Bewegliche Ziele

Tod in Erfurt Wenn eine Scheinwelt Allmacht suggeriert

Deutschland hält den Atem an" - wieso sprechen wir dann unentwegt? "Für Horrortaten dieses Ausmaßes gibt es keine Erklärung" - wir alle versuchen zu erklären. "Die Welt wird nach Erfurt verändert sein" - nichts wird sich ändern, nach den Trauerreden werden nur die betroffenen Familien nicht zur Tagesordnung übergehen können. Die anderen harren der nächsten Katastrophen, die den modernen Medien Einschaltrekorde bescheren. Nach Djerba Erfurt, nach Erfurt Ramallah oder Kandahar, danach ein Kapitalverbrechen oder der nächste Amoklauf, irgendwo. Und er ist immer dabei, der Mensch des beginnenden des 21. Jahrhunderts, er akkumuliert Entsetzen, registriert, dass etwas aus den Fugen gerät. Empfindet sich als ausgeliefert und schreit nach Sicherheit, die es nicht gibt. Auch nicht in den mit Hochsicherheitstechnik gespickten amerikanischen Schulen.
Die Versprechungen moderner Gesellschaften sind riesig - die Möglichkeiten beschränkt. Das Abitur nicht zu schaffen, der Schule verwiesen zu werden, reduziert sie auf ein Minimum. Aus einem scheinbar fremd verschuldeten Abseits verzerrt sich das Bild von der Welt. Die Schere zwischen Sein und Schein klafft in dem Maße auseinander, wie die über die Medien entworfene virtuelle Welt Allmacht suggeriert. Im wahren Leben zur Bedeutungslosigkeit verdammt, gibt es für den Einzelnen nur wenige Felder, die Ruhm versprechen: Sport, Medien, Verbrechen bieten sich an.
Da wird das Virtuelle schnell zum Wahren, und das Wirkliche verliert an Realität. Zum Teil gewollt. Junge Menschen haben im Alter von 20 Jahren ihr halbes Leben vor Bildschirmen verbracht, gegen Feinde gekämpft, sie haben gewonnen, gespielt, gekauft. Die Grenze zwischen der einen und anderen Welt hört zusehends auf eine zu sein. Das Ich ist das Einzige, was zählt - das Wir ein unwichtiger Begriff. Vereinzelung und Individualisierung sehen sich zur gesellschaftlichen Norm verklärt. Doch Lebensentwürfe, die nur noch das Ego befriedigen, sind für den Fortbestand der Gemeinwesens längst hochproblematisch. Sie werden zur Falle, weil das Vermögen zur Konfliktbewältigung schwindet. Erhalten Kindheit und Jugend unter einem elterlichen Dach keinen Raum mehr, in dem soziales Miteinander stattfindet, vor allem geübt werden kann, ist die gedachte Welt bald der alleinige Maßstab. Autosuggestion als letzte Autorität.
Die sporadische Wiederentdeckung der Familie als förderungswürdiger Einrichtung - meist vor Wahlen -, gleicht die üblichen Diskriminierungen nicht aus. Die Mehrkindergemeinschaft reduziert sich auf zusammengewürfelte Klassen. Die Schule ist fast der einzige Raum, in dem es sie noch gibt, Geld für außerschulisches Leben fehlt. Einer Fürsorge, wie sie der viel geschmähten DDR mit ihrem Schulsystem möglich war, sind nicht nur die materiellen Ressourcen entzogen - ihr ist durch systematische Verleumdung auch der moralische Rückhalt genommen.
Wenn Achtung vor dem Anderen - Eltern, Mitschüler, Lehrer eingeschlossen - zu einem Wert mutiert, der in einer stetig hofierten Wettbewerbsgesellschaft als absurd und wenig "marktförmig" erscheint, reduziert sich die Sicht des Einzelkämpfers auf Tunnelbreite. Er fischt in seiner Umwelt nach Einmaligem. Wenn es legal nicht zu haben ist, dann eben nach einem Griff in das aufs Vielfältigste bestückte Waffenarsenal. Gäbe es Panzer im Kleiderschrankformat, wären sie an den nächsten Verbrechen beteiligt?
Warum einem Jugendlichen, selbst wenn er im Schützenverein ist, Pumpgun und Pistole und jede Menge Munition überlassen bleiben, lässt sich wohl nur erklären, wird das Recht des Einzelnen auf Waffenbesitz als Recht (unter bestimmten Auflagen) beschworen. Doch dieses Recht gibt es nicht - 500 Schuss Munition in der Hand von gestörten Egomanen hätten halb Erfurt in ein Leichenhaus verwandeln können.
Eine Gesellschaft, die mehrheitlich glaubt, trotz eklatanten Werteverfalls im eigenen Land, die ganze Welt vom Terror befreien zu können, sollte zunächst anfangen, die jederzeit verfügbaren Waffenströme versiegen zu lassen. Damit wird sie Amokläufe nicht verhindern, aber einschränken können. Das gerade verabschiedete Gesetz zum legalen Erwerb von Waffen jedenfalls wird den unauffälligen Niemand nicht daran hindern, seine waffengestählte Macht auszukosten.

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00:00 03.05.2002

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