Besuch des Bruders

Kehrseite Es klingelte. Er war es. 15 Jahre hatte ich ihn nicht gesehen. Besuch! schrie er noch auf dem Treppenabsatz. Da staunst du, was? Darf ich reinkommen? ...

Es klingelte. Er war es. 15 Jahre hatte ich ihn nicht gesehen. Besuch! schrie er noch auf dem Treppenabsatz. Da staunst du, was? Darf ich reinkommen? Ich will dich besuchen! Oder störe ich? Erkennst du mich? Hallo, dein Bruder, immer noch der Alte! Soll ich Leine ziehen oder was? Bin extra hergekommen! Du bist dir wohl zu fein, um mit mir zu sprechen? Na was, soll ich wieder gehen?

Komm rein, sagte ich.

Danke, danke, wie geht es dir? Du lebst also noch. Gesund, Familie? Keine Frau im Haus, was? Keine Gardinen an den Fenstern. Kann jemand reingucken?

Möchtest du Tee oder Kaffee? fragte ich.

Kaffee. Schöne Küche.

Und du, fragte ich, verheiratet?

Geheiratet und wieder geschieden, sagte er. Er trug einen Schnauzbart und eine Brille, die wohl noch aus seiner Schulzeit stammte. Ich musste lange suchen, um dich zu finden! Unkraut vergeht nicht, was?

Doch, sagte ich, bei entsprechender Behandlung.

Er lachte. Man merkt gleich, dass du nicht mehr im Dorf lebst. Redest ganz schön geschwollen.

Wie geht es deinen Eltern? fragte ich.

Mutti ist dick geworden, Vati geht es gut, sagte er. Es sind übrigens auch deine Eltern. Grüße soll ich dir nicht bestellen.

Ich habe keine Grüße erwartet, sagte ich. Bestelle auch keine.

Das erwarten sie auch nicht, sagte er. Bekomme ich was zu trinken, oder gibt es nur Kaffee?

Mineralwasser ist noch da.

Erinnerst du dich, wie wir früher in den Kaffeesatz schweinische Worte gemalt haben? fragte er. Immer in die Tasse vom Alten. Votze, fick dich selbst.

Ich erinnere mich nicht, sagte ich. Das hätten wir uns nicht getraut, solche Worte zu schreiben.

Dann hast du es vergessen, sagte er.

Er zündete sich eine Zigarette an. Ich stellte ihm einen Aschenbecher hin und rauchte ebenfalls.

Du rauchst? fragte er. Spielst du kein Fußball mehr? Trinkst du immer noch keinen Alkohol? Früher hast du keinen Alkohol getrunken. Erinnerst du dich?

Nein, sagte ich.

Warum bin ich gekommen? fragte er.

Wahrscheinlich wolltest du mich sehen.

Und warum wollte ich dich sehen?

Aus Neugierde, aus Langeweile.

Oder? fragte er. Ich wollte dich aus einem bestimmten Grund sehen.

Ich bin sehr gespannt.

Antworte du auf meine Frage, sagte er. Sprich mir nicht immer dazwischen. Lass mich erst ausreden. Meine Frau hat sich scheiden lassen. Was sagst du dazu?

Nichts, sagte ich. Es tut mir Leid. Habt ihr Kinder?

Eine Tochter. Sag jetzt etwas.

Was soll ich denn sagen? Deine Frau hat sich scheiden lassen. Ja, warum denn? Warst du nicht gut zu ihr? Ich habe deine Frau noch nie gesehen.

Das hoffe ich, sagte er. Sie wollte dich nämlich besuchen. Ich hab es ihr nicht erlaubt. Wenn ich nicht mit dir spreche, soll sie auch nicht mit dir sprechen.

Kannst du inzwischen Brot schneiden?


Er kommt von der Gartenarbeit in die Küche, setzt sich an den Tisch und sagt: Kein Brot da! Dann schneid dir was ab, sagt seine Frau. Das kann ich nicht, sagt er. Dann musst du es üben, sagt sie. Du setzt dich wie dein Vater an den Tisch, aber der kann Brot schneiden. Er nimmt sein Messer, geht zum Brotschrank und beginnt zu heulen. Ich kann kein Brot schneiden. Seine Frau reißt ihm das Messer aus der Hand und schneidet Brot ab.


Weißt du noch, wie wir Fische fangen wollten? fragte er. Mit Pfeil und Bogen? Wir haben nie einen Fisch getroffen.

Ich erinnere mich, sagte ich.

Na siehst du, sagte er. Jetzt habe ich eine Frage. Wie lange wohnst du in dieser Wohnung? Du hast keine Angst, dass dir jemand ins Fenster guckt? Mir dürfte keiner ins Fenster gucken. Er zündete sich eine neue Zigarette an. Von deinen Polizeispielen will ich reden, sagte er. Deshalb bin ich gekommen.

Von welchen Polizeispielen? fragte ich.

Ich wusste, dass du alles abstreiten wirst, sagte er.

Was streite ich ab?

Die Polizeispiele! Herr Kommissar!

Kommissar? fragte ich.

Welchen Kommissar meine ich wohl? fragte er. Bitte setzen Sie sich. Sie heißen? Ihr Name! Ihr Alter? Na? Scheint die Sonne?

Wovon redest du? fragte ich.

Er lachte, drehte seinen Kopf, mal in die eine, mal in die andere Richtung. Ich rede von dir, sagte er. Alles vergessen? Wen quälst du eigentlich heute? Es wundert mich nicht, dass du keine Kinder hast. Kochst du etwa selbst? Eier braten kann ich auch.

Kannst du langsam und der Reihe nach erklären, wovon du redest? fragte ich.

Schlafen verboten, so hieß doch dein Spiel, sagte er. Du willst schlafen? Komm, wir spielen lieber. Ich sagte dir, ich will nicht spielen, ich will schlafen. Du sagtest natürlich: Du willst spielen. Du warst schließlich stärker als ich.

Du redest über die Zeit, als wir zusammen in einem Zimmer schliefen? fragte ich.

Na endlich, sagte er, endlich scheint dir was zu dämmern.

Ich habe nie bestritten, dass wir zusammen in einem Zimmer schliefen, sagte ich.

Du warst vierzehn, sagte er. Du hast mich mit dem Bademantelgürtel an den Stuhl gefesselt. Mit der Schreibtischlampe hast du mich geblendet. Du warst der Kommissar, ich sollte der Mörder sein. Wo waren Sie gestern Nacht? Es gibt Zeugen dafür, dass Sie nicht in ihrem Bett lagen. Wo waren Sie also? Ich sage es Ihnen. Sie waren im Keller dieses Hauses. Was suchten Sie im Keller? Wir fanden dort eine Leiche. Alles gelogen, ja?

Du redest vielleicht von Indianerspielen? fragte ich.

Indianerspiele? fragte er. Mitten in der Nacht? Du wolltest mir sogar eine Glatze schneiden. Das hast du natürlich nicht getan, weil du feige warst. Ständig hast du vom Ernst der Lage geredet. Junger Freund, Sie werden des Mordes verdächtigt! Unschuldige Spiele waren das? Für dich vielleicht. Aber mir ist das nahe gegangen, deine Geschichten vom Kindergefängnis, erinnerst du dich? Im Kindergefängnis ist ein schwarzes Haus mit einer schwarzen Mauer und die Erzieherinnen tragen schwarze Uniformen, alle einheitlich. Man wird dich dort viel härter schlagen als bei uns zu Hause, das waren deine Worte. Er zog sein Notizbuch aus der Tasche, leckte Daumen und Zeigefinger, blätterte, malte ein Kreuz in eine Spalte, dann sang er: Der Kommissar ist wieder da. Wir können weiter reden, sagte er. Er schlug sein Notizbuch zu. Die Schießübungen hätte ich fast vergessen auf meiner Rechnung, sagte er.

Welche Schießübungen? fragte ich.

Kugeln fangen, sagte er. Das hast du auch vergessen, ja? Im Märchen wäre das möglich, hast du gesagt. Ich sollte auf den Silberstreifen gucken. Am liebsten hättest du mir den Gewehrlauf in den Mund gesteckt und abgedrückt.

Du verwechselst dich mit den jungen Katzen, sagte ich.

Junge Katzen. Er drückte seine Zigarette aus, zündete sich gleich die nächste an, guckte auf seine Fingerspitzen. Du kannst dich wohl auch nicht daran erinnern, dass du dich aufhängen wolltest? fragte er.

Mehrmals, sagte ich.

Gleich mehrmals? fragte er. Du hast mir sogar den Strick gezeigt. In Kindergröße! Er war viel zu kurz. Du hast gesagt: Sie werden mir den Bauch aufschneiden und nachsehen, ob ich vergiftet wurde, obwohl ganz klar ist, dass ich mich erhängt habe. Erinnerst du dich?

Dunkel, sagte ich.

Du erinnerst dich? fragte er. Er schlug sein Notizbuch wieder auf, schrieb etwas hinein. Dann zündete er sich eine neue Zigarette an, obwohl die letzte noch im Aschenbecher glühte. Weitere Fragen habe ich nicht, sagte er. Du hast ja sowieso alles vergessen. Das dachte ich mir vorher, dass du alles abstreiten wirst. Wer gibt so was schon gern zu, was du mit mir gemacht hast.

Er stand auf und wusch sich im Waschbecken die Hände, trocknete sie am Geschirrtuch ab. Es klingelte, er ging zur Tür. Ich komme schon! rief er. Er kam mit einer Frau in die Küche, sagte ihr, sie solle sich setzen. Wir sind mitten beim Thema, sagte er. Mein Bruder streitet alles ab.

Ich hatte dir gleich gesagt, dass es keinen Zweck hat, mit ihm zu reden, sagte sie.

Ich hatte dir gesagt, du sollst dich nicht einmischen, sagte er.

Zehn Minuten warte ich noch im Auto, dann fahre ich los, antwortete sie. Dann kannst du alleine zurückfahren.

Die Reise hat sich gelohnt, sagte er.

Ich warte draußen, sagte sie. Zehn Minuten.

Sie ging wieder.

Und wer war das? fragte ich.

Sie hilft mir, alles zu verarbeiten, sagte er. Ich bin froh, dass ich zu dir gekommen bin. Über dich würde ich gern noch mehr erfahren. Wenn meine Frau mal zu dir kommen sollte, schmeiß sie raus. Aber sie wird sowieso nicht kommen. Er stand auf, ich brachte ihn zur Tür. Wir reichten uns die Hände. Vielen Dank fürs Zuhören, sagte er. Auf der Treppe winkte er.

Christoph D. Brumme lebt in Berlin und Russland. Zuletzt erschien sein Roman Süchtig nach Lügen.


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00:00 21.04.2006

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