Bestens schwärmt sich’s am Kupfergraben

Architektur Die James-Simon-Galerie auf der Berliner Museumsinsel ist nach zehn Jahren fertiggestellt
Bestens schwärmt sich’s am Kupfergraben
Blick auf den Zugang zum Pergamon-Museum aus der James-Simon-Galerie

Foto: Emmanuele Contini/Imago Images

Was der Preußenkönig Friedrich Wilhelm IV. einst als „Freistätte der Kunst und Wissenschaften“ vorgeschwebt hatte, ist in diesen Tagen – 180 Jahre später – Wirklichkeit geworden. Die James-Simon-Galerie ist zum würdigen Schlussstein auf der Berliner Museumsinsel geworden. Dem britischen Architekten David Chipperfield ist zu verdanken, dass daraus keine hehre „Kultur-Akropolis“ wurde, sondern ein öffentlicher Begegnungsort, in dem die Architektur – mit Anklängen an griechische Antike, Renaissance und Klassizismus – zu einem wahrhaften Erlebnis wird.

Zwanzig Jahre lang wurde heftig darum gerungen, was dieses Eingangs- und Besucherzentrum aufnehmen und wie es aussehen soll. Chipperfield setzte sich intensiv mit den drei benachbarten Gebäuden auf der Museumsinsel auseinander – mit Alfred Messels 1930 vollendetem Pergamon-Museum, dessen steinerner Sockel weit aus dem Kupfergraben herausragt. Desgleichen mit Friedrich August Stülers Neuem Museum, dessen offene Kolonnade den Briten maßgeblich zum endgültigen Entwurf der James-Simon-Galerie inspirierte. Schließlich kam Schinkels Altes Museum hinzu, dessen Freitreppe und Loggia die Planer des Büros Chipperfield zur bühnenartigen Treppe und weitläufigen, von einer Hochkolonnade gesäumten Terrasse am Kupfergraben inspirierten.

Aber bis zu diesem Entwurf waren einige schwere Kämpfe auszufechten. David Chipperfield, der 2009 die Renovierung des im Krieg schwer beschädigten Neuen Museums mit Bravour vollendete, legte wenige Jahre zuvor den Entwurf für die James-Simon-Galerie vor, benannt nach dem einflussreichen jüdischen Sammler und Mäzen James Simon. Doch die lichtdurchlässigen Stahl-Glas-Kuben, die ganz seiner bekannten Formensprache entsprachen, überzeugten nicht. Der Internationale Rat für Denkmalpflege ICOMOS bemängelte die „fehlende visuelle Integrität“ gegenüber den Nachbarmuseen. Selbst die Stiftung Preußischer Kulturbesitz distanzierte sich. Ganz offensichtlich hatte der Brite das als „Eingangsbauwerk“ und „Besucherzentrum“ vorgesehene Gebäude als ein sechstes und eigenständiges Gebäude auf der Museumsinsel entworfen. Das widersprach dem Geist des Masterplans von 1999.

Wenig später nahm sich Chipperfield der Skizze von Friedrich Wilhelms IV. „Freistätte“ an und strich das Motiv der Serialität hervor, das er in der Kolonnaden-Reihe der Musentempel erkannte. Die serielle Ordnung hat den Vorzug – so Projektleiter Alexander Schwarz –, an der bestehenden klassizistischen Freiraumarchitektur der Museumsinsel anzuknüpfen. Stülers Kolonnadengang konnte nun über den angrenzenden Neuen Hof hinweg in zeitgemäßer Interpretation fortgeführt werden. Chipperfield schwebte eine für die gesamte Museumsinsel prägende formale Kontinuität vor, die die James-Simon-Galerie aus ihrer reinen Funktionalität befreit und zu einem Gebäude mit sehr offenen, nutzerfreundlichen und der Stadt zugewandten Bezügen entwickelt. In den Vordergrund traten markante stadträumliche Bezüge, Architektur wurde als „gebaute Landschaft“ inszeniert.

1.200 Betonpfähle

Zu dieser „gebauten Landschaft“ gehören auch Anklänge an Schinkels Altes Museum: Denn hinter der doppelreihigen Kolonnade, die den Portikus als Säulenwald strukturiert, führt – quer dazu verlaufend – eine Freitreppe hinauf in den offenen Ausstellungsbereich. Chipperfield bewundert das Alte Museum wegen seiner durchlässigen Bauweise, die aus ihm das „erste öffentliche Kulturmuseum“ gemacht habe. Und er unterstreicht, wie sehr ihn eine Zeichnung Schinkels beim neuen Entwurf der James-Simon-Galerie beeinflusste. Seit 2007 galt die Entscheidung, einen modernen Tempel mit filigranen, weißen Betonpfeilern und einer ausladenden, sich zum Stadtraum öffnenden Freitreppe zu bauen. Dahinter verbirgt sich ein kreativer und beharrlicher Entwurfsgeist, keineswegs eine Anbiederung gegenüber den auf der Museumsinsel vertretenen großen Namen.

Die James-Simon-Galerie besitzt ein breites Service-Angebot, gepaart mit räumlichen Qualitäten, die verführerisch und ungemein ästhetisch wirken. Es lohnt sich allemal, einfach nur das Gebäude zu erkunden, vorbei an einer hinterleuchteten Marmorwand bis hin zu einer pintoresken Bootsanlegestelle am Kupfergraben, wo allerdings der Bootsverkehr verboten ist. Das ist zumindest ein geniales romantisches Aperçu des britischen Meeresliebhabers. Desgleichen lohnt es sich, auf die Blickbezüge zu achten, die sich vom unteren Ausstellungsgeschoss zum Kolonnadenhof oder vom Obergeschoss über den Kupfergraben ergeben. Nicht zu vergessen, das großartige Auditorium, das direkt unter der Freitreppe liegt. Hier besticht die minimalistische Materialauswahl aus Beton, Nussholz und Filz. Dabei wird deutlich, welch hohen Stellenwert die sinnliche Materialästhetik im Büro Chipperfield hat. Beispielsweise wurde in die Bodenelemente aus Betonfertigteilen sächsischer Marmor eingearbeitet. Man wird sich trefflich darüber streiten, was der eigentliche Blickfang der James-Simon-Galerie ist. Vielleicht kommt am ehesten ins Schwärmen, wer den Blick von der grandiosen Terrassenlandschaft über Kupfergraben und Museumsinsel schweifen lässt.

Trotz aller Leichtigkeit, die dieser betörende Kulturbau ausstrahlt, vergisst man schnell, dass die James-Simon-Galerie durch 1.200 Betonpfähle bis zu 50 Meter tief im Grund der Spreeinsel verankert worden ist. Genau an dieser Stelle wäre Schinkels einstiger Packhof fast im morastigen Erdreich versunken.

Klaus Englert ist Architekturkritiker

06:00 21.07.2019
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