Bewegt sich doch

Ausstellung Die Nazis verfemten Oskar Schlemmers Werk als entartet. Später machten seine Erben Ausstellungen unmöglich. Nun ist der ganze Schlemmer wieder zu sehen
Moritz Scheper | Ausgabe 49/2014 2

Endlich sind im Jahr nach dem 70. Todestag von Oskar Schlemmer die Urheberrechte nun erloschen und der Weg ist frei, ihn gebührend mit einer großen Retrospektive zu ehren. Endlich ist das Werk in Teilen dem absurden Familienstreit zwischen den Enkeln Janine und Raman Schlemmer entzogen. Besonders Letzterer verwaltete die Rechte am Werk seines Großvaters äußerst rigide und klagefreudig: Abbildungsanfragen wurden abgelehnt, Museumsschenkungen gerichtlich angefochten und dubiose Rechtsansprüche auf Leihgaben aus dem Ausland geltend gemacht wie 1999 auf das berühmte Bild Bauhaustreppe (1932), das nachweislich sauber von Oskar Schlemmer direkt in den Bestand des Museum of Modern Art (MoMA) nach New York verkauft worden war.

Überblicksausstellungen waren in diesem Klima rechtlicher Unwägbarkeiten undenkbar, Publikationen entstanden kaum. Nach der NS-Verfemung als entartet hatte Schlemmers Werk somit eine zweite Zeit in der Versenkung zu überstehen.

Mit Visionen einer neuen Welt wird in Stuttgart nun endlich wieder der ganze Schlemmer gezeigt, was für die Kuratorin Ina Conzen in erster Linie Grundlagenarbeit bedeutet. Beinahe zu streng chronologisch wird im Erdgeschoss das meist malerische und zeichnerische Werk abgeschritten, sauber in Werkgruppen zugeschnitten und vorverdaut präsentiert. Frühe kubistische Spielereien in Anlehnung an Cézanne, danach die einsetzende Geometrisierung der Figur, für die Schlemmer im Relief das richtige Medium fand, von dem es dann nur noch ein Schritt zur Skulptur war. Die schönste davon glänzt hier in vernickelter Bronze, Abstrakte Figur (1923), die laut Schlemmer einen „Bewegungszwang beim Besucher“ auslöst. Vom menschlichen Körper sind in der Abstrakten Figur lediglich mathematische Residuen enthalten, und doch steht diese Arbeit in berührender Sinnlichkeit der biomorphen Formsprache eines Hans Arp in nichts nach. Schlemmer ist endgültig angelangt bei der Figur, im Dreidimensionalen, im Bauhaus.

Abhängig vom Öl

Malerisch entsprechend wenig produktiv ist Schlemmers Zeit als Meister in Weimar und Dessau 1921 bis 29. Es entstehen mehrheitlich Figurengruppen in tektonischen Raumkonstruktionen, die einer streng geometrischen Komposition unterliegen. Aquarellierte Vorstudien zeigen ein diffiziles Korsett aus Hilfslinien, wirken wegen des leichten Farbauftrages aber auch um einiges eleganter und leichter als die gleichmäßig gemalten Ölschinken. Hier zeigt sich ein erstes Problem der Schau: Schlemmer war ein Künstler am Vorabend des erweiterten Kunstbegriffs, ja sogar ein Wegbereiter für diesen. Mit seinen Skulpturen, Kostümen und Bühnenstücken öffnete er die Kunst ins Performative. Selbst aber wollte er im Ölbild, dem damaligen Medium künstlerischen Ausdrucks schlechthin, bestehen. Dieser Überhang im Œuvre wird in Stuttgart korrekt wiedergegeben, was insofern schade ist, als Schlemmer ein bestenfalls durchschnittlicher Maler ist. Lediglich eine kurze Phase nach seinem Weggang vom Bauhaus bringt weniger starre Bilder hervor. Die spröde geometrische Struktur wird nun aufgelockert von starken Hell-Dunkel-Kontrasten und Aktdarstellungen, die mit dem aufkommenden Interesse an Sport und der Lebensreformbewegung zusammenhängen. Es entstehen heute ikonische Bilder wie Bauhaustreppe oder Geländerszene (1932), bevor eine düstere Note in das malerische Werk zieht, als Schlemmer 1933 seine Lehrtätigkeit verliert, als entarteter Künstler ausgestellt und aus der Öffentlichkeit verbannt wird.

Im Obergeschoss folgt die Erklärung für Schlemmers geringes malerisches Output während seiner Zeit am Bauhaus. Statt zu malen, revolutionierte er die Bühne, riss nach der vierten Wand auch die drei übrigen ein und suchte eine formverliebte Alternative zu den literarischen oder politischen Theaterströmungen seiner Zeit. Sein weltbekanntes, schon 1922 uraufgeführtes Triadisches Ballett ist dort zu sehen, die skulpturalen Kostüme im Zwiegespräch mit einer abgefilmten Aufführung von 1976. Leider erschließen sich die weit revolutionäreren Bauhaustänzer nicht im selben Maße. Hier vertraut die Kuratorin darauf, dass ein rekonstruierendes Fernsehspiel die wenigen Originalfotografien erläutern kann. Dem Gros der Besucher entgeht dadurch, welch faszinierend-schöne körperkinetische Aktionen Schlemmer geschaffen hat. Wie er für den Stäbetanz die Gliedmaßen der Tänzerin Manda von Kreibig mit Stäben verlängerte, das figurenbildende Potenzial menschlicher Bewegung erweiterte. Gerade dieser dem flüchtigen Bühnenwerk Schlemmers gewidmete Teil hätte einer kleinteiligeren Aufarbeitung und stärkerer Vermittlung bedurft. An erläuternden Skizzen, Diagrammen und Choreografien, die Schlemmer manisch angefertigt hat, dürfte es jedenfalls nicht gemangelt haben. Hier fehlt der Ausstellung leider der lange Atem, den sie anderswo durchaus hat. Nichtsdestotrotz, Visionen einer neuen Welt ist ein erster Schritt zu einer angemessenen Werkerschließung. Weitere werden folgen, dann vielleicht mit einem stärkeren Akzent auf dem Theaterpionier Schlemmer.

  • Oskar Schlemmer 1
    Figurinen zum Triadischen Ballett, 1922

    Foto: Staatsgalerie Stuttgart, Leihgabe der Freunde der Staatsgalerie

  • Oskar Schlemmer 2
    Bauhausbühne: Equilibristik (Bühnendarsteller: Heinz Loew, Hans Hildebrandt, Lou Scheper, Werner Siedhoff, Andor Weininger), 1927

    Foto: Bauhaus-Archiv Berlin

  • Oskar Schlemmer 3
    Bauhausbühne: Das figurale Kabinett II. (1. Fassung 1922, hier 2. Fassung 1927), 1927

    Foto: Bauhaus-Archiv Berlin

  • Oskar Schlemmer 4
    Figurine zum Triadischen Ballett (Der Abstrakte), 1922

    Foto: Staatsgalerie Stuttgart, Leihgabe der Freunde der Staatsgalerie

  • Oskar Schlemmer 5
    Figurine zum Triadischen Ballett (Die Goldkugel), 1922

    Foto: Staatsgalerie Stuttgart, Leihgabe der Freunde der Staatsgalerie

  • Oskar Schlemmer 6
    Stil Stahl Schlemmer, eine Hommage an Oskar Schlemmer von Eric Gauthier

    Foto: Regina Brocke

  • Oskar Schlemmer 7
    Oskar Schlemmer, Geländerszene, 1932
  • Oskar Schlemmer 8
    Wettlauf, 1930

    Foto: Wadsworth Atheneum Museum of Art, CT, Hartford, Schenkung Philip Johnson

  • Oskar Schlemmer 9
    Unterhaltung, 1935

    Foto: Sammlung Sander

  • Oskar Schlemmer 10
    Bauhaustreppe, 1932

    Foto: Digital Image, The Museum of Modern Art, New York / Scala, Florence

Oskar Schlemmer. Visionen einer neuen Welt Staatsgalerie Stuttgart bis 6. April 2015

06:00 17.12.2014

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