Betrug

Linksbündig Bochum als Präzedenzfall der Hochschulreform

Im Trauerspiel lauert die Komödie. Das ist auch bei jenem Trauerspiel so, das den Titel "Universitätsreform" trägt und die Zerstörung der deutschen Hochschullandschaft zum Inhalt hat. Wie eine absurde Szene in der Katastrophe wirkt jedenfalls der Streit, der an der Ruhr-Universität Bochum (RUB) seit der Einführung allgemeiner Studiengebühren im Sommersemester tobt. Nach der geltenden Beitragsordnung sind Studierende, die in einer Fachschaft arbeiten, von Gebühren befreit. Nun hatte der Fachschaftsrat der Bochumer Theaterwissenschaft im Januar eine neue, rechtskräftige Satzung verabschiedet und 134 Studierende in die Fachschaft gewählt. Die eingereichten Anträge auf Befreiung wurden auch bewilligt - bis Rektorat und Universitätsverwaltung Ende März zurückschlugen: Den Studierenden verwehrte man die Möglichkeit, weitere Anträge zu stellen, während die bereits zugelassenen aus dem elektronisch verwalteten System gelöscht wurden, Gespräche mit der Fachschaft verweigert. Die Mitglieder sind damit bis heute nicht rückgemeldet, können keine Bafög-Anträge stellen, keine Prüfungen anmelden und dürfen das Semesterticket nicht nutzen. Gerhard Möller, Kanzler der RUB, droht sogar mit Zwangsexmatrikulation; das Dekanat kündigt an, gleich dem ganzen Institut den Etat zu kürzen. Es wird nun zum Gerichtsverfahren kommen, das ein Präzedenzfall werden dürfte: Erhält die RUB recht, wird ein repressives Vorgehen rechtlich legitimiert, das so skandalös ist, dass die Bochumer Fachschaft sogar die Unterstützung des RCDS bekommen hat, der sich als studentischer CDU-Ableger sonst vehement für eine strikte Gebührenpolitik ausspricht.

Es geht aber auch um einen anderen grundsätzlichen Punkt. Die aktuelle Hochschulpolitik gefällt sich darin, scheinbar nutzlose "Orchideenfächer" radikal zu beschneiden. Ähnlich wie die Einführung von Studiengebühren ist dies eine - auch volkswirtschaftliche - Eselei, denn die Erfahrung zeigt, dass die produktivsten Ideen und ungewöhnlichsten Lösungsansätze nicht in "Mainstreamfächern" entwickelt werden, sondern an "Randorten". Fächer wie die Bochumer Theaterwissenschaft, die trotz hervorragender Lehre bankrott gespart wurde, sind da auf das Engagement ihrer Studierenden geradezu angewiesen. Engagement bedeutet aber etwas grundsätzlich anderes, als Studienzeit mit Nebenjobs zu verschwenden, um Gebührengeld aufzutreiben, das den Rückzug des Staates aus der Hochschulförderung ausgleicht und ansonsten in die kostspieligeren Naturwissenschaften fließt. Seit ihrer Neugründung hat die Bochumer Fachschaft jedenfalls begonnen, Theaterfahrten und -projekte, Lesezirkel und Diskussionsveranstaltungen zu organisieren, wie das zuvor nicht möglich war. Dass ein Bürokrat wie Kanzler Möller trotz des Vorschlags, eine genaue Auflistung dieser Aktivitäten zu erstellen, darin nur "Betrug" sieht, ist bezeichnend.

Um Betrug geht es in der Tat. Bloß liegt der nicht bei den Studierenden, die für ihr Fach, ihr Studium und ihre Kommilitonen kämpfen. Betrogen wird zur Zeit vielmehr eine ganze Generation: Um das Recht auf eine Bildung, die nicht von der Finanzstärke der Eltern abhängt. Um die Möglichkeit, eigenständiges Interesse an Themen und Problemen zu verfolgen, eigene Erfahrungen mit Büchern und Theorien zu machen und nicht bloß vorproduzierte Informationen auf Multiple-Choice-Niveau vorgesetzt zu bekommen. Betrüger sind jene Politiker, die die Gebührenverschuldung zur Investition schönreden und dafür sorgen, dass Teile der Gelder versteckt in Landesetats fließen. Betrüger sind Hochschulbeamte, die wie schlechte Unternehmensberater auftreten und zu Wiederkäuern von deren Jargons mutieren. Betrüger sind die positivistischen Ideologen von "Think Tanks" wie dem Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) der Bertelsmann-Stiftung, die neben dem pseudowissenschaftlichen Überbau für den Ausverkauf all dessen, was Universität sein könnte, auch Leitfäden dazu liefern, mit welchen manipulatorischen Tricks die Gebühren am besten einzuführen sind - von ihrer Umbenennung in "Studienbeiträge" bis zur strategischen Reduzierung von Leistungen, die durch die "Beiträge" wieder finanziert werden.

Egal, wie der Bochumer Prozess ausgeht, eines ist sicher: Wenn es jenseits ihres Umbaus zur Fabrikationsstätte fremdbestimmten Humankapitals eine Zukunft der Universität geben sollte, dann wird sie bei Studierenden wie den Bochumer Theaterwissenschaftlern liegen, nicht aber bei Kanzler Möller und seinen Kollegen.


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00:00 25.05.2007

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