Beweismaterial

Medientagebuch Der Fall Henry Kissinger: Die Aufklärung und ihr Scheitern im Fernsehen

In dieser Woche ist bei DVA ein Buch des britischen Publizisten Christopher Hitchens erschienen: Die Akte Henry Kissinger. Das Buch, eine bunte Mischung aus Recherche, manchmal wüster Rhetorik und Anklageschrift, will beweisen, dass Kissinger vor Gericht gehört. Denn Kissinger habe in den siebziger Jahren politische Morde in Chile unterstützt, in Vietnam einen barbarischen Krieg eskalieren und völkerrechtswidrig Kambodscha und Laos bombardieren lassen. Weite Teile des Buches erschienen vorab in Lettre international. Das Echo der liberalen Presse fiel eher unterkühlt aus, die konservative war fassungslos. Denn Heinz Alfred Kissinger, der deutsche Jude, der 1938 vor dem Naziterror floh, gilt hier zu Lande als Autorität. Er verkörpert die gute westliche Schutzmacht und hält gleichzeitig die Erinnerung an deutsche Schuld wach. Kissinger kritisiert man nicht.

Umso verdienstvoller, dass der WDR am Montagabend Wilfried Huismanns Feature Der Fall Kissinger zeigte, gewissermaßen den Film zum Buch, der sich dessen Thesen zu eigen macht. Dem Film folgte, öffentlich-rechtlich ausgewogen, eine Diskussion, zu der auch der konservative Historiker Michael Stürmer, Hitchens schärfster Kritiker, geladen war. Das hätte eine Sternstunde seriösen politischen Journalismus sein können, ein Beweis, dass Aufklärung im Fernsehen möglich ist. Zu besichtigen war dagegen dessen exemplarisches Scheitern. Selten war im TV eine derart fahrige, überflüssige Diskussion zu sehen: Michael Stürmer nannte Christopher Hitchens notorisch kenntnislos »Herbert Hitcherer«, Egon Bahr wollte lieber über die Mauer reden, der überforderte Moderator über den Kosovo-Krieg, und Fernando Mires, Exil-Chilene und die interessanteste Figur in der Runde, lieber nicht gestört werden.

Huismanns Feature ist ein atemloses Stakkato von Bildern und Tönen, eine auf Überwältigung zielende Montage. Ruhelos werden die (durchweg interessanten) Interviews mit Zeitzeugen durch Zwischenschnitte aufgepeppt, meist Kriegsbilder. Man sieht startende B-52-Bomber vor dunkelblauem Abendhimmel, explodierende Bombenteppiche von oben, die schon in unzähligen Vietnamfilmdokumentationen zu sehen waren, tote Soldaten, schreiende Kinder et cetera. Doch diese Bilder- und Wortfluten, diese in rascher Folge geschnittenen Eyecatcher verhüllen eher, um was es geht.

Manchmal ähnelte Der Fall Kissinger einem Film von Costa Gavras. Wir sehen Richard Nixon und Henry Kissinger im vertrauten Gespräch hinter einer Hecke. Das sieht klandestin aus, vielleicht planen sie gerade die illegale, geheime Bombardierung Kambodschas. Ein Zoom durch ein Fenster des Weißen Hauses rückt uns Henry Kissinger näher, er telefoniert, vielleicht ordnet er gerade an, dass die CIA in Chile den Putschisten Geld und Waffen übergibt, um den verfassungstreuen General Schneider zu entführen.

So wird suggeriert, dass wir überall dabei sind, dass die Kamera alles zeigen kann. Als René Schneider jr. im Off erzählt, wie sein Vater 1970 mit CIA-Waffen getötet wurde, sehen wir eine Limousine, die eine Straße hinunter fährt. Dann einen Maskierten, der mit einem Baseballschläger die Seitenscheibe des Autos einschlägt - ein Zitat aus einem Actionfilm.

Diese Stilmittel sollen den Unterschied zwischen Dokumentarischem und Fiktion verwischen, das Fernseh-Feature wie Kino aussehen. Das Kino aber ist eher ein Medium kollektiver Regression, seine Indienstnahme für politische Aufklärung immer schon zweifelhaft gewesen. Auch deshalb ist der Versuch, politische Aufklärung, die um 22:45 Uhr im WDR gesendet wird, heutzutage irgendwie Oliver-Stone-like zu gestalten, so trostlos: ästhetischer Opportunismus, Anpassung an vermeintlich populäre Codes. Diese Inszenierungen zielen auf eine platte Vergegenwärtigung, auf eine falsche Unmittelbarkeit und wirken deshalb lächerlich. Denn wir wissen doch, dass wir nicht dabei sind, dass all dies vor dreißig Jahren geschah. Lässt sich jemand, dem die Verbrechen der USA wurscht sind, durch solche Tricks dafür interessieren? Diese enervierend flotte Feature-Ästhetik, die nichts so meidet wie einmal innezuhalten, ist ein (Selbst-)Betrug, an den zu glauben üblich geworden ist.

Gleichwohl finden sich in diesem Film ein paar Szenen, Sätze, die schlaglichthaft die politische Neurose des Kalten Krieges erhellen. Zum Beispiel sehen wir Paul Wimert, damals US-Militärattaché in Chile, der den Mördern von General René Schneider Geld und Waffen brachte. Wimert erzählt davon ohne Anflug von schlechtem Gewissen, ohne einen Hauch von Skrupel. Für Schneiders Beerdigung lieh er eines seiner Pferde aus. So reden Täter, die wissen, dass sie zu den Siegern der Geschichte gehören: Sie müssen noch nicht einmal lügen.

Zu dem Terror des Pinochet-Regimes nach dem Putsch 1973 sagt Wimert in freundlichem, sachlichem Ton: »Das war, wie wenn man Ameisen im Keller hat. Es reicht nicht, wenn man ein paar tötet, man muss alle töten.« Nichts, was persönlich gemeint war. Das macht es noch grässlicher, monströser. Wimert redet nicht von einem Feind, der ihm selbst ebenbürtig und gleich sein könnte, also ein Subjekt wäre, sondern von etwas, das man mit Fliegenklatsche und Rattengift erledigt. Das ist die Sprache von Faschisten.

In diesen paar scheinbar so arglos dahingesagten Sätzen erkennt man den Irrsinn des Kalten Krieges, die Paranoia des Blockdenkens, die in den USA als »Dominotheorie« zeitweise zur herrschenden außenpolitischen Doktrin wurde. Alles, was uns nutzt, ist gut, alles, was den »anderen« schadet, ist gut.

Zu dem Interview mit Paul Wimert sehen wir Bilder von ermordeten Chilenen 1973. Diese Leichenbilder sollen unsere Empörung verstärken. Aber das bräuchte es gar nicht, die Worte sind viel präziser als die Bilder. Doch Huismann traut den Worten nicht, deshalb fügt er die Bilder hinzu. Aber es ist zwiespältig, anonyme Tote zu zeigen, Körper, deren Geschichte wir nicht kennen und die wir nur sehen, weil sie uns etwas beweisen sollen. So sehen wir sie auch an: wie Beweismaterial.

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00:00 07.09.2001

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