Bewusst unkorrekt

Autonomie Jan Off hat einen Poproman über die Szene der autonomen Linken geschrieben. Man sollte bloß nicht jedes Wort von "Happy Endstadium" auf die Goldwaage legen
Bewusst unkorrekt
Happy Endstadium: linksradikaler Protagonist verliebt sich und vernachlässigt seine politischen Ziele zugunsten der Angebeteten

Foto: Sean Gallup/ AFP/ Getty Images

Jan Offs neues Buch trägt den Untertitel „Soziale Revolution – oder Scheiße für immer“; das ist durchaus programmatisch zu verstehen, Happy Endstadium ist ein ironischer Roman über eine autonome Kleingruppe. Der 1967 geborene Autor, der auch wortgewaltig hiesige Lesebühnen rockt, erzählt von fünf linksradikalen Freunden, die eifrig gegen Gentrifizierung und den kapitalistischen Normalvollzug zu Felde ziehen. Das Quintett, bestehend aus einer Frau und vier Männern, bewohnt eine WG, kocht vegan, geht gemeinsam zur Demo und unternimmt die eine oder andere militante Aktion gegen die Yuppiefizierung ihres Kiezes. Unter anderem werden mit Urin gefüllte Kondome in Edelboutiquen so an die Decke von Umkleidekabinen gehängt, dass sie irgendwann platzen und eine „golden antigentrification-shower“ abgeben. Angesiedelt ist der linksradikale Poproman zwar offensichtlich in Hamburg, wo Jan Off lebt, die Straßennamen und Orte sind aber allesamt fiktiv, wobei es dem Leser überlassen bleibt, Ähnlichkeiten mit der Wirklichkeit zu sehen.

Der Plot des gut 250-seitigen Romans lässt sich schnell umreißen: Linksradikaler junger Mann zieht wegen schöner Frau in eine WG, hat keine Chance bei ihr, kriegt sie dann doch rum, aber sämtliche politischen Ziele bleiben natürlich auf der Strecke. Das an sich könnte ja ganz witzig sein, zumal Jan Off pointiert zu erzählen weiß, und der autonomen Szene ein selbstironischer Blick bestimmt nicht schadet. Nur kommt das Ganze sehr jungenhaft daher, weil Julia, das weibliche Alphatierchen der WG natürlich unglaublich schön und cool ist und alle was von ihr wollen. Und alle trinken fleißig Bier, wenn die angeblichen Veganer nicht gerade im Imbiss unten auf der Straße konspirativ Gyros verdrücken.

Gegen die Menschheit

Und da wirkt der Roman dann doch etwas arg wie ein Baukasten für etwas eigenwillige Fantasien, die das eine oder andere linksradikale Jungenherz höher schlagen lassen, aber auch jede Menge billige Linke-Szene-Stereotype bedienen. Denn der Ich-Erzähler ist selbstredend mit viel Biss bei jeder Demo ganz vorne am Fronttransparent zugange und schmeißt sich mit Schmackes in die Polizeiketten, wenn er nicht gerade mit RAF-Zitaten um sich wirft. Am Ende beschließen die „Fünf Freunde“ dann mit einer militanten Aktion gegen die ganze Menschheit an sich vorzugehen. Über die politische Sinnfälligkeit dieses Vorhabens sollte man sich besser keine Gedanken machen. Natürlich geht die Planung schief, und gerade als der Ich-Erzähler endlich Sex mit seiner Julia hat, die er so schnulzig anbetet wie in einer Filmschmonzette aus den Sechzigern, wird die autonome Truppe vom Mobilen Einsatzkommando festgenommen.

Über weite Strecken hat der Roman aber seine Qualitäten, etwa wenn massenmilitante Erregungszustände äußerst geschickt in Szene gesetzt werden. Manchem könnte aber die Schunkelei mit politisch bewusst unkorrekten Scherzen aufstoßen – egal ob es um lächerlich gemachte Veganer geht oder wenn Polizisten mit Insekten verglichen werden. Wahrscheinlich sollte man in diesem linksradikalen Poproman nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen, sondern sich einfach dem Lesevergnügen hingeben, das weitgehend garantiert ist.

Happy EndstadiumJan Off Ventil 2012, 220 S., 14,90

Florian Schmid rezensierte im Freitag zuletzt Alain Brossats Plebs Invicta

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

11:00 03.06.2012

Kommentare 2