Betreff: Email/Bankrott

Kommunikation Wir wissen gar nicht, was E-Mails eigentlich sind. Deshalb können wir mit elektronischen Nachrichten auch nicht richtig umgehen. Was tun, wenn das Postfach voll ist?

Wenn es jemanden gibt, der für die unbegrenzten Möglichkeiten des Internets und die absolute Freiheit der digitalen Kommunikation eintritt, dann ist es der Jura-Professor Lawrence Lessig. Er war allerdings einer der ersten, der „E-Mail-Bankrott“ angemeldet hat; seinem Beispiel sind viele gefolgt. Das soll bedeuten, dass er eine Mail per CC an alle Adressen in seinem Posteingangsfach geschrieben hat, in der Lessig erklärt, dass er auf bisher unbeantwortete Mails nicht mehr antworten kann, weil jeden Tag nach der Ausfilterung von Spam immer noch 200 private Mails bei ihm ankommen. Die Lösung sei, einfach alle Mails zu löschen und mit einem frischen, leeren Mailaccount wieder anzufangen. So lange, bis sich dieselbe Situation wieder eingestellt haben wird. Niemand wird die Kompetenz von Lawrence Lessig in Bezug auf neue Medien bestreiten wollen. Es stellt sich aber die Frage, ob wir alle, die wir in die Mailaccounts von anderen schreiben und selbst die Mails von anderen erhalten, wirklich kompetent in Bezug auf das sind, mit dem wir umgehen.

Medienkompetenz ist ein Lieblingsschlagwort der Medienpädagogik und der an sie anschließenden Bemühungen der Politik. Im Wesentlichen soll es darauf hinauslaufen, dass der Konsum bestimmter Formen geregelt und kanalisiert erfolgen soll, durch gesetzliche Kontrolle sowie durch moralische Verinnerlichung dieses Rezeptionsverhalten durch die Individuen. „Geh mal lieber raus, was spielen, statt hier im Dunkeln vorm Computer zu hängen!“, „Fernsehen macht die Schlauen schlauer und die Dummen dümmer!“, „Lies doch mal ein gutes Buch!“ – so lauten manche Maximen dieser Richtung und es fallen uns bestimmt noch weitere ein.

Das wäre alles so lange richtig, würde es sich in ein allgemeines System der Beurteilung und Bewirtschaftung aller Kommunikationsformen fügen. Stattdessen lässt ein solches Medienkompetentmachungsprogramm aber das Allermeiste unberücksichtigt, mit dem wir täglich umgehen. Man stelle sich vor, Eltern, Erzieher, Lehrer und Medienpolitiker würden auch sagen „Unterhalte Dich nicht so lange!“ oder „Schreib nicht so viel, sondern geh mal lieber raus!“ oder „Das beste Mittel gegen die Zeitfalle Telefon ist, erst gar keines anzuschaffen“ oder „Fotografieren stumpft die Menschen ab, weil sie nicht mehr selber gucken“. Man würde eventuell anfangen, die Absolutheit solcher Aussagen anzuzweifeln und stattdessen darüber nachdenken, zu welchem Zweck und mit welchem Effekt man sich jeweils auf ein bestimmtes Medium einlässt.

Was mit Medien

Jedes Medium zeichnet sich dadurch aus, dass es ganz bestimmte Effekte bei Menschen zeitigt. Das ist medientheoretischer Konsens, ganz gleich ob man das als Veränderung des Maßstabs, Tempos oder Schemas der Situation des Menschen bezeichnet, oder als Überwältigung unserer Sinne durch eine feindliche Hardware, oder als neue Vorspiegelung, der wir erliegen, oder als neue Auswahlmöglichkeit, um neue Formen zu bilden. Das Erstaunliche an dieser wissenschaftlichen bis alltäglichen Theoretisierung von Medien ist allerdings, dass es überhaupt gar keine Sicherheit darüber gibt, was „Medien“ überhaupt sind. Das lässt viele Studentinnen und Studenten des Faches „Medien“ verzweifeln, die „was mit Medien machen“ wollen, das treibt aber auch viele Medienwissenschaftler um, wenn sie denn nach Jahren der unerschütterlichen Behauptung von Expertise auf diesem Gebiet, um sich für Positionen zu empfehlen, auf der unkündbaren Professur angekommen sind und sich nun endlich Rechenschaft ablegen können, womit sie sich denn beschäftigen.

Man achte nur einmal darauf, in wie vielen Varianten einem das Wort „Medien“ jeden Tag begegnet. Da liest man einen kulturkritischen Artikel darüber, dass „die Medien“ unsere Gesellschaft beeinflussen. In den Nachrichten wird erzählt, dass laut „Medienberichten“ irgendetwas passiert sein soll. Eine Freundin erzählt, dass ihr Bruder jetzt „in den Medien“ arbeitet. Von einem Prominenten wissen wird, dass er oft „in den Medien“ auftaucht. In der Unibibliothek gibt es einen Bereich, in dem man „Medien“ wie CDs oder Videos ausleihen kann. Darüber hinaus findet man Bücher über Mediengeschichte, in denen es um das Kino, das Fernsehen und den Computer geht. In derselben Uni gibt es einen Hausmeisterdienst, der „Medien“ wie CD-Spieler oder Videorekorder zur Verfügung stellt. Und manche Medienwissenschaftler erklären, dass sowohl elektrisches Licht, die Eisenbahn wie auch das Internet „Medien“ seien. Nun überlege man, was jeweils mit „Medium“ konkret bezeichnet wird, und man bekommt eine sehr heterogene Liste von Apparaturen, Menschen, Verhaltensweisen, Funktionen und Situationen. Warum Medienkompetenz dann bedeuten soll, dass man seinen Konsum von Fernsehsendungen, Computerspielen und Internetangeboten begrenzen soll, ist nur mit bestimmten ideologischen Fixierungen erklärlich.

Es drängt sich der Verdacht auf, dass es Medien überhaupt nicht gibt. Stattdessen gibt es bestimmte ästhetische Praktiken, deren Effekte so real sind, dass sie mit einer Ursprungserzählung belegt werden müssen, um begreifbar sein zu können. Als Ursprung bieten sich dann immer die historischen Umstände an, in denen diese Praktiken das erste Mal aufgetreten sind, was meistens mit bestimmten technischen Apparaturen und bestimmten Handhabungen dieser Apparaturen zu tun hatte. Und das wird dann zum Mythos geformt, als Erzählung tradiert und immer wieder den veränderten Umständen angepasst. So erklärt sich, dass man das fernmündliche Gespräch immer weiter als „Telefon“ oder den Empfang von audiovisuellen Programminhalten immer weiter als „Fernsehen“ bezeichnet, obwohl die technischen Grundlagen sich komplett geändert haben und heutige Voice-over-IP-Apparaturen oder HD-Bildschirme nichts, aber auch gar nichts mehr mit Telefonapparaten der 1930er oder Fernsehgeräten der 1950er Jahre zu tun haben.

Medienkompetenz könnte dann bedeuten, das eigene Eingebundensein in diesen Prozess von der Erzählung von Medien zu verstehen und sich dementsprechend zu verhalten. Vor anderen nicht mehr von „den Medien“ zu sprechen, die uns bestimmen und die uns gegen unseren Willen beeinflussen, wäre schon ein erster Schritt zur Kompetenz; noch kompetenter wäre es allerdings, man würde auch noch das, was man sich selbst über Medien erzählt oder nicht erzählt, überdenken.

Wir wissen noch gar nicht, was E-Mail eigentlich ist. Wir benutzen es ganz selbstverständlich, und wir gehen auch mehr oder weniger gewieft damit um, aber das, was wir uns selbst davon erzählen, ist seltsam mehrdeutig. Wenn man überlegt, mit welchen Kommunikationsformen E-Mail in Konkurrenz steht, beziehungsweise welche sie abgelöst hat, dann kommen nur zwei in Frage: Brief und Telefon. Und unser Verständnis von E-Mail pendelt genau zwischen diesen beiden vertrauten Formen hin und her – unentschlossen und deshalb problematisch.

Schreibend telefonieren

Ein Brief ist verzögerter Kontakt ohne Kontaktgewissheit, wenn sich auch in der Gesellschaft ein grundsätzliches Vertrauen in die Zuverlässigkeit der Mittler eingestellt hat. Für wichtige Mitteilungen hat sich aber dennoch ein System des stellvertretenden Direktkontakts ausgebildet: das Einschreiben. Die Kontaktverzögerung hat zu zwei Formen geführt: erstens zu der monodirektionalen Nachricht ohne Antwortnotwendigkeit, der Urlaubsgrußpostkarte etwa, und zweitens zu kontemplativen Botschaften, die einen Eigenwert in ihren Ausführungen haben und als Antwort eine ebenso verzögerte wie kontemplative eigenwertliche Ausführung haben können, der Briefwechsel. Der ist mehr ein Wechsel von Monologen oder Vorträgen, als dass es ein Dialog ist.

Telefonieren dagegen zeichnet sich durch sofortigen Kontakt aus. Und auch durch Kontaktgewissheit. Wenn jemand den Anruf entgegennimmt, dann bin ich mit ihm verbunden und kann mir sicher sein, dass mein Anliegen übermittelt worden ist. Man befindet sich sofort in einem gemeinsamen Raum. Das hat ebenfalls zu einer mehr oder weniger ausgeprägten Kultur des Telefonierens geführt, indem das Telefongespräch in seinem sofortigen Kontakt als Eindringen in die Privatsphäre verstanden wird. Von vielen wird unterschieden in akzeptable und inakzeptable Telefonzeiten, in die Zulässigkeit von bestimmten Anliegen zu bestimmten Telefonanschlüssen. Das Handy hat das aufgeweicht, aber Handys werden deshalb sehr viel stärker privatisiert oder auf bestimmte Anliegen zurechtgestutzt als Festnetzanschlüsse.

Obwohl sie „Brief“ genannt werden und mit ihrem getippten Text auch so aussehen, fühlen sich E-Mails für die meisten allerdings wie Telefongespräche an. Genau das ist das Problem. Man hat erlebt, dass jemand sofort auf eine abgeschickte E-Mail reagiert hat, weil sie nach dem Absenden sofort abgerufen und gelesen werden kann. Solche Fälle gibt es, und der Kontakt funktioniert auch sehr gut. Aber daraus den Schluss zu ziehen, man befände sich jedes Mal, wenn man den „Senden“-Knopf gedrückt hat, in einem Raum mit der anderen Person, ist falsch. Außer Acht gelassen werden andere Möglichkeiten: Dass im selben Moment nicht nur eine Nachricht beim anderen ankommt, wie beim Telefon, sondern auch noch viele andere; oder dass die Mail nicht in diesem Moment abgerufen wird, sondern erst später, manchmal sehr viel später. Zusammen mit vielen anderen Mails. Kurz: dass E-Mails eben auch Briefe sein können.

Daraus könnte folgen, dass man sich jeweils überlegt, was man mit einer E-Mail machen will. Will man einen Brief schreiben oder will man telefonieren? Briefe ­schreiben geht immer, man muss sich nur die Mühe machen, auch wirklich einen ausführlichen Text zu schreiben, der für sich selbst stehen kann. Telefonieren ist schon schwieriger, denn wie kann ich Kontaktgewissheit erreichen? Wenn ich E-Mails verabrede, also einen bestimmten Zeitpunkt bestimmt habe, an dem beide online sind und ihr Postfach abfragen, dann geht das. Dann kann ich kurze Mails hin- und herschicken, dann wird E-Mail zu Chatten – und vielleicht sind Chatprogramme die besseren Telefonvarianten, aber das wäre Geschmackssache. Habe ich eine solche Verabredung nicht, ist Telefonieren per E-Mail eigentlich nicht möglich. Dann müsste ich mich so verhalten, als würde ich den Anrufbeantworter eines anderen erreichen. Der Anrufbeantworter ist bereits eine modifizierte Form. Zwar habe ich die Gewissheit, mit der Apparatur einen Kontakt hergestellt zu haben, ich kann mir aber nicht sicher sein, dass mein Anliegen auch tatsächlich übermittelt worden ist, ob die Nachricht, die ich hinterlasse, auch tatsächlich abgehört wird. Und das gilt auch für eine unverabredete telefonische E-Mail.

Erzählung E-Mail

Jemandem mal schnell eine Mail zu schreiben, indem man auf einen wichtigen Termin verweist, und dann später verärgert darüber zu sein, dass dieser Termin nicht eingehalten wurde, zeugt deshalb nicht von Medienkompetenz. Genauso wenig, wie jemand Unbekanntem mal schnell um einen Gefallen zu bitten. Oder eine Antwort auf eine Diskussion zu schicken, die an anderer Stelle geführt wird. Oder zu fragen, wo man bestimmte Informationen bekommen kann. Wenn das alles nicht verabredet ist, also wenn es nicht telefonisch ist. Unsere Posteingangsfächer sähen anders aus, und es würde nicht so oft die Situation entstehen, dass Menschen „E-Mail-Bankrott“ anmelden müssten, weil sie mit den 40 Mails pro Tag nicht mehr umgehen können.

Medienkompetenz in Bezug auf E-Mail würde also bedeuten, nicht weiter so zu tun, als gäbe es eine eigene Erzählung namens „E-Mail“, ohne dass man weiß, was erzählt wird, sondern dass man ihre momentane Zugehörigkeit zu anderen Erzählungen erkennt. Bei Anrufbeantworter und Telefax hat die apparative Nähe es erleichtert, diese Praktiken dem Telefonieren zuzuordnen. E-Mail findet in einem anderen Apparat statt, deshalb liegt der Trugschluss nahe, dass es sich um etwas anderes handelt. Solche Trugschlüsse vermeiden zu können, wäre ein Zeichen von Medienkompetenz. Wenn man sich von den historischen Apparaten freimacht, werden Handys von Telefonen zu Internet, DVDs von Filmen zu Büchern, Vorträge von Texten zu Fernsehen, MP3-Player von Schallplatten zu Fotoalben, Computerspiele von Filmen zu Spaziergängen. Und unter diesem Blickwinkel lässt sich auch erkennen, an welche ökonomischen Regeln man sich halten kann, um nicht immer wieder Medien-Bankrott erklären zu müssen.


Mathias Mertens ist Literatur- und Medienwissenschaftler am Institut für Medien und Theater der Universität Hildesheim. Zuletzt erschien von ihm: Ladezeit. Andere Geschichten vom Computerspielen (Hg.), 2008

05:00 01.10.2009

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