Rainer Alisch
12.04.2002 | 00:00

Beschleuniger

Pudding der Sauerteig Theologen proben ihr Einverständnis mit der Globalisierung

Einen "Pudding aus Religion und Erotik" soll der Religionswissenschaftler Walter F. Otto die Elmau 1946 genannt haben. Lange bevor die "Bergfilme" Arnold Fancks die heroischen Botschaften der Eispickel-bewehrten Helden publikumswirksam in die Weimarer Republik spülten, hatten sich die "Talschweine" der Idylle bereits bemächtigt. 1916 schuf der verkrachte Theologe Johannes Müller im Schloss Elmau ein "Entlastungshotel" für erschöpfte Großstädter. Er hatte eine Karriere als Vortragsredner begonnen und konnte mühelos Berliner Säle mit mehr als 1.000 Personen füllen. Seine Botschaft war so simpel wie wirksam. An die Stelle kirchlich-dogmatischer Vermittlung setzte er das do-it-your-self des irdischen Glücks, dessen entscheidende Formel darin bestand, den alten Adam tot sein zu lassen und den neuen zeitgemäß mit Nietzsches "Übermenschen" zusammen zu denken.

So wurde Elmau, wie der Münchener Theologe Friedrich Wilhelm Graf zusammen mit dem Historiker Harald Haury auf der Tagung Gemeinschaft, Gesellschaft und anarchische Subjektivität zeigte, zu einem innovativen "Laboratorium der Moderne", weil Müller genau jene lebensweltlichen Leerstellen auszufüllen vermochte, die der liberale Protestantismus dem vereinzelten, auf sich gestellten Individuum als "übergeschichtliches Nirwana" hinterlassen hatte. Dem Bewusstsein eigener historischer Relativität und Bedeutungslosigkeit setzte Müller ein modern anmutendes Patchwork der Identität entgegen - freilich eines, das der Schnellebigkeit permanent zum Opfer fiel. Einerseits plünderte er alte Symbolbestände, die er mit Konzeptionen der Selbsterfahrung und -verwirklichung kombinierte und so zu neuer, auf "Unmittelbarkeit" gerichteter, religiöser Evidenz verschmolz. Andererseits hatte er mit Elmau einen Ort konzipiert, in dem die Moderne der Moderne entfliehen konnte.

Doch welchen Sinn kann es haben, nach dem 11. September 2001 noch einmal in die Schreckenskammern der theologischen Scheußlichkeiten - angefangen beim "Nationalismus als politischer Religion" eines Paul de Lagard bis zum arisiertem Jesus des Neutestamentlers Walter Grundmann - hinabzusteigen? Eigentlich hätten die ausgebreiteten Schicksale protestantischer Befindlichkeit Menetekel sein müssen. Wenn das Erschrecken ausblieb, so wohl auch, weil die eigene Erkenntnisfähigkeit darin nicht das Andere im Eigenen zu deuten vermochte, sondern nur das Andere eines ihr Fremden.

Die abschließende Podiumsdiskussion, die nach der "politischen Relevanz des Protestantismus heute" fahnden sollte, geriet jedenfalls zur allzu selbstgefälligen Feier. Mit dem Stichwort der "Westbindung" und der daraus erwachsenden Festlegung auf die "Universalität der Menschenrechte" legte der Theologe Trutz Renddtorff die wichtigsten Koordinaten für das Selbstverständnis nach 1945 fest, mit der auch die Geister eigener Vergangenheit ein für alle mal gebannt schienen. Bereits in den siebziger Jahren hatte Rendtorff mit einer "Historisierung" der "Dialektischen Theologie" den Weg frei gemacht, um den damit assoziierten linken politischen Protestantismus mit der Formel "rot gleich braun" politisch zu delegitimieren. Dass dieser nicht aufs Podium bestellt wurde, bedurfte somit auch keiner weiteren Erklärung. Stattdessen konnte Realpolitiker Peter Glotz ihn in Gestalt der "Öko-Paxe" und "Pietcongs" nochmals dem historisierenden Gelächter aussetzen, und darüber hinaus für den fraglosen Aufbruch in den "digitalen Kapitalismus" plädieren. Damit lieferte er die Vorlage, womit Protestantismus - jenseits von zeitgeistorientierter Legitimationsbeschaffung - heute noch dienen soll: Mit der Bereitstellung "starker Subjekte", die qua Glauben gerechtfertigt, fernab von angekränkelter "Übermoralisierung" weltzugewandt agieren.

Es fiel Micha Brumlik zu, den einvernehmlichen Reigen der Modernisierer aufzubrechen, indem er mit Blick auf die zurückliegende Epoche für Kirche und Glauben "Distanz und Negativität zu den Verhältnissen" einforderte und zu bedenken gab, dass der digitale Kapitalismus wohl keinesfalls ein "unabwendbares Schicksal" sei, dem nur mit "heroischem Realismus" zu begegnen wäre.

Auf ein Drittel der Bevölkerung veranschlagte Glotz die von der Modernisierung Ausgeschlossenen, die "Entschleuniger". Auch insofern sie sich religiös artikulieren, sind sie bislang für die Theologie beziehungsweise Religionswissenschaft nicht von größerem Interesse. So bleibt es abzuwarten, ob aus der wachsenden Schar jener, die den etablierten Kirchen den Rücken kehren und ihre religiösen Bedürfnisse auf dem Esoterik-Markt oder in charismatischen Sekten decken, neuerlich ein Gewalt-freisetzender "Pudding" entsteht oder ein "Sauerteig", aus dem eine menschlichere Perspektive hervorgeht als ein auf den Takt der Digitalisierung eingestimmter Protestantismus.