Katharina Finke
26.07.2011 | 10:45 14

Bienenschwärmerei

Urbane Imker Viele Großstädter zelebrieren Bienenzüchten als neues Hobby. Geht es wirklich um die Umwelt oder ist urbanes Imkern jetzt einfach hip?

Taxis und Linienbusse brummen durch die Straßen von New York, es liegt Plastikmüll in den Rinnen, und die Abfalleimer quellen über. Auf dem Dach eines fünfstöckigen Wohnhauses im East Village hört man ein anderes Brummen. Es stammt aus übereinander gestapelten, weißen Holzkisten: einem Bienenstock. Und der ist keine Seltenheit in New York. Über 200 Bienenbehausungen gibt es mittlerweile auf den Dächern von Krankenhäusern und Schulen, auf Balkonen und in Gemeinschaftsgärten. Urbane Imkerei (Urban Beekeeping) ist sehr beliebt.

Die Haltung von Bienen wurde in New York erst im vergangenen Jahr legalisiert. Aber sie hat eine lange Tradition: Bereits Anfang des 20. Jahrhunderts gab es Stadtimkervereine, Ende der 80er kamen Imker, zuerst in Paris, dann in New York und Berlin, auf die Idee ihre Bienenstöcke auf Dächer zu stellen. Inzwischen ist Urbane Imkerei nicht nur legal, sondern Teil einer großen Bewegung. Man sucht Kontakt zur Natur, möchte regionale Nahrung nicht nur konsumieren, sondern auch selbst produzieren. Nicht nur in New York, auch in Washington, Toronto, Vancouver, Tokio, London, Paris, Berlin, Hamburg oder München findet man immer mehr Stadtimker. Michelle Obama hat schon vor zwei Jahren eine Bienenbehausung im Garten des Weißen Hauses aufgebaut, seit diesem Frühjahr steht auch auf dem Berliner Abgeordnetenhaus ein Bienenstock. Kurse für Imker sind überlaufen. In New York ist der Andrang so groß, dass die Kurse der New York City Beekeeper Association (NYCBA) meist lange im Voraus ausgebucht sind.

Teil der Ökobewegung

Bevor es für die Imkereineulinge auf das Dach im East Village geht, gibt Andrew Coté, Gründer und Leiter der NYCBA, ein paar Anweisungen: Lange helle Kleidung, feste Schuhe und bitte kein Parfum. Heute ist es so heiß, dass Coté seine weiße Schutzkleidung nicht anzieht, sondern nur eine Sonnenbrille aufsetzt. Der 40-Jährige nimmt das Imkermesser und fährt damit durch die Schlitze der Holzkästen. „Sie sind mit Propolis zusammengeklebt“, sagt er, „eine antibiotische Substanz aus Baumharz und Pollen, mit der die Bienen ihre Behausung verriegeln und säubern.“

Dann bläst er mit einem Smoker Rauch über die Holzkästen. „Die Bienen denken dadurch, sie seien in Gefahr und ziehen sich ins Innere des Bienenstockes zurück“, erklärt Coté. Er kann nun ungestört die einzelnen Rahmen herausziehen. Darin sind unzählige von den Bienen aus Wachs gebildete Waben, gefüllt mit Honig.

Bienen sind ein Teil der Ökobewegung: Sie sind unentbehrlich für die Grundversorgung der Menschen, da sie beinahe alle Gemüse- und Obstsorten bestäuben. Ohne sie würden wichtige Futterpflanzen für Tiere nicht gedeihen, also sind sie auch für Fleisch wichtig. „Jeder dritte Bissen, den wir zu uns nehmen, hängt von der Bestäubung einer Biene ab“, sagt Zac Browning vom amerikanischen Imkerverein. Durch Einsatz von Pestiziden und Parasitenbefall schrumpft die Anzahl der Bienen aber weltweit. In den USA sind sie inzwischen eine geschützte Art.

Die Teilnehmer in den Klassen von Coté sind gemischt: Umweltaktivisten, Hipster aus Williamsburg und Lehrer, Polizisten und Kioskbetreiber, aber auch Politiker, Ärzte und Banker. „Ich habe es im Fernsehen gesehen. Weil ich Honig liebe und der Natur nah sein wollte, musste ich es einfach ausprobieren“, sagt der Kioskbesitzer. Sie wolle in der Stadt etwas Nachhaltiges schaffen, sagt die Ärztin.

200 Dollar für Einsteiger

Die urbanen Imker zelebrieren ihr grünes Image. Aber geht es ihnen wirklich um die Bienen und die Umwelt? Oder nur darum, eigenen Honig zu essen oder trendy zu sein? Coté, Imker der vierten Generation, findet es problematisch, wenn Großstädter die Imkerei leichtfertig betreiben. „Dann schwärmen Bienen aus, was den Leuten Angst macht und auch gefährlich für die Bienen ist.“ Um sicher zu gehen, dass es seinen Neuimkern auch ernst ist, hat er den Preis für seine dreistündigen Einsteigerkurse auf 200 Dollar erhöht: in Deutschland zahlt man für sie ab 100 Euro.

Städte sind geeignet für Bienen, es geht ihnen dort oft besser als auf dem Land. In urbanen Gebieten werden keine Pestizide eingesetzt, es ist immer etwas wärmer, so dass die Bienen länger aktiv sein können. In New York können die Bienen zwischen Seerosen im Central Park und Arabischem Jasmin in Tribeca wählen. Diese Pflanzenvielfalt bestimmt den Geschmack – und macht den Stadthonig besonders süß. Coté verkauft ihn auf Bauernmärkten in New York, wenn er gerade mal nicht auf den Dächern unterwegs ist. Sein Honig stammt von sechs Bienenbehausungen. So steht auf den Gläschen, die jeweils 15 Dollar kosten, beispielsweise „Brooklyn“ oder „Upper East Side“. Pro Bienenstock erntet er in einer Saison (April bis September) 50 Kilogramm. Er widmet den Bienen und ihrem Ertrag seine meiste Zeit, aber reich werde er damit nicht, sagt er: „Obwohl ich mit dem Honig eine Nische bediene.“

Bienen ohne Grenzen

Die Imker-Grundausrüstung für 550 US-Dollar ist erschwinglich, aber in New York hat jeder Imker noch einen weiteren Job, um die Miete zu zahlen. Coté unterrichtet angewandte Sprachwissenschaften an einem College in Connecticut, andere arbeiten als Grafikdesignerin, Opernsängerin oder Schreiner. Coté hat neben seinem Dasein als Imker und Dozent noch die Organisation „Bees without Borders“ (Bienen ohne Grenzen) gegründet. Er reist in Entwicklungsländer, schult die Menschen im Imkern und gibt ihnen eine Verdienstmöglichkeit. „Das kombiniert alle meine Leidenschaften“, sagt er: „Reisen, Unterrichten, Philanthropie und natürlich Bienen.“

Katharina Finke ist freie Journalistin in New York. Sie hat schon frischen Honig direkt aus der Wabe probiert und fand ihn mit Blick über die Dächer Manhattans besonders lecker

Kommentare (14)

yak 26.07.2011 | 17:46

Danke für den informativen (kopfschüttelnauslösenden) Beitrag!
Nur das "Zelebrieren" finde ich enorm albern und im Kontrast zu den Begriffen "hip" und "Hipster" ungeschickt- wenn Letztere dadurch auszumachen sind, daß sie fragwürdigen Moden, Dresscodes und anderem ephemeren Unfug aufsitzen, wie ist dann der Gebrauch modernen Sprachunsinns zu bewerten?
Sollte ich nicht die Stelle übersehen haben, wo in Brokat gewandete Bienenzuchthipster zu getragenem Lautenklang eine Laudatio auf unsere sechsfüssigen Freunde vortragen -und da wäre vielleicht immer noch "Feiern" angebrachter-, ist das doofe Modewort mindestens doppelt falsch. Am oberfalschesten!
(^^)v

Columbus 26.07.2011 | 20:36

Hach, ein wirklich schöner und thematisch seltener Artikel, liebe Frau Finke.

Die Amerikaner dürfen auch ein wenig stolz sein, denn einer der Väter der modernen Imkerei, Lorenzo Lorraine Langstroth, der Bestimmer des "optimalen Bienenabstands" ("bee space"), d.h. der optimalen Zwischenräume der Wechselrahmen für den Wabenbau, kommt aus diesem großen Land.

Die Bienenkästen hatte er so in der Form reduziert und verbessert, dass die Stöcke industriell gefertigt werden konnten und Bastler eine einfache Bauanleitung mit Leichtigkeit umsetzen. - Das ist Pragmatismus in seiner schönsten Form.

Liebe Grüße
Christoph Leusch

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lisaschwert 26.07.2011 | 22:10

Die Deutschen, genauer gesagt Leute der FU Berlin, dürfen auch stolz sein, Herr Leusch.

Dort forscht der Lehrstuhl Dr. Rademacher an einem natürlichen Mittel (organische Säuren) gegen die Varroa-Milbe, die den Bienenbestand (mit Pestiziden) so dezimiert (im Text als Parasitenbefall angedeutet). Weiß ich, weil ich dort Kurse belegt hatte.

Albert Einstein:
"Wenn die Biene von der Erde verschwindet, dann hat der Mensch nur noch vier Jahre zu leben. Keine Bienen mehr, keine Bestäubung mehr, keine Pflanzen mehr, keine Tiere mehr, keine Menschen mehr."

Wäre ein Thema für die Wissens-Redaktion.

fiance 27.07.2011 | 13:28

Hallo lisaschwert!

Ich finde den Artikel auch sehr interessant und die Idee des urban beeings hat sicherlich (auch von "hipsters" ausgeführt) seinen Beitrag für die Artenvielfalt innerstädtisch.

Dennoch: Der Satz den Einstein da geprägt hat, und der als geflügeltes Wort immer wieder auftaucht ist ein Trugschluss. Die Menschheit würde auch ohne Bienen überleben. Zum einen sind es nicht nur Bienen, die als Bestäuber fungieren, zum anderen ist es nur ein kleiner Teil der Pflanzen der auf Bestäuber angewiesen ist. Der Großteil aller hier heimischen Pflanzen (und auch der Kulturpflanzen die wir konsumieren) kann auf Bestäuber verzichten und ersetzt diese durch Windbestäubung oder Selbstbestäubung. Zwar lassen sich dabei Ernteeinbußen und weitere Mängel, wie das Fehlen wichtiger Vitamine und Nährstoffe, feststellen.. doch es bleibt dabei Bienen SIND ein wichtiger Beitrag zur Biodiversität und einmalige Bestäuber.. dennoch ist es falsch zu behaupten die Menschheit würde ohne sie nicht überleben.

Dazu: www.plosone.org/article/info%3Adoi%2F10.1371%2Fjournal.pone.0021363

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lisaschwert 27.07.2011 | 15:22

In dem link, den ich oben angegeben habe kommen auch Imker und Wissenschaftler zu Wort, die sagen das Gegenteil.

Aber einig können wir uns darin sein, dass die Bienen eine wichtige Aufgabe erfüllen. Es so oder so tragisch wäre, wenn sie aussterben.

Das Produkt Honig für sich ist ja auch eine kleine Wunderwaffe, damit meine ich den echten festen Imkerhonig (wie es ihn beispielsweise im Institut in Hohen Neuendorf bei Berlin, aber auch inzwischen im Supermakrt oder auf dem Wochenmarkt gibt), nicht den flüssigen vielumworbenen, der eigentlich aus sonstwoher kommt.

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lisaschwert 27.07.2011 | 15:23

In dem link, den ich oben angegeben habe kommen auch Imker und Wissenschaftler zu Wort, die sagen das Gegenteil.

Aber einig können wir uns darin sein, dass die Bienen eine wichtige Aufgabe erfüllen. Es so oder so tragisch wäre, wenn sie aussterben.

Das Produkt Honig für sich ist ja auch eine kleine Wunderwaffe, damit meine ich den echten festen Imkerhonig (wie es ihn beispielsweise im Institut in Hohen Neuendorf bei Berlin, aber auch inzwischen im Supermakrt oder auf dem Wochenmarkt gibt), nicht den flüssigen vielumworbenen, der eigentlich aus sonstwoher kommt.

Columbus 28.07.2011 | 15:32

Lieber Fiance,

Die Autoren des PLOS-Artikels sind aber vorsichtiger als Sie. Denn selbstverständlich lassen sich Stärke oder andere Nahrungszucker, auch Eiweiße, damit also Energie, d.h. Kalorien, mit Selbstbestäubern erzeugen. Das ist sogar erwünscht, weil die Saatgut-Produzenten gerade erreichen wollen, dass Bauern nicht mehr selbst vermehren, sondern Patentsaaten (rein) kaufen. Da ist z.B. Kreuzpollination sehr unerwünscht und Winddriftpollination z.B. ein ewiger Kampf, weil die konventionelle LW z.B. die notwendigen Abstände nicht einhalten kann.

Offensichtlich ist aber der Gehalt an essentiellen "Mikronährstoffen" in den hybriden Züchtungen deutlich geringer und so warnen Elisabeth J. Eilers, Claire Kremen, Sarah Smith Greenleaf, Andrea K. Garber, Alexandra-Maria Klein vor den möglichen Folgen eines Ausfalls der Pollinatoren, zu denen natürlich, neben den Honigbienen, z.B. auch die solitären Bienenarten u. a. Insekten gehören.

"We examined the nutrient availability in more than 150 of the world's leading crops and found that the majority of the lipid and several micronutrients required for human health are present in plants that are animal pollinated.

According to our estimates, around 74% of all globally produced lipids are present in oils from plants that are promoted by animal pollination (Table 1); these plants also serve as primary sources of the fat-soluble vitamins."

Dieser Betrachtung von der Agrarproduktionsseite her, müsste jedoch die zweite Bedeutung der tierischen Bestäubung an die Seite gestellt werden, die im Erhalt der natürlichen Evolution besteht.

Also nicht Pflanzen erzeugt, die ausschließlich auf wenige Merkmale hin optimiert sind (Hybride und genetisch designt) und aus einem sehr engen oder designten Genpool stammen. Über die Pollinatoren entsteht in Arten genetische Variabilität, zu der übrigens bisher auch die vielen bäuerlichen Saatgutproduzenten beitrugen, die nun in sehr schnellem Tempo von wenigen Anbietern mit wenigen Hochertragssorten verdrängt werden.

"Vier Jahre" sind eine Übertreibung, aber stünde da auf längere Sicht, ist zumindest die Chance groß, dass die Menschheit es nicht überlebte, verschwänden die Pollinatoren. - Sie sorgen ja wesntlich für die dichten Filze der Vegetation und die genetische Variabilität ohne künstliche Zuchtwahl.

Allerdings muß der arme Einstein, Frisur, Witz und Persönlichkeit und Genie prädestinieren ihn als Projektionsort, wirklich für viele Sätze gerade stehen, die ihm untergeschoben werden.

LG und Mahlzeit
Christoph Leusch

fiance 28.07.2011 | 18:36

Lieber Herr Leusch,

danke nochmal für die ausführlichere Darstellung. Es bleibt bei meiner ursprünglichen Aussage: Bienensterben = Menschheitssterben ist unsinn!

Die Biene (wobei hier im Volksmund wohl zumeist Apis mellifica gemeint ist) ist zwar eine wichtige bestäubende Art, und eine die uns ein wertvolles, gesundes Produkt liefert noch dazu, dennoch ist sie nicht unersetzlich oder existenziell für die Menschheit. Lediglich über die Konsequenzen und damit einhergehenden wirtschaftlichen und gesamtgesellschaftlichen Kosten sollte man sich bewusst sein.

Verstehen Sie mich nicht falsch, ich bin Student der Umweltwissenschaftler und möchte sicherlich keine Aussage dergleichen "Ach die paar sterbenden Bienchen was solls?!" tätigen. Im Gegenteil. Dennoch sollte man, wenn man sich beispielsweise für Naturschutz oder in diesem Fall den Schutz der Bienen (auch in Form von städtischer Imkerei) stark macht, keine falschen Annahmen zugrunde legen, weil man sich damit nur selbst delegitimiert.

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lisaschwert 28.07.2011 | 19:47

Oja, mit einem Biologie-Studium mit Hauptfach Zoologie und Kursen bei besagter (weltweit anerkannter) Dr. Eva Rademacher zur Varroa-Milbe und dem Bienensterben delegitimiere ich mich natürlich, erst Recht, wenn ich auch noch Einstein anbringe.

Die Userschaften, das ist Wissenschaft, der eine sagt dies der andere das. Und dann gibt es Meinungen und Zusammengebasteltes, das muss der andere dann auch irgendwie aushalten.

Ich komme mir vor wie im Kindergarten!

Columbus 28.07.2011 | 21:26

So, mit dem Istgleich, kann ich Ihnen nur zustimmen. Dass Sie das Ende der Bienen nicht wünschen, das war klar.

Was mich interessieren würde ist, ob die Stadtbienen etwas für den Erhalt des Artenreichtums auf den vielen kleinen Vegetationsflächen und den Brachen beitragen, und wie das Verhältnis von Solitärbienen (denen kann man mit dem Bohren dicker Bretter helfen) zu A.mellifera diesbezüglich einzuschätzen ist.

Synanthropenforscher weisen ja mit schöner Regelmäßigkeit nach, dass ökologisch die Großstadt mehr Arten kennt, als z.B. das weitere Umland mit seiner agarischen Intensivnutzung.

Lisa Schwert: Aber Einstein hat wirklich nicht so viel gesagt. Da dichten nun schon Generationen was dazu. An den guten Bienen, die die Städte bevölkern, soll und kann das nichts ändern.

Frau Fincke: Sind die transportablen Bienenkästen, die die New Yorker Hippen auf die Dächer stellen Selbstbausätze oder kaufen die das Modell- Langstroth ein?

Stadtbienenhonig Berlin:

www.stadtbienenhonig.com/

Liebe Grüße
Christoph Leusch

Villa le Bosquet 05.11.2011 | 20:25

Der Spruch kommt immer gut. Dennoch ich kann es als engagierter "öko-imker" und "Bienenförderer" nicht mehr hören,wird auf jeder grösseren Imkerveranstaltung heruntergeleiert. Apimondia 2009 etc.Übrigens: Albert Einstein soll das nie so von sich gegeben haben. Nach Unterlagen im Jüdischen Museum in Isralel wo alles vom Meister festgehalten ist,soll nichts derartiges kommentiert sein."(Aussage eines Bienenwissenschaftlers auf der 2011 Conference der Société Centrale d'Apiculture in Paris.)
bienenfreundliche Grüsse aus der Normandie
Jan Michael
rucher école Villa leBosquet