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Linksbündig Rembrandt und der Bürger von morgen

Genie auf der Suche - mit dem Titel der großen Rembrandt-Schau setzen die Berliner Museen mal wieder auf einen magischen Slogan. Genie, Alte Meister - mit Klischees aus dem 19. Jahrhundert und gesicherten Werten von Goya bis MoMA lässt sich das Publikum noch am besten ins Museum locken. Der Spanier wurde letzten Sommer zum Prophet der Moderne ernannt. Diesmal wird Rembrandt gehuldigt. Natürlich wurde im Vorfeld auch wieder Max Liebermanns Diktum vom "Visionär" ausgegraben.

So skeptisch diese überbordende Klassikerverehrung stimmt - ganz falsch ist der Titel des neuesten Kunstspektakels nicht. Dass der Mann mit dem Goldhelm nicht mehr als "eigenhändiges" Werk des Meisters gilt, sondern nur noch seinem "Umkreis" zugerechnet wird, macht gar nichts. Jeder Laie, der nur die knubbelig aufleuchtende Nasenspitze auf dem vergleichsweise weniger bekannten Bildnis einer jungen Frau mit perlenbesetztem Barrett von 1632 betrachtet, erkennt auf Anhieb, dass Rembrandt Harmensz van Rijn ein großer Maler war.

Dessen "Genie" im übrigen so rätselhaft bleibt, dass selbst das seit Jahrzehnten heftig forschende "Rembrandt Research Project" sich schwer damit tut, Leben und Werk dieses geheimnisumwitterten Mannes auch nur annähernd auszuleuchten. Die schmale Liste, auf die seine Forscher das zeitweilig auf über 700 Werke angeschwollene Oeuvre des Künstlers jetzt zurechtgestutzt haben, wird sicher nicht die letzte sein. Ob uns ein Maler wie, sagen wir Gerhard Richter in 400 Jahren noch ähnlich beschäftigen (und einer Kohorte von Kunsthistorikern Arbeitsplätze bieten) wird wie sein vermutlich am 15. Juli 1606 in Leiden geborener niederländischer Kollege?

Problematischer als die Bandenwerbung ist eher, dass die Ausstellung die Frage nach der Bedeutung Rembrandts etwas eng führt. Auf der einen Seite ist es dem interdisziplinären Forschungsprojekt gelungen, den Mythos vom "unverstandenen Genie" mit naturwissenschaftlicher Nüchternheit zu dekonstruieren. Manchmal sagt die Röntgendiagnostik doch mehr als Projektionen oder biographisches Raunen. Und ohne Verklärung zeichnen die Forscher das Bild eines Künstlers der in seinem Status- und Marktkalkül den "Malerfürsten" von heute wenig nachsteht. Gleichwohl hört es sich merkwürdig zeitenthoben an, wenn Research-Chef Ernst van de Wetering die Arbeit mit den Worten resümiert, mit Rembrandt lasse sich die "Frage nach der Qualität" in der Kunst neu stellen. Die realistische und emotionale Kraft mit dem Rembrandt die Malerei des 17. Jahrhunderts revolutionierte, die Illusion von Raum und Bewegung, die er seinen Bildern zu geben verstand, bedeuteten ja nicht nur eine formale Innovation. Sie spiegelten auch die Bedürfnisse des neuen Bürgers, der sich in Rembrandts ungezwungenem Bildnis eines vornehmen Herrn von 1639 eher wiedererkannte als in steifen Posen. Und so wie Rembrandt Historienbilder volkstümlich statt erhaben malte und sie so identifikationsfähiger machte, steigerte er deren normbildende Kraft für die aufstrebende Bürgerrepublik unter spanischem Kuratel.

Trotzdem kann, wer mit Rembrandt lieber die Frage nach der "Deutungshoheit über den bürgerlichen Menschen" (Peter-Klaus Schuster) stellt, in dem besessenen Künstler mehr erkennen als nur den besonders fortschrittlichen Interpreten einer Klasse. Der Freak aus Berlin-Friedrichshain wird sich vielleicht in Jung-Rembrandts keckem Selbstbildnis mit Barrett von 1634 wieder erkennen - modischer Kinnbart inklusive. Alte und neue Sozialausschüssler werden vielleicht in seinem "rauen", von den Klassizisten später als "Dreck" geschmähten Realismus ein Mittel sehen, ein ungeschminktes Bild sozialer Wirklichkeit zu zeichnen. Der wertebewusste Konservative kann den stilistischen Befund der Forscher von Rembrandts virtuoser Äquilibristik aus "Freiheit und Beherrschung" als ethische Maxime ins Heute übertragen. Aber womöglich hat der quicklebendige alte Meister selbst das Bild des Bürgers von morgen vorweggenommen: eine verblüffende Stilvielfalt, überraschende Positionswechsel, markenbewusst, dem Fetisch Original abhold. Fleißig produzierten seine 25 Schüler lukrative Kopien seiner Werke. Nicht umsonst präsentieren ihn die Berliner als "Virtuosen der Druckgraphik". Die wichtigste Maxime dieses Bürgers wäre dann das, was Rembrandt einmal als Ziel seiner Malkunst definierte: "beweechgelichheyt". Und aus dem Genie auf der Suche würde so ein Genie der Modernisierung.


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00:00 11.08.2006

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