Bibeltreu gegen Frauenrechte

Brasilien Religiöse wollen sogar Kindern, die vergewaltigt wurden, eine Abtreibung verbieten
Bibeltreu gegen Frauenrechte

Illustration: der Freitag

In der brasilianischen Küstenmetropole Recife hielt Mitte August ein Fahrzeug vor einer Klinik. Im Kofferraum kauerte ein zehnjähriges Mädchen. Als das Kind ausstieg, klammerte es sich an einen Teddybären. Das Mädchen war über 1.000 Kilometer in den Nordosten des Landes gereist, um einen Schwangerschaftsabbruch durchführen zu lassen. Jahrelang war es von ihrem Onkel vergewaltigt worden.

Ein Gericht hatte den Abbruch genehmigt. Vor allem über das, was vor der Klinik geschah, sollte noch lange diskutiert werden. Videos in sozialen Medien zeigen Männer und Frauen, die Menschen in weißen Kitteln „Mörder“ entgegenbrüllen, Pastoren, die in voller Inbrunst beten und einen wütenden Mob, der versucht die Klinik zu stürmen. Katholische Gruppen, evangelikale Pastor:innen und rechtsradikale Politiker:innen hatten versucht, den Schwangerschaftsabbruch zu verhindern. Die Bilder machten im internetaffinen Brasilien schnell die Runde und führten zu einer emotionalen Debatte. Über den wachsenden Einfluss von fundamentalistischen Kräften. Über eine Regierung, die den Staat nach religiösen Grundsätzen umbaut. Über ein Land, in dem Frauenrechte ultrakonservativen Moralvorstellungen untergeordnet werden.

Ärzte als Ermittler

Wenn über Abtreibung und sexualisierte Gewalt an Kindern diskutiert wird, sprechen manchmal schon die Zahlen für sich: Jede Stunde werden in Brasilien vier Mädchen unter 13 Jahren vergewaltigt. Mehr als die Hälfte aller Opfer von sexualisierter Gewalt sind Minderjährige. Jede Minute bricht eine Frau in Brasilien eine Schwangerschaft klandestin ab. Und die Dunkelziffern dürften noch weitaus höher liegen. Dass sich Frauen und Mädchen entschließen, unter großem Risiko Abtreibungen zu Hause durchzuführen, hat einen Grund: Brasilien hat extrem strenge Abtreibungsgesetze. Eine Schwangerschaft darf nur beendet werden, wenn das Leben der Mutter gefährdet ist, der Fötus nicht lebensfähig ist – oder nach einer Vergewaltigung. Christliche Gruppen kämpfen seit Jahren dafür, die Gesetze noch weiter zu verschärfen. Der Fall der Zehnjährigen droht zum Einfallstor für weitere Rückschritte zu werden.

Anfang September, kurz nach der Episode in Recife, brachte die Regierung eine Verordnung auf den Weg, die Mädchen und Frauen den Zugang zu Abtreibungen zusätzlich erschweren soll. Ärzt:innen sollen verpflichtet werden, bei Vergewaltigungen Beweise für eine Straftat an die Polizei weiterzuleiten. Außerdem sollen sie den Opfern ausführliche Fragen über das Verbrechen stellen, um herauszufinden, ob die Frauen die Wahrheit sagen. Besonders in der Kritik: Frauen sollen gezwungen werden, sich Ultraschallbilder des Embryos anzusehen. „All dies könnte Frauen davon abhalten, einen Schwangerschaftsabbruch durchzuführen“, sagt die linke Parlamentsabgeordnete Sâmia Bomfim dem Freitag. „Der Arzt wird damit zum Ermittler gemacht. Zweifel und entwürdigende Fragen sollten im Krankenhaus nichts zu suchen haben.“ Zusammen mit anderen Politikerinnen schickte Bomfim unlängst einen Beschwerdebrief mit deutlichen Worten an die UN-Menschenrechtskommissarin: Mit der Bolsonaro-Regierung steuere Brasilien auf eine Zeitenwende zu.

Zu dem Fall der Zehnjährigen gehört nämlich auch, dass sich ein Krankenhaus in ihrem Heimatbundesstaat Espírito Santo geweigert hatte, die Abtreibung durchzuführen. Mitarbeiter:innen des Familienministeriums waren in die Kleinstadt gereist und sollen Druck auf die Ärzt:innen ausgeübt haben. Das Ministerium wird von einer Frau geleitet, die eine steile Karriere vorzuweisen hat: Damares Alves. Bis vor Kurzem predigte die evangelikale Pastorin noch in vollgepackten Megakirchen, tourte als Abtreibungsgegnerin durchs Land und war Beraterin eines Gospel singenden Abgeordneten. Nun gilt die 56-Jährige als eine der wichtigsten Minister:innen in der Regierung von Jair Bolsonaro. Wo es mit ihr hingehen soll, erklärte Alves kurz nach ihrer Nominierung selbst: „Der Moment ist gekommen, in dem die Kirche regiert.“ Mit ihrem Kampf gegen Abtreibungen und eine vermeintliche „Gender-Ideologie“ genießt Alves viel Rückhalt in der konservativen brasilianischen Gesellschaft. Umfragen zeigen, dass 75 Prozent der brasilianischen Bevölkerung Abtreibungen kategorisch ablehnen. Aufgrund der politischen Sprengkraft umgehen auch viele Linke das Thema.

Im vormals größten katholischen Land der Welt haben insbesondere die evangelikalen Kirchen seit Jahren regen Zulauf. Laut Berechnungen werden die ultrakonservativen Evangelikalen im Jahr 2032 die Mehrheit der Bevölkerung stellen. Und die Bibeltreuen sind heute eine der wichtigsten Säulen des Präsidenten. Bolsonaro, der eigentlich katholisch ist, hatte im Wahlkampf die Nähe zu den mächtigen Freikirchen gesucht. Er ließ sich medienwirksam im Jordan taufen, war umjubelter Stargast bei evangelikalen Veranstaltungen und wurde von Promi-Pastor Silas Malafaia mit seiner dritten Ehefrau vermählt. „Bei der letzten Wahl haben alle großen evangelikalen Kirchen gemeinsam den Kandidaten Bolsonaro unterstützt. Das gab es zuvor noch nie“, sagt die Investigativjournalistin Andrea Dip, die ein Buch über den Einfluss der Evangelikalen geschrieben hat, dem Freitag.

Fundamentalistische Kräfte hatten bereits vor Amtsantritt von Bolsonaro einen festen Platz in der brasilianischen Politik. Im Kongress schaffte es eine christliche, überparteiliche Vereinigung, die sogenannte Bibel-Fraktion, viele Initiativen zu Abtreibungen oder LGBTQ-Themen zu blockieren. Doch seit dem Amtsantritt der Bolsonaro-Regierung hat ein Umbau des Staates nach ultrakonservativen Moralvorstellungen begonnen. Ganze Referate wurde ausgewechselt und religiöse Hardliner strategisch eingesetzt. Die feministische Abgeordnete Bomfim, die wegen Morddrohungen unter Polizeischutz steht, meint: „Fundamentalistische Gruppen haben den Staat infiltriert.“

Vom Feminismus „geheilt“

Insbesondere Familienministerin Damares Alves, die in ihrem Arbeitsbereich förmlich freie Hand genießt, spielt eine entscheidende Rolle. Auch im Fall der Zehnjährigen war es Alves, die den Startschuss für die Proteste setzte, als sie auf Facebook die Entscheidung der Justiz, die Abtreibung zuzulassen, bekannt machte. Während die bibeltreue Ministerin sich jedoch zumindest rhetorisch meist zurückhält, sorgt eine andere Frau immer wieder für Wirbel: Sara Winter. Die 28-Jährige protestierte noch vor einigen Jahren oberkörperfrei für Frauenrechte. 2016 erklärte sie, Gott habe sie vom Feminismus geheilt. Seitdem ist sie als fundamentalistische Abtreibungsgegnerin aktiv und mobilisiert die radikalsten Anhänger:innen des Präsidenten. Wegen gewalttätiger Proteste vor dem Parlament wurde die Ex-Feministin im Juni sogar verhaftet.

Jene Sara Winter war es auch, die den Namen und die Adresse des zehnjährigen Mädchens im Internet veröffentlichte. Dass sie sich damit strafbar machte und ihr das nächste Verfahren droht, dürfte die rechtsradikale Influencerin nicht weiter stören. Denn sie hat es geschafft, die Debatte über Schwangerschaftsabbrüche anzuheizen und die polarisierte Gesellschaft noch weiter zu spalten.

Letztlich konnte das zehnjährige Mädchen den Schwangerschaftsabbruch in der Klinik in Recife durchführen lassen – von einem Arzt, der bereits vor mehreren Jahren wegen seiner Arbeit von der katholischen Kirche exkommuniziert worden ist.

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06:00 29.09.2020

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