Beste Filmszene

A–Z Die tollsten Geschichten schreibt das Leben. Aber: Meist begleitet uns doch ein richtiges Drehbuch. Zum Berlinale-Start präsentieren wir absolute Giganten, im A–Z
Beste Filmszene
Na? In welchem Film wird hier geschrien?

Foto: Bettmann/Getty Images

A

Absolute Giganten Da fahren sie nun dem Ende der Nacht entgegen. Floyd, Ricco, Walter und Telsa. Die Musik, die passt perfekt. „Reprise-Crescendo“ von Sophia ist zu hören, und man denkt: Das soll jetzt einfach bitte für immer so weitergehen. Ricco holt am „Eiswunder“-Automaten Eis für alle. Der alte Ford Granada (➝ Leichtigkeit) hat keine Scheiben mehr.

Absolute Giganten von Sebastian Schipper mit der Kamera von Frank Kriebe hat so viele beste Szenen – und dennoch, diese letzte Fahrt zum Hamburger Hafen, wo Floyd anheuern wird, die ist dann doch die allerbeste. Wenn Floyd fragt: „Wie spät ist es eigentlich?“, weiß man, dass es nun so weit ist. Dann stehen sie auf der anderen Seite der Elbe, schauen auf die Stadt (wie sie 1999 noch aussah), langsam wird es hell über dem alten Kaispeicher A. Die anderen schlafen ein, Floyd nimmt seine Tasche, blickt seine Freunde noch einmal zärtlich an – und die Plattennadel in der Rille von „If only“ beginnt zu springen. Marc Peschke

C

Chuck Berry Die beste Tanzszene aller Zeiten startet so: In einem Fifties-Diner aus besseren amerikanischen Tagen beugt sich Mrs Mia Wallace (Uma Thurman) übers Mikro, raunt ihren Namen, während Vincent Vega die Wurstfingerchen in den Hosenbund schiebt. Vince muss wohl oder übel tanzen, und man hofft, John Travolta (➝ Sellers, Peter) hat das Tanzen seit Grease nicht verlernt, sowieso: Seine Besetzung war nur zweite Wahl. Produzent Harvey Weinstein wollte mindestens einen Bruce Willis, William Hurt oder Daniel Day-Lewis. Tarantino wollte Travolta.

„It was a teenage wedding, and the old folks wished them well“, singt Chuck Berry. Es wird eine der berühmtesten – zu großen Teilen improvisierten – Tanzszenen aller Zeiten – und Quentin Tarantinos Gangster-Farce Pulp Fiction (1994)zum erfolgreichsten Independent-Film aller Zeiten. Marlen Hobrack

H

Handschellen Es gibt vieles, was für das Action-Kino der 1980er Jahre spricht: die Frisuren. Das völlig unironische Macho-Gehabe, das sich noch keiner Schuld bewusst ist. Die wilde Hin- und Herschneiderei, die etwas von billigen Fernsehwerbespots hat.

In Lethal Weapon – Zwei stahlharte Profis(1987) dann diese unvergessliche Szene: Martin Riggs (Mel Gibson), ein suizidgefährdeter Vietnam-Veteran, neuerlich im Straßenpolizeidienst, soll einen lebensmüden Mann davon abhalten, von einem Hochhausdach zu springen. Er nähert sich ihm und legt ihm dann trickreich Handschellen an. Als der ihn dafür beschimpft, fordert er ihn auf, nun erst recht zu springen – mit ihm zusammen. Er hätte dann einen Polizisten auf dem Gewissen! Dann springt Riggs, der Mann muss mitspringen. Sie landen auf einem Sprungkissen, das die Feuerwehr unten ausgebreitet hat. „Machen Sie mich von dem Wahnsinnigen los, er wollte mich umbringen!“, schreit der Mann, der sich eben noch selbst umbringen wollte. Es ist eine der lebensbejahendsten Szenen (➝ Absolute Giganten) der Filmgeschichte. Barbara Schweizerhof

K

Katze Im Dunkel scheint das Gesicht eines Mannes auf. Er bitte eine Instanz um Gerechtigkeit, um Rache. An einem großen Schreibtisch, in einem herrschaftlichen Zimmer, sitzt Don Corleone und hört sich an, worum er gebeten wird. Er soll töten. Während er mit seinem Bittsteller spielt, räkelt sich auf seinem Schoß ein Kätzchen. Er streichelt es ganz beiläufig. Es ist die Anfangsszene aus dem Filmepos Der Pate von 1971.

Die Katze (Wölfe) stand nicht im Drehbuch. Regisseur Francis Ford Coppola soll sie einfach auf Marlon Brandos Schoß gesetzt haben. Eine perfekt arrangierte Szene wirkt künstlich, mit einem Kätzchen entsteht plötzlich ein anderes Bild. Der Gegensatz zwischen dem Inhalt des Gesprächs und dem liebevoll mit einer Katze spielenden Paten verleiht der Filmfigur die Vielschichtigkeit eines echten Charakters. Denn eine Figur ist erst dann eine gute Figur, wenn ihre Widersprüche sichtbar werden. Marlene Brey

Kinderwagensturz Gerade noch winken Kinder den heimkehrenden Matrosen zu, da kippt die Stimmung. Panik macht sich breit. Eine Mutter schaut entsetzt. Der Kinderwagen kommt ins Rollen. Unaufhaltsam rumpelt er die steinerne Treppe hinunter.

Die legendäre Szene aus Panzerkreuzer Potemkin schuf ein eigenes Persiflage-Genre (➝ Zugabe). Allüberall Treppenstürze! In Terry Gilliams Brazil oder Brian de Palmas The Untouchables oder der Nackten Kanone, in der gleich vier Wagen stürzen UND The Untouchables veralbert wird. Eisenstein hat sich verselbstständigt wie ein Kinderwagen auf der scheinbar längsten Treppe der Welt. Marlen Hobrack

L

Leichtigkeit In der Verfilmung von Milan Kunderas Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins (1988, Regie: Philip Kaufmann) gibt es zwei wunderbare Frauenfiguren. Es war unmöglich, zu entscheiden, welche von beiden man sein wollte. Prag 1968. Die Malerin Sabina (Lena Olin) ist die Geliebte des jungen Chirurgen Tomas, der nicht treu sein kann. Einmal trägt sie schwarze Unterwäsche und einen Bowler-Hut und in der Erinnerung ein weißes Herrenhemd. Die Fotografin Teresa (Juliette Binoche) glaubt an die Liebe, sie leidet unter den Affären ihres Mannes. Alle drei emigrieren in die Schweiz. Doch Teresa wird in der neuen Freiheit nicht glücklich. Zurück in der Heimat bleibt dem Paar nur das Landleben. Einmal fahren sie von einem Fest nach Hause. Es regnet stark, die beiden lächeln unbeschwert, dann blendet die Kamera auf. Alles wird hell. Und man weiß, sie werden jetzt bei einem Autounfall sterben – im glücklichsten Moment ihres Lebens. Katharina Schmitz

P

Psycho Eine Sekretärin stiehlt 10.000 Dollar aus ihrem Büro und macht sich damit, von Gewissensbissen geplagt, auf den Weg zu ihrem Verlobten. Sie steigt für eine Nacht in einem Motel ab, wo sie sich nach einem Gespräch mit dem jungen Betreiber namens Norman Bates entscheidet, am nächsten Tag umzukehren und das Geld zurückzugeben. Unter der Dusche wird sie dann mit mehreren Messerstichen getötet.

Mit dieser Szene wurde einer Generation, die ihr Selbstverständnis aus anscheinend unumstößlichen Gewissheiten aufgebaut hatte, der Boden unter den Füßen entzogen. Mit dem in der Wanne abfließenden Blut dieser Frau verschwanden auch die 50er Jahre (➝ Chuck Berry). Von nun an würde es keine einfachen Rezepte und Sicherheiten mehr geben. Werte verloren ihre Gültigkeit. Hinter jeder Ecke konnte das Paradies oder auch die Hölle lauern. Der betont bieder auftretende Brite Alfred Hitchcock hatte die 60er Jahre eröffnet und der Popkultur eine neue, äußerst beunruhigende Facette hinzugefügt. Marc Ottiker

S

Sellers, Peter Er hustet, sagt „Birdie NumNum“, womit er Vogelfutter meint, und gackert wie ein Huhn. Hrundi V. Bakshi (grandios: Peter Sellers) spricht dies alles in eine Anlage, die in die Wand eingefasst ist. Dabei beobachtet er gebannt auf einem Oszilloskop-Bildschirm die Ausschläge, die seine Laute hervorrufen. Was der indische Komparse nicht weiß: Die anderen Gäste, Herren in Smokings und Damen in Cocktailkleidern, die wie er auf der Feier eines Studiobosses in Beverly Hills sind, hören ihn über Lautsprecher.

Es ist eine der besten Szenen aus der an Slapstick reichen Komödie Der Partyschreck (1968) von Blake Edwards. Sellers stellt mit Bakshi einen warmherzigen und chaotischen, aber nur scheinbar „schrägen“ Fremden dar, der der überheblichen Hollywood-Festgesellschaft den Spiegel (➝ Teacher) vorhält. Es gab mal den Vorwurf des Blackfacings, in diesem Fall greift er aber nicht. Behrang Samsami

Sixth Sense Einer der vielleicht beeindruckendsten Auftritte von Bruce Willis, der in seiner Karriere schon erstaunlich viele gute Entscheidungen gefällt hat, ist zweifellos in The Sixth Sense (1999) zu bewundern, dem sicherlich besten Film des ewigen Hollywood-Wunderkinds M. Night Shyamalan. Mit der Erkenntnis eines Kinderpsychologen, offenbar gar nicht mehr am Leben zu sein, schafft es eine einzige Szene – innerhalb einer aufs Sorgfältigste konstruierten filmischen Erzählung –, einen kompletten Perspektivwechsel (Psycho) herbeizuführen.

Der große Erfolg des Filmes beruht unter anderem sicher darauf, dass das zweite Mal Schauen noch mehr Spaß macht. Es stimmt alles. Ebenfalls taugt der Film als gelungenes Beispiel echter, ergreifender Emotionalität. Marc Ottiker

T

Teacher TEACHER buchstabiert Anne Sullivan per Tastalphabet in die Hand ihrer Schülerin und lehnt sich erschöpft zurück. The Miracle Worker (1962) heißt der Film. Er handelt von der weltberühmten Helen Keller (1880 – 1968). Als Kind nach einer Erkrankung erblindet und ertaubt, wächst sie verwildert auf. Verzweifelt schleppt die selbst sehbehinderte Lehrerin das Mädchen zur Pumpe und lässt Wasser über ihre Hand laufen. Eine Erinnerung wird geweckt. Anne buchstabiert ihr die Zeichen dafür in die Hand, und Helen erkennt: Was ihr in die Hand gedrückt wird, ist der Name der Dinge, die sie berührt. Die Entdeckung der Welt beginnt. „She knows“, ruft Anne Sullivan aus. Magda Geisler

W

Wölfe Sie umkreisen den Fallensteller Jean la Bête im Film Wie ein Schrei im Wind von 1966. La Bête ist in seine eigene Falle geraten, er kann sich durch einen Schuss befreien, ist aber schwer verletzt. Über viele Minuten hetzt und schleppt er sich – verfolgt vom Rudel – durch den winterlichen kanadischen Wald (➝ Leichtigkeit). Am Ende rettet ihn seine Frau, die stumme Eve – „gekauft“ bei einem Pelzhändler, der ihm Geld schuldet –, die er in die Wildnis verschleppt hat, durch einen Schuss in die Meute.

Nicht ganz realistisch ist die Szene was das Verhalten der Tiere betrifft, aber die Atmosphäre ist stimmig. Die Tierwelt rächt sich für die tückischen Fallen. Der Film lebt auch von der hervorragenden Darstellung Oliver Reeds (1938 – 1999) und seiner Filmpartnerin Rita Tushingham (1942). Beide waren in ihrer Zeit sehr bekannte britische Schauspieler. Er lebt auch von der wunderbaren sinfonischen Musik. In der DEFA-Synchronisation spricht Manfred Krug den Oliver Reed und singt das Eingangslied. Magda Geisler

Z

Zugabe Pulp Fiction ist schon vergeben!“, wurde mir gleich gesagt. Sofort durchfuhr mich eine Müdigkeit. Immer der gleiche cineastische Kram. Großes Kino, kleiner Geist. Aber Sie, liebe Leser*innen, haben ein Recht auf spannende Tipps! 1996 war Dirk Bach auf dem Zenit seines Schaffens, das Dschungelcamp schlummerte noch, da reüssierte Bach in einer Serie, die Maßstäbe setzte in Form von subtiler, humorvoller Gesellschaftskritik. Als erfolgloser, aber liebenswerter Schauspieler, zusammen mit seinem renitenten Vater, der pubertierenden Tochter und der lesbischen Freundin Coco meistert er die Hürden des Alltags als alleinerziehender Vater. Die Krönung dieser Folgen, Youtube sei Dank!, sind die Abspänne. Denn dort ließen die Macher, lange bevor „making of“ Mode wurde, an der Entstehung der live vor Publikum entstandenen Folgen teilhaben. Jan C. Behmann

06:00 07.02.2019

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