Bienenschwärmerei

Urbane Imker Viele Großstädter zelebrieren Bienenzüchten als neues Hobby. Geht es wirklich um die Umwelt oder ist urbanes Imkern jetzt einfach hip?

Taxis und Linienbusse brummen durch die Straßen von New York, es liegt Plastikmüll in den Rinnen, und die Abfalleimer quellen über. Auf dem Dach eines fünfstöckigen Wohnhauses im East Village hört man ein anderes Brummen. Es stammt aus übereinander gestapelten, weißen Holzkisten: einem Bienenstock. Und der ist keine Seltenheit in New York. Über 200 Bienenbehausungen gibt es mittlerweile auf den Dächern von Krankenhäusern und Schulen, auf Balkonen und in Gemeinschaftsgärten. Urbane Imkerei (Urban Beekeeping) ist sehr beliebt.

Die Haltung von Bienen wurde in New York erst im vergangenen Jahr legalisiert. Aber sie hat eine lange Tradition: Bereits Anfang des 20. Jahrhunderts gab es Stadtimkervereine, Ende der 80er kamen Imker, zuerst in Paris, dann in New York und Berlin, auf die Idee ihre Bienenstöcke auf Dächer zu stellen. Inzwischen ist Urbane Imkerei nicht nur legal, sondern Teil einer großen Bewegung. Man sucht Kontakt zur Natur, möchte regionale Nahrung nicht nur konsumieren, sondern auch selbst produzieren. Nicht nur in New York, auch in Washington, Toronto, Vancouver, Tokio, London, Paris, Berlin, Hamburg oder München findet man immer mehr Stadtimker. Michelle Obama hat schon vor zwei Jahren eine Bienenbehausung im Garten des Weißen Hauses aufgebaut, seit diesem Frühjahr steht auch auf dem Berliner Abgeordnetenhaus ein Bienenstock. Kurse für Imker sind überlaufen. In New York ist der Andrang so groß, dass die Kurse der New York City Beekeeper Association (NYCBA) meist lange im Voraus ausgebucht sind.

Teil der Ökobewegung

Bevor es für die Imkereineulinge auf das Dach im East Village geht, gibt Andrew Coté, Gründer und Leiter der NYCBA, ein paar Anweisungen: Lange helle Kleidung, feste Schuhe und bitte kein Parfum. Heute ist es so heiß, dass Coté seine weiße Schutzkleidung nicht anzieht, sondern nur eine Sonnenbrille aufsetzt. Der 40-Jährige nimmt das Imkermesser und fährt damit durch die Schlitze der Holzkästen. „Sie sind mit Propolis zusammengeklebt“, sagt er, „eine antibiotische Substanz aus Baumharz und Pollen, mit der die Bienen ihre Behausung verriegeln und säubern.“

Dann bläst er mit einem Smoker Rauch über die Holzkästen. „Die Bienen denken dadurch, sie seien in Gefahr und ziehen sich ins Innere des Bienenstockes zurück“, erklärt Coté. Er kann nun ungestört die einzelnen Rahmen herausziehen. Darin sind unzählige von den Bienen aus Wachs gebildete Waben, gefüllt mit Honig.

Bienen sind ein Teil der Ökobewegung: Sie sind unentbehrlich für die Grundversorgung der Menschen, da sie beinahe alle Gemüse- und Obstsorten bestäuben. Ohne sie würden wichtige Futterpflanzen für Tiere nicht gedeihen, also sind sie auch für Fleisch wichtig. „Jeder dritte Bissen, den wir zu uns nehmen, hängt von der Bestäubung einer Biene ab“, sagt Zac Browning vom amerikanischen Imkerverein. Durch Einsatz von Pestiziden und Parasitenbefall schrumpft die Anzahl der Bienen aber weltweit. In den USA sind sie inzwischen eine geschützte Art.

Die Teilnehmer in den Klassen von Coté sind gemischt: Umweltaktivisten, Hipster aus Williamsburg und Lehrer, Polizisten und Kioskbetreiber, aber auch Politiker, Ärzte und Banker. „Ich habe es im Fernsehen gesehen. Weil ich Honig liebe und der Natur nah sein wollte, musste ich es einfach ausprobieren“, sagt der Kioskbesitzer. Sie wolle in der Stadt etwas Nachhaltiges schaffen, sagt die Ärztin.

200 Dollar für Einsteiger

Die urbanen Imker zelebrieren ihr grünes Image. Aber geht es ihnen wirklich um die Bienen und die Umwelt? Oder nur darum, eigenen Honig zu essen oder trendy zu sein? Coté, Imker der vierten Generation, findet es problematisch, wenn Großstädter die Imkerei leichtfertig betreiben. „Dann schwärmen Bienen aus, was den Leuten Angst macht und auch gefährlich für die Bienen ist.“ Um sicher zu gehen, dass es seinen Neuimkern auch ernst ist, hat er den Preis für seine dreistündigen Einsteigerkurse auf 200 Dollar erhöht: in Deutschland zahlt man für sie ab 100 Euro.

Städte sind geeignet für Bienen, es geht ihnen dort oft besser als auf dem Land. In urbanen Gebieten werden keine Pestizide eingesetzt, es ist immer etwas wärmer, so dass die Bienen länger aktiv sein können. In New York können die Bienen zwischen Seerosen im Central Park und Arabischem Jasmin in Tribeca wählen. Diese Pflanzenvielfalt bestimmt den Geschmack – und macht den Stadthonig besonders süß. Coté verkauft ihn auf Bauernmärkten in New York, wenn er gerade mal nicht auf den Dächern unterwegs ist. Sein Honig stammt von sechs Bienenbehausungen. So steht auf den Gläschen, die jeweils 15 Dollar kosten, beispielsweise „Brooklyn“ oder „Upper East Side“. Pro Bienenstock erntet er in einer Saison (April bis September) 50 Kilogramm. Er widmet den Bienen und ihrem Ertrag seine meiste Zeit, aber reich werde er damit nicht, sagt er: „Obwohl ich mit dem Honig eine Nische bediene.“

Bienen ohne Grenzen

Die Imker-Grundausrüstung für 550 US-Dollar ist erschwinglich, aber in New York hat jeder Imker noch einen weiteren Job, um die Miete zu zahlen. Coté unterrichtet angewandte Sprachwissenschaften an einem College in Connecticut, andere arbeiten als Grafikdesignerin, Opernsängerin oder Schreiner. Coté hat neben seinem Dasein als Imker und Dozent noch die Organisation „Bees without Borders“ (Bienen ohne Grenzen) gegründet. Er reist in Entwicklungsländer, schult die Menschen im Imkern und gibt ihnen eine Verdienstmöglichkeit. „Das kombiniert alle meine Leidenschaften“, sagt er: „Reisen, Unterrichten, Philanthropie und natürlich Bienen.“

Katharina Finke ist freie Journalistin in New York. Sie hat schon frischen Honig direkt aus der Wabe probiert und fand ihn mit Blick über die Dächer Manhattans besonders lecker

10:45 26.07.2011

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lisaschwert | Community
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