Jochen Schmidt
Ausgabe 0116 | 07.01.2016 | 06:00 2

Betonstolz

Architektur In Rumänien gilt Geld als nutzlos, wenn man es nicht sieht. Wer es sich sauer im Westen verdient hat, klotzt zu Hause beim Bau des Eigenheims. Ein Reisebericht

Wer verreist, um von Dingen überrascht zu werden, die er zu Hause so nicht sehen würde, ist in Rumänien richtig. Dabei muss es sich nicht um klassische Reiseziele handeln, wie die Holzkirchen in der Maramureş, die Wehrkirchen in Siebenbürgen oder die Klöster mit Außenfresken in der Bukowina. Keinen geringeren Schauwert haben die sogenannten Zigeunerpaläste, faszinierend durchgeknallte Fantasiegebäude, die sich in ihrer Opulenz überbieten, mit fünf Silberdächern übereinander, von einem Mercedesstern gekrönt oder der Blechsilhouette einer amerikanischen Limousine. Daneben gibt es aber auch kaum zu übersehende und für uns schwer einzuordnende postmoderne Hybridbauten. Es sind die Häuser, die sich Arbeitsmigranten der 90er für das im Westen sauer verdiente Geld zu Hause gebaut haben.

Die alten Holzhäuser der Eltern und Großeltern werden emotionslos verkauft, an westliche Designermöbelhersteller zum Beispiel, oder sie verschwinden hinter den Fassaden der neuen pride houses. Eine Hochburg dieses Stils ist die nordwestliche Region Ţara Oaşului, die als besonders arm gilt. In Rumänien verschwanden nach der Wende 80 Prozent der Industrie, die landwirtschaftlichen Kooperativen wurden privatisiert und der Boden fragmentiert, große Teile werden heute gar nicht mehr bestellt. Immer weniger Arbeitnehmer arbeiten immer mehr Stunden pro Woche.

Horror-Vacui-Stuckfassaden

Die Millionen Menschen, die in den Westen aufgebrochen sind, würde man nur ungenau als Migranten bezeichnen, denn während die Kinder bei den Großeltern aufwachsen, sind die Eltern weder dort noch hier, sie sind mobil, sie pendeln zwischen den westeuropäischen Zentren, wo die Männer auf dem Bau und die Frauen als Haushälterin tätig sind, und ihren Heimatdörfern, wo ihre Häuser entstehen, im radikalst denkbaren Bruch mit der traditionellen Bauweise. Migration war in Rumänien ansteckend, neue Schichtunterschiede zwischen Migranten und Nichtmigranten entstanden, man musste sich beeilen, ebenfalls in den Westen zu kommen.

Von den 11.000 Einwohnern des kleinen Städtchens Marginea zum Beispiel leben 2.000 in Turin. Im Sommer kommen sie nach Hause und heiraten. In Turin wurde inzwischen eine Holzkirche im traditionellen Maramureş-Stil gebaut. Ganze Dörfer leben in Wäldern um Paris in Barackensiedlungen, um mit eiserner Disziplin jeden Cent zu sparen. Im Sommer kommt man in teuren Autos zurück, um Hochzeiten zu arrangieren und an den Häusern zu bauen, die für den Erfolg stehen und für den Bruch mit der bäurischen Existenz, die darin bestand, sein Vieh zu versorgen.

Diese Form von Geltungskonsum, die uns protzig vorkommt, wie eine Variante von nouveau riche, ist für Entwicklungsgesellschaften typisch. Die Häuser der Migranten haben möglichst viele Stockwerke, manchmal sogar einen Lift, eine Küche zum Vorzeigen und eine zum Kochen, automatische Toreinfahrten statt der traditionellen geschnitzten Holztore, bis zu ein Dutzend Schlafzimmer, große Balkons (zwar manchmal ohne Zugang, dafür aber mit einem Gips-Caesar oder einem römischen Soldaten geschmückt), Horror-Vacui-Stuckfassaden wie von HR Giger – sie stehen nah an der Straße, wo man sie sehen kann, sie sollen größer als die Kirche sein, und ihre Fassaden sind eine Freejazzvariante der Baumarkt-Postmoderne. Aber sie werden meist gar nicht bewohnt, man lebt in einem kleineren Gebäude abseits.

Unser eigener Wohlstand und der damit verbundene Kitsch treten uns hier als Fratze entgegen, denn Elemente, die im Westen oder in US-amerikanischen Serien gesehen wurden, werden frei nach dem eigenen Geschmack arrangiert, wobei man sich an keine Normen hält und vor allem die Nachbarn überbieten will. Säulenkapitelle ohne Säulen, Chrombalkons, abenteuerliche Freitreppen, Glasfassaden, mancher baut sich sogar die Replik eines Gerichtsgebäudes mit bombastischen Säulen als Wohnhaus. Privatheit wird als neuer Wert erkannt, man möchte nicht mehr, dass die Schwiegermutter einem ins Fenster sieht.

Man will um jeden Preis „modern“ sein, alt ist hässlich, neu ist schön. Unsere Vorstellung von Schönheit, die mit Patina verbunden ist, mit Gebrauchsspuren, ist dort völlig unbekannt. Geld ist nutzlos, wenn man es nicht sieht. Wer noch einen Dacia fährt, wird irgendwann nicht mehr gegrüßt. Wenn man bei einer Familie übernachtet, wo in der guten Stube auf dem Kaminsims seit Jahren zur Dekoration Jacobs Krönung, Duschdas, eine Flasche Johnnie Walker und 4711 stehen, scheint das rührend. Aber wie lange ist es her, dass man selbst im Kinderzimmer westliche Verpackungen gesammelt hat und der ganze Stolz des Knaben eine Sammlung westlicher Getränkedosen war?

Im Museum Europäischer Kulturen in Berlin findet zurzeit eine Ausstellung mit Bildern von Petruţ Călinescu und anderen statt, die die Blüten dieses Baubooms zeigen. Das schwerverdiente Geld in solche Gebäude zu investieren, die selten bewohnt werden (sie haben oft keine Innentoilette, sondern ein Plumpsklo im Garten, weil die Toilette als unrein empfunden wird; Großeltern, die ihre Enkel in der Stadt besuchen, reisen manchmal nach drei Tagen ab, wenn sie auf die Toilette gehen müssen, denn im Haus gehört sich das für sie nicht) und in denen wegen Baumängeln oft schon bald der Schwamm ist, wirkt auf uns irrational. Aber wir verkennen, dass die Besitzer genau wie wir in Kategorien von Schönheit denken und es als Glück empfinden, sich mit etwas vermeintlich Nutzlosem soziales Prestige zu verschaffen.

Folklore der Improvisation

Wer die Schönheiten traditioneller Volkskultur, Ornamentik, Weberei, Holzbauweise und Möbelherstellung im sensationellen Bukarester Bauernmuseum bewundert hat, dem wird bei diesen Erscheinungen das Herz bluten. Dabei stehen ja auch unsere Kirchen die meiste Zeit über leer. Bauliche Symbole der Macht, wie griechische Säulen, die in Rumänien zitiert werden, sind bei uns nicht weniger absurd, sie treten uns nur ins Monströse gesteigert und an vermeintlich unpassender Stelle entgegen. Die Häuser sind immerhin so hässlich, wie man es sich nicht selbst ausdenken könnte, was einen großen Schauwert hat. Es sind gut gemachte Bausünden (Turit Fröbe hat solche für Deutschland in Die Kunst der Bausünde gesammelt und beschrieben), anders als die gesichtslose Rendite-Architektur, mit der Ostdeutschland seit der Wende überzogen wurde.

Inmitten der postmodernen Bausünden strahlen in Rumänien übrigens die leider oft verrottenden Ostmoderne-Gebäude eine große Ruhe und Würde aus: das zentrale Hotelhochhaus beispielsweise, das jede Stadt besitzt, die Kulturhäuser, die Bushäuschen, die konstruktivistischen Ortseingangszeichen aus Beton.

In den vergangenen Jahren gab es einen Stilwechsel. Den Stolzhäusern folgt der ländliche Stil, „traditionelle“ Materialien (Holz und Stein, mit Blumen bepflanzte hölzerne Viehtränken) sind Simulakren einer ländlichen Lebensweise. Eine Batterie von hölzernen Hollywoodschaukeln steht für Freizeit als Statussymbol. In manchen Dörfern sieht man rechts und links der Straße eine Parade von grellbunten Mülleimern als Hinweis darauf, dass man mit Moderne die Abwesenheit von Müll im öffentlichen Raum verbindet.

Als Tourist leidet man darunter, dass die eigentliche Schönheit, die dieses Land auszeichnet, nicht gesehen und zerstört wird: mittelalterliche Städte, die unser romantisches Bedürfnis nach einem bei uns verschwundenen Stadtbild befriedigen, Dorflandschaften wie bei Heidi, mit Holzscheunen, Bänken vor jedem Haus, auf denen die Alten mit ihren schönen Gesichtern sitzen, Heuhaufen, Wassermühlen, alte Obstgärten, unregulierte Flüsse. Wir suchen dort etwas, das bei uns bereits vor Jahrzehnten vernichtet wurde, das traditionelle Dorf, das der industriellen Landwirtschaft, dem Auto und der Baumarktästhetik geopfert wurde. Aber das für uns Schöne hat dort für die Mehrheit keinen Wert.

Man muss lernen, andere Dinge als sehenswürdig zu empfinden, fantasievoll chaotische Handwerkerlösungen, die nicht lange halten können. Neue Waschbecken, an denen noch die Etiketten kleben, Rohre, die durch Kacheln geschlagen werden, eine Neonröhre als Blumenrankhilfe, CDs zum Hackfleisch-Portionieren im Supermarkt. Es gibt eine Folklore der halsbrecherischen Improvisation, was für den westlichen Gast etwas Befreiendes haben kann, das Unperfekte, Provisorische lässt die Seele atmen. Und an jeder öffentlichen Baustelle, an jeder Brücke oder Straße, die erneuert werden, sieht man das EU-Symbol. In einem Dorf in der Provinz fand ich eine Bar, die „Straße nach Europa“ hieß. Europa als Verheißung – wenn man das erlebt hat, denkt man anders über unseren angeblich so müden und bürokratischen Kontinent.

Info

Schöne neue Welt. Traumhäuser rumänischer Migranten Museum Europäischer Kulturen Berlin, bis 26. April

Jochen Schmidt veröffentlichte 2013 bei Piper die Gebrauchsanweisung für Rumänien. Mehr Material unter jochen-schmidt.blogspot.de

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 01/16.

Kommentare (2)

JankaVogel 14.02.2016 | 19:00

Danke für diese schön geschriebene Einladung nach Rumänien! In Siebenbürgen versucht man ja, die Häuslebauer und -gestalter mit Infobroschüren zum denkmalgerechten Bauen vom gar zu heftigen Ausleben der bunten, betonhaltigen, Balkon- und Fassadenfantasien abzuhalten nach dem Motto: "Der Tourist (aus dem Westen) möchte es gern urig, viel Holz, Pastelltöne, ..."
Danke jedenfalls, dass Sie dem Ganzen endlich einen guten Namen gegeben haben: "Folklore der halsbrecherischen Improvisation". Toll!