Besuch von gestern

Psychogramm In A. L. Kennedys Roman "Also bin ich froh" scheint die Auflösung der Welt unaufhaltsam

Also bin ich froh ist eine Art Liebesgeschichte. Die Ich-Erzählerin, Jennifer M. Wilson, verliebt sich in den neuen Mitbewohner, der eines Nachts wie aus dem Nichts in ihrer Glasgower Wohngemeinschaft auftaucht und sich bald als der französische Schriftsteller Savinien Cyrano de Bergerac herausstellt. Weshalb wählte die schottische Star-Autorin A. L. Kennedy ausgerechnet diese legendenumwobene Figur aus dem Frankreich des 17. Jahrhunderts als Helden ihres letzten Romans?

Cyrano de Bergerac war ein Zeitgenosse des Musketiers D´Artagnan, ein Meister des Degens und der Feder, ein Freigeist und Rebell, der keine Regeln und Autoritäten respektierte. "Die Vernunft ist meine Königin", soll er gesagt haben. Ihn lässt Kennedy wiederauferstehen, er ist der Messias, der nicht nur der Ich-Erzählerin Liebe und Wärme bringt, sondern auch ihren Mitmenschen, den Mitbewohnern in der Wohngemeinschaft, den Nachbarn.

Also bin ich froh ist mehr als eine Liebesgeschichte. Es ist ein Psychogramm der Generation der Autorin, 1965 in Schottland geboren, eine Generation, die "eines Morgens in vollem Galopp über den Rand einer riesigen metaphorischen Klippe namens Arbeitslosigkeit getrieben" wurde. Arbeits- und hoffnungslos wächst sie auf, diese Generation. Der Glaube an den Fortschritt ist gründlich zerstört. Es gibt keine Unschuld mehr, man weiß Bescheid "über Die Bombe und Die Streiks und Den Atommüll". Es gibt keine Sicherheit mehr, man lebt mit der Katastrophe. Die englische Erstausgabe erschien bereits 1995, doch Jennifers Ängste klingen wie eine Antizipation des 9. September 2001 und der Folgen: Ich lernte, "dass ich mich niemals Flugzeugen, Booten, Aufzügen, Raumschiffen, Zügen, U-Booten, Autos oder Bussen anvertrauen sollte. All diese Fortbewegungsmittel steuerten unvermeidlich auf grauenhafte Unfälle mit zahlreichen Opfern, Todesfällen und Angstzuständen zu. Dasselbe ließ sich von jeder besonders friedlichen und freundlichen Klein- oder Großstadt, von Wolkenkratzern, Appartements, Feriensiedlungen - ... sagen."

In diese Welt fällt nun Cyrano de Bergerac, der zuerst glaubt, die Menschheit hätte sich weiterentwickelt, weil hier "eine Sauberkeit und Zivilisation" herrsche. Doch dann muss er feststellen, dass sich in fast vier Jahrhunderten nichts verändert hat. "Immer noch schlagen Hinrichtungen und Hunger und Wahnsinn in euren Straßen zu. Ganz einfach ausgedrückt, seid ihr bloß privater geworden, besonders in euren Gedanken."

In intimer Zwiesprache mit dem Leser teilt die Ich-Erzählerin ihre privaten Gedanken mit. Wie durch eine Beichte will sie sich erleichtern von der Schuld, die auf ihr lastet und auf ihren Landsleuten "in den keltischen Ländern" - und ganz besonders den germanischen, möchte die Rezensentin ergänzen -, wo Schuld ein gesellschaftliches Betäubungsmittel sei. Im Rückblick schildert sie die Beziehung zu Savinien, ein Zeitraum, der vom Tag seines Erscheinens bis zu seinem Verschwinden etwa ein Jahr umfasst. Und als Rückblicke im Rückblick lässt sie ihre Entwicklung bis zurück in die Kindheit Revue passieren.

Sie bezeichnet sich selbst als "emotionalen Krüppel", unfähig zu irgendwelchen Gefühlen - außer dem der Schuld. Liebe assoziiert sie mit Handschellen, einem Utensil, das häufig bei ihren SM-Praktiken mit der letzten Beziehung zum Einsatz kam. Der Leser ist dabei, wenn sie ihren Freund mit Krawatten auf dem Sofatisch fesselt und ihn mit dem Gürtel krankenhausreif schlägt. Als Kind musste Jennifer des öfteren Beischlafszenen ihrer Eltern beobachten. Doch das sei nicht der Grund für ihre "sexuellen Unregelmäßigkeiten", eher der übermäßige Konsum von Zeitungen. Jennifer ist Radiosprecherin. Sie verliest täglich Nachrichten von Katastrophen und Kriegen, aber erst die Bilder der Leichenteile verursachten auf Dauer Gefühllosigkeit. "Ich war abgestumpft", sie misstraut den Bildern und zieht es vor, die anonyme Stimme im Studio zu bleiben, einsam wie ein Astronaut.

Die Bilder der abgetrennten Köpfe von Amerikanern im Irak und die Folterbilder von Abu Ghraib bestätigen im Nachhinein auf unheimliche Weise die Medienkritik, die in der Figur der Jennifer zum Ausdruck kommt. Paradoxerweise ist sie als Sprecherin unfähig mit anderen zu kommunizieren. Allein in ein Schallvakuum eingeschlossen ist sie überzeugt, "dass Konversation nichts weiter als Zungenfertigkeit ist". Sie will nicht kommunizieren. Am Sex liebt sie, dass es "die einzige wichtige soziale Transaktion ist, bei der Konversation geradezu unhöflich wirken würde."

Und dann fällt plötzlich Savinien vom Himmel und alles wird anders. Der Tote erweckt die "ein bisschen Tote" zu neuem Leben. Auf einmal entwickelt sie Gefühle, der Panzer der Abgestumpftheit bricht auf und sie liegt "offen da wie ein ausgenommener Fisch". Zum ersten Mal in ihrem Leben empfindet Jennifer Liebe, eine symbiotische Beziehung, in der sie eins wird mit dem anderen. Über dreißig Jahre hatte sie gelebt, um diesen Abend zu erleben, an dem sie sich umarmten und "Ich liebe dich" sagten und dass sie nie wieder getrennt sein wollten. Aber die unzertrennliche Verschmelzung gibt es nur im Tod und im Französischen klingt "l´amour" so ähnlich wie "la mort". So muss Savinien auch schon bald wieder gehen. Er verschwindet so mysteriös wie er gekommen ist. Er hinterlässt eine Liebende, die das Fühlen und die Schmerzen gelernt hat und sich nun nach Amnesie sehnt. Doch zum Schluss kehrt sie zurück in ihre Wohngemeinschaft und will wieder anfangen zu leben. Und also ist sie froh.

So hat Cyrano der Bergerac, der dem breiten Publikum seit der Wiederauferstehung in der Gestalt von Gerard Depardieu als hingebungsvoller Liebhaber bekannt ist, zumindest eine Frau bekehrt. Aber was ist mit dem Zustand der restlichen Welt? Die Freiheit, der Anstand, die Fairness, die öffentliche Sicherheit, Gleichheit, Chancengerechtigkeit, Frieden, all die Werte, die uns, so die Ich-Erzählerin, abhanden gekommen sind? Wer stellt die wieder her? Und wer bringt die Parlamentarier zur Raison, die "von verfassungswidrigen zu schlicht sittenwidrigen Handlungen übergegangen" sind? Wer hält die "unaufhaltsame Auflösung" auf, die nicht nur Kennedys Heimatland, sondern dem ganzen Planeten droht? Dafür bedarf es nicht nur eines Cyrano de Bergerac, sondern mindestens eines ganzen Bataillons. Ein Liebesroman ist damit überfordert. Immerhin wurde Jennifer bekehrt, die sich auf Seite 223 nicht mal dazu aufraffen konnte zu wählen, als im Juni die Europawahl anstand.

Natürlich kann der Deus ex machina aus dem 17. Jahrhundert die Welt nicht mit dem Degen retten. Zumal er selbst verletzbar und hilfsbedürftig ist und nur mit Jennifers Hilfe überlebt. Im Roman kommt er viel zerbrechlicher daher als der Mythos, als der er durch die 1897 von Edmond Rastand verfasste Komödie in die Literaturgeschichte eingegangen ist. Bei Kennedy hat er etwas Leidendes, Jesushaftes. Auch Jesus konnte die Welt bekanntlich nicht retten. Das können nur wir selbst. Und so nutzt es uns nichts, auf einen Cyrano de Bergerac zu warten. Also seien wir froh.

A. L. Kennedy: Also bin ich froh. Roman. Aus dem Englischen von Ingo Herzke. Wagenbach, Berlin 2004, 280 S., 19,50 EUR


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00:00 15.10.2004

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