"Besser" ist nicht gleich "gut"

TV-Overkill Zur Irak-Berichterstattung von ARD, ZDF und RTL vor einem Jahr*

Krieg ist unpopulär: Er kostet Menschenleben und Geld, ein Nutzen ist zu Kriegsbeginn nur schwer erkennbar. Schon immer gehörte es daher zur Kriegführung, die öffentliche Meinung im eigenen Land zu gewinnen - im Medienzeitalter diktieren dabei mehr denn je die Gesetze des Fernsehens die Taktik dieses Kampfes. In den USA - so die politische Legende - wurde das Ende des Vietnam-Kriegs eingeläutet, als sich der populäre Fernsehmoderator Walter Cronkite dagegen stellte.

Das Massenmedium Fernsehen hat mittlerweile jede Frage zu einer öffentlichen Frage erhoben, so dass ein Krieg heutzutage moralisch und nicht mehr politisch legitimiert werden muss. So wurde der Golfkrieg von 1991 mit fragwürdigen Berichten über Gräueltaten der Iraker in Kuwait gerechtfertigt. Ähnlich war es vor dem Kosovokrieg, als über ethnische Säuberungen der Serben berichtet wurde. Es scheint so, als ob die Öffentlichkeit einen Krieg nur dann unterstützt, wenn es gegen Massen- oder Kindermörder und Vergewaltiger geht.

Vor dem Krieg der Waffen kommt der Krieg um die öffentliche Meinung, doch wollen sich Journalisten dabei nicht instrumentalisieren lassen. Vor der Schlacht um den Irak standen sie deshalb vor einem Dilemma. Ihnen war klar, ihre Arbeitsbedingungen würden eingeschränkt sein, das hatte der Golfkrieg 1991 gelehrt. Folglich reicherten viele deutsche Journalisten die Berichterstattung mit ausgiebigen Reflexionen ihrer Arbeitsbedingungen an. Die Zuschauer sollten sensibilisiert werden, damit die Berichterstatter nicht mehr sensibel zu sein brauchten.

Es ist nur fraglich, ob dies wirklich notwendig war. Folgende erprobte Grundregeln des Journalismus, die sich über Jahrzehnte bewährt haben, garantieren gerade zu Kriegszeiten, dass ein Berichterstatter gute Arbeit liefert: Jeder Journalist ist auf Informationen angewiesen, weiß aber, jeder Informant hat ein Eigeninteresse. Deshalb muss jede Quelle überprüft werden. Die Auswahl der Berichte erfolgt nach Aktualität und Relevanz, nicht nach Verfügbarkeit oder Schlagkraft der Bilder. Journalistische Verantwortung lässt sich nicht delegieren. Eine Lüge darf auch dann nicht verbreitet werden, wenn ihr Urheber als Lügner kenntlich gemacht wird.

Allerdings ist das Fernsehen in einer Zwangslage: Es braucht Bilder. Folglich drängt die Visualisierung diese Regeln in den Hintergrund. Die beißen sich auch mit dem Ehrgeiz, schneller als andere zu sein: Zu Kriegsbeginn rühmte sich der Nachrichtenkanal NTV, als erster Sender in der Nacht vom 19. zum 20. März 2003 berichtet zu haben. Tatsächlich hatte NTV eine Minute vor der Konkurrenz CNN ins eigene Programm geschaltet - als ob der flotte Zeigefinger eines Technikers beim Leitungswechsel ein Indiz für journalistische Leistung wäre.

Bezogen auf die Reflexion von Arbeitsbedingungen waren die US-Fernsehjournalisten im Übrigen weniger sensibel als ihre deutschen Kollegen: Sie sahen die Arbeitsumstände nicht nur weniger skeptisch, sondern scheuten auch nicht davor zurück, auf die Informationen jener Korrespondenten zurückzugreifen, die "embedded" bei den Truppen von der Front berichteten.

Krieg ist sexy

Der Krieg war für die deutschen Fernsehnachrichten ein Großereignis. Die Berichterstattung im März 2003 stellte sogar die über den Kosovo-Krieg 1999 in den Schatten (s. Übersicht). Dabei war die Dominanz des Themas von seiner Relevanz her nicht zu erklären. Erstens kam der Krieg nicht überraschend. Das Versagen der Diplomatie in Washington, Paris und Berlin und das Pokern in Bagdad machten ihn unausweichlich. Das lautstark verkündete Ziel der Bundesregierung, den Waffengang in letzter Minute zu verhindern, war unter der Rubrik Selbstüberschätzung abzubuchen. Zweitens kämpften und starben keine deutschen Soldaten im Irak. Deutsche Interessen waren zwar berührt, wenn es um die globale Sicherheit und um Öl ging, aber diese Fragen wurden gar nicht thematisiert. Drittens war die Faktenlage an der Nachrichtenfront aus den genannten Gründen eher dürftig. Viertens war Solidarität mit den leidenden Irakern als Grund für das starke Medieninteresse Heuchelei, zumindest aus Sicht der Iraker, deren Schicksal unter der Diktatur für die deutschen Nachrichten immer nur ein Randthema war. Fünftens wäre die Ächtung des Krieges ein hehres Ziel gewesen, allerdings fehlte dann die Auseinandersetzung um die Frage, inwieweit das auch für künftige Bedrohungen gelten sollte.

So bleibt nur eine Erklärung für den starken Fokus auf den Krieg: die Faszination des Grauens. Wir haben uns daran gewöhnt, dass die Fernsehsender inzwischen fast jede moralische Barriere niederreißen.

Satire darf alles, hat Tucholsky einmal gesagt. Heute müsste es heißen: Das Fernsehen nimmt sich alles heraus. Zum Wohle der Einschaltquote erfolgt der Angriff auf die Tabu-Grenze, die damit immer weiter verschoben wird, um dann aufs Neue überschritten zu werden. Antonia Rados, die für ihre Berichterstattung aus Bagdad mit dem renommierten Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis und dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnet wurde, brachte es auf den Punkt: "Krieg ist sehr sexy für das Fernsehen". Als analytische Beobachtung gemeint, geriet diese Aussage zur zynischen Selbstentlarvung.

Die deutschen Sender hatten bei der Widerspiegelung des Irak-Krieges durchaus unterschiedliche Schwerpunkte gesetzt: Mit Ulrich Klose hatte RTL einen Reporter als journalistischen Truppenbegleiter. Das ZDF vertraute vor allem auf Ulrich Tilgner, seinen Korrespondenten in Bagdad. Die Männer auf beiden Seiten der Front suggerierten zwar Nähe zum Geschehen - doch konnten sie auch journalistische Distanz wahren? Als am 8. April drei Journalisten in Bagdad durch amerikanischen Beschuss ums Leben kamen, trat Korrespondent Stephan Kloss in der Tagesschau in kugelsicherer Weste auf. Im folgenden Brennpunkt mutmaßte sein Kollege Christoph-Maria Fröhder (ohne kugelsichere Weste), die Amerikaner würden auf Journalisten keine Rücksicht mehr nehmen, weil sie deren Berichterstattung störe. Was hatten die Kriegsberichterstatter erwartet, als sie sich in den gefährlichen (aber auch prestigeträchtigen Einsatz) begaben?

Spekulation statt Information

In der Rückschau auf die Kriegsberichterstattung fällt auf, wie viele Prognosen abgegeben wurden, die sich im nachhinein als Spekulationen ohne Grundlage herausstellten: Zunächst galten die Iraker als schwach und demotiviert - dann plötzlich wurde ein zäher und langwieriger Häuserkampf prognostiziert. Zunächst galten die Amerikaner als verhasst - dann als Befreier. Angaben über mutmaßliche Opfer deckten sich nicht mit tatsächlichen Zahlen. Man fragte sich, ob der Ehrgeiz, als erster einen Aspekt ins öffentliche Bewusstsein zu heben, wirklich alles rechtfertigt.

Es wurde deutlich, dass die "eigenen Leute" keinen über jeden Zweifel erhabenen Blick auf eine umfassende Wahrheit garantierten. Bagdad-Korrespondenten litten ebenso wie die "Embedded"-Kollegen unter einem eingeschränkten Gesichtsfeld, dennoch wurden sie zu einem Hauptpfeiler der Berichterstattung. RTL etwa verließ sich nicht nur auf seinen journalistischen Truppenbegleiter Ulrich Klose, sondern auch auf die erwähnte Antonia Rados in Bagdad. Der starke Fokus auf ihre Berichte und auf die von Fröhder, Kloss (beide ARD) und Tilgner (ZDF), die ebenfalls in der irakischen Hauptstadt postiert waren, wirkte sich auf das Gesamtbild des Krieges in den deutschen Fernsehnachrichten aus: Das Bild des Irak war dabei besonders bei RTL und ARD weniger vom Verlauf des Krieges als vielmehr vom Leid der Bevölkerung bestimmt, wenn irakische Protagonisten im Bild waren. Bei RTL Aktuell überwog der Anteil dieser Bilder sogar leicht. Wenn es um Opfer ging, lag der Schwerpunkt der Berichterstattung im deutschen Fernsehen eindeutig auf Seiten der Iraker, während in den Abendnachrichten des US-Senders ABC irakische Opfer eine weitaus geringere Rolle spielten. In den deutschen Nachrichtensendungen war zudem sowohl bei der Nachrichtenauswahl wie auch den Bewertungen ein klar skeptischer Blick auf die US-Politik zu erkennen.

Zweigeteilte Fernsehwelt

Besonders die US-Militäraktionen wurden in den analysierten Fernsehnachrichten von ARD, ZDF und RTL kritisch bewertet - das galt um so mehr, als der Vormarsch ins Stocken geriet. Es sei nicht abzusehen, wie lange der Krieg noch dauere, hieß es, wenn ein Häuserkampf oder der Einsatz von biologischen und chemischen Waffen drohe. RTL schwenkte weniger stark als ARD und ZDF in eine positivere Berichterstattung ein, als sich der Erfolg der Amerikaner abzeichnete.

Genau entgegengesetzt positionierten sich die drei US-Networks: Die CBS Evening News beurteilten den Krieg durchweg positiv. ABC und NBC berichteten in gleicher Weise, schwenkten jedoch erst in der zweiten Hälfte des Feldzuges auf die stark euphorisch geprägte Linie ein, die CBS-Anchorman Dan Rather und seine Kollegen seit Kriegsbeginn geprägt hatten. Die britische BBC dagegen bewertete sowohl die amerikanischen als auch die eigenen Militäraktionen zurückhaltend. Das Bild der Amerikaner blieb sogar dann ausgewogen, als britische Soldaten unter "friendly fire" der US-Truppen gerieten.

Ein differenziertes Bild bekamen auch die Zuschauer in Tschechien und Südafrika präsentiert. Die öffentlich-rechtlichen Anbieter CTV beziehungsweise SABC bewerteten die Amerikaner ausgewogen. Der südafrikanische Privatsender E-TV übte hingegen ähnlich wie RTL in Deutschland harsche Kritik an den USA. Dieses Programm, das vorzugsweise indisch stämmige Südafrikaner sehen, beendete die Berichterstattung an jedem Kriegstag mit der Feststellung, dass die Amerikaner nach wie vor keine Massenvernichtungswaffen gefunden hätten.

Die Zweiteilung der Fernsehwelt in die US-Medien und den Rest der Welt war besonders an der Darstellung der Iraker zu erkennen. Anders als in den deutschen Kanälen wiesen die US-Sender den Irakern weniger deutlich die Rolle der Opfer zu: Es war klar, dass sie als Berichterstatter eines kriegführenden Landes nach Hause meldeten, wie es Vätern, Männern und Söhnen in der Ferne ergeht - das Leid der Zivilbevölkerung rückte zwangsläufig in den Hintergrund. Bemerkenswert war jedoch, dass die Sender anderer kriegführender Staaten wie Großbritannien und Tschechien anders verfuhren, und die BBC beispielsweise einen moderaten Mittelweg suchte.

Bei den US-Sendern - besonders bei Peter Jennigs´ ABC World News Tonight und Dan Rathers CBS Evening News - blieben Nachrichten über eigene Verluste auf mündliche Mitteilungen beschränkt. Bilder verwundeter oder gar sterbender GIs wurden dem heimischen Publikum selten gezeigt.

Von einem Extrem ins andere

Mit ausgiebig verkündeten Zweifeln über die vorhandenen Arbeitsbedingungen waren die deutschen Journalisten in den Krieg gezogen: Sie wollten sich nicht (wieder) von den Amerikanern vereinnahmen lassen. Das gelang - das schnelle Eigenlob aber, das sich die deutschen Fernsehgewaltigen später ausstellten, roch trotzdem streng. Es stellte sich die Frage, ob die Berichterstattung nicht einfach von einem ins andere Extrem gefallen war. Im Vergleich mit dem Kriegsgeschehen, das die Sender in Großbritannien, Tschechien und Südafrika vermittelten, fielen die Deutschen ebenso wie die Amerikaner aus dem Rahmen: ABC, NBC und CBS bedienten ein sehr positives Bild - ARD, ZDF und RTL berichteten klar US-kritisch, gaben diese Position aber zusehends auf, als die militärischen Erfolge der Amerikaner immer unverkennbarer waren. Kritische Fragen, ob zum Beispiel die kompromisslose deutsche Position im UN-Weltsicherheitsrat zur Eskalation des Konflikts beigetragen haben könnte, blieben weitgehend ausgeklammert.

Die starke Fixierung auf den Krieg verschaffte der Regierung Schröder überdies eine Atempause - denn die Fernsehnachrichten nahmen in der Zeit des Krieges die Debatte um die Reform der Wirtschafts- und Sozialordnung in Deutschland praktisch aus dem Programm und damit auch von der öffentlichen Agenda. In der Forschung wird dies in Anlehnung an die Agenda-Setting-Funktion der Medien als Agenda-Cutting bezeichnet.

Doch auch die Regierung Bush konnte sich auf die Networks verlassen: Die eigenen Fernsehjournalisten vermittelten der Heimatfront ein klar positiv gefärbtes Bild und verhielten sich ebenso klar positiv zur Kriegführung der US-Regierung, was besonders für CBS galt. Bei ABC und NBC war das - mit wenigen Abstrichen zunächst - in gleicher Weise der Fall, immerhin beschäftigte sich ABC intensiver mit Protesten gegen den Krieg und blendete die Opfer nicht vollends aus.

Fraglich ist, ob diese Berichterstattung mit der aktuellen Entwicklung im Irak im nachhinein gerechtfertigt werden kann. Immerhin sah es in anderen kriegbeteiligten Ländern anders aus. In Großbritannien und Tschechien war die Parallele zur Politik der jeweiligen Regierung bei weitem nicht so deutlich wie in den USA - oder auch in Deutschland.

Festzuhalten bleibt: Wie immer der Irak-Krieg historisch beurteilt werden mag, die Berichterstatter anderer Ländern - vor allem die der BBC - zeigten einen anderen Krieg als die deutschen Korrespondenten. So bleibt fraglich, ob ARD, ZDF und RTL ihre Zuschauer wirklich optimal bedient haben. Der internationale Vergleich zeigt: Zweifel sind angebracht.

(*) Der Text stützt sich auf Analysen des Bonner Forschungsinstitutes MEDIEN TENOR. Folgende Medien wurden zwischen dem 20.3. und 16. 4. 2003 (Südafrika: 20.3. bis 2.4.) ausgewertet: ARD - Tagesschau und Tagesthemen, ZDF - Heute und Heute Journal, RTL Aktuell, BBC-Nachrichten um 18:00 und 22:00 Uhr, Hauptabendnachrichten ABD, NBC, CBS (USA), Hauptabendnachrichten von CTV (öffentlich-rechtlich) und TV Nova (privat; beide Tschechien), Hauptnachrichten in SABC (öffentlich-rechtlich) und E-TV (privat; beide Südafrika). Die komplette Studie kann gegen eine Schutzgebühr von 99 Euro bei MEDIEN TENOR angefordert werden.


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Stellenwert von Ereignissen 1999-2003

6 cellspacing=0 border=1> Anteil eines Themas in deutschen TV-Nachrichten
(Angaben in Prozent)

24.-31.3. 1999Luftkrieg gegen Serbien40,5

17.-23.8. 2002Elbeflut40,9

22.-28.9. 2002Bundestagswahl15,7 (Parteipolitik)
16,4 (die Wahl selbst)

20.-26.3. 2003Irak-Krieg63,7

20.-26.4. 2003Irak nach dem Ende der Kampfhandlungen13,9

Quelle: MEDIEN TENOR


00:00 19.03.2004

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