Bewaffnet mit Raketen und Schulen

Libanon Die zwei Gesichter der Hisbollah - die schiitische "Partei Gottes" widersetzt sich mit Erfolg ihrer Entwaffnung

Wer hat den schönsten Balkon? Ein Wettbewerb der Hisbollah, genauer gesagt: der Hisbollah-Frauen. Sie verteilten Blumensamen für die staubigen Balkone im Süden Beiruts. Dies ist das unbekannte Gesicht der "Partei Gottes"; aus amerikanischer Sicht gilt sie als Terrororganisation, in der europäischen Nachrichtensprache oft als bloße "Miliz". Der UN-Sicherheitsrat verlangt ihre Entwaffnung; angeblich verfügen die schiitischen Kämpfer im Libanon über 12.000 Raketen.

Man muss der Spur der Blumensamen folgen, um zu verstehen, warum diese Entwaffnung so schwierig ist. Im so genannten neuen Libanon, aus dem die Truppen Syriens nun vollständig abgezogen sind, ist die Hisbollah keineswegs geschwächt. Im Gegenteil: Gestärkt durch die jüngsten Wahlen stellt die radikal-islamische Partei elf Prozent der Abgeordneten im Parlament und erstmals einen Minister in neuen Kabinett, jenen für Energie.

Mit einem Bein im Untergrund, mit dem anderen in der Regierung

In Ghobeiry, einem südlichen Vorort der Hauptstadt, wird das Viertel um das Hisbollah- Hauptquartier "Sicherheitszone" genannt. Es gibt Läden, Werkstätten, Bistros, ein ganz normales Straßenleben - aber Vorsicht! Die Normalität zu fotografieren, ist streng verboten. Die Hisbollah ist misstrauisch bis zur Paranoia, Fremde werden leicht verdächtigt, Agenten der Israelis zu sein. Die Besetzung des Süd-Libanon durch die israelische Armee endete erst vor fünf Jahren; und in diesen Quartiers leben viele Flüchtlinge, die von den Besatzern schikaniert oder vertrieben wurden. Die Paranoia hat also Ursachen, doch verstärkt sie auch den sozialen Kokon der Hisbollah-Anhängerschaft, eine Klandestinität, die vom Militärischen kommend das zivile Leben prägt. Mit einem Bein im Untergrund, mit dem anderen in der Regierung.

"Widerstand", so nennt sich die Hisbollah selbst; erstaunlich folgsam gebrauchen libanesische Zeitungen diesen Titel wie ein Synonym. Das Wort ist aufgeladen mit moralischer Legitimation und Autorität; im Widerstand gegen die israelische Besatzung wurde Hisbollah zum Mythos der Rückzug Israels aus dem Süden bleibt ihr großes Verdienst, auch in den Augen christlicher oder säkularer Libanesen. Die Partei poliert den Mythos, argumentiert nun betont national.

"In der Regierung zu sein, ist Teil des Widerstandes", erklärt Hussein Naboulsi, ein Hisbollah-Sprecher. "Denn Widerstand bedeutet Verteidigung des Landes, Verteidigung der Würde seiner Bürger; auch der Kampf gegen Korruption ist Widerstand! Und wir sind gegen alles, was die Souveränität Libanons unterminiert." Entwaffnung? Bewahre, das wäre ein Kotau vor Amerika und Israel! De facto mag die Entscheidung darüber eher im Iran fallen, Hisbollahs Finanzier; vielleicht passen die Kämpfer in ein Package bei den Verhandlungen über die iranischen Nuklear-Ambitionen, wird in Beirut zuweilen gemunkelt.

Kaum eine Viertelstunde Fahrt trennt Beiruts Vorort Ghobeiry von den mondänen Cafés im wiederaufgebauten Zentrum, wo der Milchkaffee zu Züricher Preisen serviert wird. Aber im Süden der Kapitale residiert ein völlig anderer Libanon: ärmer, verhaltener, islamischer, sittenstrenger. Die Schiiten, lange beiseite geschoben beim politischen Machtpoker zwischen Sunniten und maronitischen Christen, sind mit etwa 40 Prozent die weitaus größte Gruppe unter Libanons 18 Religionsgemeinschaften. Hier im Süden ist Hisbollah-Land; und das reicht bis zur Grenze mit Israel, ein Staat im Staate, autoritär und sozial, bewaffnet mit Raketen und mit Schulen.

Für das Büro der Hisbollah-Frauenorganisation gibt es draußen keinen Hinweis und kein Schild, drinnen sind alle im schwarzen Tschador, wie fromme Iranerinnen. "Die Frauen sind der Schlüssel zur Veränderung", sagt die Vorsitzende Khadija Sallam frohgemut und zitiert Ayatollah Khomeini, den einstigen iranischen Revolutionsführer. Die weibliche Hälfte der Gesellschaft müsse die andere Hälfte erziehen. Fromm, gebildet, sozial engagiert - die ideale Hisbollah-Frau ist kein Heimchen am Herd. Mehr schiitische Mädchen studieren jetzt, und ein Bataillon Freiwilliger leistet von der Schwangerenberatung bis zur Umwelterziehung, vom kostenlosen Röntgen bis zum Poesie-Kursus alle erdenkliche Basisarbeit - über die ein Media-Team wiederum aufmunternde Dokumentarfilme dreht. "Das islamische Erwachen", sagt Khadija, "braucht keine Kugel und kein Gewehr. Es ist der Spirit!"

Gespräch mit einer Englischlehrerin; ich werde von einem Parteifunktionär beaufsichtigt: nur über Erziehung, nicht über Politik reden! Hisbollah unterhält zwölf Schulen im Libanon, beeindruckend große Grund- und Oberschulen für mehr als 12.000 Jungen und Mädchen; die Eltern zahlen pro Jahr um die tausend Dollar Schulgeld. Die 24-jährige Amal Kassim erfüllt die Bekleidungsvorschriften mit dezenter Eleganz, die Lehrerin verkörpert Hisbollahs bürgerliche Seite; sie entstammt einer wohlhabenden Familie, besuchte teuerste Privatschulen, darunter ein christliches College, natürlich ohne Kopftuch. An der Universität kam die Wende zum strikten und demonstrativen Muslimisch-Sein. Kennzeichnend für die Hisbollah-Schulen seien die Regeln, sagt sie: kein Make-up, keine Tänze, keine Musik.

Rundfahrt durch den Südlibanon. Unzählbar die jungen Männergesichter entlang der Straßen - Fotos von Märtyrern. Auf Mittelstreifen, an Laternen, an Kreuzungen: Märtyrer. Allgegenwärtig auch die gelben Wimpel der Hisbollah, das Emblem mit Kalaschnikow und Weltkugel: ein Icon auf Schlüsselanhängern und Gürtelschnallen, zu kaufen auf jedem Markt in dieser Gegend.

Wach wie sprungbereit sind in dieser Hügellandschaft die Erinnerungen an Besatzung und Bürgerkrieg. In Qlayaa, einer christlichen Enklave, fiel neulich nachts das Brettergerüst einer Baustelle auf die Straße - zufällig hatte es die Form eines Kreuzes. Wegen der vermeintlichen Provokation kam es zu einer Messerstecherei mit jungen Schiiten aus dem Nachbarort Khiam. Nicht allein Religiöses ließ den Funken des Hasses fliegen. Das christliche Qlayaa war einst ein Zentrum der Kollaboration mit den israelischen Besatzern. Von hier kamen die Wärter und Schergen, die in einem berüchtigten Foltergefängnis der Besatzer arbeiteten - in Khiam.

Das Gefängnis ist heute ein Museum, in dem sich das authentische Grauen mit der Propaganda und Selbstdarstellung von Hisbollah vermischt. An einer Wand, damit sie nie vergessen werden, die Namen der Schergen, mit Herkunftsort: Qlayaa, Qlayaa, noch einmal Qlayaa. Die meisten flüchteten nach Israel. Der Patriarch der maronitischen Christen schlug kürzlich eine Amnestie für die Kollaborateure vor, damit sie in den Libanon heimkehren könnten. Der schärfste Protest kam von Hisbollah. Unweigerlich scheinen im Libanon Debatten in konfessionelle Muster zu fallen. Aber es ist ein christlicher Besucher im Gefängnis-Museum, ein Textilkaufmann aus Beirut, der sich drängt, der Reporterin dies zu sagen: "Wir alle sind Hisbollah! Und wenn Hisbollah entwaffnet wird, dann werde ich sammeln gehen und ihnen neue Waffen kaufen."

Nicht allein Religiöses lässt den Funken des Hasses fliegen

Syriens Regierung nennt die Waffen der Hisbollah "strategisch" für die eigene Sicherheit. Auch viele Libanesen glauben, die reguläre Armee sei viel zu schwach gegen Israel. Und allen Warnungen der UNO zum Trotz missachtet Israels Luftwaffe häufig die Grenze, fliegt weit in libanesischen Luftraum hinein. Eine gewaltsame Entwaffnung der Hisbollah durch die Armee scheint ebenso unmöglich wie die Stationierung von Soldaten im Süden gegen Hisbollahs Willen: Beides würde die Armee spalten, könnte gar einen neuen Bürgerkrieg auslösen, von dem zur Zeit ohnehin viel gesprochen werde, fürchtet Nizar Hamzeh, ein Hisbollah-Experte an der American University Beirut. Denn die meisten Soldaten sind ihrerseits Schiiten. Eine mögliche Interims-Lösung: Hisbollah könnte zu einem Truppenteil mit Sonderstatus werden.

Nur wenige Libanesen kritisieren die Hisbollah so dezidiert wie der Verleger Lukman Slim, ein säkularer Schiit: "Wir zahlen einen hohen Preis für diesen so genannten Widerstand. Hisbollah zwingt den Leuten den Khomeini-Islam auf, und das auf libanesischem Boden!" Eine Entmachtung der Hisbollah, meint Slim, sei indes nur in einer säkularen Republik möglich, wenn die Politik nicht mehr von einem Kartell der Religionsführer gemacht werde. Davon ist der Libanon - auch nach dem Abzug der Syrer - weit entfernt.


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00:00 14.10.2005

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