellschaftsveränderer auf drastische Art. In dem einstigen Obstgarten nahe der Hauptstadt Phnom Penh wurden 17.000 Menschen hingerichtet. Heute können Touristen dort rund 5.000 Schädel betrachten, ob mit grauenvollem oder wohligem Schauer, sei dahingestellt. Tobias Prüwer

L

Leichenfledderei Rembrandts Anatomie des Dr. Tulp gehört zu den berühmtesten künstlerischen Ausflüssen menschlicher Leichenfledderei. Inspiriert von dem Anatomen Vesal, der im 16. Jahrhundert in Bologna öffentlich sezierte und als Begründer des Anatomischen Theaters gilt, wuchs die Begehrlichkeit von Ärzten nach menschlichem Seziermaterial. In der Saga der Schweizer Familie Platter erzählt der Historiker Emmanuel Le Roy Ladurie von illegalen Raubzügen auf Friedhöfen. In der Frühen Neuzeit galt die Sektion noch als Leichenschändung. Auch der angehende Arzt Felix Platter aus Laduries Buch widersetzte sich dem päpstlichen Diktum. Als Medizinstudent zog er nachts auf die Friedhöfe von Montpellier und versorgte sich mit frischen Leichen von Verbrechern. Zur Verteidigung führt der Historiker an, „dass er nie Protestanten seziert hat, wenngleich er keinerlei Skrupel hegte, sobald es sich um papistische Leichen handelte“. Ulrike Baureithel

Lucy In puncto Berühmtheit kann es die zierliche Dame beinahe mit ihrer musikalischen Namensgeberin aufnehmen: „Lucy in the Sky with Diamonds“ von den Beatles lief in den Radios noch immer rauf und runter, als Donald Johanson 1974 Lucys Skelett bei einer Ausgrabung in Äthiopien fand. Mit vollem Namen heißt das rund 3,2 Millionen Jahre alte Fossil Australopithecus afarensis. Nur knapp einen Meter groß soll Lucy gewesen sein und rund 25 Jahre alt, als sie starb. Sie ging vermutlich schon aufrecht und konnte auf Bäume klettern. Ob Lucy allerdings tatsächlich eine junge Lady war oder doch eher Ludwig genannt werden müsste, ist unter Forschern bis heute umstritten. Fest steht: Wenn Lucy heute auf Reisen geht, gleicht das einem Staatsakt. Zuletzt tourte das Fossil fünf Jahre lang durch die Museen der Welt, bevor es 2013 die Heimreise nach Äthiopien antrat. Vielen gilt das Skelett als Ikone, ist es doch immerhin ein weiteres Indiz für die These, dass der Ursprung der Menschheit in Afrika liegt. Josephine Schulz

M

Mutter „Der beste Freund eines Mannes ist seine Mutter“, sagt Norman Bates beim Abendessen in Psycho zu seinem Motelgast Marion Crane (Janet Leigh). Da ahnt auch der Zuschauer noch nicht, wie ernst Bates das meint. Die Duschszene aus Hitchcocks Thriller hat seit 1960 ganze Generationen um den Schlaf gebracht. Mindestens genauso gruselig ist der Moment, in dem Marions Schwester Lila das Gerippe von Bates’ Mutter im Keller entdeckt – grau, ausgemergelt, mit tiefen Augenhöhlen. Für den Dreh griff Hitchcock auf eine unorthodoxe Art des Method Acting zurück: So soll er mehrere Mutterpuppen anfertigen lassen haben, die er nach und nach in Janet Leighs Garderobe versteckte, um die Reaktionen seiner Hauptdarstellerin zu testen. Die Puppe, bei der Leigh am lautesten schrie, soll es, der Legende nach, dann in den Film geschafft haben. Simon Schaffhöfer

R

Reliquien Die sterblichen Überreste berühmter Personen besitzen eine große Anziehungskraft. Selten sind ganze Skelette zu besichtigen, wie das des heiligen Hyazinth von Caesarea im Kloster Fürstenfeld. Häufiger sind nur noch Knochenreste zu sehen – etwa in Rom acht Fragmente, die einmal zum Apostel Petrus gehört haben sollen. Während Mausoleen und andere weltliche Grabstätten als Ehrenmale gedacht sind, wird den Überresten von Heiligen auch eine Wunderkraft nachgesagt. Ob eine Reliquie wirklich echt ist, bleibt oft eine Frage des Glaubens. Kein Wunder, oder? Ulrike Bewer

Richard III. König Richard III. galt über 500 Jahre lang als der größte Finsterling unter den englischen Herrschern. Seit seine Gebeine 2012 unter einem Parkplatz in Leicester gefunden wurden, bemühen sich Historiker, seinen Ruf etwas aufzupolieren. Im März soll er nun erneut beigesetzt werden, diesmal mit ein bisschen Würde. Julian Heißler

S

Skellie Dieses Wesen ist ganz schön hip drauf – zumindest suggeriert das sein Instagram-Account, mit Fotos von einem Wohnzimmerkonzert, aus einem Sushi-Lokal oder vom Workout. Das allein ist noch nichts Besonderes in Zeiten wie diesen, da alle sich bemühen, die perfekte virtuelle Figur abzugeben. Allein: Skellie ist ein Skelett, und zwar ein weibliches. Unter dem User-Namen „omgliterallydead“ postet sie unablässig Bilder von sich, im Café sitzend, mit nachdenklich wirkenden Augenhöhlen aus der U-Bahn schauend. Dabei gibt Skellie stets die perfekte Persiflage des sich selbst präsentierenden Instagrammers. Das ist weniger gruselig als vielmehr komisch. Skellie ist die Erfindung der Social-Media-Managerin Dana Herlihey. Sie nimmt damit die Konformität der Instagram-Gemeinde aufs Korn. Über 150.000 Follower sind höchst amüsiert. Benjamin Knödler

T

T-Rex Der Tyrannosaurus Rex war schon lange, bevor Steven Spielberg ihn fürs Kino entdeckte, ein Amerikaner. Die 30 bisher gefundenen Exemplare jagten vor 65 Millionen Jahren im Nordwesten der USA alles, was kleiner war – und das war bei einer Körperlänge von 13 Metern so einiges. Das vollständigste T-Rex-Skelett steht im Naturkundemuseum in Chicago und wird nach seiner Entdeckerin „Sue“ genannt. Sues Knochen erzählen viel darüber, dass das Leben eines Raubsauriers in der Kreidezeit auch kein Zuckerschlecken war. So hatte sie sich mehrere Rippen und auch mal die Schulter gebrochen, gestorben ist sie an einer Infektion im Rachen. Und zwar schon mit 28 Jahren. Der Paläontologe Gregory Erickson meint deshalb, der T-Rex sei der „James Dean unter den Dinosauriern“ gewesen. „Er lebte schnell und starb jung.“ Jan Pfaff

Z

Zeichen In der christlich-abendländischen Tradition dienten Abbildungen menschlicher Gebeine einst als Memento mori. Oder als Abschreckung. So sollten mit Skeletten und Totenschädeln garnierte Piratenflaggen dem Angriffsopfer die Angst in alle Glieder fahren lassen. Manche Heereseinheit trug den Schädel, um ihre unbedingte Todesbereitschaft zu dokumentieren, auch Himmlers SS verwendete ihn an ihren Mützen. Als Piktogramm warnt uns der beinerne Rundling vor Gift. Auch diversen Subkulturen hat es der Schädel angetan, allen voran dem Punk. So verwendete beispielsweise die Band The Exploited auf ihrem Album Punks Not Dead einen Totenkopf mit Irokesenschnitt, der schnell ikonografisch für die ganze Szene wurde. Tobias Prüwer

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