Besser als Bowles

Bad Reading Unser Kolumnist wollte eigentlich einen zünftigen Verriss von Lawrence Osbornes Roman „Denen man vergibt“ schreiben, aber dann passierte Unvorhergesehnes
Besser als Bowles
Die Ideen für „Denen man vergibt“ kamen Lawrence Osborne bei einer Marokko-Reise
Foto: Christopher Wise

Eigentlich hatte ich mir fest vorgenommen, diesen Roman entweder nicht zu lesen oder ihn böse zu verreißen. Zu penetrant war Volker Weidermanns Promotion in der Doppelung aus Literatur Spiegel und Literarischem Quartett zu Lawrence Osbornes Denen man vergibt ausgefallen. Zu schlimm hatte Ulrich Matthes ebendort immer wieder die „Sinnlichkeit“ der Sprache gelobt und die angeblichen Ausschweifungen einer wilden Wochenend-Orgie unter Arabern angepriesen. Alles schrie nach einem weiteren theadornösen Rohrkrepierer von einem Roman.

Wie angenehm daraufhin die Überraschung, gleich auf den ersten Buchseiten von Osbornes Figuren selbst mit einem großartig zur Räson gerufenen Platon-Zitat umgestimmt zu werden! – „Sei gütig, denn alle Menschen, denen du begegnest, führen einen schweren Kampf. Aber führte David tatsächlich einen schweren Kampf?"

Das denkt Richard über David. Richard ist der englische Teil des angloamerikanischen Aussteiger-Pärchens aus Osbornes Marokko-Roman: Richard und Dally, schwerreiche schwule Party-Impresarios, die in der Wüste einen Ksar, ein altes Berber-Bergdorf, zu einem Luxus-Resort ausgebaut haben, um dort die Sorte dekadenter High-Society-Orgien zu feiern, über die dann die Style-Sektion der New York Times berichtet.

David ist einer ihrer Gäste: Der Arzt und Alkoholiker aus London reist gemeinsam mit seiner Frau, einer Kinderbuchautorin mit Schreibblockade, durch das letzte Stück Wüste nachts im Mietwagen an und fährt betrunken einen Araber über den Haufen. Ratlos wird der Leichnam mit zur Party genommen, wo bald Abdellah, der Vater des Toten, auftaucht, um seinen Sohn, Driss, in die Wüste heimzuholen und den Mörder zum Begräbnis mitzunehmen.

Die Muslime – die Ungläubigen, die Franzosen – die Amerikaner, die Homos – die Heteros, die Kiffer – die Kokser, die servants – die masters: Jeder beobachtet jeden über den zwischenmenschlichen Abgrund hinweg in diesem wunderbaren Roman, der es locker mit Paul Bowles’ Himmel über der Wüste, dem Song Tea in the sahara der britischen Band The Police oder Herrndorfs Sand aufnehmen kann. Aber wer hat diesen wunderbar vielschichtigen Wüstenroman geschrieben, aus dem beim Umblättern die Zeit selbst wie ein jahrtausendealter Wind aus der Sahara zu wehen scheint?

Erfrischend wenig weiß man in Deutschland bisher über den Autor, dessen Name wie ein allzu plakatives Pseudonym aus Lawrence von Arabien und dem britischen Dramatiker John Osborne, Autor von Blick zurück im Zorn (1956), klingt. Ein Reisender sei er, raunt der Klappentext, 1958 in England geboren, inzwischen in Bangkok lebend, von wo aus er für Harper’s Magazine wilde Puff-Reportagen aus der Grenzregion zwischen Thailand und Malaysia schreibt. Auf dem Autorenfoto sieht der metaphernmächtige Mann ein bisschen aus wie Colonel Kurtz im Halbschatten von Apocalypse Now. Lawrence Osborne hat den Roman des Sommers geschrieben: Mutige lesen ihn allein zu Hause, unterwegs ins Afrika der Seele.

Etwas mehr weiß man leider über den aktuellen Büchner-Preisträger Jan Wagner. Am allgemeinen Lyriker-Bashing möchte ich mich hier aber nicht weiter beteiligen. Allein, dass es immer noch junge Autoren und Autorinnen gibt, die glauben, der Gegenwart mit einem Gedicht begegnen zu können, finde ich abenteuerlich genug. Den Büchner-Preis haben zuletzt wahrlich schon größere Pfeifen wie F. C. Delius oder Jürgen Becker bekommen.

Kurz und eindringlich möchte ich nur vor der Mogelpackung seiner aktuellen Beiläufigen Prosa warnen, weil ich selbst voll auf das schöne Packaging mit dem Autobahnkreuz als „verschlossenem Raum“ reingefallen bin. Denn der Band enthält keinesfalls beiläufige Prosa, sondern hauptsächlich Dankesreden oder akademische Vorträge. Er enthält außerdem ein paar gute Überschriften-Ideen (Sechs Postkarten aus Kalifornien!), die bloß im Stau von Los Angeles enden: Wagner empfiehlt dann, immer seinen Melville und Chandler dabeizuhaben.

Nicht ganz so beflissen wie Jan Wagner killt Alejandro Zambra die Beiläufigkeit, die ein Erzählband mit dem Titel Ferngespräch verspricht. Man denkt natürlich sofort an die großartige Geschichtensammlung Telefongespräche seines Landsmanns Roberto Bolaño, aber der Chilene Zambra musste seine Heimat nie verlassen und ist auch eine andere Generation, Jahrgang 1975, die die Erwartungen an die Erzählbarkeit des Lebens noch mal ganz anders zu unterlaufen weiß. Das sind Storys, die „Ich rauchte hervorragend“ oder „Der chilenischste Mann der Welt“ heißen und dann eher wenig Erinnernswertes verhandeln. Meistens geht es um Kindheit und Schreiben, oder den seltsam aus der Ereignislosigkeit einer Kindheit geborenen Wunsch, Schriftsteller werden zu wollen. Gedächtnisübung, die letzte Story, will einen grausamen Fall von Kindesmissbrauch erzählen und liest sich wie eine perfekt reflektierte Verarschung der Anforderungen an eine „blutige lateinamerikanische Geschichte“. Beim Verreißen von Autoren wie Wagner und Zambra denke ich jetzt allerdings immer an Lawrence Osbornes Platon-Zitat: Aber führten sie tatsächlich einen schweren Kampf?

Info

Denen man vergibt Lawrence Osborne Reiner Pfleiderer (Übers.), Klaus Wagenbach 2017, 272 S., 22 €

Der verschlossene Raum. Beiläufige Prosa Jan Wagner Hanser Berlin 2017, 272 S., 22 €

Ferngespräch. Stories Alejandro Zambra Susanne Lange (Übers.), Suhrkamp 2017, 237 S., 22 €

06:00 02.08.2017

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