Beute der Ausbeuter

Katar Nun ist es belegt, vor allem nepalesische Arbeiter auf den WM-Baustellen wurden misshandelt. Trotzdem streiten die Organisatoren alles vehement ab
Pete Pattisson | Ausgabe 05/2014 4

Im Sommer 2013 verging in Katar kaum ein Tag, an dem kein nepalesischer Arbeiter ums Leben kam. Vielfach waren es junge Männer, nicht älter als 30, die einem plötzlichen Herzinfarkt erlagen. Sie alle gehörten zur großen Gruppe von Arbeitsmigranten, die in Katar derart unmenschlichen Arbeitsbedingungen ausgesetzt sind, dass nach den Kriterien der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) von Sklaverei gesprochen werden muss.

Zwischen Juni und September 2013 starben in Katar genau 44 Arbeiter aus Nepal, lässt sich einem Dokument der Botschaft des zentralasiatischen Landes in Doha entnehmen, dem umfangreiche Recherchen zugrunde liegen. Häufigste Todesursachen, heißt es darin, seien Herzversagen durch physische Überlastung oder schwere Verletzungen gewesen, die durch Arbeitsunfälle verursacht wurden.

Die Erhebung der diplomatischen Vertretung ergibt weiter, dass einige Nepalesen monatelang nicht bezahlt wurden. Man hielt die Löhne zurück, damit die Arbeiter nicht davonlaufen. Denen seien von den Bauherren die Pässe entzogen und Dienstausweise verweigert worden, wodurch den Betroffenen der Status illegaler Einwanderer aufgezwungen wurde, so das Papier. Einige Arbeiter hätten überdies beklagt, ihnen sei in der Wüstenhitze der Zugang zu kostenlosem Trinkwasser verwehrt worden. 30 Nepalesen hätten in der diplomatischen Mission Zuflucht gesucht, um einem derart unmenschlichen Arbeitsjoch zu entkommen.

Die erhobenen Vorwürfe deuten darauf hin, dass die Spur eines leidvollen Nomadentums von kleinen nepalesischen Dörfern bis zu Auftraggebern in Katar reicht, die Gastarbeiter anwerben lassen und vermitteln. Mit anderen Worten, eine der reichsten Nationen der Welt bereitet sich auf ein Weltereignis des Sport vor, indem Menschen aus einem der ärmsten Länder der Welt systematisch ausgebeutet werden.

„Wir würden gern gehen, aber die Firma lässt uns nicht“, sagt ein nepalesischer Arbeitsmigrant, der bei einer Baueinheit von Lusail City Development arbeitet. Ein Unternehmen, das für 45 Milliarden Dollar eine Stadt aus dem Boden stampft, zu der das 90.000 Sitzplätze fassende Stadion für die Austragung des WM-Finales gehören wird. „Wie wir behandelt werden, das ist oft beschämend, aber wir können nichts tun. Ich bereue, hergekommen zu sein.“

Drastisches Urteil

Das Organisationskomitee für die WM 2022 hat mit der Erklärung reagiert, die Arbeiten an den Projekten, die direkt mit dem Championat in Verbindung stehen, hätten noch gar nicht begonnen. Man sei allerdings „zutiefst besorgt über die Vorwürfe gegen bestimmte Vertragspartner und Subunternehmer, die auf der Baustelle von Lusail City tätig sind“. Die sich daraus ergebenden Konflikte würden nicht unterschätzt. Weiter teilen die Organisatoren mit: „Wir wurden darüber in Kenntnis gesetzt, dass die zuständigen Regierungsbehörden Katars die Vorwürfe untersuchen.“

Bisher war es in der Baubranche Katars nicht üblich, dass zwölf Arbeiter in einem Zimmer schlafen und in ihren Unterkünften absolut desaströse hygienische Bedingungen herrschen und Arbeiter davon krank werden. Im Bericht der nepalesischen Botschaft ist die Rede davon, dass einigen dieser Kulis nicht allein der Lohn vorenthalten werde, sondern sie auch da-rum betteln müssten, Pausen machen und etwas essen zu können.

„Wir haben 24 Stunden lang mit leerem Magen geschuftet. Zwölf Stunden Arbeit und dann die ganze Nacht nichts zu essen“, wird der 27-jährige Ram Kumar Mahara zitiert. „Als ich mich beschwerte, hat mich mein Chef angegriffen und sich geweigert, mir auch nur die geringste Summe auszuzahlen. Ich musste andere anbetteln, mir ein paar Lebensmittel abzugeben.“

Fast alle Arbeitsmigranten sind in Nepal bei Arbeitsagenturen, die ihnen ihre Jobs vermittelt haben, hoch verschuldet. Dass sie diese Vermittlungsgebühren begleichen müssen, ihnen Löhne vorenthalten und Papiere entzogen werden oder sie den Arbeitsplatz nie verlassen dürfen – all dies sind Merkmale von Zwangsarbeit oder moderner Sklaverei, unter der ILO-Schätzungen zufolge weltweit 21 Millionen Menschen leiden. Diese extreme Ausbeutung ist in Katar so weit verbreitet, dass die nepalesische Botschafterin, Maya Kumari Sharma, das Emirat als „offenes Gefängnis“ bezeichnete.

„Die inzwischen vorliegenden Zeugenaussagen sind ein klarer Beweis dafür, dass es in Katar zu Zwangsarbeit kommt“, meint Aidan McQuade, Direktor der schon 1839 gegründeten Organisation Anti-Slavery International. „Um die bestürzende Zahl von Todesfällen zu fassen, ist der Begriff Zwangsarbeit eigentlich zu schwach. Wir haben es hier mit Sklaverei alten Stils zu tun, bei der Menschen wie Objekte behandelt werden. Es wäre falsch, von der Gefahr zu sprechen, dass sich eine WM auf Zwangsarbeit stützt. Das ist keine Gefahr, sondern Realität.“

Dieses Urteil hat Gewicht, denn im Verhältnis zur einheimischen Bevölkerung gibt es in Katar die weltweit höchste Quote an Arbeitsmigranten: Über 90 Prozent aller Beschäftigen kommen aus dem Ausland. Man geht davon aus, dass in den Jahren bis zur WM noch einmal 1,5 Millionen Arbeitsnomaden akquiriert werden, um Stadien, Straßen und Hotels zu errichten, die für das Turnier gebraucht werden, darunter sicher wieder viele Nepalesen. Sie stellen derzeit zwei Fünftel der ausländischen Arbeitskräfte in Katar. Allein 2012 kamen gut 100.000, um ihr Glück im Emirat am Golf zu suchen. Das WM-Organisationskomitee beharrt zwar darauf, dass in allen Arbeitsverträgen angemessene Arbeitsbedingungen festgeschrieben seien, doch das komplexe Netz aus Projektmanagern, Bauunternehmen, Arbeitsvermittlern, Subunternehmern und Rekrutierungsagenturen ist hochgradig intransparent.

Stets droht Illegalität

Schätzungen zufolge will Katar 100 Milliarden Dollar für Infrastrukturprojekte ausgeben, die allein wegen der WM aufgelegt werden. Neben neun Stadien, die allesamt auf dem neuesten Stand der Technik sein sollen, gibt es einen Etat von 20 Milliarden Dollar für neue Autobahnen, von vier Milliarden für einen Damm, der Katar mit dem Königreich Bahrain verbindet, und von 24 Milliarden für ein Hochgeschwindigkeitsnetz der Bahn. Ein neuer Flughafen für Doha ist fast fertig.

Die WM-Bauten sind Teil eines noch größeren Programms, das dem autoritären kleinen Wüstenemirat bis 2035 ein neues Aussehen verschaffen soll. Während der Stadionbau für 2022 noch nicht begonnen hat, nehmen Infrastruktur-Vorhaben wie Lusail City bereits Gestalt an. Der britische Maschinenbauer Halcrow, der zur CH2M Hill-Gruppe gehört, ist als Chefberater des Lusail-Projekts verantwortlich für die dortige Bauaufsicht. Im Herbst 2013 wurde CH2M Hill zum offiziellen Programm-Management-Berater des Organisationskomitees ernannt, das von sich behauptet, eine „Politik der Null-Toleranz gegenüber Zwangsarbeit und anderen Praktiken des Menschenhandels“ zu verfolgen. „Unsere Aufsichtsfunktion bei speziellen baulichen Gesamtpaketen stellt sicher, dass Gesundheits-, Sicherheits- und Umweltauflagen respektiert werden. Die Arbeitsbedingungen der Angestellten einzelner Vertragsfirmen fallen allerdings nicht in unsere Zuständigkeit“, so Halcrow. Einige Nepalesen, die auf Baustellen von Lusail City arbeiten, erzählen indes verzweifelt von den Schulden, die sie teilweise mit 36 Prozent Verzinsung zurückzahlen müssen. Auch würden sie häufig gezwungen, ohne jedwede Bezahlung zu arbeiten.

„Das Unternehmen hat von jedem zwei Monatsgehälter einbehalten, damit wir nicht davonlaufen“, sagt ein Mann, der seinen Namen nicht nennen will und auf der Baustelle des Yachthafens von Lusail City eingesetzt ist. Er gehöre zu einem Subunternehmen, das damit werbe, jederzeit eine Arbeitskräftereserve anbieten zu können. Andere nepalesische Arbeiter erzählen, ihr Subunternehmer habe ihnen die Pässe entzogen und Arbeitsausweise verweigert, die ihnen nach katarischem Recht zustehen. „Unser Chef vertröstet uns von einer Woche auf die nächste“, so ein Gerüstbauer. Er arbeite nun schon seit zwei Jahren in Katar und habe noch immer keinen Firmenausweis, was zur Folge habe, dass er sich im Gastland nicht frei bewegen könne.

Ohne offizielle Papiere sind Arbeitsmigranten auf den Status illegaler Einwanderer reduziert. Sie können ihren Arbeitsplatz nicht verlassen, ohne befürchten zu müssen, verhaftet zu werden, und haben keinen Anspruch auf irgendeinen rechtlichen Schutz. Das in Katar übliche Kafala-Bürgschaftssystem für Ausländer verbietet es Gastarbeitern, ohne Genehmigung ihres Bürgen die Beschäftigung zu wechseln. Ein dritter Arbeiter fügt noch hinzu: „Wir würden gern nach einer anderen Arbeit suchen, aber unsere Firma lässt das nicht zu. Wenn wir trotzdem gehen, hat sich das Thema Aufenthaltsgenehmigung für immer erledigt.“

Andere Arbeiter, die der Botschaftsreport zitiert, geben an, bei Temperaturen von 45 bis 50 Grad zu Überstunden gezwungen worden zu sein, ohne dass es Trinkpausen gab. Aus dem katarischen Arbeitsministerium verlautet dazu, es herrschten strenge Regeln, nach denen sich die Arbeit in großer Hitze zu richten haben. Sie würden im Übrigen gleichfalls für die fristgerechte Auszahlung der Löhne gelten. „Das Ministerium setzt dieses Reglement dank strenger Kontrollen durch. Wenn sich ein Unternehmen nicht an die Gesetze hält, verhängt das Ministerium Strafen und meldet den Fall den Justizbehörden.“

Und der PR-Stab von Lusail Real Estate Company beschwichtigt: „Lusail City wird keine Verletzungen der Gesundheits- oder Sicherheitsvorschriften erlauben. Wir erinnern unsere Vertragspartner und deren Subunternehmer immer wieder an vertragliche Verpflichtungen, sowohl uns als auch jedem einzelnen Arbeiter gegenüber. Werden trotzdem Vorwürfe laut, dann nehmen wir diese sehr ernst und setzen die zuständigen Behörden in Kenntnis, damit sie die entsprechenden Untersuchungen vornehmen. Gemäß den dabei erzielten Ergebnissen werden wir angemessene Maßnahmen ergreifen, wenn gegen bestehende Gesetze oder mit uns geschlossene Verträge verstoßen wurde.“

Somit eine Kommuniqué-Semantik, die es geradezu grotesk erscheinen lässt, wenn die Botschaft Nepals dem misstraut und auf das Zeugnis der eigenen Landsleute soviel Wert legt. Umesh Upadhyaya, Generalsekretär des Dachverbandes der nepalesischen Gewerkschaften, hält das für angebracht und wundert sich zugleich: „Alle reden davon, wie die Fußballer beim Championat wohl die Hitze vertragen werden. Doch die Entbehrungen, das Blut und der Schweiß Tausender von Arbeitsmigranten werden schlichtweg ignoriert. Die Arbeitsschichten, in denen sie die Stadien bauen, dauern so lange wie acht Fußballspiele hintereinander.“

Pete Pattisson ist ein Video- und Fotojournalist, der vorwiegend in Kathmandu arbeitet



AUSGABE

Übersetzung: Holger Hutt
06:00 03.02.2014

Ausgabe 14/2020

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